Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fäkultät III
Bildungssoziologie – Einführung und aktuelle Fragestellungen
WS 2004/05
Reproduktion sozialer Ungleichheit nach
Pierre Bourdieu und Jean Claude Passeron
von: Christian Wenske und Corinna Pohl
Fachsemester: 3 / 3
Inhalt
1. Einleitung
2. „Die Illusion der Chancengleichheit“
2.1. „Bildungsprivileg und Bildungschancen“
2.2. „Die Aufrechterhaltung der Ordnung“
3. Struktur, Habitus und Praxis
3.1. Die Struktur
3.1.1. Das kulturelle Kapital
3.1.2. Das soziale Kapital
3.2. Habitus und Praxis
4. Die Bedeutung von Bourdieus Konstrukt für Ungleichheitsforschung und Bildungssoziologie
5. Die Konjukturkurve der Bildungssoziologie
6. Reproduktion der Chancenungleichheit im Sinne Bourdieus – eine Überleitung zur aktuellen Bildungsforschung
7. Die Schule als das Instrument der Schichtreproduktion
7.1. Erste Hürde am Übergang zu den weiterführenden Schulen
7.2. Der Einfluss des Lehrers
8. Schule als Verstärker der Schichtreproduktion
8.1. Schichtspezifische Sozialisation
8.2. Schichtspezifisches Wahlverhalten
9. Fazit
10. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Nachdem das Thema der soziale Ungleichverteilung von Bildungschancen nach den Jahren der Bildungsexpansion in Vergessenheit geraten war, wurde durch die PISAStudie (Programme for International Student Assessment) die Diskussion am Ausgang des 20. Jahrhunderts neu belebt, denn in „(...) allen PISA- Teilnehmerstaaten besteht ein Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und erworbenen Kompetenzen. Dieser ist jedoch in keinem Land enger als in Deutschland“ (PISA-Konsortium 2003: 57). Sogar bei identischen Leistungen sind die relativen Chancen eines Kindes aus der Oberschicht ein Gymnasium zu besuchen in Deutschland drei Mal höher als die für ein Kind aus der Arbeiterschicht (ebenda).
Die Aufgabe des ersten Teils dieser Arbeit soll es sein die Mechanismen darzustellen, die Individuen schichtspezifisch verschiedenen Bildungseinrichtungen zuordnen wie sie Pierre Bourdieu und Jean Claude Passeron in den 1960er bis 1980er Jahren anhand der französischen Gesellschaft studierten. Dazu werden zunächst die zwei grundlegenden Forschungsarbeiten der Autoren vorgestellt. Zum ersten „Les Héritiers: Les Étudiants et la Culture“ (im Deutschen: „Bildungsprivileg und Bildungschancen“) eine Arbeit, die bereits 1964 in Frankreich erschien und sich vor allem mit den Ausmaßen der Ungleichheit der Bildungschancen an Universitäten befaßt. Und 2. „La Reproduction: Eléments pour une Théorie du System d’Enseignement” (im Deutschen: „Die Aufrechterhaltung der Ordnung“) von 1970 (Goldschmidt 1971: 8/9). Diese Studie beschäftigt sich mit den Mechanismen der Selektion, ihrer Verschleierung und ihrer Funktion innerhalb der Gesellschaft. Die zweite Studie nimmt viele Thesen und Vermutungen der ersten Arbeit auf, erweitert und belegt diese. In Deutschland wurden beide Arbeiten 1971 gemeinsam vom Max-Planck- Institut für Bildungsforschung unter dem Titel „Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs“ veröffentlicht. Alle statistischen Daten sind den Arbeiten von Bourdieu und Passeron entnommen und beziehen sich daher auf das Frankreich der 1960er und 1970er Jahre. In einem zweiten Schritt wird erläutert werden, welche Schlussfolgerungen Pierre Bourdieu aus seinen Forschungen für die Struktur der Gesellschaft und ihrer Reproduktion gezogen hat.
Der zweite Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der aktuelleren Forschung und ihrer Beziehung zu den Ansätzen von Pierre Bourdieu und Claude Passeron. Anhand verschiedener Studien soll gezeigt werden, in welchen Aspekten der neueren bildungssoziologischen Forschung Bourdieu’sches Gedankengut Eingang gefunden hat und inwiefern es weiterentwickelt wurde.
2. „Die Illusion der Chancengleichheit“
2.1. „Bildungsprivileg und Bildungschancen“
Bourdieu und Passeron verfolgen in ihrer ersten Forschungsarbeit die These, dass das System der Universitäten „das Rückgrat der gesamten sozioökonomischen Klassenstruktur Frankreichs“ (Goldschmidt 1971: 8) ist und deren Existenz sichert. Die Autoren gehen davon aus, dass das soziale System der Gesellschaft der Legitimation durch das Bildungssystem bedarf. Die Bildungseinrichtungen müssen mit dem, was sie lehren die Struktur der Gesellschaft und ihre Mechanismen bestätigen. Das Bildungssystem kann seine relative Freiheit nur dann behaupten, wenn es dieser Aufgabe prinzipiell nachkommt. Somit hat die Schule keine emanzipatorische Wirkung, sondern konserviert die Strukturen der Ungleichheit. Das Bildungssystem sorgt dafür, dass jedes Individuum nur so viel Bildung erfährt, wie es braucht um sich etwa dort zu behaupten wo es herkommt. So werden die Kinder von Akademikern Akademiker und die Kinder von Arbeitern Arbeiter.
Diese These beruht auf der schlichten Feststellung, dass die Schichten, die am stärksten in den Universitäten vertreten sind, die sind, die in der Bevölkerung am schwächsten vertreten sind. Während die relativen Chancen für einen Hochschulbesuch bei Kinder von Landarbeitern bei 1% liegen, sind es bei Kindern von Freiberuflern 80%. Diese relativen Chancen drücken sich in den Zukunft saussichten junger Menschen aus. Schüler empfinden ein Studium entweder als „unerreichbar“, „möglich“ oder sogar als „normal“. Vom Sohn eines Akademikers wird schlichtweg erwartet, dass er studiert, während diese Forderung seltener an den Sohn eines Arbeiters herangetragen wird. (Bourdieu/Passeron 1971) Die ca. 6% von Arbeiterkindern, die sich bis zum Universitätsbesuch durchschlagen, werden dort häufig auf die philosophische Fakultät abgedrängt, deren Fachrichtungen weniger Prestige und Einkommen versprechen als die juristische 1 oder die medizinische Fakultät. Kinder priviligierter Eltern besuchen die philosophische Fakultät, weil sie sich zum Studium verpflichtet, aber nicht weil sie sich dazu berufen fühlen. (ebenda)
„Die Größe der kulturellen Hindernisse, die die Kinder aus unterpriviliegierten Klassen zu überwinden haben, wird bereits daran deutlich, dass noch auf Hochschulebene signifikante Unterschiede im Verhalten und in den Fähigkeiten zwischen Studenten verschiedener sozialer Herkunft bestehen, obwohl sie sämtlich fünfzehn bis zwanzig Jahre lang der homogenisierenden Wirkung der Schule ausgesetzt waren.“ (ebenda: 28) Diese Hindernisse finden ihren Ausdruck in der Dauer des Studiums und auch in der Abbrecherquote. Da nur 14% der Arbeiterkinder währ end des Studiums von ihren Eltern unterstützt werden, sind 36% von ihnen gezwungen neben dem Studium zu arbeiten. Hingegen werden 57% der Söhne und Töchter von Freiberuflern und Führungskadern von ihren Eltern finanziell versorgt, sodass nur 11% einen Job haben. Unter den ältesten Jahrgängen von Studenten finden sich auch aus diesem Grund viele Kinder aus unterpriviligierten Familien. Auch die Quote der Studienabbrecher steigt mit sinkender sozialer Schicht. (ebenda) „Die soziale Ungleichheit wird auf diese Weise durch die legitimierende Autorität der Schule verdoppelt, da sich die unterpriviligierten Klassen ihres Geschicks zu sehr, seiner Mechanismen aber zu wenig bewußt sind und daher selbst zu seiner Erfüllung beitragen.“ (ebenda: 87) Ein Mangel, den Bourdieu und Passeron an den aus unterpriviligierten Schichten stammenden Studenten feststellen konnten, ist sprachlicher Natur. 83% der Kinder von Freiberuflern hatten Latein im Baccalaureat, aber nur 41% der Landarbeiterkinder. Dies ist von Bedeutung, da Schüler, die eine humanistische Bildung – zu der eben auch Lateinunterricht gehört – genossen haben generell erfolgreicher sind, da sie den an Universitäten üblichen institutionellen Sprachcode beherrschen. 2
[...]
1 In Frankreich gehören auch die Wirtschaftswissenschaften zur juristischen Fakultät. Bourdieu/Passeron 1971: 21
2 Schon Basil Bernstein erkannte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dass unsere Herkunft unsere Sprachfähigkeiten beeinflusst. Er unterschied zwischen dem restringierten Code der Unterschicht und dem elaborierten Code der Oberschicht. Bourdieu/Paseron 1971: 33
Arbeit zitieren:
BA Christian Wenske, Corinna Pohl, 2005, Reproduktion sozialer Ungleichheit nach Pierre Bourdieu und Jean Claude Passeron, München, GRIN Verlag GmbH
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