Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 0.1 Was sind Spiegelneuronen? 1 0.2 Spiegelzellen – Eine Zufallsentdeckung 2
1 Hauptteil
6
1.1 „Spiegelzellen antworten (feuern) während einer Beobachtung von ingestiven und kommunikativen Mundbewegungen im ventralen prämotorischen Cortex des Affen“ 6
1.1.1.1 Der generelle Ablauf 1.1.1.2 Datenaufnahme 1.1.1.3 Motorische Eigenschaften 1.1.1.4. Visuelle Eigenschaften 1.1.1.5 Kontrollexperiment 1.1.1.6 Datenanalyse 10
1.1.2
Ergebnisse/Diskussion
11
1.1.2.1 Funktionelle Eigenschaften von Mundspiegelneuronen 11 1.1.2.2 Mundspiegelzellen: Fundamentale Ergebnisse und Kontrollexperimente 12 1.1.2.3 Ingestive Mundspiegelzellen 13 1.1.2.4 Kommunikative Mundspiegelzellen 14
1.2 „Soziale Wahrnehmung von visuellen Eindrücken: die Rolle der STS Region“ 17
1.2.1 Allgemeines 17
1.2.2 Bewegungen mit dem Kopf 22 1.2.3 Mundbewegungen 23 1.2.4 Lippenlesen 24 1.2.5 Handbewegungen 25 1.2.6 Körperbewegungen 26 1.2.7 Implizierte Bewegungen 27 1.2.8 Wichtige Hirnregionen für soziale Wahrnehmung 27 1.2.9 Conclusio 29
2 Nachspann 31
2.1 Die Wurzeln der Empathie 2.1.2 Geteilte Mannigfaltigkeit der Intersubjektivität 2.2 Schlussbemerkung 2.3. Literaturverzeichnis 2.3.1 Verwendete Internetadressen 41
0 Einleitung
Im Rahmen meiner zweiten Bakkalaureatsarbeit widme ich mich dem derzeit in der Neurobiologie brisantem Thema der „Spiegelneurone“. Ich werde mich im Allgemeinen bemühen, einen groben Überblick über den derzeitigen Stand der Wissenschaft zu geben und mich im Speziellen mit folgenden zwei Artikeln beschäftigen:
1.) „Spiegelzellen antworten (feuern) während einer Beobachtung von naiven und kommunikativen Mundbewegungen im ventralen prämotorischen Cortex des Affen“ von den Autoren Pier Francesco Ferrari, Vittorio Gallese, Giacomo Rizzolatti and Leonardo Fogassi (Department der Neurowissenschaften, Universität Parma, via Volturno 39, 43100 Parma, Italien; Department der Psychologie, Universität Parma, B. go Carissimi 10, 43100 Parma, Italien).
2.) „Soziale Wahrnehmung von visuellen Eindrücken: die Rolle der STS Region“ von den Autoren Truett Allison (Neuropsychology Labaratory, VA Medical Center. West Haven, CT 06516 and the Department of Neurology, Yale University school of Medicine, New Haven, CT 06510, USA; Brain Science Institute, Swinburne University of Technology, PO Box 218, Hawthorn, Victoria 3122, Australia; Brain Imaging and Analysis Center, Box 3808, Duke University Medical Center, Durham, NC 27710, USA) aus Federation of European Neuroscience Societies, European Journal of Neurosience, 17, 1703-1714.
0.1 Was sind Spiegelneuronen?
Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die im Gehirn während der Betrachtung eines Vorgangs, die gleichen Potentiale auslösen, wie sie entstünden, wenn dieser Vorgang nicht bloß (passiv) betrachtet sondern (aktiv) gestaltet würde.
Wenige Entdeckungen in den Neurowissenschaften regen so sehr zu Spekulationen an wie die der Spiegelneuronen. Vilayanur Ramachandran, Professor für Neurowissenschaften und Direktor des Forschungszentrums für Kognition und Gehirn an der Universität von Kalifornien in San Diego, hat sich weit vorgewagt: "Ich sage voraus, dass die Entdeckung der Seite 1
Spiegelneuronen für die Psychologie so bahnbrechend sein wird, wie es die Entdeckung der Struktur der DNA für die Genetik war: Sie wird ein einheitliches Rahmenprogramm hervorbringen, das dazu beitragen wird, ein ganzes Spektrum von mentalen Fähigkeiten zu erklären, die bisher mysteriös und Experimenten unzugänglich geblieben sind."
0.2 Spiegelzellen – Eine Zufallsentdeckung
Die Geschichte der Spiegelneuronen begann 1991 in einem Laboratorium des Instituts für Humanphysiologie an der Universität Parma. Dort wurden die Spiegelneuronen entdeckt. Sie waren eigentlich eine Zufallsentdeckung – doch handelte es sich um jene Art von Zufällen, die nur gut vorbereitete Beobachter erkennen. Man war dabei, die Funktion einer neuen Art von Neuronen zu erkunden, die das Team um Giacomo Rizzolatti schon ein paar Jahre zuvor in jener Hirnregion der Makaken entdeckt hatte, in der Bewegungen geplant und gesteuert werden. Man wusste schon, dass es sich um hochspezialisierte Zellen handeln musste, denn sie feuerten nur, wenn die Tiere zielorientierte Bewegungsabläufe ausführten – etwa wenn sie nach einem Gegenstand griffen, um ihn zum Mund zu führen. Wie weit die Spezialisierung ging, war jedoch noch unklar: Löst das Greifen nach irgendeinem Gegenstand bereits das Feuern der mit einer haarfeinen Mikroelektrode schmerzlos abgeleiteten Neuronen aus, oder hängt es davon ab, welche Größe oder Form der Gegenstand hat? In langen Versuchsserien machte man plötzlich eine Entdeckung: Es gab unter den abgeleiteten Zellen der prämotorischen Großhirnrinde in der so genannten "Region F5" offensichtlich Neuronen, welche auch dann schon feuerten, wenn die Makaken selbst noch gar keine Greifbewegung ausführten, sondern nur zusahen, wie der Experimentator (oder ein anderer Makake) nach etwas griff.
Das Verblüffendste aber war: diese Neuronen waren auf unerwartete Weise sehr selektiv und in ihrer Funktion nicht auf ihre Rolle bei der Steuerung der Motorik beschränkt. Vittorio Gallese, der das erste Spiegelneuron aufgespürt und seine Besonderheit erkannt hatte, schrieb 1998: "Diese Neuronen unterscheiden sich, was die Fähigkeit, Bewegungen zu steuern, betrifft, nicht von anderen Neuronen in dieser Region, reagieren aber völlig anders auf visuelle Eingangssignale. Spiegelneuronen werden nicht schon dadurch aktiviert, dass ein Objekt beobachtet wird, sondern erst, wenn ein Handelnder – ein anderer Makake oder ein Mensch – eine zielgerichtete Bewegung mit dem Objekt ausführt. Der Anblick des Objekts
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oder des Handelnden allein löst noch keine Reaktion aus. Wenn man einen Bewegungsablauf ohne das Objekt nur vorspielt oder ihn von einem Automaten durchführen lässt, bleiben diese Spiegelneuronen inaktiv. Die Beobachtung der Handlung eines anderen Individuums erregt in den Neuronen des Beobachters dasselbe Erregungsmuster, wie wenn er die Handlung selbst ausgeführt hätte. Was sich im Gehirn des beobachtenden Makaken abspielt, ist anscheinend eine Art virtueller Simulation der neuronalen Prozesse, welche die Bewegungen des anderen steuerte".
Diese Beobachtungen schienen lt. Vittorio Gallese dafür zu sprechen, dass man auf ein System gestoßen war, welches es möglich machte, die Intentionen im Hirn des anderen zu erkennen: "Es ist die Intention, die vom Beobachter dadurch erkannt und ‚verstanden‘ wird, dass er die neuronalen Erregungsmuster vergleicht und an der Übereinstimmung die gemeinsame Intention erkennt." Die Spiegelneuronen machen es anscheinend möglich, aus visuellen Eindrücken von der Motorik eines anderen auf dessen Absichten zu schließen. Es sah wie ein Lesen der "Gedanken" des anderen aus.
Damit begann ein wahrer Wildwuchs an Spekulationen: Man malte sich halbwegs plausible Erklärungen dafür aus, welche Rolle Spiegelneuronen beim Einfühlen in die Gedanken anderer spielen könnten – etwa bei der Entstehung von Mitleid – und man spekulierte über eine mögliche Rolle von Spiegelneuronen bei der Entstehung von Sprache. So geht Michael Habib etwa davon aus, dass es vielleicht doch kein Zufall ist, dass man Spiegelneuronen in jener Hirnregion der Makaken gefunden hat, welche dem Broca-Areal bei den Menschen und damit einem der Sprachzentren des menschlichen Gehirns entsprechen: "Diese Beobachtung liefert vielleicht den neurobiologischen Beweis der seit langem diskutierten Vermutung, dass primitive manuelle Gesten der Evolution der Sprache vorausgegangen sein könnten."
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Nun eine kurze Einleitung zu den oben angeführten Forschungsartikeln:
Ad 1.) Der Artikel „Spiegelzellen antworten (feuern) während einer Beobachtung von ingestiven (der Nahrungsaufnahme dienenden) und kommunikativen Mundbewegungen im ventralen prämotorischen Cortex des Affen“ versuchte das bis dato noch nicht untersuchte Antwortverhalten von Spiegelneuronen bezüglich selbst durchgeführter und beobachteter Mundbewegungen zu untersuchen. In den vorangegangenen Untersuchungen wurden nur Bewegungen mit Händen untersucht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass etwa ein Drittel der „Mundspiegelzellen“ feuert, wenn ein Individuum ein anderes bei einer Mundbewegung beobachtet. Ein Großteil dieser sogenannten „Mund – Spiegelneuronen“ wird während der Ausführung und der Beobachtung von ingestiven, der Nahrungsaufnahme dienenden Mundbewegungen (z. B. mit dem Mund ergreifen, saugen oder dem Aufbrechen von Futter) aktiv. Eine andere Population von diesen Spiegelneuronen feuerte ebenso bei diesen naiven Mundbewegungen, doch den effektvolleren visuellen Stimuli stellten kommunikativ gebrauchte Gesten mit dem Mund dar. Von dieser Population feuerten auch einige bei der eigenständigen Durchführung kommunikativ verwendeter Gesten. Diese Ergebnisse erweiterten die Vorstellung eines Spiegelsystems, welches scheinbar auch für Mundbewegungen besteht und weist weiters darauf hin, dass die F5-Region, welche wahrscheinlich homolog zur menschlichen Brocas - Region ist, auch an kommunikativen Funktionen beteiligt ist (die Brocas Region gilt als Sitz des Sprachzentrums).
Ad 2.) In der Forschungsarbeit „Soziale Wahrnehmung von visuellen Eindrücken: die Rolle der STS Region“ wurden einerseits Untersuchungen an Affen (mittels Einzelzellableitungen) und andererseits auch Versuche an Menschen (mittels bildgebender „Neuroimaging“ und neurophysiologischen Methoden) durchgeführt, um die Thematik der sozialen Wahrnehmung zu untersuchen. Das heutige Dogma der Neurobiologie besagt: soziale Wahrnehmung beginnt mit anfänglichen Stadien der Informationsverarbeitung (die Erregung oder Hemmung einer Nervenzelle) und gipfelt dann in der akkuraten Analyse der jeweiligen Neigungen oder Absichten des sozial interagierenden Individuums. Die Einzelzellableitungen bei Affen und die neurophysiologischen und „Neuroimaging“ Studien bei Menschen zeigen, dass der cerebrale Cortex, in und in der Nähe des superioren temporalen Suculus (STS Region) eine Komponente des Wahrnehmungssystems darstellt. Bei Affen und bei Menschen wird die STS Region bei einer Beobachtung von Bewegungen der Augen, des Mundes, der Hände und des Körpers eines anderen Individuums aktiviert, vorausgesetzt, es handelt sich um eine Analyse
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biologischer Bewegungen (d.h. es muss ein biologisches Individuum bei einer Handlung beobachtet werden). Die im Artikel durchgeführten Analysen von sozial relevanten Stimuli wurden in der Amygdala und im orbifrontalen Cortex aufgrund der „Drei Strukturen Hypothese“ von Brothers (1990) durchgeführt. Laut Brothers (1990) bilden die Amygdala, der orbitofrontale Cortex und der superiore temporale Gyrus die neuronale Basis für soziale Intelligenz. In der Amygdala werden die Emotionen und im orbitofrontalen Cortex die soziale Angemessenheit etwaiger Handlungen bemessen. Der superiore temporale Gyrus dient heutigen Erkenntnissen nach der Gesichtserkennung, dahingehend wurden in dieser Forschung keine Untersuchungen durchgeführt. Die Frage nach der Homologie. der mit sozialer Wahrnehmung betrauten Hirnregion von Affen und Menschen, sowie die funktionelle Beziehung zwischen der STS Region und dem ventralen Gesichtsfeld konnten in diesem Artikel nicht adäquat beantwortet werden.
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1 Hauptteil
1.1 Spiegelzellen antworten (feuern) während einer Beobachtung von ingestiven und kommunikativen Mundbewegungen im ventralen prämotorischen Cortex des Affen
Die Repräsentation von Handbewegungen erregt hauptsächlich den dorsalen Bereich der F5 Region, Mundbewegungen repräsentieren sich hingegen vor allem im ventralen Bereich (Gentilucci et al., 1988). Die Erforschung und Beweisführung einer Existenz von Mundspiegelneuronen waren in diesem Artikel von großem Interesse, da sie auf eine soziale Kognition von Mundgesten bei sozialen Interaktionen schließen lassen.
1.1.1. Material und Methode
1.1.1.1 DER GENERELLE ABLAUF
Nachdem die Erlaubnis der Rechtsstellen eingeholt war, konnte das Experiment beginnen. Vor dem Beginn des Experimentes wurden die Affen (macaca nemestrina) an die Experimentatoren und die Versuchsbedingungen gewöhnt. Jedes Tier wurde vor dem Einführen der Mikroelektroden mit Ketamin Hydrochlorid betäubt. Mittels der ableitenden Mikroelektroden war es auch möglich die Nervenzellen aktiv zu reizen. Die Stärke des Reizes wurde mittels eines Oszilloskops überprüft.
1.1.1.2 DATENAUFNAHME
Nachdem die Elektroden angebracht waren, wurde der ventrale Bereich des agranularen frontalen Cortex funktionell untersucht (mittels der Einzelzellableitungen und den Mikrostimulationen) um die Positionen des F1 Areals (primärer motorischer Cortex) und die des F4- und F5- (ventraler prämotorischer Cortex) Areals zu erforschen. Im F5 Areal wurde weiters untersucht wo genau die für die Mundbewegungen zuständigen Neuronen zu finden sind. Die Kriterien zur Determinierung dieser funktionellen Einteilung sind bei Umiltà et al. (2001) nachzulesen. Als dann der Bereich des Areals F5, in dem die Mundneuronen Seite 6
angesiedelt waren determiniert war, wurden vor allem dort Elektroden angebracht. Die Neuronen, bei denen man vermutete, dass sie mit Mundbewegungen in Verbindung stehen, wurden untersucht. Jedes Neuron wurde genau nach seinen motorischen und visuellen Eigenschaften untersucht.
1.1.1.3 MOTORISCHE EIGENSCHAFTEN
Dem Affen wurden eine Reihe von verschiedenen Objekten in unterschiedlicher Größe und Form gezeigt. Die Gegenstände wurden ihm in unterschiedlichen Distanzen dargeboten: in und außerhalb dessen Reichweite. Der Affe wurde darauf trainiert die Objekte zu fixieren (sie sollten Gegenstand seines Interesses werden), und wenn sie in seiner Reichweite waren, sollte er danach greifen (Details siehe Rizzolatti et al., 1988; Rizzolatti et al., 1990). Eine Reihe von Verhaltensschemata wurden determiniert:
• Es wurde Futter präsentiert, welches vor dem Verzehr nicht geöffnet werden musste.
• Es wurde Futter präsentiert, welches vor dem Verzehr geöffnet werden musste.
• Es wurde dem Affen Wasser oder Fruchtsaft, abgefüllt in einer Spritze, präsentiert (er musste es heraussaugen).
• Es wurde das Wasser oder der Fruchtsaft tropfenweise aus der Spritze herausgedrückt und der Affe sollte versuchen, diese mit seiner Zunge zu erreichen.
• Dem Affen wurde feste Nahrung gegeben, welche er aber nicht verzehren sondern nur mit seinen Zähnen festhalten sollte.
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Arbeit zitieren:
Marc Müller, 2006, Spiegelneuronen, München, GRIN Verlag GmbH
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