Vorläufer der Sprechakttheorie Inhaltsverzeichnis 2
Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 3
1. Die Überlegungen von Platon und Aristoteles. 5
2. Lancelot und Arnauld - Die Grammatik von Port Royal. 6
3. Humboldt - ergon und energeia. 8
4. Saussure und Morris - Die Bedeutung der langue. 10
5. Bühler - Der Eklektiker. 12
6. Wittgenstein - Sprechhandlung und Sprachspiele. 14
7. Chomsky - Kompetenz und Performanz. 16
8. Austin - Systematisierung der Sprechhandlung. 18
Zusammenfassung. 22
Literaturverzeichnis 24
Vorläufer der Sprechakttheorie Einleitung 3
Einleitung
Sprechen gehört zweifellos zu den wichtigsten menschlichen Fähigkeiten. Sprache dient der Kommunikation zwischen Individuen, die auf diese Weise interagierend Informationen austauschen können. Allerdings ist die Sprache ein enorm komplexes System, das unter einer Vielzahl verschiedener Aspekte untersucht und wissenschaftlich hinterfragt werden kann.
In der Linguistik existieren zur Untersuchung des Gegenstandsbereichs der Sprache u.a. zwei verschieden Richtungen, die man gemeinhin Pragmalinguistik und Systemlinguistik nennt. Diese versteht und untersucht Sprache vor allem als ein System von Zeichen. Jene konzentriert sich darüber hinaus auf Verständnis und Analyse bestimmter Sprachgebrauchsregeln und Kommunikationsmuster. Während der Systemlinguist im Sprachgebrauch die Verwendung sprachsystematischer Möglichkeiten sieht, rückt der Pragmalinguist den Sprecher mit seinen Intentionen in den Mittelpunkt des Interesses. Dem Blick auf Sprache unter rein grammatisch-systemischen Gesichtspunkten steht also ein sprecherzentriertes Sprachverständnis gegenüber. In der Pragmatik wird Sprache als individueller Tätigkeitsakt verstanden und daher nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit seinem Kontext, also innerhalb seines Vollzuges betrachtet. Diese Arbeit zeichnet den geschichtlichen Weg der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Sprache in einigen seiner wichtigsten Stationen nach. Hierbei soll ein Überblick über eine Auswahl der prägendsten Vertreter auf dem Gebiet der Sprachforschung von der Antike bis John Langshaw Austin gegeben werden. Deren theoretische Überlegungen werden außerdem hinsichtlich ihrer system- oder pragmalinguistischen Ausrichtung kurz dargestellt. Die Arbeit soll dem Eindruck entgegenwirken, die Entwicklung der Linguistik sei lediglich ein Nacheinander verschiedener Richtungen gewesen. Vielmehr soll nachgewiesen werden, dass es innerhalb dieser Wissenschaft trotz verschiedener Brüche auch ein hohes Maß an Kontinuität und parallel verlaufender Tendenzen gab. Dies kann eine Erklärungsmöglichkeit für die Tatsache sein, dass Linguistik, wie wir sie heute kennen, stark interdisziplinär ausgerichtet ist und auf wechselseitige Anregungen aus dem Bereich der Psychologie, Soziologie oder der Kommunikationswissenschaft zurückgreift.
Vorläufer der Sprechakttheorie Einleitung 4
Aufgrund des eng begrenzten Raums, können die jeweils aufgegriffenen theoretischen Konzepte nur rudimentär umrissen werden. Fußnoten und bibliographische Angaben sollen zur Vertiefung des jeweiligen Themas beitragen.
Insofern die Sprechhandlungstheorie oft als eine systematische Rekonstruktion der Bedeutungstheorie des Philosophen Ludwig Wittgenstein betrachtet wird, liegt ein besonderes Augenmerk auf dessen Überlegungen. Da die Theorie von Austin letztlich als Versuch einer systematischen Zusammenstellung und Erweiterung vieler vorangegangener Sprachtheorien verstanden werden muss, wird die Darstellung seiner wichtigsten Gedanken - einschließlich eines kurzen Blicks auf wichtige Unklarheiten - einen größeren Raum einnehmen und diese Arbeit abschließen. Die Erkenntnisse könnten Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit John R. Searles Sprechaktheorie in einer anderen Arbeit sein.
Vorläufer der Sprechakttheorie Platon und Aristoteles 5
1. Die Überlegungen von Platon ( 428-349 v. Chr.) und Aristoteles (ca.
384-323 v. Chr.)
Platon gilt als der erste Philosoph, der sich in einem längeren Text mit Sprache beschäftigte. In seinem Dialog Kratylos setzte er sich vor allem mit den Wörtern und deren Verhältnis zur Wirklichkeit auseinander. 1 In diesem Dialog wird dem Reden ein Handlungscharakter zugewiesen. Das Wort ist nach Platons Verständnis vergleichbar mit einem Werkzeug, welches die Welt erfahrbar macht und zur Erkenntnis führt, indem es das Reden ermöglicht und den Dingen einen Namen gibt. 2
Aristoteles ging in seinen Überlegungen davon aus, dass das Wort als Zeichen existent ist. In seiner Schrift Hermeneutik nahm Aristoteles eine Unterscheidung zwischen Einheiten und Beziehungen vor, aus denen sich der Zeichenbegriff konstituiert. Laute, Seeleneindrücke und Sachen sind die Grundelemente dieses Beziehungsgeflechts. Die menschliche Seele findet symbolhaften Ausdruck durch die Laute, wobei die Buchstaben wiederum Symbole dieser Laute sind. 3 Diese auf den Zeichenbegriff fokussierten Gedanken sind vor allem für den Bereich der Semiotik interessant und spielen im Zusammenhang mit der Sprechakttheorie nur eine untergeordnete Rolle. Platons Werkzeugbegriff eignete sich daher sehr gut für weitere Überlegungen aus dem Bereich der Pragmatik, da er die Fragestellung sprechakttheoretischer Ansätze bereits beinhaltet. In diesem Begriff ist enthalten, dass etwas (ein Satz, ein Wort und damit natürlich auch das Zeichen) im Rahmen einer Tätigkeit (Sprechen) von jemandem (Sprecher) zu einem bestimmten Zweck eingesetzt wird.
Aristoteles betrachtete in der Hermeneutik Sätze, die auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden können (Aussagesätze). Somit konzentrierte er sich auf die Untersuchung einer Satzart, deren Erforschung Austin später weiter systematisieren sollte. In seiner Schrift Rhetorik ging er davon aus, dass ein Redner seine Rede an einen Hörer richtet und das Gesagte dem Zweck dienen soll, auf den Zuhörer Einfluss auszuüben. Der Aspekt des Zwecks einer Aussage wurde ebenfalls von Austin aufgenommen, unter verschiedenen Gesichtspunkten näher beleuchtet und theoretisch aufgearbeitet.
1 Eine ältere aber sehr gute Einführung in Platons Sprachphilosophie bietet: Derbolav 1972.
2 Zu Platons Kratylos und dem Entwurf des Werkzeugcharakters von Wörtern vgl. Ueding / Steinbrink 1986. Außerdem vgl. Weber 1996, 8 f.
3 Vgl. Weber 1996, 10.
Vorläufer der Sprechakttheorie Platon und Aristoteles 6
In einem Ausschnitt der Rhetorik entwarf Aristoteles ein einfaches Kommunikationsmodell, das weitere wichtige Aspekte der späteren Sprechakttheorie beinhaltet. Zentrale Begriffe sind in diesem Zusammenhang: Der Redner, der Redegegenstand, der Zuhörer und der Zweck des Gesagten. Hier geht er über den Beziehungsgedanken zwischen Laut und Begriff hinaus; außerdem wird der Hörer als wichtiger Aspekt innerhalb des Kommunikationsgeschehens in die Überlegungen miteinbezogen. Unter der Vorraussetzung, dass der Sprecher auf den Hörer Einfluss ausüben will, führte Aristoteles die Redegattungen ein und klassifizierte diese nach der Haltung beziehungsweise Funktion des Zuhörers gegenüber dem Gesagten. 4 Hieraus ergaben sich für ihn wiederum drei Gattungen der Rede. Diesen drei Redegattungen ordnete Aristoteles schließlich verschieden Sprechakte zu und setzte damit Sprechakte und Redegattungen zueinander in Beziehung. Klassifizierungen dieser Art können als Muster und damit als Vorläufer des spezifisch sprechakttheoretischen Klassifikationsverfahrens verstanden werden. 5 Allerdings bleibt festzuhalten, dass Sprache in der Antike immer im Rahmen von Logik, Poetik und Rhetorik untersucht wurde. Sprache war damit noch nicht alleiniger Gegenstand der Betrachtung.
2. Lancelot und Arnauld - Die Grammatik von Port Royal (1662)
Cartesianische Linguistik 6 war der Name, unter dem Noam Chomsky 7 die sprachtheoretischen Überlegungen derjenigen Philosophen zusammenfasste, die sich an der Philosophie Descartes, Wilhelm Humboldts 8 und Port Royals orientierten. Grundlage der Theorien dieser Philosophen, beziehungsweise dieser philosophischen Schule, war eine rationalistische Sprachauffassung wie sie Chomsky später seiner eigenen generativen Transformationsgrammatik zugrundelegte.
In der Klosterschule Port Royal bei Paris - Zentrum des französischen Jansenismus wurde eine Grammatik und Logik entworfen, welche die Idee einer rationalistischen
4 Vgl. Ueding 2000³, 54 f.
5 Zu den Redegattungen und deren Beziehung zu Sprechakten vgl. Weber 1996, 10 f.
6 Cartesius ist der lateinische Name für Descartes.
7 Vgl. Kap. 7.
8 Vgl. Kap. 3.
Vorläufer der Sprechakttheorie Port Royal 7
Universalgrammatik realisieren wollte. 9 Hierbei handelt es sich um die 1660 verfasste und 1662 veröffentlichte Grammaire générale et raisonnée, die von Antoine Arnauld 10 (1612-1694) und Claude Lancelot 11 (ca. 1615-1695) maßgeblich bestimmt wurde. Auf der Basis der lateinischen, griechischen und französischen Sprache versuchten sie Kategorien zu entwickeln, die für alle Sprachen Gültigkeit haben sollten. In der Vorstellung dieser Grammatiker gab es also allgemein verbindliche (universalistische), logische und vorgegebene Prinzipien, welche die Sprachbildung bestimmten. Man ging davon aus, dass der universale Charakter der Sprache per se grundsätzlich gültig ist, auch wenn sich immer wieder historische Verunreinigungen in einzelnen Sprachen ergeben sollten. Grammatik dient nach Auffassung dieser Grammatiker als Filter für Sprache und Denken. Unlogische sprachliche Konstruktionen sollten ausgemerzt werden. Die Anhänger dieser Schule gingen davon aus, dass die gesamte Sprache Produkt und Ausdruck der menschlichen Ratio sei.
Dass die Ausprägung dieser Ratio in einem langen und evolutionären Prozess entstanden sein könnte, war für sie unvorstellbar. Vielmehr ging die cartesianische Linguistik von angeborenen Ideen (ideae innatae) aus und stand daher in Opposition zu einer empiristischen Sprachauffassung, welche sinnliche Wahrnehmung (beispielsweise Lernen) als Quelle von Erkenntnis postulierte.
Charakteristisches Merkmal der Port-Royal-Schule war die Bestrebung, die universalistischen Grundsätze der Sprache nicht nur zu sehen, sondern auch zu fördern. Man müsste sich eingehend mit der Philosophie der Port-Royalisten auseinandersetzen, wollte man diesen Aspekt erschöpfend darstellen. Zentral ist, dass diese Grammatik nicht nur zum richtigen Sprachgebrauch, sondern auch zum richtigen Vernunftgebrauch verwendet werden sollte. Die Ausdrucksformen menschlicher Vernunft sollten über die deskriptive Erfassung hinaus, auch die Ordnungsformen der Sprache bestimmen, die als Formen der Vernunft zu betrachten sind. Der kognitive Gehalt der grammatischen Formen wurde aus eigenem Wissen und der Vernunft abgeleitet.
9 Vgl. Bußmann 2002, 288f.
10 Vgl. Bautz, Friedrich Wilhelm (1990): Antoine Arnauld. In: Bautz, Traugott (ed.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, I, Spalte 222-223.
11 Vgl. Lohmann, Hartmut (1992): Claude Lancelot. In: Bautz, Traugott (ed.): Biographisch- Bibliographisches Kirchenlexikon, IV, Spalte 1060-1062.
Arbeit zitieren:
M.A. Markus Setzler, 2003, Vorläufer der Sprechakttheorie - Von Platon bis Austin: ein Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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