Untertitel: Supermänner oder Tölpel?
Fachbuch, 2001, 66 Seiten
Autor: Ernst Probst
Fach: Germanistik - Sonstiges
Details
Jahr: 2001
Seiten: 66
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-10373-2
ISBN (Buch): 978-3-638-93414-5
Dateigröße: 780 KB
Die Sagen über Riesen gehen vielfach auf falsch gedeutete Funde prähistorischer Tiere zurück. Im Anhang werden berühmte Riesen von A bis Z in Wort und Bild aufgelistet. Zahlreiche Abbildungen.
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Zusammenfassung / Abstract
Goliath, Polyphem, Rübezahl, Christophorus und andere Riesengestalten geistern durch die Sagenwelt. Alle Völker dieser Erde kennen solche Wesen von unglaublicher Größe mit übermenschlichen Kräften. Einmal gelten sie als wahre Tölpel, die nur rohe Kraft walten lassen, dann wieder sind sie Helden oder sogar Schöpfer der Welt. Der Wissenschaftsautor Ernst Probst hat sich im Reich der Riesen umgesehen. Er veröffentlichte mehr als 25 Bücher, darunter "Deutschland in der Urzeit", "Deutschland in der Steinzeit", "Deutschland in der Bronzezeit" und "Rekorde der Urzeit".
Textauszug (computergeneriert)
MANUALErnst Probst
Riesen:
Supermänner oder Tölpel?
Manches Monster war ein Mammut
Worauf viele Riesensagen beruhen
David rannte auf den Philister zu, schwang seine Schleuder und ließ Goliath einen Stein gegen die Stirn fliegen, die der Helm nicht bedeckte. Goliath stürzte und fiel aufs Gesicht. Auf diesen Moment hatte David gewartet. Er lief zu seinem niedergestreckten Feind, zog dessen Schwert und schlug ihm den Kopf ab."
Diese Geschichte aus dem ,,Alten Testament" ist nur eine der vielen Erzählungen darüber, wie in normal gewachsener Mann einen Riesen mit List bezwingen konnte. Goliath erreichte angeblich dreieinhalb Meter Höhe, und sein Panzerhemd soll sage und schreibe 104 Kilogramm gewogen haben. Welch großer Held muss also der kleine David gewesen sein, der einst jenen Furcht erregenden Krieger zu Boden streckte?
Riesen verkörperten über Jahrtausende das Bild des mächtigen und kraftvollen ,,Supermannes". Nicht wenige Kulturen schrieben ihnen die Erschaffung der Erde zu, denn ,,primitive Völker" konnten sich nicht vorstellen, dass jemand anders als Riesen gigantische Ozeane, hohe Gebirge und tiefe Schluchten mit ihren Händen zu formen vermochten. Auch verheerende Stürme und wolkenbruchartige Regenfälle wurden als das Werk göttlicher Riesen gedeutet, die an ihre Macht erinnern wollten.
Der englische Volksmund etwa kennt viele phantasievolle Erzählungen über die Entstehung von Hügeln, Tälern und anderen Landschaftsformen durch Riesenhand. So sollen Riesen oft Erdhügel umhergeworfen oder gewaltige Felsbrocken ins Meer geschleudert haben. Die Angelsachsen erwähnen in ihren Gedichten häufig Riesen, die vor ihrer Ankunft in England existiert haben sollen. Sie konnten es sich nicht vorstellen, dass die von den Römern errichteten Bauwerke - wie Tempel, Festungen und Äquadukte - von Menschen geschaffen wurden.
Auch die Deutschen hatten ihre Riesen. Man denke nur an den Berggeist Rübezahl des Riesengebirges, der nach der Sage in vielerlei Gestalt den Wanderern half und sich an Spöttern rächte. Oder an die vielen Riesen, die in Rheinsagen eine Rolle spielten. So soll ein Riese namens Tännchel die Felsen gesprengt haben, die das Wasser des Rheins zwischen Schwarzwald und Vogesen aufstauten. Und den letzten Riesen aus dem Odenwald hat angeblich Kaiser Maximilian (1459-1519), genannt der letzte Ritter, höchstpersönlich bei einem mittelalterlichen Turnier in Worms am Rhein besiegt.
Im Schwank erwiesen sich Riesen oft als ungeschlachte Tölpel, die auf vielfältige Weise überlistet wurden. Offenbar benutzten Menschen die Riesenlegenden gern zur Erklärung vieler Naturphänomene und um ein unbewusstes Verlangen nach übermenschlicher Fähigkeit auszudrücken. Nachdem unsere Vorfahren diese scheußlichen Ungeheuer ersonnen hatten, fanden sie stets auch Mittel und Wege sie durch Klugheit und allerlei Listen zu besiegen.
Die Gestalt der Riesen ist wahrscheinlich aus vielerlei urtümlichen Vorstellungsbereichen erwachsen: aufgrund existierender stark unterschiedlicher Größenverhältnisse, wegen der Deutung außerordentlicher Naturerscheinungen als Wirkung überstarker Wesen, durch Proportionsphantasie (der unterlegene Gegner muss aus Gründen des Effekts zu übermenschlichen Proportionen gesteigert werden, solche Vorstellungen spielten auch bei Drachensagen eine Rolle), vielleicht aber zudem durch Halluzinationen im Rauschzustand.
Wie dem auch sei - Vorstellungen von riesigen Wesen finden sich seit ältester Zeit und überall auf der Erde. Die Griechen der Antike sahen in den Giganten, Titanen, Kyklopen und Hekatoncheiren die Naturkräfte verkörpert. Letztere besaßen angeblich jeweils 50 Köpfe und 100 Arme. Das ,,Alte Testament" nennt außer dem bereits erwähnten Goliath die Enakiter und Amoriter als Riesen. Bei den Germanen waren die Riesen vor allem die Gegner der Götter. Obwohl in den schwankhaft gefärbten Thors-Mythen der Gott immer die Riesen besiegte, vernichteten diese im Endkampf die Welt der Götter und gingen dabei selbst zu Grunde.
Nach der norwegischen Mythologie soll die erste lebende Kreatur der Riese Ymir gewesen sein. Von ihm stammen - so heißt es - sowohl die heutige menschliche Rasse als auch eine Riesenrasse ab. Die Indianer im Nordwesten der USA kennen Legenden über urzeitliche Riesen, die Menschen fraßen. In manchen Schilderungen besaßen die monströsen Gestalten sogar tierische Körperteile wie Füße aus Giftschlangen oder geschuppte Drachenschwänze.
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