Aus dem Fachbereich Sozialwesen der Universität Kassel
Kleidung
als symbolische
Selbstinszenierung
( Nonverbale Botschaften über das Individuum )
Diplomarbeit für die Prüfung zum Erwerb des Akademischen Grades
Diplom-Sozialarbeiterin /
Diplom-Sozialpädagogin
eingereicht von:
Graciette Ruf da Cunha Duarte Justo
am: 15.04.2005
Inhaltsangabe:
Kleidung als symbolische Selbstinszenierung
Einleitung Seite
I Der innere Antrieb des Kleidungsverhaltens
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I 1 Die Schutz-Theorie 1
I 2 Die Scham-Theorie 2
I 3 Die Schmuck-Theorie 4
I 4 Die Ausdrucksfunktion im Schmücken und Verhüllung 6
II Selbstausdruck: Die kommunikative Leistung der Kleidung
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II 1 Die Botschaftsbereiche der Kleidung
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II 1 1 Gruppenzugehörigkeit 12
II 1 2 Status 13
II 1 3 Persönlichkeit 15
II 1 4 Interpersonale Einstellungen 16
II 1 5 Gefühlslage 18
II 1 6 Parallelität Bewusstheitsgrad der
Kommunikationsbereiche 18
I I 2 E r k e n n u n g
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II 3 Kleidersprache als subtile Ergänzung verbaler Sprache
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II 4 Das Verstehen der Kleidersprache Strukturelle Gesetzmäßigkeiten
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II 4 1 Kleidersymbolik 28
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II 4 1 1 Symbole der Kennzeichnung
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II 4 1 2 Symbole der Dekoration
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II 4 1 3 Die Beweglichkeit der Symbole
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II 4 1 3 1 Situative und gruppenspezifische Variabilität
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II 4 1 3 2 Der jeweilige Kontext gestaltet die Symbolik
II 4 2 Kleidernormen 39
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II 4 2 1 Allgemeine Kombinationsnormen
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II 4 2 2 Situationsabhängigkeit der Normen
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II 4 2 3 Normen zu Signalen der Gruppenzugehörigkeit
II 5 Zusammenfassung
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Einleitung
Ich habe diese Arbeit mit dem Anspruch geschrieben, einerseits einen möglichst umfangreichen Einblick in das Thema zu bieten, andererseits dabei nicht nur „an der Oberfläche“ verschiedenster Gebiete zu kratzen. Demzufolge besteht diese Arbeit aus drei aufeinander aufbauenden Teilen: ¾ Die Kleidungsgestaltung an sich, ¾ ihr Kommunikationsaspekt und ¾ die Selbstinszenierung durch Kleidung.
Diese Arbeit besteht zudem einerseits aus Gegenüberstellungen verschiedener Theorien und ihren jeweiligen empirischen Befunden, andererseits aber auch aus einer „Zusammenstellung“ eben dieser, um eine Vertiefung möglich zu machen.
Kleidung ist die zweite Haut des Menschen, welche an- und ablegbar ist. Sie bezeichnet Arten der Körperbedeckung, welche es in verschiedenen Formen und unterschiedlichen Materialien gibt (vgl. Meyers Taschen- Lexikon, 1999, Bd.5 S. 1816f). Sie variiert ebenfalls in Farbe, Schnitt, Verzierung und Muster. Diese Hülle, in die wir uns begeben, kann dünn und luftdurchlässig oder dick bis panzerartig sein. Sie variiert von praktisch bis dekorativ, bequem bis ungemütlich, schick bis schlampig und auffällig bis tarnend. Auch der Verhüllungsgrad ist hochgradig variabel: Araber sind fast vollständig eingehüllt und bedeckt, im Sudan dagegen sind die Menschen weitgehend unbekleidet. Beide Kulturen leben in ähnlichen Klimaverhältnissen (vgl. Collett, 1972, S. 169 – 179).
Auch Tätowierungen, Schmucknarben, Piercings, Bemalungen oder mit Schlamm geschmückte Haut sind Formen der Körperbedeckung und können somit als Bekleidung gelten. Demnach werde ich auch diese Kleidungsformen hin und wieder in meine Thesen mit einbeziehen. Kurz: Kleidung ist ein großes Gebiet und das Thema dieser Arbeit. Vor allem aber wird sie hier unter zwei Aspekten betrachtet: Kleidung als nonverbale Kommunikationsform und Kleidung als eine Form der Selbstdarstellung.
Im ersten Kapitel wird es um das Kleiderverhalten allgemein gehen: Der innere Antrieb des Menschen zum Kleidungsverhalten, dargestellt anhand des Ursprungbedürfnisses nach Kleidung, wird hier einführend den Fokus
bilden. Doch schon im zweiten Kapitel möchte ich einen weiteren Gesichtspunkt hinzunehmen: die nonverbale Kommunikation.
Nonverbale Kommunikation ist die Sprache ohne Worte, über welche wir uns parallel zur verbalen Kommunikation verständigen. Bereits Darwin (1872), der „`Begründer´ der modernen Forschung zur nonverbalen Kommunikation“ (Krämer, 2001, S. 11) erkannte vor fast 1 ½ Jahrhunderten ihre Wichtigkeit für die zwischenmenschlichen Beziehungen.
Wie deutlich werden wird, umfasst die nonverbale Kommunikation auch das Kleidungsverhalten. Kleidung teilt etwas über den Kleidungsträger mit, „spricht“ also.
Im zweiten Kapitel werde ich mich diesbezüglich einerseits damit beschäftigen, was wir über die Kleidung ausdrücken (Kapitel II.1. Die Botschaftsbereiche der Kleidung), was die Funktion dieser Mitteilungen ist (Kapitel II.2. Erkennung) und warum diese Funktion nicht über die verbale Sprache erbracht werden kann (Kapitel II.3. Kleidersprache als subtile Ergänzung verbaler Sprache). Um anschließend zu beleuchten, wie Kleidersprache funktioniert, werde ich mich mit den zwei Gesetzmäßigkeiten Symbolik (Kapitel II.4.1. Kleidersymbolik) und Normen (Kapitel II.4.2. Kleidernormen) beschäftigen, auf denen die Kleidersprache aufgebaut ist.
Der wichtigste Punkt kommt zuletzt: Nonverbale Kommunikation hat viele Gesichter, allen gemein ist das „Sich-Äußern“. Bei den Äußerungen der Kleidung handelt es sich um eine Darstellung des Selbst.
Selbstdarstellung ist die Erscheinungsweise eines Individuums, welche einen Inhalt suggeriert. Sie ist die (Re)-Präsentation des Selbst. Diese Kunst der Selbstgestaltung beschäftigt sich im Falle der Kleidung mit der Haut. Sie ist „etwas ständig Ablaufendes“ (Mummendey, 1990, S. 14). Und fast jedes menschliche Verhalten kann unter dem Gesichtspunkt der Selbstdarstellung aufgefasst und interpretiert werden (vgl. ebd.).
Im dritten und vierten Kapitel wird die Kleidung also konkreter unter dem Aspekt der Selbstdarstellung betrachtet werden.
Im dritten Kapitel spielt die Frage nach der „Echtheit“ der vestimentären Selbstdarstellung eine Rolle: Stellt Kleidung allgemein das tatsächliche Selbst dar oder eher das ideale, also Schein-Selbst? Und dient Kleidung der
reinen Repräsentation oder vielmehr der Kompensation? (Kapitel III.1. Repräsentation und Kompensation, Kapitel III.2. Kleidung: Selbstausdruck oder Ausdruck des idealen Selbst). Hier wird deutlich werden, dass es sich weniger um eine tatsächliche Darstellung des Selbst handelt, sondern viel mehr um eine Inszenierung (im Sinne des Vorgaukelns und Verheimlichen). Anschließend wird der Täuschungsaspekt der Selbstinszenierung durch Kleidung näher beleuchtet (Kapitel III.3. Schein und Sein – Kleidung und Person) und schließlich werde ich eine Parallele ziehen zwischen vestimentärer Selbstinszenierung und der meiner Ansicht nach charakteristischsten Form von Inszenierung: der Maske. Denn bei der Selbstinszenierung durch Kleidung scheint es sich in jeglicher Hinsicht um eine Maskierungsform zu handeln.
Im vierten Kapitel soll die Macht dieser vestimentären Maskierungsform deutlich werden (Kapitel IV: Die Macht der vestimentären Selbstinszenierung). Sie wird in ihrer Wirkung auf die Umwelt und auch auf das eigene Selbstbild untersucht werden (Kapitel IV.1. Die Wirkung auf die Umwelt und IV.2. Die Wirkung auf den Träger selbst), um schließlich die Frage aufzuklären, was genau der Nutzen jener menschlichen Selbstinszenierung ist.
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I. Der innere Antrieb des Kleidungsverhaltens
Es scheint mir kaum möglich zu sein, das Themengebiet der menschlichen Selbstinszenierung durch Bekleidung darzustellen, ohne einführend dem Entstehungsprozess bzw. dem zugrundeliegenden Auslösemechanismus des Kleidungsverhaltens nachzugehen und zu erläutern, welche möglichen psychologischen Urfunktionen der Kleidung in frühgeschichtlichen Gesellschaften innewohnten. Es wird nicht möglich sein, ein umfassendes Bild von der Geschichte der Bekleidung zu schaffen - dies ist für den Themeninhalt dieser Arbeit auch nicht nötig - doch woraus das menschliche Bedürfnis nach Bekleidung ursprünglich entstand, sollte einführend erläutert werden, um ein tieferes Verständnis für die psychologische Funktion von Kleidung zu bekommen und später behandelte Mechanismen nachvollziehen zu können. Es gibt neben einer Vielzahl an Theorien zu Teilaspekten der Kleidungsfunktion drei Haupttheorien zum Grundbedürfnis des Kleidungsverhaltens, welche sich auf den Ursprung der Kleidung beziehen und erklären, welcher Antrieb dem Kleidungsverhalten zugrunde liegt.
I.1. Die Schutz-Theorie
Der Mensch, ein „nackter Affe“, ist gezwungen, sich vor äußeren Einflüssen zu schützen. Diesen Ansatz zur Erklärung der ursprünglichen Leistung von Kleidung bietet die „Schutzfunktion-Theorie“ („The Protection Theory“) (vgl. Hund, 1975, S. 76). Diese Theorie - welche heute die gesellschaftlich geläufigste ist (vgl. Rowland-Warne, 1992, S. 6) - besagt, dass die ursprüngliche Funktion von Kleidung der Schutz gegen äußere Umwelteinflüsse ist. Nach dieser Theorie dient Kleidung dem Schutz vor Witterungseinflüssen (Kälte, Nässe, Wind), sie reguliert die Transpiration (vermeidet Hitzeschlag) und schützt ebenfalls vor Verletzungen (Dornen oder Mücken) (vgl. Hellpach, 1938, S. 81f).
Dieser Ansatz orientiert sich am zweckmäßigen Nutzen der Bekleidung und braucht daher keine psychologische Begründung bezüglich des Antriebs zum
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Kleidungsverhalten. Das Kleidungsverhaltens begann hiernach einfach von „dem Augenblick an, da der Mensch die Funktion der Kleidung als Schutz gegen die Unbill der Natur entdeckte“ (Kybalová, o.J., S. 21).
Es ist schwer zu leugnen, dass unser Kleidungsverhalten vom rein funktionalen Faktor des Schutzes gewaltig beeinflusst wird. Doch dass Kleidung nicht nur allein der Funktion des Schutzes dient, zeigen auch bis heute noch mehrere Verwendungsarten der Kleidung: Es gibt zahlreiche Kleidungsstücke, welche die praktische Tätigkeit und freie Beweglichkeit behindern. Beispielsweise „überdimensionale Halsreifen, Schnabelschuhe, körperliche Verstümmelungen, Schleppen, Korsette, Reifröcke usw.“ (Hund, 1975, S.22). Die ursprünglichste Form der Kleidung überhaupt ist „die sogenannte Hüftschnur (später der Hüftring)“, welche „locker über der weiblichen Hüfte hängt“ (Beide Zitate: König, 1967, S. 53f). Diese Kleidungsformen schützen weder vor Umwelteinflüssen oder Verletzungen, noch regulieren sie die Transpiration.
Kommen wir nun also zu zwei weiteren anerkannten Erklärungsansätzen, welche das Bedürfnis nach Kleidung unter anderen Gesichtspunkten beleuchten und die Schutz-Theorie ergänzen, indem sie erklären warum es „entfunktionalisierte“ Kleidungsformen gibt.
I.2. Die Scham-Theorie
„Mit dem Kleide zieht das Weib auch die Scham aus.“
(Herodot, genannt „Vater der Geschichte“, 5. Jh. v. Chr., S. 76)
Der Bibel zufolge liegt die ursprüngliche Aufgabe der Bekleidung in der Bedeckung der Blöße: „Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze“ („Bibel“, o.J., 1. Buch Mose 3,7).
Aber auch wissenschaftlich gibt es die „Theorie der Scham als Ursache für Bekleidungs-Anstrengungen“ („The Modesty Theory“) (Hund, 1975, S. 76). Bei dieser wird das menschliche Mangelempfinden bei Nacktheit verantwortlich gemacht für die Entstehung des Kleidungsverhaltens. Diese
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Theorie sieht den Zweck der Bekleidung in der Verhüllung von körperlichen Mängeln, bzw. der Bedeckung von Stellen, die man der allgemeinen Betrachtung nicht ständig preisgeben möchte. Nacktheit stellt einen Mangel dar, somit wird auf die eigene Blöße mit Bedeckungswünschen, also Scham, reagiert. Es handelt sich nach F. Kiener um einen „`Mangel´, der offenbar schon an sich erlebt wird, nicht erst durch das raue Klima bewusst gemacht werden muss“ (Kiener, 1956, S. 23f).
Kritiker der Scham-Theorie (auch „Schamhaftigkeits-Theorie“ genannt) weisen jedoch darauf hin, dass es Vorformen der Kleidung gab und immer noch gibt, welche ganz und gar nicht der Schamtheorie entsprechen, da die primären und sekundären Geschlechtsteile nicht verdeckt werden, wie beispielsweise die Hüft- und Brustschnur vieler Primitiver (vgl. Flügel, 1966, S. 17).
Doch die Verfechter der Schamtheorie argumentieren plausibel: Es gibt Kulturen, welche sich einzig bis auf die Augenpartie vollkommen verhüllen, andere Kulturen leben praktisch nackt. Doch auch weniger verhüllende Kleidungsarten erfüllen den Zweck der Schamvermeidung. Die Geschlechtsteile müssen nicht unbedingt bedeckt werden, um eine Schamvermeidungsfunktion zu erfüllen. Denn, so zeigt u.a. folgende Untersuchung, scheint die Schamhaftigkeit bei den „Nackten“ ähnlich ausgeprägt zu sein wie bei den „Verhüllten“. Der Verhaltensforscher I. Eibl- Eibesfeldt schreibt über die Yanomani-Indianer in Brasilien: „Die Frauen gingen für unsere Begriffe splitternackt. Sie trugen nichts außer einer dünnen, fein gearbeiteten Schnur um den Leib. Ihre Scham war vollkommen unbedeckt“. Er bemerkte bei seinem Besuch jedoch nach geraumer Zeit, „dass die Frauen und Mädchen sich ohne diese Schnur unanständig nackt fühlten [...]. In ähnlicher Weise fühlten sich die Männer nackt, wenn sie ihre Penisschnur lösten oder wenn sie von selbst aufging. Es handelt sich bei diesen Schnüren wohl um Überbleibsel einer Bekleidung, denn nackt kamen die Ahnen der Yanomani ganz sicherlich nicht während der Eiszeit über die Berlingstrasse. Hier im tropischen Regenwald legten sie die Kleidung als unzweckmäßig ab, bis auf jenes Restchen, das sie brauchten, um sich „kultiviert“ zu fühlen und
Die Scham-Theorie:
Auch weniger verhüllende Kleidungsarten erfüllen den Zweck der Schamvermeidung.
Was ist schamloser?
(Bilderquellen: siehe Quellenverzeichnis)
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vielleicht auch um die Spannung der Koketterie erleben zu können“ (Beide Zitate: Eibl-Eibesfeldt, 1976, S. 99f).
Alle Menschen jeder Kultur kennen das Gefühl der Schamhaftigkeit gleichermaßen, und praktisch niemand läuft völlig nackt herum. „Ohne Körperbemalungen, passenden Frisuren, Lendenschnur, Stammestätowierungen, Schmuck oder eben nur die Bedeckung bestimmter Körperpartien kämen sich die in tropischen Regionen lebenden Landbewohner genauso schamlos nackt vor wie wir ohne entsprechenden Anzug im Büro“ (Payer, 2005, I. 10.3.3.).
Diese universelle Tendenz zur Scham wie auch zur Kleidung, welcher Art auch immer, suggeriert das menschliche Bedürfnis nach Vermeidung von Nacktheit. Unter diesem Gesichtspunkt wird die Scham-Theorie plausibel, da sie durch die Relativierung der Kleidungsgestaltung jede Klimazone und auch jede Kleidungsform mit einbezieht.
I.3. Die Schmuck-Theorie
„Es gibt unbekleidete, nicht aber ungeschmückte Leute“
(Flügel, 1966, S. 17).
Das zeigt, „dass die geschmückte Haut ein
Grundphänomen des menschlichen Lebens ist“
(Gröning, 1997, S. 15).
Kommen wir nun zum dritten Erklärungsansatz bezüglich des Auslösers vom allgemeinen Kleidungsverhalten: Die „Dekorations-Theorie“ („The Decoration Theory“), auch Schmuck-Theorie genannt. Diese erklärt den Ursprung und Hauptantrieb der Kleidung im „ästhetische[n] Trieb des Menschen“ (Kiener, 1956, S. 62). Kleidung stellt hiernach den Ausdruck der ästhetischen Vorstellung einer Person dar. Der Mensch entwickelte das Bedürfnis, körperliche Reize zu unterstreichen indem physische Merkmale hervorgehoben wurden. Hiernach geht es um das Verzieren des Körpers: Kleidung als Schmuck.
„Vorformen von Kleidung sind z.B. die gemalten Verzierungen des Körpers, Tätowierungen, einzelne Schmuckstücke. Sie entstanden im Prozess der
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ursprünglich allseitigen Umweltaneignung der Menschen. Dazu gehörte neben der umgebenden auch die eigene Natur, also die Beschäftigung mit dem eigenen Körper. Die Demonstration sexueller Potenz durch Hüftschnur und Penisfutteral hat darin ihre Ursache“ (Hund, 1975, S. 23).
Während die Scham-Theoretiker die Hüftschnur als Instrument der Schamvermeidung betrachten (wobei die Bedeckung der Geschlechtsteile nicht zur Bedingung gemacht wird), sehen die Schmuck-Theoretiker die ästhetische Dekorationsfunktion in ihr; mit der Begründung, dass diese die primären und sekundären Geschlechtsteile geradezu betont (vgl. Flügel, 1966, S. 122f).
Doch woraus entsteht die Notwendigkeit, sich zu schmücken? „Wir wissen, der Mensch schmückt sich aus dem Gefühl des `Mangels´, das schon den Primitiven treibt, seinen nackten Körper durch Ziernarben, Bemalung oder Schmuck zu bereichern. In diesem Mangelgefühl haben wir eine der Wurzeln des Schmucktriebes“ (Kiener, 1956, S.49). Wie in der Scham-Theorie wird dem Menschen auch hier ein Gefühl des Mangels unterstellt, welches den Antrieb des Kleidungsverhaltens darstellt. Dieser Mangel wird hierbei jedoch nicht mit der menschlichen Nacktheit in Verbindung gebracht, sondern vielmehr mit einem Minderwertigkeitsgefühl. Der Körper wird durch Kleidung „bereichert“, um ihn prächtiger erscheinen zu lassen.
F. Kiener geht sogar noch weiter, indem er annimmt, dass dem Schmucktrieb eine „Ästhetische Wurzel“ (Kiener, 1956, S. 50) zugrunde liegen muss. Er geht von einer „Ansprechbarkeit“ für Schmuck aus, d.h. es muss ein Empfinden für Schönheit geben, damit ein Gespür für Schmuck entstehen kann. Er unterstellt auch dem Tierreich ein ästhetisches Empfinden, das sich seiner These nach im sexuellen Werbeverhalten der Tiere zeigt, welches ausschließlich über ästhetische Reize funktioniert. Und sogar in der Pflanzenwelt ist nach seiner These jenes ästhetische Gespür zu finden, da Pflanzen eine gewisse Pracht und Schönheit entwickeln, welche hochgradig funktional sei, da sie der Fortpflanzung diene (vgl. ebd.).
Auch die Schmuck-Theorie ist plausibel, da sie auf jede Klimazone und auch auf jede Kleidungsform anwendbar ist: In warmen wie auch in kalten Gegenden sind die „Formen der Schmuckbekleidung“ (vgl. König, 1967, S. 53) zu finden
Die Schmuck-Theorie:
Der Mensch entwickelte das Bedürfnis, körperliche Reize zu unterstreichen indem
physische Merkmale hervorgehoben wurden.
Kleidung stellt den Ausdruck der ästhetischen Vorstellung einer Person dar.
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und sie können sich in vollständiger Verhüllung wie auch in „karger“ Kleidung, also der Betonung der Geschlechtsmerkmale, ausdrücken: Kleidung – in welcher Form auch immer – ist bereits Dekoration.
I.4. Die Ausdrucksfunktion
im Schmücken und Verhüllen
Gröning sagt, dass „die Ausdrucksformen der Körperkunst
als Versuch des Menschen, soziale Identifikationsmuster
materiell zu verkörpern, abzubilden oder in Frage zu
stellen“ gesehen werden können.
In der umfangreichen Literatur zur ursprünglichen Aufgabe der Bekleidung gibt es etliche Belege für und wider diese drei Theorien, die in der Wissenschaft als die grundlegendsten gelten. Das lässt vermuten, dass alle drei eine gleichwertige Berechtigung haben, parallel zueinander als Grundfunktion der Kleidung zu gelten.
Nachdem ich sie einzeln dargestellt habe, möchte ich sie nun einander gegenüberstellen, um zu einer Schlussfolgerung zu kommen, welche die Grundlage für die nächsten Kapitel sein wird.
Dass bei der Kleidungsgestaltung die Schutzfunktion als Hauptmotiv genannt werden sollte, scheint sofort einleuchtend zu sein, da diese ihren rein praktischen Nutzen fokussiert, dessen Notwendigkeit sehr plausibel weil stichhaltig ist. Doch betrachten wir einmal näher, was die zwei anderen Funktionstheorien gemeinsam haben, die zunächst im Vergleich eher unpraktisch und überflüssig wirken. Schmuck und Schamvermeidung als Funktionen der Kleidung scheinen kulturelle „Eitelkeiten“ zu sein, unbrauchbar und nutzlos im Vergleich zu der funktionalen Aufgabe, vor Witterung und Verletzung zu schützen. Doch wie tiefgreifend funktional diese beiden Faktoren eigentlich sind, soll nun durch meine These ersichtlich werden:
Abgesehen von der bloßen Funktion zu schmücken und Scham zu vermeiden erfüllt das verzierende und verhüllende Kleiderverhalten eine weitere Leistung, und zwar die der Kennzeichnung bzw. des Selbstausdrucks. Die Ausdrucksfunktion der Kleidung erwähnt auch M. Payer (vgl. Payer, 2005, I.
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10.3.), bezieht sie aber nicht auf Scham- und Schutzfunktion. Doch sie ist, so meine These, gerade in ihnen zu finden. Denn Scham- sowie Schmuckverhalten als vestimentäre (= die Bekleidung betreffende) Funktion offenbaren etwas über die Person des Trägers, drücken sein Inneres symbolisch aus:
¾ Die vestimentäre Schmuckfunktion bietet dem Träger die Möglichkeit, sein „Selbst“ durch Schmücken und Verschönern des Körpers auszudrücken. Und somit verrät der geschmückte Körper in der Art seiner Ausdrucksgestaltung immer auch etwas über den Träger selbst.
¾ Die vestimentäre Schamvermeidungsfunktion veranlasst den Träger dazu, sich zu verhüllen, und doch offenbart die Kleidung zwangsläufig ebenso durch die Art der Verhüllung etwas über sein Ich. Denn die Verhüllung stellt eine Gegenkomponente des Verzierens dar, vermittelt also gleichermaßen das „Selbst“ des Trägers.
Kleidung ist in diesem Kontext also ein Selbstausdruck, und somit eine geeignete Form der nonverbalen Kommunikation, da sie Mitteilungen über den Kleidungsträger macht.
Ganz anders dagegen ist die vestimentäre Schutzfunktion, welche den rein praktischen Zweck der Kleidung umfasst. Durch sie ist keine nonverbale Kommunikation möglich, da sie im Gegensatz zu den beiden anderen Funktionen nicht symbolbehaftet ist. Man könnte also sagen, dass die Ausdrucksfunktion (welche die Schmuck- und Schamvermeidungsfunktion umfasst) eine Gegenkomponente zur Schutzfunktion darstellt. Denn während die Bekleidung innerhalb der Schutzfunktion rein praktisch orientiert ist, ist die Bekleidung innerhalb der Ausdrucksfunktion ein Mittel der Kennzeichnung und Signalisierung. Und somit sind Schmuck- und Schamvermeidungsfunktion von größerer Bedeutung als man zunächst annehmen möchte (Eine Vertiefung hierzu jedoch erst im dritten Kapitel).
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II. Selbstausdruck:
„Körpersprache ist so etwas wie ein geheimer Code, den
jeder versteht, den aber keiner kennt und erklären kann“
(Schwertfeger, 1988, S. 9)
Im ersten Kapitel wurde nun deutlich, dass Kleidung neben der Leistung des Schutzes vor Witterung auch die Aufgabe der Vermeidung von Schamgefühlen und des ästhetischen Schmückens des Körpers erfüllt. Weiterhin wurde ersichtlich, dass der allgemeine Nutzen von Kleidung nicht nur praktischer Natur ist, sondern ebenfalls parallel dazu eine Ausdrucksfunktion vollbringt, welche durchaus auch - wenn nicht sogar hochgradig - zweckmäßig ist. Kleidung kommuniziert unser Innerstes, somit hat sie Selbstdarstellungscharakter. Und Selbstdarstellung stellt einen Faktor der nonverbalen Kommunikation dar, ist also eine Kommunikationsform. Nach der allgemeinen Sicht auf das Kleidungsverhalten möchte ich nun vertieft auf eben diese kommunikative Leistung der Kleidung eingehen. Die Kleidung soll in diesem Kapitel unter dem Aspekt der allgemeinen Verständigung betrachtet werden: Kleidung als Code, als eine subtile Sprachform.
Kleidung drückt etwas aus, teilt etwas mit. Warum aber sollte Kleidung deshalb gleich als eine Form nonverbaler Kommunikation gelten? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich, wenn man den allgemeinen Kommunikationsvorgang genauer betrachtet: In der Kommunikation findet ein Prozess statt, bei welchem Informationen ausgetauscht werden. Und zwar dadurch, dass ein Signal von einem Sender zu einem Empfänger gesendet wird. Bei der Kleidung geschieht tatsächlich eben dieser Vorgang, es findet also ein Kommunikationsprozess statt. Dieser funktioniert folgendermaßen:
Der sich Kleidende (Encodierer) enkodiert eine Information, d.h. er verschlüsselt sie in Kleidungsstücke - oder allgemeiner gefasst in bestimmte Kleidungsmerkmale (Signale). Diese werden vom Kleidungsbotschaften Entschlüsselnden (Decodierer) dekodiert, d.h. der Betrachter deutet und
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interpretiert sie wie ein Übersetzer. Sodass ein Kleidungsmerkmal (das Signal) als eine Nachricht ausgesendet und verstanden werden kann. Kleidung fungiert also als Code.
Doch wird Kleidung auch wissenschaftlich als Teilbereich der nonverbalen Kommunikation akzeptiert? Argyle, einer der führendsten Verhaltensforscher im Gebiet der nonverbalen Kommunikation, schreibt: „Kleidung trägt man aus verschiedenen Gründen, die nichts mit Kommunikation zu tun haben, die aber von manchen Beobachtern dekodiert werden können“ (Argyle, 1979, S. 312). Weiter meint er: „Die äußere Erscheinung wird mit mehr oder weniger Sorgfalt gepflegt, und das hat auf die Vorstellungen und Reaktionen von anderen (und teilweise auch auf den Betreffenden selbst) eine mächtige Wirkung. Insofern kann die äußere Erscheinung auch als ein Teilbereich der nonverbalen Kommunikation angesehen werden“ (ebd., S. 303).
Betrachten wir nun kurz, welche Bereiche die nonverbale Kommunikation überhaupt umfasst und wie sich die Kleidung dort eingliedert. Es gibt unterschiedliche Kommunikationsformen:
¾ Mimik (z.B. Lächeln oder Stirnrunzeln) ¾ Blick (vom Augenflirt bis zur Blickvermeidung) ¾ Gestik (kommentierendes oder informierendes Deuten) ¾ Körperbewegung (z.B. Gang, Zuckungen, Kratzen, Nicken) ¾ Körperhaltung (Aufgerichtetheit und Körperkrümmung oder auch Ver- und Entspannung) ¾ Räumliches Verhalten (das Nähe-Distanz-Verhalten, Körperposition und Zugewandtheit) ¾ Taktile Kommunikation (von sanften Berührungen bis zum Schlagen) ¾ Vokalisierungen wie Betonung, Tonhöhe, Versmaß und Geschwindigkeit der Stimme (Ironie, Schimpfen, Flüstern) ¾ Geruch (Körpergeruch und Parfümierung) ¾ Körperlicher Zustand (z.B. Hautverfärbungen oder Gänsehaut) ¾ Körperliche Erscheinungsweise (Körperbau und Kleidung) (vgl. u.a. Molcho, 2003, S. 74f).
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Da die Kleidung als zweite Haut fungiert, ist sie ein Faktor der äußeren Erscheinung, und diese ist durchaus ein Teilbereich der nonverbalen Kommunikation, wenn sie auch weniger als Kommunikationsform untersucht wurde als die meisten anderen Bereiche.
Bei der vestimentären Kommunikation verlaufen die Mitteilungen über Signale wie Farbe, Form, Textilart, Schnitt, Qualität, Sauberkeit, Verzierung und Muster. Anhand dieser Signale kann man als Sender z.B. die Gepflegtheit und den Auffälligkeitsgrad der Kleidung gestalten (und somit seinen Geschmack, Stil und Werte ausdrücken), und dem Empfänger ist es möglich, diese Signale zu dekodieren (vgl. Payer, 2005, I. 10.4.).
S. Molcho, der bekannte Pantomime und Autor, beschreibt die permanente Präsenz der nonverbalen Kommunikation. „Der Körper ist unfähig, nicht zu kommunizieren“ (Molcho, 2003, S. 16). Dies kann man ebenso auf die Kleidung beziehen. Ständig senden wir über sie Signale aus, selbst die farbloseste, schlichteste und unauffälligste Kleidung ist ein Signal, das vom Gegenüber entsprechend der jeweiligen Situation eingeschätzt werden kann, oder besser gesagt in jedem Fall eingeschätzt wird.
E. Husserl unterscheidet zwischen bewussten Ausdruckssignalen, die zielgerichtet sind und etwas aussagen sollen und unbewussten Zeichen, welche ebenfalls beobachtbare Zeichen sind, mit denen aber nicht beabsichtigt wird, etwas mitzuteilen (vgl. Bonnafont, 1986, S. 43). Das deutlichste Beispiel für ein zielgerichtetes Signal wäre in Bezug auf das Kleidungsverhalten die Blindenzeichen-Binde, welche man als bewusste Botschaft (der Blindheit) trägt. Doch auch eine gezielt gepflegte Kleidung kann ein bewusstes Ausdruckssignal sein, wie z.B. der willkürliche Ausdruck eines hohen Status o.ä.
Ein Beispiel für eine unbewusste Mitteilung wäre folgendes: Jemand kann „seinen sozialen Status durch die Kleidung, die er trägt, mit Erfolg zum Ausdruck bringen, aber verbal diese Kleidung nur als `hübsch´ oder als `angemessen´ bezeichnen“ (Argyle, 1979, S. 16). Wahrscheinlich haben die meisten Menschen keine wirklich bewusst formulierte Vorstellung von dem,
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was sie auf vestimentäre Art kommunizieren. „Sie haben vielleicht gar keine Übersetzung für das Image, das sie darstellen“ (ebd., S. 320).
Die Unterscheidung zwischen gesteuerten und ungesteuerten Signalen ist jedoch immer eine Frage des Maßes, und es kann Zwischenstufen geben (Eine Konkretisierung zu bewussten und unbewussten Kleidersignalen später in Kapitel II.1.6. Parallelität und Bewusstheitsgrad der Kommunikationsbereiche).
Nachdem nun die Kleidung als nonverbale Kommunikationsform dargestellt wurde, und ihr kommunikativer Nutzen feststeht, eröffnet sich jetzt die Frage nach dem Botschaftsinhalt der Kleidersprache. Welche Art der Information vermittelt die Kleidung?
II.1. Die Botschaftsbereiche der Kleidung
„Weniges ist für die massenpsychologische Beurteilung
einer Bevölkerung auf den ersten Blick geeigneter als
die Beobachtung ihrer Kleidung“
Kleidung ist ein wichtiges Element nonverbaler Verständigung. Doch was genau teilt die Kleidung eigentlich über ihren Träger mit?
Sehr flexible nonverbale Kommunikationsarten wie Mimik, Gestik, Körperhaltung etc. kommunizieren hauptsächlich den akuten Zustand und die akute Einstellung einer Person. Bei der Kleidung als Ausdruck scheint dies nicht der Fall zu sein.
Es wäre schwer zu verwirklichen, seine Kleidung im Minutentakt zu wechseln. Meiner Meinung nach ist eben das der Grund dafür, dass Kleidersignale grundsätzlich die latente Haltung des Kleidungsträgers ausdrücken. Das heißt Kleidung transportiert generell weniger spontane, sondern eher allgemeingefasste Mitteilungen über den Träger. Diese wären wiederum mimisch, gestisch oder durch Körperbewegung schwerer weil mühseliger auszudrücken. Ich denke, dass durch die äußere Erscheinungsweise, welche Kleidung und Körperbau umfasst (s.o.), die Art des Gegenübers identifiziert
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wie in keiner anderen nonverbalen Kommunikationsart, da diese sicherlich das Hauptelement des Primacy-Effects (der Effekt des ersten Eindrucks) darstellt (vgl. Aronson, 2004, S.115). Die individuelle Kleidung offenbart die „Spezies“ des Kleidungsträgers, verrät welche „Sorte Mensch“ er ist.
Genauer betrachtet gibt die Kleidung Hinweise über folgende vier Bereiche: ¾ die Gruppenzugehörigkeit ¾ den Status ¾ die Persönlichkeit und ¾ die interpersonale Einstellung (vgl. u.a. Argyle, 1979, S. 304). Diese vier Kommunikationsbereiche der Kleidung möchte ich nun näher beleuchten.
II.1.1. Gruppenzugehörigkeit
Ein gemeinsamer Kleidungsstil suggeriert Zusammengehörigkeit. Kleidung signalisiert die Gruppenzugehörigkeit des Trägers, zum einen über die Vermittlung von Geschlechtsgruppe und Lebensstadium:
¾ Geschlechtsgruppe: Dieser gruppenspezifische Kommunikationsbereich betrifft den vestimentären Ausdruck darüber, ob man männlich oder weiblich ist.
¾ Lebensstadium: Dieser Aspekt umfasst einerseits die Erkenntlichmachung des Alters, z.B. ob man Kind, jugendlich, Erwachsener oder alternd ist. Andererseits umfassen die Lebensstadien auch die Deutlichmachung der Lebenszustände, also der Lebensweise, z.B. ob man Single, verheiratet, Elternteil oder verwitwet ist (vgl. u.a. Payer, 2005, I. 4.3.2.3. & 10.3..3.15). Wir kleiden uns nach Normen, die besagen, dass wir unser Geschlecht und Alter durch unsere Kleidung erkenntlich machen sollen (vgl. Argyle, 1979, S. 310). Beispielsweise gibt es in der westlichen Kultur die unausgesprochene Regel, dass Jugendlichen ein viel breiterer Spielraum in ihrem Modeverhalten gestattet ist als Älteren. Abweichende und verrückte Mode wird bei den Jugendlichen viel eher noch als „normal“ bewertet (vgl. Dollase, 1988, S. 120). Das gleiche gilt für die verschiedenen Geschlechter. Frauen ist in der westlichen Gesellschaft viel mehr Ausdrucksvariation im Modeverhalten
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gestattet als Männern (in Farbe, Form, Textilart und auch in der Abweichung). Bei primitiven Kulturen hingegen ist es, ähnlich wie im Tierreich, oft der Mann, welcher sich dekorativer kleidet (vgl. Argyle, 1979, S. 315). Zum anderen werden weitere Gruppenzugehörigkeiten durch Kleidung kommuniziert:
¾ Kleidung als Ausdruck moralischer oder religiöser Identität ¾ Kleidung als Ausdruck nationaler und ethischer Identität ¾ Kleidung als Ausdruck sonstiger Gruppenidentitäten (wie z.B. Vereinszugehörigkeit, Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe oder Subkultur) (vgl. u.a. Payer, 2005, I. 4.3.2.3.).
Auch zu diesen Bereichen gibt es strikte spezifische Konventionen.
II.1.2. Status
Kleidung signalisiert ebenfalls den Status ihres Trägers über die Vermittlung von der Zugehörigkeit zu:
¾ einer Gesellschaftsschicht (vgl. u.a. Argyle, 1979, S. 310): Die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft. Diese basiert nach Argyle z.T. auf dem beruflichen Status, welche meines Erachtens die Bildungsschicht ebenfalls beinhaltet.
¾ einer Bildungsschicht (vgl. Payer, 2005, I. 4.3.2.3.): Zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Hauptschüler und Abiturient oder Professor und Analphabet.
¾ einem Berufsstand (vgl. u.a. ebd.): Hier gibt es spezielle Kleidungsformen für die verschiedenen Positionen der Berufsgruppen, z.B. von Soldaten, Polizisten oder der Mönche.
Kleidung folgt also auch Normen der Hierarchie, durch welche sich die Zugehörigkeit zu einer Schicht erkennen lässt. Bei diesem Kommunikationsbereich handelt es sich ebenfalls mehr oder weniger um Gruppenzugehörigkeiten, doch weisen diese hier zusätzlich deutliche Hierarchien auf.
Ergänzend ist allerdings zu erwähnen, dass auch andere Gruppen Hierarchiestrukturen aufweisen können, welche ebenfalls durch Kleidung
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erkennbar gemacht werden. Wie beispielsweise bei der religiösen Gruppe der orthodoxen Juden. Bei ihnen handelt es sich in folgendem Beispiel nicht nur um eine Hierarchie-Differenzierung innerhalb des Berufsstandes (z.B. die Bekleidung des Rabbis), sondern es gibt auch eine „Statushierarchie, die darauf beruht, mit welcher Häufigkeit und mit welcher Intensität des religiösen Gefühls die religiösen Vorschriften befolgt werden [also die Kleidung der Gläubigen]. In dieser Hierarchie gibt es sechs verschiedene Stufen, die an der äußeren Erscheinung der Juden zu erkennen sind: An dem Zustand des Bartes und der Löckchen, der Art des Hutes und des Mantels“ (Poll, 1965, S. 45). E. Goffman hat beobachtet, dass manche Menschen allgemein dazu neigen, ihre Gesellschaftsschicht fälschlicherweise gehobener darzustellen als sie wirklich ist. Dies wird jedoch dadurch zu verhindern versucht, dass höhere Gesellschaftsschichten Symbole verwenden, welche schwer vorzutäuschen sind, beispielsweise teure oder seltene Kleidung (vgl. Goffman, 1983, S. 52). Jene Vortäuschung eines gehobenen Status und der Versuch, sich von denjenigen abzugrenzen welche sich tatsächlich in hoher Gesellschaftsschicht befinden, erklärt vielleicht folgende empirischen Befunde von E.A. Kelley: Die Untersuchungen zu den schichtspezifischen Normen sind interessanter Weise unterschiedlich. „Mal ist ein höherer sozioökonomischer Status mit mehr Mode- und Bekleidungsinteresse assoziiert als ein niedriger (Geldfrage?), mal werden zwar Geschlechts- und Rassenunterschiede festgestellt, aber eben kaum Schichtunterschiede“ (Kelley, 1974, S. 167f).
Doch so verwirrend die Befunde zur Encodierung von statusspezifischer Kleidung auch sind, eindeutig ist, dass die Decodierung von Status dagegen sehr leicht zu sein scheint, wie eine Untersuchung von M. Sissons belegt (siehe Bilderseite zur statusspezifischen Kleidung).
Arbeit zitieren:
Graciette Justo, 2005, Kleidung als symbolische Selbstinszenierung, München, GRIN Verlag GmbH
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