A. Bewusstsein
I. Einführung
Aus einer von Husserl als bedrohlich empfundenen und in seinen Augen sich vertiefenden philosophisch-wissenschaftlichen Krisisstimmung heraus, sucht er, nach dem Vorbild des methodischen Zweifels Descartes´, nach einer letzten, einer absoluten Begründung der Philosophie als der „universale[n] und im radikalen Sinne strenge[n] Wissenschaft“ 2 ohne Voraussetzungen. Damit proklamiert er eine an die Antike erinnernde, absolute Idee einer Wissenschaftstheorie: Seine Theoriebildung soll einsetzen vor der Differenzierung von Geistes- und Naturwissenschaften und so Determinanten des Denkens, also Begriffe wie etwa Sein, Wirklichkeit oder Wesen, welche in der Metaphysik fußen, ausschalten. Denn eine metaphysische Lösung, wie sie Descartes proklamiert, lehnt er ab. Doch „[i]n den einmal zur Herrschaft gekommenen allgemeinen Ideen liegt eine nöthigende Gewalt“ 3 : So wie die Naturgesetze unser Leben bestimmen, auch, wenn wir sie nicht kennen, bestimmt uns die antike Philosophie, weshalb man sich darüber streiten kann, ob Husserl die Metaphysik, welche, wenn nicht für die Inhalte, dann doch für die Struktur des Denkens aller Europäer immer noch maßgebend ist, wirklich überwunden hat oder auch hier in die antike Tradition zurückfällt. Diese Gefahr ist für einen modernen Philosophen groß, denn in den Wortschöpfungen der Antike, die wir heute als selbstverständlich verwenden, sind Stücke, wenn nicht gar Grundlagen, ihrer Philosophie enthalten. Insofern determiniert sie über unseren Sprachgebrauch immer noch unsere Denkstruktur.
Husserl ist sich dem Wagemut seines Ansatzes bewusst. Es sei „als wären wir auf einem steilen Felsgrat, auf dem ruhig und sicher fortzuschreiten über philosophisches Leben und philosophischen Tod entscheidet.“ 4 Dementsprechend wirft Camus Husserl und den Phänomenologen philosophischen Selbstmord vor. Er sieht ihn wieder in die Nähe Platons und der Ideenlehre gerückt - für ihn ist die Phänomenologie ein abstrakter Polytheismus. Die Transzendenz sei zwar ausgemerzt worden, dafür führe Husserl „eine Art fragmentarischer Immanenz ein, die dem Universum wieder Tiefe gibt.“ 5 Husserl kann sich in seinem Sprachgebrauch der Antike nicht enthalten. So sucht er beispielsweise nach „Ewigkeitswerte[n]“ 6 , und wenn er schreibt, das „phänomenologisch meditierende Ich“ könne „nicht nur in Einzelheiten, sondern in Universalität unbeteiligter Zuschauer seiner selbst werden“ 7 , so erinnert das sehr an das aristotelische νόησις νοήσεως: Bei Aristoteles strebt alles Sein nach der ihm immanenten Form. Die Form der menschlichen Seele, nach deren Verwirklichung sie strebt, aber ist
2 Edmund Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch. Nachwort (1930), zitiert nach: Elisabeth Ströker, Einleitung, in: Cartesianische Meditationen, Hamburg 1995, S. X.
3 Leopold von Ranke: Die Römischen Päpste in den letzten vier Jahrhunderten, Leipzig 1885, S. 210.
4 Edmund Husserl: Cartesianische Meditationen. Eine Einführung in die Phänomenologie. Herausgegeben, eingeleitet und mit Registern versehen von Elisabeth Ströker, Hamburg 1995, S. 25 (I, §10).
5 Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos. Herausgegeben von Ernesto Grassi, Universität München; mit einem kommentierenden Essay von Liselotte Richter, Hamburg 1959, S. 43.
6 CM (s. Anm. 3), S. 8 (I, § 2).
7 ebd., S. 39 (II, § 15).
der νοῦς Gottes. So schaut sich in seiner höchsten Verwirklichung der menschliche νοῦς - das eigentliche Ich - selbst an, denkt sich selbst und wird so identisch mit der Gottheit, deren Name „Denken des Denkens“ ist. Dies ist für Aristoteles die höchste Form des Lebens, „die uns Ziel und Ende alles menschlichen Tuns bedeutet“ 8 , ist εὐδαιμονία - „Glückseligkeit“.
Aber ob Husserl in der Krise der Metaphysik letztlich dieselbe überwindet und es schafft, eine neue Philosophie ohne Voraussetzungen zu begründen, darüber können wir uns erst am Ende des vor uns liegenden Semesters ein Urteil erlauben.
II. Kurze Rekapitulation der Cartesianischen Mediationen
In den Cartesianischen Meditationen lernen wir Husserls Methode der phänomenologischen Reduktion - ἐποχή - kennen, die über die Feststellung der von der Erfahrung unabhängigen apodiktischen Evidenz, der absoluten Gewissheit des ego cogito als Ausgangspunkt eines radikalen Neuanfangs der Philosophie, zur Begründung der transzendentalen Phänomenologie führt. Dazu muss der Meditierende seine natürliche Einstellung, die schon immer angenommene Generalthesis von einer Einheit der Welt, deren Existenz sich in einem Raum-Zeit-Kontinuum manifestiert, zurückstellen, gewissermaßen in Klammern setzen, sich ihr enthalten. So vollzieht er jene - transzendentale - Reduktion, die auf ein reines, d.h. auf ein von allen Vormeinungen gereinigtes Bewusstsein hinführen soll: Dem transzendentalen Ego, das sich der Welt gewissermaßen entsagt hat, nicht mehr an ihr partizipiert. Erst dann ist eine „Wissenschaft von der Subjektivität“ 9 möglich: Es gibt dann kein Ding an sich und auch keine Objektivität in diesem Sinne mehr - jegliches Sein ist nun „Bewusst-Sein“, dessen Grundeigenschaft es ist, Bewusstsein von etwas zu sein: Es muss sich immer auf Gegenständliches beziehen (wobei der Gegenstand ein gedanklicher ist). Dies nennt Husserl Intentionalität. Es darf nach Husserl nicht übersehen werden, dass die ἐποχή hinsichtlich alles weltlichen Seins daran nichts ändert, dass die mannigfaltigen cogitationes, die sich auf Weltliches beziehen, in sich selbst diese Beziehung tragen. So konstituiert sich in einem Netz intentionaler Implikationen das, was wir als Gesamtwirklichkeit auffassen. Das Sich-Enthalten bedeutet also nicht das Verschwinden der Welt aus dem Erfahrungsfeld. Die Erfahrung ist da, aber das philosophierende Ich übt Enthaltung. Auch die Werte und Urteile, die mit einer Wahrnehmung verknüpft werden, bleiben erhalten, aber werden als bloße Phänomene klassifiziert. Das philosophierende Ich wird so zum Beobachter seiner selbst, seiner Gedankenvollzüge. Seinsgeltung hat die Welt dann ausschließlich als cogitationes. Der „Kern“ des Ichs ist die „lebendige Selbstgegenwart“, welche der grammatische Sinn des Satzes ego cogito ausdrückt. Dieser Kern ist aber umgeben von aktuell „eigentlich Nicht-Erfahrenem, aber notwendig Mitgemeintem“ 10 , z.B. von der Selbstvergangenheit, von habituellen Eigenheiten des Ichs und auch von zur Wahrnehmung not-
8 Aristoteles: NikomachischeEthik. Auf der Grundlage der Übersetzung von Eugen Rolfes herausgegeben von Günther Bien, Hamburg 1985, S. 246 (X, 6; 1176a31).
9 CM (s. Anm. 3), S. 31 (II, § 13).
10 ebd., S. 24 (I, §9).
wendig Hinzugedachtem, also etwa jene Perspektiven eines Gegenstandes, die nicht in unserem Blickfeld liegen, die wir aber voraussetzen.
III. § 17, 18: Synthesis - zur Problematik der Einheit des Bewusstseins und seinen Gegenständen
Wie erklärt sich die Einheit des Bewusstseins, das wir transtemporal als Ich wahrnehmen? Wie erklärt sich die Einheit eines Gegenstandes im wiederum als Kontinuum wahrgenommenen Raum-Zeit-Gefüge? Aus dem Wandel der Eindrücke scheint solches Identitätsbewusstsein zunächst nicht ableitbar zu sein.
Für Husserl sind die Erscheinungsformen des Ichs oder eines Gegenstandes kein zusammenhangloses Nacheinander von Erlebnissen. Sie verlaufen vielmehr in der Einheit einer Synthesis, dergemäß in ihnen ein und dasselbe als Erscheinendes bewusst wird. Die Synthesis muss in der Lage sein, die einzelnen Perzeptionen und Gedanken aufeinander zu beziehen und sie in Verbindung miteinander zu bringen, und zwar dergestalt, dass sie es schafft das Ich oder einen (intentionalen) Gegenstand dergestalt zu konstituieren, dass wir dieselben als Einheit wahrnehmen.
Die Grundform der synthetisch-einheitsschaffenden Kraft des Bewusstseins ist die Identifikation. Sie tritt uns zunächst als allwaltende, passiv verlaufende Synthesis gegenüber in der Form des kontinuierlichen inneren Zeitbewusstseins, das uns das Bewusstsein von der Einheit eines intentionalen Gegens-tands ermöglicht. Als intentionales, als Ideell-darin-Seiendes ist der Gegenstand im Bewusstsein: „Der Gegenstand des Bewußtseins in seiner Identität mit sich selbst während des strömenden Erlebens kommt nicht von außen her in dasselbe hinein, sondern liegt in ihm selbst als Sinn beschlossen, und das ist als intentionale Leistung der Bewußtheitssynthesis.“ 11
Derselbe Gegenstand kann nun in verschiedenen Bewusstseinsweisen - etwa als Wahrnehmung, aber auch als Wiedererinnerung oder Erwartung - bewusst sein. Wieder ist es eine Synthesis, welche das Bewusstsein der Identität als einheitliches, diese gesonderten Erlebnisse übergreifendes Bewusstsein herstellt.
Auch jedes Bewusstsein, in dem Nicht-Identisches einheitlich bewusst wird, also jedes Mehrheitsbewusstsein, Relationsbewusstsein, selbst das Bewusstsein von Widersprüchen und Unverträglichkeiten ist eine Synthesis.
Schließlich ist das gesamte Beusstseinsleben synthetisch vereinheitlicht. Die Grundform der universalen Synthesis ist das allumspannende innere Zeitbewusstsein, sein Korrelat die immanente Zeitlichkeit, dergemäß alle Erlebnisse des Ego als zeitlich geordnet erscheinen.
11 ebd., S. 44 (II, §18).
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Matthias Rude, 2005, Ansätze zur phänomenologischen Theorie des Bewusstseins und des Egos: Cartesianische Meditationen, §§ 17-19 und 30-33, München, GRIN Verlag GmbH
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