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Hauptseminararbeit, 2002, 35 Seiten
Autor: Nadine Wörner
Fach: Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Details
Institution/Hochschule: Universität zu Köln (Romanisches Institut)
Tags: Borges, Literatur, Historia, Hauptseminar, Spanisch, Borges
Jahr: 2002
Seiten: 35
Note: 2,3
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-13009-7
ISBN (Buch): 978-3-640-25889-5
Dateigröße: 511 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Bei meiner persönlichen ersten Lektüre von Borges' Kurzgeschichte assoziierte ich zunächst unwillkürlich gegensätzliche Begriffspaare, die nicht miteinander vereinbar schienen: das Römische Reich und Germanien, etwas Wildes, Unkultiviertes und etwas Städtisches. Mit dem Abschluss der Lektüre kam meine klare Begriffsgegenüberstellung allerdings in Wanken. Auf welche Seite stelle ich mich? Ist es eine Torheit, dem europäischen Ideal den Rücken zu kehren oder stelle ich mich auf die Seite der blutschlürfenden Engländerin? Nach dem Motto: Zurück in die Wildnis, raus aus der Zivilisation? Kann man überhaupt zwei klare Pole bilden? Was für eine Meinung vertritt Borges? Was hat die Geschichte mit Argentinien zu tun? Eine material- und gedankenreiche Arbeit. Prof. Dr. Wolfram Nitsch, Universität zu Köln, Romanisches Seminar
Textauszug (computergeneriert)
Borges und argentinische Literatur in - Historia del guerrero y de la cautiva -
von Nadine Ebert
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse von Historia del guerrero y de la cautiva
2.1. Struktur als schlüssel zum verstehen literarischer Texte
2.2. Text als abbild eines kulturmodells
2.3. Tradition der Aufteilung des Raums in zivilisation und Barbarei
2.4. Aufteilung des Raums durch eine eindeutige Grenze und ihre überschreitung
2.5. Grenzen und Herausforderungen Der angebotenen Lesweise
3. Schluss
4. Bibliographie
4.1. Texte
4.2. Sekundärliteratur
4.3. Sonstige Literatur
1. EINLEITUNG
Borges scheint Historia del guerrero y de la cautiva mit einem kleinem Verwirrspiel zu beginnen. Aus der Überschrift geht hervor, dass es sich um eine Geschichte handelt, und doch erzählt der Autor zwei Geschichten:
Im ersten Teil erzählt er von dem langobardischen Krieger Droctulft, der bei der Belagerung von Ravenna die Seinen im Stich lässt und in der Verteidigung der Stadt, die er vorher angegriffen hatte, den Tod findet. Auf einer Grabinschrift bekunden die Bewohner Ravennas ihre Dankbarkeit.
In der zweiten Begebenheit erzählt Borges von seiner Großmutter englischer Abstammung, die eines Tages mitten unter Argentiniern eine andere Engländerin kennen lernt. Diese wurde als Kind von Indios gekidnappt und wuchs in der Wildnis auf. Die Großmutter ist entsetzt, zu was für einem barbarischem Leben eine Engländerin hinuntergesunken ist, sie bietet ihre Hilfe an, doch die andere Frau entschließt sich für ein Leben in der Wildnis.
Bei meiner persönlichen ersten Lektüre von Borges′ Kurzgeschichte assoziierte ich zunächst unwillkürlich gegensätzliche Begriffspaare, die nicht miteinander vereinbar schienen: das Römische Reich und Germanien, etwas Wildes, Unkultiviertes und etwas Städtisches.
Mit dem Abschluss der Lektüre, kam meine klare Begriffsgegenüberstellung allerdings ins Wanken. Auf welche Seite stelle ich mich? Ist es eine Torheit, dem europäischen Ideal den Rücken zu kehren oder stelle ich mich auf die Seite der blutschlürfenden Engländerin? Nach dem Motto: Zurück in die Wildnis, raus aus der Zivilisation? Kann man überhaupt zwei klare Pole bilden? Was für eine Meinung vertritt Borges? Was hat die Geschichte mit Argentinien zu tun?
Lässt sich die erste Geschichte noch klar einordnen in traditionelle humanistische Vorstellungen, der Krieger Droctulft gibt seine barbarische Heimat zugunsten der höheren Zivilisation Ravennas auf, so ist das Ende der zweiten Begebenheit nicht so einfach nachzuvollziehen. Die Engländerin wählt das Leben in der Wildnis und nicht die aus humanistischer Sichtweise höhere Zivilisation Englands, bzw. des städtischen Argentiniens.
Borges selbst bietet dem Leser am Ende der Kurzgeschichte eine Wertung der beiden Entscheidungen an:
[...] a los dos los arrebató un ímpetu secreto, un ímpetu más hondo que la razón, y los dos acataron ese ímpetu que no hubieran sabido justificar. Acaso las historias que he referido son una sola historia. El anverso y el reverso de esta moneda son, para Dios, iguales. [ B 61 ]
[Beide hat] ein geheimer Drang fortgerissen, ein Drang, tiefer als die Vernunft, und beide gaben diesem Drang nach, den sie nicht hätten rechtfertigen können. Vielleicht sind die beiden Geschichten, die ich erzählt habe, eine einzige Geschichte. Schauseite und Kehrseite dieser Münze sind für Gott gleich. [ B′ 49 ]
Als argentinischem Schriftsteller war es Borges ein Anliegen, über die Identität seiner Nation zu reflektieren und über die möglichen Konsequenzen dieser argentinischen Identität für die Kultur seines Landes nachzusinnen.
In meiner Arbeit möchte ich eine Lesweise von Historia del guerrero y la cautiva anbieten, die versucht diesem "geheimen Drang", von dem Borges schreibt, nachzuspüren und in der Geschichte einen Versuch Borges′ sieht, seine Vorstellungen über argentinische Literatur und ihre Tradition in einer kurzen Erzählung darzustellen.
Methodisch möchte ich größtenteils strukturanalytisch vorgehen, wobei ich mich auf Die Struktur literarischer Texte Lotmans stütze.
Außerdem halte ich es für wichtig, soziokulturelle und geschichtliche Aspekte zu beachten.
2. Analyse von Historia del guerrero y de la cautiva
2.1. Struktur als Schlüssel zum Verstehen literarischer Texte
Lotman beschäftigt sich in seinem Buch Die Struktur literarischer Texte mit der Frage nach der Notwendigkeit der Kunst, dabei stellt er u.a. die These auf, Kunst als Generator von Sprache zu sehen. Dieser Generator von Sprache leiste der Menschheit einen unersetzlichen Dienst, indem sie einen der kompliziertesten und noch nicht bis ins letzte erforschten Bereiche des menschlichen Wissens versorge.
Interessant finde ich hier, Borges′ Interpretationsansatz seiner Geschichte, die von einem "geheimen Drang" spricht und die eben genannte These Lotmans zusammenzuführen. Unter Geheimem verstehe ich etwas, das über den Bereich des menschlich erforschten Wissens hinausgeht, von dem wir vielleicht eine Ahnung haben, aber wir es nicht genau mit unserem bislang erforschten Wissen erklären können.
Betrachten wir die zwei Seiten der Münze, von denen Borges spricht, mit dem Bereich des menschlichen Wissens, das bereits erforscht ist, dann kann man die zwei Seiten sehr wohl unterscheiden, und sie sind eben nicht gleich. Historia del guerrero y de la cautiva ist gekennzeichnet durch eine seltsame Asymmetrie. Droctulft wechselt von der Barbarei in die Zivilisation über, die Gefangene bewegt sich in entgegengesetzter Richtung. Die Geschichten sind nur in diesem Punkt gleich, dass in beiden eine Grenze überschritten wird, und jemand die Seite wechselt. Balderston bemerkt in seiner kritischen Würdigung zu Borges′ Geschichte, dass für Gott vielleicht beide Erzählungen gleich sind, für uns allerdings, im Hier und Jetzt, die Gegensätze von Zivilisation und Wildnis, gut und böse, sauber und dreckig sehr wohl eine Bedeutung haben.
Die Frage ist nun, in wie weit dieser Generator, von dem Lotman spricht, in unserem Fall der künstlerische Text, eine Übersetzung liefert, die verständlich ist. Lotmans Ansatz geht vor allem den Fragen nach, wie sich ein künstlerischer Text zum Träger eines bestimmten Gedankens, einer Idee verhält und in was für einer Beziehung die Textstruktur zur Struktur einer solchen Idee steht.
[...]
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