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Der Adornosche Satz „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch“ 1 hat eine breite Diskussion ausgelöst, in der sich AutorInnen und PhilosophInnen mit der Frage auseinandersetzen, ob eine literarische Formgebung für den Holocaust radikal zu verwerfen sei. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass jedwede Literatur nicht nur über den Inhalt, sondern auch über „ihre nicht- kontingente interpretierbare Struktur und über die sprachliche Matrix (...) Ordnung aufweist“ 2 und so der behandelten Materie einen Sinn gibt. So würde eine Literatur über den Holocaust auch diesem einen Sinn suggerieren, was unbedingt zu vermeiden sei. Daher stellt sich nun die Frage, ob es möglich ist, die Rekonstruktion des Grauens und die literarische Sinnerfahrung in eine Spannung zu bringen, und so „Formen der Sinnzerstörung“ 3 zu schaffen, die die Erinnerung an den Holocaust sichern, ohne ihm einen Sinn zu geben.
Mit dieser Frage werde ich mich im Folgenden beschäftigen, indem ich zunächst aufzeige welche literarischen Darstellungsformen des Holocaust und welche daran gebundenen Bedingungen und Ziele diskutiert werden. Anschließend werde ich allgemeine Merkmale von Holocaustliteratur vorstellen.
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AutorInnen, die den Holocaust zu ihrem Thema machen, müssen sich zunächst mit der Frage der Darstellungsform auseinandersetzen. Hierfür ist es notwendig, dass AutorInnen sich zuvor bewusst machen, welchen Bedingungen und Kriterien ihr Schreiben unterliegen soll und welche Intention ihr Werk haben soll, da dies Bewusstsein die Voraussetzung für die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Darstellungsform darstellt.
1 Rolf Tiedemann u.a. (Hg.), Theodor W. Adorno. Gesammelte Schriften in zwanzig Bänden,
Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1970- 86, Bd. 10/1: .XOWXUNULWLNXQG*HVHOOVFKDIW I, 1977, 30
2 Judith Klein, /LWHUDWXUXQG*HQR]LG, Böhlau- Verlag, Wien - Köln - Weimar, 1992, 45 (im
Folgenden abgekürzt: LuG)
3 Ebd.
4
In der breiten Diskussion um Bedingungen für ein Schreiben über den Holocaust hat sich eine deutliche und mehrheitliche Position herauskristallisiert, die verlangt, dass AutorInnen „sich der Kohärenz und dem Sinn widersetzen (müssen), wollen sie nicht Leiden überhöhen oder verharmlosen.“ 4 Ziel der Holocaustliteratur müsse zudem die Sicherung der Erinnerung an das Grauen sein.
Abgesehen von diesen beiden von der Mehrheit befürworteten Voraussetzungen des Schreibens herrscht allerdings Uneinigkeit über die Bestimmung weiterer Kriterien.
Um einen Einblick in die Vielfalt dieser Positionen zu gewinnen, sollen im Folgenden unterschiedliche Darstellungsformen und die damit verbundenen Bedingungen, Kriterien und Intentionen des Schreibens vorgestellt werden.
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Reinhard Baumgart vertritt die Ansicht, dass „Die Prosa (...) so nah und unfertig an das Entsetzen herankommen, so tatsächlich sprechen (muss) wie die Dokumente selbst.“ 6 In diesem Sinne kommt auch Alfons Söllner zu dem Schluss, dass der Holocaust einer mimetischen Darstellung bedürfe. Besonders betont er die Notwendigkeit der Übernahme der Sprache der Lager. 7 Einige AutorInnen wie George Steiner sehen die einzige mögliche Darstellungsform in einer sprachlichen und visuellen Dokumentation, einer „faktengetreuen Analyse“ des Ereignisses ausschließlich von denen, die als Verfolgte „dabei waren“: diese fänden „schon das rechte Wort um zu sagen was sie zu sagen haben.“ 8
Für eine solche Darstellung spricht sicherlich, dass die Gefahr einer Verfälschung der Tatsachen nicht bestünde. Hannah Arendt gibt jedoch zu bedenken, dass es dokumentarischen Berichten von Überlebenden bisher nicht gelungen sei, „die Menschheit zu erschüttern und ihre Empörung oder
4 a.a.O., 40
5 a.a.O., 45
6 Reinhard Baumgart, 8QPHQVFKOLFKNHLWEHVFKUHLEHQ (1965), in: ders., Literatur für
Zeitgenossen. Essays, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1966, 22
7 vgl. Raoul Hilberg/ Alfons Söllner, 'DV6FKZHLJHQ]XP6SUHFKHQEULQJHQhEHU.RQWLQXLWlW
XQG'LVNRQWLQXLWlWLQGHU+RORFDXVWIRUVFKXQJ, in. Merkur, Nr. 7, 1988, 545ff
8 George Steiner, 3RVWVFULSWXP (1966b), in: ders., Sprache und Schweigen. Essays über
Sprache, Literatur und das Unmenschliche, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1969, 168
5
Arbeit zitieren:
Sarah von Oettingen, 2002, Literatur und Holocaust: Wie kann der Holocaust literarisch dargestellt werden?, München, GRIN Verlag GmbH
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