wird in erster Linie Kapitel 1 des Buchs ”Auf den Leib geschrieben - Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud” von Thomas Laqueur herangezogen.
II. Das Ein-Geschlecht-Modell
Wie bereits angedeutet, zeigt sich die, als nat¨ urlich geltende, Vorstellung von zwei biologisch getrennten K¨ orpern als historisch sehr junges Ph¨ anomen, welches erst mit dem Aufstieg des B¨ urgertums im 18. Jahrhundert seine jetzige gesellschaftliche Relevanz erreichte. Bis dahin hielt sich die seit der Antike im abendl¨ andischen Kulturraum geltende Vorstellung von der Gleichgeschlechtlichkeit von M¨ annern und Frauen. Dabei ging man davon aus, dass das weibliche Genital nur das nach innen gest¨ ulpte Pendant des m¨ annlichen Genitales darstellte. So schrieb im zweiten Jahrhundert nach Christus der r¨ omische Arzt Galen von Pergamon: ”Wend’ das der Frau nach draußen, nach drinnen gleichsam, und gefaltet zweimal das des Mannes, und finden wirst du g¨ anzlich Gleiches bei den beiden.” 1 So galten die Genitalen des Mannes, bis auf die Ausrichtung, als identisch mit den weiblichen. Doch galt die Frau deshalb dem Manne noch lange nicht als gleichwertig, geschweige denn als dessen Gegensatz. Sie wurde vielmehr als nach innen gekehrte und daher unvollkommene Version des Mannes verstanden. Der damaligen Auffassung zufolge unterschieden sich Frauen durch einen Mangel an vitaler Hitze von den M¨ annern. Hierzu schreibt Galen von Pergamon: ”Nun, gerade so wie die Menschheit das Vollkommenste unter allen Tieren ist, so ist innerhalb der Menschheit der Mann vollkommener als die Frau, und der Grund f¨ ur seine Vollkommenheit liegt an seinem Mehr an Hitze, denn Hitze ist der Natur wichtigstes Werkzeug.” 2
1 Galen von Pergamon in: Spannbauer 1999, o.S.
2 Ebd. o.S.
2
M¨ anner galten als geistig wacher und aktiver, Frauen hingegen als tr¨ ager und langsamer, wodurch, unter anderem, auch die Menstruationsblutung erkl¨ aren werden konnte. W¨ ahrend der Mann, durch seine erh¨ ohte Aktivit¨ at ubersch¨ ussiges Blut im K¨ orper verbrannte, musste die Frau - einem heilen-¨
den Aderlass gleich - monatlich einen Teil ihres Blutes ausscheiden. So ließen sich auch die unterschiedlichen K¨ orperfl¨ ussigkeiten beider Geschlechter in das einheitliches System der Gleichgeschlechtlichkeit von Mann und Frau zw¨ angen. ”Blut wurde zu Milch, Samen war eine Form von veredeltem Blut, wobei der m¨ annliche Samen noch etwas raffiniert worden war als der weibliche” 3 . ¨ Uberhaupt ließen sich alle k¨ orperlichen Vorg¨ ange mit der Idee der Gleichgeschlechtlichkeit in Einklang bringen. So war der Orgasmus ”sowohl f¨ ur M¨ anner als auch f¨ ur Frauen ein von beiden Geschlechtern geteiltes Gef¨ uhl und Symbol. Man stellte sich vor, dass der K¨ orper sich w¨ ahrend des Beischlafs erhitzte und dann zum H¨ ohepunkt in einem Ausbruch von Leidenschaft das kostbarste Erzeugnis des Blutes preisgab, um daraus neues Leben zu schaffen. Gewiss, der m¨ annliche Orgasmus war hitziger und schneller, der weibliche langsamer und gem¨ achlicher, aber das best¨ atigte lediglich, was ohnehin jeder wusste: Der gr¨ oßeren K¨ orperhitze der M¨ anner stand eine gem¨ aßigte auf Seiten der Frauen gegen¨ uber.” 4
Es existierte durchaus eine Unterscheidung zwischen Mann und Frau, nur eben nicht bez¨ uglich des Geschlechts. In diesem Modell gab es nur ”einen K¨ orper, und der war m¨ annlich.” 5 Eine Unterscheidung war aber, schon allein aus ideologischen Gr¨ unden, um die Vormachtstellung des Mannes zu sichern, vonn¨ oten. So teilte man die Menschheit in einen heißen und einen kalten, einen vollkommenen und einen unvollkommenen Teil. Allerdings war diese
3 Laqueur, 2000, S.2
4 Ebd. S.2
5 Maihofer, 1995, S.29
3
Trennlinie nicht immer eindeutig, wodurch auch Mischformen m¨ oglich waren. So war es durchaus nicht unm¨ oglich sich vorzustellen, dass sich Frauen durch besondere Leistungen der m¨ annlichen Perfektion ann¨ aherten, wobei auch der Umkehrschluss, dass alte oder faule M¨ anner verweiblichen konnten, nicht auszuschließen war. Dies wurde wiederum durch den Anstieg oder Abfall von vitaler Hitze erkl¨ art. So fand sich beispielsweise eine wissenschaftliche Erkl¨ arung f¨ ur den Blutaustritt aus dem After bei M¨ annern, die an H¨ amorrhoiden litten. Durch ihre tr¨ age Lebensweise mussten sie, ¨ ahnlich wie bei der Menstruation der Frau, zus¨ atzliches Blut ablassen. Auch ließen sich st¨ orende Befunde bei Leichensezierungen, welche bereits im 16. Jahrhundert etabliert waren, die gegen die Gleichheit der Geschlechtsorgane sprachen, stets in das vorherrschende Weltbild einf¨ ugen. Die Idee der Gleichgeschlechtlichkeit von Mann und Frau ließ kontr¨ are Interpretationsversuche schlicht nicht zu. Eine bedeutende Z¨ asur markierte allerdings die Aufkl¨ arung, als das Ein-Geschlecht-Modell vom Zwei-Geschlechter-Modell abgel¨ ost wurde. Dieser Umbruch soll im Folgenden nun genauer beschrieben werden.
III. Das Zwei-Geschlechter-Modell
Durch die Erkenntnisse und Ereignisse der Aufkl¨ arung wurde es m¨ oglich, das Ein-Geschlecht-Modell zu ¨ uberholen und schließlich abzulegen. Wurde bis zm
18. Jahrhundert die kulturelle Geschlechteridentit¨ at als prim¨ ar angesehen, so galt nach der Aufkl¨ arung Biologie als das Unver¨ anderliche, das soziale hingegen als ver¨ anderbar. Wissenschaftliche Revolutionen trugen nicht zuletzt dazu bei, den Unterschied zwischen Mann und Frau dort zu suchen, wo er uns als selbstverst¨ andlich erscheint.
”Die Idee einer kosmischen Ordnung und die christliche Religion verloren zunehmen an Autorit¨ at zugunsten der Natur. Die Geschlechterhierarchie konnte nicht
4
mehr auf den großen metaphysischen Seinszusammenhang zur¨ uckgef¨ uhrt, sondern musste in der Natur des K¨ orpers begr¨ undet werden. Unterschiede, die ehedem als vernachl¨ assigbare k¨ orperliche Abstufungen angesehen worden waren, wurden nun zu entscheidenden qualitativen Differenzen. Die Biologie lieferte die Grundlage f¨ ur die moderne Vorstellung vom Geschlecht und ersetzte die Metaphysik als letzte Instanz, um ¨ uber alle Fragen zu Wesen und M¨ oglichkeiten von Frauen und M¨ annern zu urteilen.” 6
Durch die wissenschaftliche Losl¨ osung konnte man die biblischen Manifestationen abstreifen und den Geschlechterunterschied biologisch begr¨ unden. Die Entwicklung hin zum Zwei-Geschlechter-Modell hatte allerdings auch politische Hintergr¨ unde. Als im Jahre 1789 die Franz¨ osische Revolution losbrach, war die Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen vorherrschend. So war das Konzept, dem zufolge die Frau eine unvollkommene Variante des Mannes darstellte, nicht l¨ anger tragbar. Um die patriarchale Struktur der Gesellschaft nicht zu gef¨ ahrden, suchte man nach einem anderen Erkl¨ arungsversuch - und (er)fand ihn in der Deklaration der Frau als komplettes Gegenst¨ uck zum Manne. An dieser Stelle zeigt sich, worauf auch Thomas Laqueur immer wieder hinweist. Der Geschlechterunterschied, so wie er sich in unserer Zeit pr¨ asentiert, ist keine Folgeerscheinung biologischer oder wissenschaftlicher Erkenntnisse im Allgemeinen, sondern ein durch die Gesellschaft produzierter Unterschied. Da nun die Gegens¨ atzlichkeit von Mann und Frau als grunds¨ atzlicher Tenor vorlag, konnten sich die Wissenschaftler intensiv damit besch¨ aftigen, diese Gegens¨ atzlichkeit empirisch zu untermauern. Doch wie sahen die Ergebnisse dieser Untersuchungen im Genauen aus? Geradezu infiziert von der neu gewonnenen Erkenntnis suchten die Wissenschaftler zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahezu ¨ uberall nach Beweisen, welche den grunds¨ atzlichen Unterschied zwischen Mann und Frau belegten. Die
6 Laqueur, 2000, S.3
5
Arbeit zitieren:
Simon Eder, 2005, Die Konstruktion der Geschlechteridentität, München, GRIN Verlag GmbH
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