Nachdenken über das Bild des Mannes seit dem 18.Jh.
„Vorrecht Mannsein“ oder die „mythische Natur“ der Männerseele?
Wir sehen uns hier den Übergang zwischen adelig-feudalen Gender-Mustern im 18.Jh und bürgerlich-ästhetischem Männlichkeitskult an - die Geschichte des Duellwesens ist da bedeutsam . Dann beachten wir, wie der Nationalismus den sozialen Geschlechtscharakter des Mannes ästhetisiert und für Erziehung, Militär und
Nationalgefühl ausbeutet. Körperliches wird dabei aber auch zensiert . Zudem gehen wir auf die fast zwanghaften Feindbilder des nationalistischen Männerbildes im 19.Jh.und frühen 20:Jh. ein, auf die Décadence zwischen 1890 und 1930 , den Juden, den Homosexuellen und am Rande auf die „Emanze“.
Das rückschrittliche Männlichkeitsbild der Faschisten und Nationalsozialisten ist vor
allem bildlich präsent und erotisch zweideutig, theoretisch aber unfruchtbar. Eine primitive erneute Polarisierung der Geschlechter zerstörte die emanzipatorischen gesellschaftlichen Ansätze der 1920er Jahre.
Ein Seitenblick gilt auch dem nicht eigenständig gelungenen, also missgeleiteten Männlichkeitsbild der Arbeiterbewegung. Dieses setze sich im Kommunismus um. Wir werden dann zu debattieren haben, wie sich die Männergeschichtsschreibung zwischen Frauen- und Schwulenbewegung einerseits und neumythischem Männerbild (Robert Bly, Alan Guggenbühl) mit dem Genderwesen Mann auseinanderzusetzen pflegt. Heute ist die Auseinandersetzung mit dem Männerbild zutiefst gespalten zwischen jenen, die aus dem Feminismus gelernt haben und jenen, die Privilegien des Patriarchats weiterhin auch noch ideologisch behaupten wollen mit einem mythisch, teilweise antifeministischen und
antiegalitären Geschlechtscharakter vom Mann („Mythos Männermacht“ von Warren Farrel; „Eisenhans“ von Robert Bly ,im Alltag von der National Rifle Society USA , von evangelikalen Gruppen wie „Promise Keepers“ ).
Der „Bausatz“ des maskulinen Stereotyps im 18.und 19.Jh.
Die Ehrencodices
Aus der ritterlichen Kultur des Adels hinübergerettet ins bürgerliche Zeitalter wurde der Komplex, als Mann wegen Ehrverletzung gekränkt zu sein und zur Waffe zu greifen -
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Referat von Erasmus Walser Dozententag an der HSA Frühsommer 2002
Nachdenken über das Bild des Mannes seit dem 18.Jh.
ritualisiert im Duell noch bis ins frühe 20.Jh. Mut und Kaltblütigkeit waren erforderlich, um die Ehre zu verteidigen, was freilich ursprünglich der Familie und dem Stand , nicht der sozialen Geschlechterrolle galt. Eine irrlichternde Figur wie der biologisch männliche französische Diplomat in Großbritannien, der Chevalier d’Eon, der nach seiner
Lebensmitte nur noch Frauenkleider trug und als Frau lebte, dies auf behördliche Anordnung , aber auch als Frau noch in Duellen focht, passt nicht mehr zur bürgerlichen Männlichkeit. Das Duellwesen verbürgerlichte sich v.a. in Frankreich und es kam zum Versuch, diesen unsinnigen Wildwuchs behördlich mit dem Ersatz durch Ehrengerichte einzudämmen, denn man wollte nicht die guten Offiziere verlieren. Im Unterschied zu Frankreich verliefen in Deutschland mehr Duelle tödlich und in der Form der „schlagenden Verbindungen“ blieb in den Burschenschaften ein bisweilen blutiges Initiationsritual bis in die Nazizeit hinein bestehen - der „Schmiss“ im Gesicht galt als fleischgewordenes Zeichen der Mut-und Saufprobe. Die judenfeindlichen
Burschenschaften im Deutschen Reich glaubten, es sich leisten zu können, abzuweisen, wen sie nicht haben wollten: Juden, Liberale, Schwule.
Das „männliche“ Aussehen - Visualisierung von Respe ktabilität
Nicht nur „moralische Härte“ gehörte fortan neben körperlichen Fähigkeiten und neben Geschicklichkeit zur Ehre, seit Pfarrer Lavater und dem Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann ist das „zu lesende Gesicht“ und der Männerkörper selbst die Folie, in die Männlichkeit eingeritzt und wiedererkannt wird: Lavater meinte noch, je tugendhafter ein Wesen, desto größer seine Schönheit, je weniger tugendhaft, desto hässlicher seine Erscheinung. Der homoerotische Winckelmann traf den Geschmack des ausgehenden 18.Jh., als er postulierte, die griechischen Jünglingsskulpturen seien wegen des Fehlens individueller oder zufälliger Züge entscheidend für die Vorbildlichkeit der Schönheit der griechischen Skulptur. So wurden die Statuen Vorbilder, ihrer Sexualität entkleidet und ihre Nacktheit schien akzeptabel, sie galten als harmonisch und ideal. Die schöne männliche Figur dürfe weder Wut , noch Verlangen, noch Überraschung zeigen Für viele Jahrzehnte orientierte sich das klassische Bildungswesen und die e uropäischen Jugendlichen der Eliten derart am bildlichen Griechentum- zum Schein asexuell, ebenso, wie irrtümlich die Trümmer als Reste kalkweißer Gebäude gedeutet wurden. Wichtig wurde, die im Lauf der industriellen historischen Dynamik auftretende
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Referat von Erasmus Walser Dozententag an der HSA Frühsommer 2002
Nachdenken über das Bild des Mannes seit dem 18.Jh.
Verunsicherung mit Bezug auf „Natur“ und Weltordnung abzuwehren: die griechischen Statuen symbolisierten Ewigkeit und ästhetische Sicherheit - weibliche Nacktheit - noch im 18.Jh. bei Statuen üblich, wurde aus dem öffentlichen Raum im 19.Jh. weitgehend verbannt. Geopfert wurde dieser Sicht von „Männlichkeit“ die sinnliche Individualität, die unordentliche Erfahrung des Körpers, der den Menschen sozusagen weggenommen und ästhetisiert wurde (Mosse, Nationalismus). Am Beginn des noch liberalen Nationalismus in Deutschland stand Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (in: Deutsche Turnkunst 1816) , der vom turnenden Patrioten erwartete, er habe „ keusch, rein, fähig, furchtlos und wahrheitsliebend und bereit zu sein , Waffen zu tragen“. Ästhetik wurde für das maskuline Stereotyp unerlässlich. Jahns Übungen sollten nicht bloß gesunde und schöne Körper formen, die eine schickliche Moral zum Ausdruck brachten, sondern auch neue Deutsche schaffen, Knaben zu Männern werden lassen. Der Kult um den männlichen Körper bekam eine national-messianistische Ausprägung, nicht nur im föderalistischen Deutschland. Auch für den französischen Oberst Jules Amoros, Inspirator des ersten Turnreglements der französischen Armee 1830 wurde die Gymnastik wichtig für
körperliche, moralische und vor allem militärische Zwecke. Moral und Erziehung brauchten als besondere Volkshygiene nun auch den Körperkult. Kein Zufall, dass das wettbewerbsmäßige „Fair play“ aus Großbritannien als Ziel der sportlichen Erziehung -Großbritannien galt als Vormacht der freien Weltwirtschaft - auf dem Kontinent weitaus weniger sorgfältige Pflege erfuhr als die klar paramilitärischen Qualifikationen. Nicht mehr die Kapelle wurde der wichtigste Ort der Internate, sondern Turnhalle oder Sportplatz. Sogar innerhalb der evangelischen Bewegung Englands begann man Ende des 19.Jh. von „muscular Christianity“ zu sprechen, einer robusten aktivistischen
Maskulinität , welche sich überall auf der Welt militärisch bewähren solle, ohne dass man sich der christlichen Werte des Pietismus als jener von Schwächlingen und Muttersöhnchen zu schämen brauchte. Zugleich verkörperte der Mann nun gegenüber der aus der Öffentlichkeit gedrängten Frau die ganze Menschheit: am Ende des 19.Jh. meinte der deutsche Sexist Friedrich Pockels: „Je weiblicher die Frau und je männlicher der Mann...desto gesünder Gesellschaft und Staat“
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Referat von Erasmus Walser Dozententag an der HSA Frühsommer 2002
Arbeit zitieren:
Erasmus Walser, 2002, Nachdenken über das Bild des Mannes seit dem 18.Jh., München, GRIN Verlag GmbH
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