Akrobatik im Sportunterricht einer 4. Klasse: Soziales Verhalten fordern - Sozialkompetenz fördern
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1. Einleitung
Das Thema des sozialen Lernens und der Begriff der Sozialkompetenz haben in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Auf der einen Seite stehen die immer wieder beklagten massiven Defizite im Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen, die mit dem Wandel der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen einherzugehen scheinen und die Forderungen nach Verbesserung der Sozialkompetenz vor allem in den Schulen lauter werden lassen. Auf der anderen Seite stehen die wirtschaftlichen Anforderungsbedingungen, die deutlich werden lassen, dass im zukünftigen Berufsleben vermehrt soziale Handlungskompetenz notwendig sei. Es gehe nicht mehr nur noch um das was gelernt und gearbeitet wird, sondern zunehmend auch um das „Wie“. Den sozialen Kompetenzen wird hierbei mehr und mehr Bedeutung beigemessen, da Teamarbeit und die Lösung von Problemen besonders soziale Qualifikationen erfordere (vgl. PÜHSE 2001, 215). Auch ich selbst spüre die Notwendigkeit der Verbesserung der Sozialkompetenz bei Kindern und Jugendlichen tagtäglich in meiner Unterrichtsarbeit. Eher zufällig bin ich im Sportunterricht auf eine wunderbare Möglichkeit gestoßen, die Sozialkompetenz von Kindern und Jugendlichen umfassend zu schulen. Denn als ich im letzten Schuljahr mit einer vierten Klasse im Sportunterricht das akrobatische Turnen thematisierte, war die Schulung der Sozialkompetenz nur eines von mehreren Zielen. Sehr schnell stellte ich jedoch fest, welch großes Potential sich hinter dem akrobatischen Turnen verbarg. So entdeckte ich nicht nur die Vielfalt an Bewegungsmöglichkeiten und deren Chance für das motorische Lernen der Kinder, ich entdeckte vor allem auch die hohen Anforderungen an das Sozialverhalten meiner Schüler und das damit verbundene große Lernpotential. Die aufkommenden Probleme lagen nämlich viel weniger in dem motorischen Geschick der Kinder, als im Umgang miteinander. Da der Schwerpunkt der Unterrichtseinheit in dieser Klasse jedoch eher auf der kurz bevor stehenden Akrobatik -Aufführung beim Sommerfest unserer Schule lag, entschloss ich mich, diese Thematik mit meiner „neuen“ vierten Klasse, in der ich in diesem Schuljahr Sport unterrichte, noch einmal aufzugreifen. Dabei habe ich versucht, den Bewegungsunterricht so zu inszenieren, dass der Schwerpunkt nicht nur auf dem motorischen, sondern vor allem auch auf dem sozialen Lernen lag. In den nachfolgenden Ausführungen möchte ich aufzeigen, wie es mir gelungen ist, die besonderen Handlungsbedingungen des akrobatischen Turnens zu nutzen, um die Sozialkompetenz der Schüler zu schulen und zu verbessern.
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2. Sozialkompetenz und soziales Lernen
2.1 Begrifflichkeiten
In der Literatur finden sich viele unterschiedliche Definitionen und Erläuterungen darüber, was unter dem Begriff „Sozialkompetenz“ genau zu verstehen ist. „Die „soziale Kompetenz“ gehört theoretisch wie empirisch zu den eher wenig fundierten, vor allem aber nur unscharf definierten psychologischen Konstrukten“ (LANGMAACK 2004, 21). Da eine Abhandlung über das Phänomen dieser „Begriffsuneinheitlichkeit“ und der Gründe hierfür den Umfang meiner Arbeit „sprengen“ würde, beschränke ich mich an dieser Stelle auf einige wenige, für mein Thema wesentliche Aspekte und Definitionen.
LANGMAACK führt folgende Definition von sozialer Kompetenz an 1 : „Soziale Kompetenz ist ein Bündel von Fähigkeiten, um in sozialen Situationen auf der zwischenmenschlichen Ebene zu kommunizieren und zu kooperieren. Mit fachlichem und methodischem Können zusammen bildet die soziale Kompetenz den Dreiklang, aus dem Handlungsfähigkeit entsteht. Alle drei zusammen werden eingesetzt, um eine erwünschte oder geforderte Wirkung unter Einbeziehung persönlicher und kollektiver Werte zu erzielen“ (LANGMAACK 2004, 23).
Der Begriff „Sozialkompetenz“ steht in engster Verbindung mit dem Terminus des „sozialen Lernens“, was PÜHSE definiert als „[…] intentionales, geplantes und organisiertes Lehren und Lernen von sozialen Verhaltensweisen mit dem Ziel der Weckung sozialen Problembewusstseins und des Aufbaus von sozialer Kompetenz die sich in der Befähigung zu verständnisvollem, tolerantem und kooperativem Umgang miteinander konkretisiert“ (PÜHSE 1990, 33).
Wie auch immer Sozialkompetenz definiert wird, alle Autoren scheinen darin überein zu stimmen, dass der Begriff der sozialen Kompetenz ein ganzes Bündel von Verhaltensweisen und Fähigkeiten beinhaltet.
Das nachfolgende Schaubild soll einen Überblick über die, für eine erfolgreiche soziale Interaktion nützlichen oder notwenigen Kenntnisse und Fähigkeiten geben, die in meiner Unterrichtseinheit eine besondere Rolle gespielt haben.
1 Die Überschrift dieses Kapitels lautet sehr treffend: „Soziale Kompetenz hat viele Gesichter“.
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Abb. 1: Sozialkompetenz - ein Bündel von Kenntnissen und Fähigkeiten - eigene Darstellung -
2.2Der soziale Aspekt in den Bildungsplänen für die Grundschule
2.2.1 Bildungsplan für die Grundschule 1994 Im Abschnitt „Inhalte und Fächer“ wird formuliert:
„[…]Im Schulsport können kooperative und integrative Verhaltensweisen unmittelbar erfahren und eingeübt werden.
[…] Durch eine vielseitige und breitgefächerte Bewegungserziehung sollen folgende Ziele erreicht werden: […] Soziale und integrative Verhaltensweisen des
fairen Miteinanders entwickeln“ (MINSTERIUM FÜR KULTUS UND SPORT BADEN-WÜRTTEMBERG 1994, 27).
Das akrobatische Turnen kann vor allem dem Sportbereich 2 „Sich bewegen mit und ohne Gerät - Individualerfahrungen - Erfahrungen mit Partner und Gruppe“ zugeordnet werden. Hier werden folgende Ziele aufgeführt: „Die Kinder finden, üben und variieren Bewegungen mit und ohne Kleingeräte. Sie machen sich die Bewegungsmöglichkeiten des eigenen Körpers bewusst und verbessern ihre räumliche und zeitliche Wahrnehmungsfähigkeit. […]. Die konditionellen und koordinativen Fähigkeiten werden
gezielt geschult. Die Kinder stellen sich zunehmend auf Partner und Gruppe ein“ (MINSTERIUM FÜR KULTUS UND SPORT BADEN-WÜRTTEMBERG 1994, 216).
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In den Leitgedanken zum Kompetenzerwerb für den Fächerverbund Bewegung, Spiel und Sport steht geschrieben:
„[…] Die Kinder sammeln grundlegende körperliche, materiale, sinnliche und soziale Erfahrungen und bilden ein differenziertes Bewegungsgefühl aus […]“ (MINISTERIUM FÜR KULTUS, JUGEND UND SPORT 2004, 113). „[…] Der Fächerverbund bietet im Miteinander, Füreinander, Gegeneinander und Voneinander ein soziales Handlungs- und Lernfeld […]“ (MINISTERIUM FÜR KULTUS, JUGEND UND SPORT 2004, 113).
Für Klasse 3 und 4 wird im Abschnitt 2.5 „Sich-Bewegen in weiteren Bewegungs- und Erfahrungsfeldern“ ausdrücklich das Kennenlernen und Anwenden grundlegender akrobatischer Formen aufgeführt (vgl. MINISTERIUM FÜR KULTUS, JUGEND UND SPORT 2004, 115).
3. Akrobatik
3.1 Begrifflichkeit
Akrobatik ist ein Teilbereich des Turnens und speziell dem Balancieren zugeordnet (vgl. AARTSMA 1992, 29). Zur Akrobatik zählen unterschiedliche Bereiche, z.B. die Hochseilakrobatik, die Akrobatik am Trapez oder die Boden- bzw. Partnerakrobatik, die auch Equilibristik (Kunst des Gleichgewichtshaltens) genannt wird. Die Kunst der Bodenakrobatik liegt darin, seinen eigenen Körper als auch andere Körper in verschiedenen Lagen, Haltungen und Situationen zu balancieren (vgl. Blume. 1992, S. 7). KUHN bezeichnet das akrobatische Turnen sehr treffend als gerätefreies „Spiel mit dem Körper“ (KUHN 2001, 360). Aufgrund der Vielfalt von Bewegungsperspektiven, die das akrobatische Turnen (nicht nur) im Schulsport bietet, lassen sich hierbei eine Vielzahl von Zielsetzungen verfolgen, sei es die Schulung des Gleichgewichts und der Körperbeherrschung, die „spielerische“ Ausbildung wichtiger Eigenschaften wie Beweglichkeit, Kraft, Orientierung im Raum und Körperspannung oder eben die Schulung der Sozialkompetenz (vgl. BLUME 2006, 10).
Das Besondere des akrobatischen Turnens entsteht nicht nur durch die Ungewöhnlichkeit der Bewegungen oder durch die Erschaffung menschlicher Kunstwerke, „mit der Akrobatik verbindet sich eine eigene Erlebniswelt, die durch das gemeinsame
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Miteinanderumgehen entsteht. Es gibt keine festen, starren Turngeräte; sie werden durch Menschen ersetzt“ (BLUME 2006, 14). Diese agieren in unmittelbarere Abhängigkeit voneinander und sind für das Gelingen der Übungen aufeinander angewiesen. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, dass sich die Partner miteinander intensiv auseinandersetzen, was das akrobatische Turnen pädagogisch so wertvoll macht (vgl. BLUME 2006, 14). Ein großer Vorteil akrobatischen Turnens im Schulsport liegt darin, dass diese „Zirkussportart“ relativ unabhängig von Gruppengrößen und Zeiträumen ausgeführt werden kann. Zudem ist eine Leistungsheterogenität innerhalb der Gruppe nicht nur unproblematisch, sondern sogar wünschenswert, denn beim akrobatischen Turnen werden alle Kinder gebraucht: „In den Bewegungs- und Zirkuskünsten können alle Kinder etwas; und gerade die, denen das übliche Sportartenprogramm wenig Entfaltungsmöglichkeiten bietet, entdecken hier ihre - vielleicht erste große - Liebe zur Bewegung und entwickeln ein körperpositives Selbstkonzept“ (KUHN 2001, 339). Bei den Gruppenmitgliedern müssen zudem keine Vorkenntnisse bestehen und auch der Material-und Sportgeräteaufwand kann äußerst gering gehalten werden (vgl. PIETSCH 2004, 10).
3.2 Soziale Anforderungsbedingen beim akrobatischen Turnen
Akrobatisches Turnen weist eine Vielzahl von sozialen Anforderungsbedingungen auf, die diese Sportart zu einem besonderen sozialen Handlungs- und Lernfeld werden lassen. Denn das Grundprinzip der Akrobatik, auf dem alles aufbaut, ist das gemeinsame Handeln (vgl. BLUME 2006, 14).
Abb. 2: „Soziale Anforderungsbedingungen beim akrobatischen Turnen“ - eigener Entwurf -
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4. Akrobatik im Sportunterricht einer 4. Klasse - Konzeption
und Durchführung
4.1 Situative Bedingungen
Die Klasse 4b der Steinbachschule Büsnau setzt sich aus 9 Mädchen und 12 Jungen zusammen. Ich unterrichte mit großer Freude seit Beginn dieses Schuljahres in der Klasse. Die Schüler sind sportlich ausgesprochen motiviert und engagiert. Was das Sozialverhalten in der Klasse angeht, konnte ich bis jetzt zwar noch keine schwerwiegenderen Ausschreitungen beobachten, jedoch kommt es regelmäßig zu Problemen in der Gruppenbildung. Auch während der Gruppenarbeit kann ich häufig Konflikte beobachten, die vor allem in mangelnder Kommunikations- und Konfliktfähigkeit oder - willen liegen. So enden Konflikte bei einigen Schülern oft in „beleidigter Mitmachverweigerung“ oder sogar in Tränen. Eine Zusammenarbeit mit gemischten Gruppen, die nicht nur aus „befreundeten“ Kindern bestehen, ist häufig mit Schwierigkeiten verbunden, die sich stark auf die Arbeitsergebnisse auswirken. Das Treffen von Absprachen und Einhalten von Regeln fällt manchen Schülern ebenfalls schwer. Auch vermisse ich bei einigen Schülern die Fähigkeit, Verantwortung für andere zu übernehmen. Viele Schüler haben zudem große Probleme im Eingehen und vor allem Aushalten von engerem Körperkontakt mit Mitschülern, besonders mit andersgeschlechtlichen Mitschülern. Ich erlebe den Zusammenhalt innerhalb der Klasse, im Gegensatz zu anderen Klassen in denen ich bis jetzt unterrichtet habe, zwar als unproblematisch, jedoch auch nicht als sehr stark.
4.2. Anzustrebende Kompetenzen und Ziele
Folgende Kompetenzen sollten in dieser Unterrichtseinheit angebahnt werden:
Arbeit zitieren:
Ina Schröder, 2006, Akrobatik im Sportunterricht einer 4. Klasse - Soziales Verhalten fordern - Sozialkompetenz fördern, München, GRIN Verlag GmbH
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