1. Einleitung
Ziel dieser Arbeit soll es sein, das Phänomen der Sekten und Psychokulte im Blickwinkel der deutschsprachigen Jugendliteratur zu betrachten. Vor allem soll der Frage nachgegangen werden, was gerade Jugendliche an diesen Gruppen fasziniert. Dabei bietet sich auch die Möglichkeit, die Fächer Deutsch und Politische Bildung miteinander zu verbinden. Sachbücher für Jugendliche werden außer Acht gelassen. Stattdessen werden nur Romane und Erzählungen zum Thema heran gezogen.
Trotz intensiver Internetrecherche, Kontaktaufnahme zur Jugendbuchforschung, Sektenberatungsstellen und Datenbankensuche in deutschen Bibliotheken findet sich nur sehr wenig Sekundärliteratur zu diesem Thema. Zwar haben sich schon einige Autoren mit Religiosität in Jugendbüchern beschäftigt, aber diese beziehen sich fast ausschließlich auf christliche Texte oder Bücher mit jüdischem Hintergrund. Sekten und Psychogruppen scheint man also nicht als Religionen zu verstehen. Die wenigen Texte, die sich dem Thema Sekten in der Jugendliteratur widmen, sind lediglich Rezensionen in Fachzeitschriften für Kinder- und Jugendmedien, wie zum Beispiel Dirk Vollmer. Er bespricht ein Jugendsachbuch zum Thema Scientology und Caspar von Posers Roman „Vom Teufel besessen“. Diesen hält er für die pädagogische Aufklärungsarbeit und als Lektüre für Eltern geeignet, da er auf die Gefahren solcher Kulte hinweise und die Methoden solcher Sekten plastisch vor Augen führe. 1 Umfassender beschäftigt sich Susanne Martin mit dem Problem. Ihr Schwerpunkt liegt aber eher bei okkulten Praktiken. Sie ist erstaunt darüber, dass dieses Thema in der Kinder- und Jugendliteratur trotz gesellschaftlicher Relevanz so selten aufgegriffen werde. 2 Allerdings sind seit dem sieben Jahre vergangen. Mittlerweile ließen sich gut 30 Titel im deutschsprachigen Raum finden, die sich auf unterschiedlichste Weise mit dem Thema beschäftigen. Alexandra Rak hat in ihrer Arbeit ebenfalls ihren Schwerpunkt auf okkulte Themen gelegt und geht vor allem auf Literatur ein, die sich mit dem Thema Okkultismus außerhalb von Sekten beschäftigt - sei es in Form der Parapsychologie, anderer Phänomene, wie Wahrsagerei und Hexerei sowie anderer magischer
1 Vgl.: Dirk Vollmer: Gehirnwäsche im Schleudergang. IN: Bulletin Jugend- und Literatur, 4/94.
S. 18
2 Vgl.: Susanne Martin: Sekten, religiöse Sondergruppen, Okkultismus, Weltanschauungen als
Thema von erzählender Kinder- und Jugendliteratur. IN: schulbibliothek aktuell, 1/95. S. 83-96
2
Elemente in phantastischen Romanen. 3 Auf Sekten wird hier nur eingegangen, wenn sie Kanal okkulter Handlungen sind.
In dieser Arbeit soll zuerst auf die verschiedenen Genres eingegangen werden, mit denen den jungen Lesern das Thema Sekten näher gebracht werden soll. Danach gilt es heraus zu finden, ob es sich in den verwendeten Jugendbüchern wirklich um Sekten handelt. Das geschieht anhand verschiedener Textbeispiele und einer Checkliste zum Thema Sekten, die von den Sektenbeauftragten und Kultusministerien der Bundesländer heraus gegeben wurde. Es schließt sich ein Versuch an, die Gruppen, die in den einzelnen Büchern beschrieben werden, zu typologisieren und anhand von Textbeispielen Unterschiede und Gemeinsamkeiten festzustellen.
Da von den Medien, Pädagogen, Psychologen und Sozialwissenschaftlern immer wieder darauf hingewiesen wird, dass vor allem Jugendliche für Sekten und okkulte Praktiken zu begeistern seien, sollen die Hauptpersonen verschiedener Bücher charakterisiert werden, um zu zeigen, was Jugendliche an solchen Gruppen so fasziniert und wie eine „Karriere“ in einer Sekte aussehen kann. Dazu gehören auch die Schwierigkeit des Ausstiegs aus einer Sekte und die seelischen Folgen solch einer Abhängigkeit.
Nicht zuletzt soll es um die Frage gehen, ob man mit Jugendbüchern zum Thema „Sekten und Psychokulte“ junge Leser detailliert und distanziert über Sekten aufklären kann, damit sie den Mechanismus solcher Gruppen begreifen und erkennen können, wo die ihre Gefahren liegen, ohne diese zu verteufeln, zu bagatellisieren oder zu pauschalisieren.
Anschließend findet sich eine, für eine Hausarbeit etwas ungewöhnliche, Literaturliste. Da es in dieser Arbeit um Jugendbücher zum Thema Sekten geht, wird in dieser, so weit es geht, neben der Nennung von Titel, Autor und Verlag ein Überblick über den Inhalt und deren Beitrag zur Aufklärung über Sekten gegeben.
3 Vgl.: Alexandra Rak: Okkultes und Okkultismus in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegen-
wart IN: Mitteilungen des Instituts für Jugendbuchforschung, 2 /94. S. 28-32
3
2. Sekten und Psychokulte in der erzählenden Jugendliteratur
2.1 Die verschiedenen Genres
Susanne Martin spricht in Bezug auf die Darstellungsform des Themas Okkultismus von einer „Gratwanderung zwischen pädagogisierender Warngeschichte, Abenteuergeschichte, Aufklärung über Strukturen und Ziele der Sekten und Abwehrstrategien.“ 4
Als Entwicklungsromane könnte man fast alle Jugendbücher zum Thema Sekten bezeichnen, denn sie zeigen deutlich die Wesensveränderung der Hauptpersonen durch den Einfluss der okkulten Gruppen und vor allem die Werte-wandlungen, die in den Jugendlichen von statten gehen. Das wird besonders in den Romanen „Die Fliegen des Beelzebub“ von Ralf Thenior und Iben Melbyes „Munie“ deutlich.
In „Die Fliegen des Beelzebub“ heißt es zum Beispiel: „[...] Als ich in die Stadt kam, war ich allein gewesen und hatte mich schlecht gefühlt. Doch jetzt begann ich mich fast um dieses Gefühl zu beneiden. Damals - das war erst vor ein paar Tagen und schien so weit weg - war wenigstens noch alles überschaubar gewesen. Die Stadt war die Stadt. Unser Haus war unser Haus. [...] Die Welt, in der ich lebte, war klar und eindeutig. Nun bewegte ich mich in einem unüberschaubaren Gelände unter einem schwarzem Himmel, an dem schemenhafte Gesichter erschienen und mich beobachteten. Die Existenz der Geister, die Macht des Bösem - ich wollte sie nicht wahrhaben und spürte doch, wie sie mein Leben ergriffen hatten und es nach ihrem Willen lenkten. [...]“ 5 Die Berührung mit einer Sekte ist für die meisten Jugendlichen ein einschneidendes Erlebnis - egal ob sie selbst Mitglied sind, wie Esther in „Esthers Angst“ von Irma Krauß, oder es erst werden, wie Sarah in „Süchtig nach Satan“ von Karlhans Frank, oder ob sie einem anderen helfen wollen, der Sekte zu entfliehen, wie Anja, die Freundin von Michael, der sich in „Munie“ der Mun-Sekte angeschlossen hat.
Einige Titel, wie „Das eiskalte Paradies“ von Jana Frey oder Carlo Ross „Michael im Teufelskreis“, sind zudem dokumentarisch aufgemacht. Die Jugendlichen erzählen selbst über ihre Erfahrungen und Gefühle. Vor allem Jana Frey
4 Susanne Martin, S. 83.
5 Ralf Thenior: Die Fliegen des Beelzebub. Ravensburg, 1995. S. 89f.
4
weist ausdrücklich darauf hin, dass ihre Geschichte wirklich passiert ist und sie lange Interviews mit der wirklichen Hannah - der Hauptperson dieses Buchesgeführt hat.
Andere Titel wiederum, wie „Der schwarze Schmetterling“ von Judith Schuhmacher oder „Die Sekte Satans“ und „Die Bettelmönche von Atlantis“ aus der TKKG-Reihe von Stefan Wolf, sind Kriminalgeschichten, in denen der Leser erst nach und nach erfährt, dass es sich hier um eine Sekte handelt. Bei den TKKG-Büchern geht es in erster Linie nicht um den Einfluss, den eine Sekte auf ein Individuum haben kann und was es für es selbst bedeutet, sondern um die Aktivitäten der Gruppe nach außen und ihre kriminellen Handlungen, wie die Entführung mehrerer Tiere und eines Menschen in „Die Sekte Satans“.
2.2 Merkmale einer Sekte und ihre Beispiele im Jugendbuch Oft werden in den Jugendbüchern fiktive Sekten vorgestellt, wie zum Beispiel die „Tempelsekte“ in „Niemand darf dich hören“ von Robin Klein oder die „Fischer der Menschen“ in „Sie sind die Antwort auf alles“ von Margaret Peterson Haddix, um an ihnen die Charaktere religiöser und pseudoreligiöser Gruppen zu zeigen. Doch es gibt auch einige Bücher, die sich zum Beispiel mit real existierenden Sekten, wie den Zeugen Jehovas oder der Mun-Sekte, auseinander setzen.
Susanne Martin macht folgende Merkmale von Sekten fest, die sie in Jugendbüchern entdecken konnte:
• „der eigenwillige Umgang mit der Bibel, zu der oft Zusatzbücher geschrieben werden, die letztlich an die Stelle der Bibel treten“ 6 So zitiert zum Beispiel Esther in „Esthers Angst“ von Irma Krauß oft Bibelzitate, die aber der christlich erzogene Gilbert ganz anders interpretiert. Außerdem hat Gilbert herausgefunden: „Ihr habt eine eigene Bibelübersetzung hergestellt und 237-mal den Namen Jehova eingefügt, wo er im Urtext nicht steht.“ 7 So wird der Bibeltext auf die Lehre Jehovas abgestimmt.
• „die unbedingte Opferbereitschaft und der völlige Gehorsam der Mitglieder gegenüber den Glaubensinhalten und den Lehrenden
6 Susanne Martin, S. 84.
7 Irma Krauß: Esthers Angst. München, 1997. S. 201.
5
• der radikale Einsatz für die eigene Lehre und die Anwerbung neuer Mitglieder
• oft eine finanzielle Ausbeutung der Mitglieder
• politisch reaktionäre Züge“ 8
Auch die Sektenbeauftragten und Kultusministerien haben im Internet eine „Checkliste für unbekannte Gruppen“ 9 aufgestellt, an der man erkennen kann, ob es sich bei einer unbekannten Gruppe um eine Sekte handeln könnte. An-hand der wichtigsten Punkte dieser Checkliste wird untersucht, ob es sich in den vorgestellten Jugendbüchern um Sekten handelt. Der erste Punkt dieser Checkliste heißt:
„Bei der Gruppe findest du exakt das, was du bisher vergeblich gesucht hast. Sie weiß erstaunlich genau, was dir fehlt.“
So geht es auch Michael in „Munie“. Dort wird beschrieben, dass „er Werte ge-funden hatte, die er nirgendwo sonst entdecken konnte und die er nicht aufgeben wollte. [...], er hatte etwas viel Größeres gefunden, den Sinn seines Lebens, der Welt, und vor allem den Glauben an Gottes Existenz und ein besseres Verständnis seiner Beziehung zu Gott.“ 10 Hier werden auch zwei weitere Punkte deutlich, an denen man Sekten erkennen kann:
„Schon der erste Kontakt eröffnet dir eine völlig neue Sicht der Dinge“ und „Das Weltbild der Gruppe ist verblüffend einfach und erklärt jedes Problem“. So schreibt Michael seiner Freundin Anja in „Munie“ in einem Brief: „Die Ideen, die dahinter stehen [hinter der Mun-Sekte - Anmerkung der Verfasserin], sind sehr logisch und einleuchtend und stellen alles in einen größeren Zusammenhang. Es ist ein ganz neues Verständnis. Eine neue Wahrheit.“ 11 Auch ein anderes Mitglied der Mun-Sekte berichtet, warum sie so begeistert von der Gruppe ist: „Alles hat einen Zusammenhang, alles lässt sich erklären. Die Prinzipien sind so logisch und geben auf alles eine Antwort.“ 12 Der Titel von Margaret Peterson Haddix „Sie sind die Antwort auf alles“ lässt ebenfalls das Weltbild einer Sekte deutlich werden.
Ein weiteres Kriterium wird wie folgt beschrieben:
8 Susanne Martin,. S. 84.
9 EKD-Sektenbeauftragte und Kultusministerien: Sekten Checkliste für unbekannte Gruppen.
IN: http://www.ebi-sachsen.de/sekten/checkliste.html (15.03.2002)
10 Iben Melbye: Munie. Aarau, 1990. S. 64.
11 Ebenda, S. 63.
12 Ebenda, S. 141.
6
„Die Gruppe hat einen Meister, ein Medium, einen Führer oder Guru, der allein im Besitz der ganzen Wahrheit ist.“
Davon gibt es in den Darstellungen in der Jugendliteratur viele: In „Munie“ sind es San Myung Mun, „der Messias und Gottes Vertreter auf Erden“ 13 und seine Frau, die von den Mitgliedern der Sekte als die „wahren Eltern“ 14 bezeichnet werden. Bei den Zeugen Jehovas in „Das eiskalte Paradies“ ist es Jehova, vertreten durch durch die „Brüder“, die das Bibelstudium und die Gottesdienste leiten und bei den Satanisten, wie in Nortrud Boge-Erlis Roman „Satans rote Augen“ oder „Der Teufel kommt nach Köbberswil“ von Barbara Büchner, ist es Satan. Auch das Erkennungsmerkmal
„Die Lehre der Gruppe gilt als einzig echtes, ewig wahrendes Wissen. Die etablierte Wissenschaft, das rationale Denken, der Verstand werden als Verkopfung, als negativ, satanisch oder unerleuchtet abgelehnt.“ lässt sich nachweisen. Es wird deutlich, als der Lehrer einer ominösen Kunstakademie in „Der schwarze Schmetterling“ zu seinen Schülern sagt: „Verkopfte Klugscheißer, die alles kleindiskutieren und erklären wollen, kann ich nicht brauchen. Ihr geht am besten gleich.“ 15 Auch Anja, die sich in „Munie“ auf den Weg macht, um ihren Freund Michael in der Mun-Sekte zu besuchen, wird als arrogant gerügt, weil sie sich nicht ohne viele Fragen den Überzeugungen der Sekte anschließen will. 16 Kritische Fragen sind nicht gern gesehen. Als eine junge Frau besonders viele Fragen stellt, wird Michael gesagt: „Du hast einiges an Arbeit vor dir. [...] Du musst sie dazu bringen mit ihren Fragen zu warten, bis sie in deiner Gruppe ist und du sie lenken kannst.“, damit sie es schafft, „ihre egoistischen Träume und Gedanken aufzugeben und im Lager zu bleiben“. 17 „Zweifel und Kritik werden als Arroganz und Mangel an Liebe gedeutet.“ 18 Den Punkt
„Die Welt treibt auf eine Katastrophe zu, und nur die Gruppe weiß, wie man die Welt retten kann.“
13 Iben Melbye, S. 250.
14 Ebenda, S. 13.
15 Judith Schumacher: Der schwarze Schmetterling. Düsseldorf, 1998. S. 73.
16 Iben Melbye, S. 206.
17 Ebenda, S. 96.
18 Ebenda, S. 281.
7
findet man beispielsweise bei den Zeugen Jehovas in „Das eiskalte Paradies“ oder der Tempelsekte in „Niemand darf dich hören“. Da erklärt die Tante von Frances ihr, warum sie ihr Haus nicht mehr verlassen dürfen: „Und im Krieg, wenn alles andere zerstört wird, bleibt dieses Haus verschont, weil es zum Tempel gehört und dem Schutz Gottes untersteht.“ 19 Auch ihre Stiefschwester ist davon überzeugt: „Der Krieg ist nicht zu verhindern. Und alle Leute da draußen werden sterben.“ 20
„Deine Gruppe ist die Elite und die übrige Menschheit ist krank und verlorensolange sie nicht mitmacht beziehungsweise sich retten lässt.“ Hannah in „Das eiskalte Paradies“ bekommt zum Beispiel folgende warnende Worte von ihrer Stiefmutter zu hören: „Hannah, Harmagedon wird kommen“ [...] „Gott wird dich töten, wenn die Endschlacht kommt.“ [...] Du weißt, Hannah, wer kein Zeuge Jehovas ist, ist kein Christ. [...] Und wer keine Christ ist, [...] der hat kein Recht zu leben.“ 21
„Die Gruppe grenzt sich von der übrigen Welt ab, etwa durch Kleidung, Ernäh-rungsvorschriften, eine eigene Sprache, strenge Reglementierung zwischenmenschlicher Beziehungen.“
Deshalb darf Hannah nie an Klassenfahrten teilnehmen und Frances in „Nie-mand darf dich hören“ darf überhaupt nicht mehr das Haus verlassen. Gilbert in „Esthers Angst“ wundert sich zum Beispiel über Esther: „Mensch, ich hab Esther noch nie, noch nicht ein einziges Mal, auf einer Fete oder sonst wo getroffen, noch nicht mal auf der Straße! Fällt sie jeden Morgen vom Mond ins Klassenzimmer?“ 22
„Die Gruppe will, dass du alle „alten“ Beziehungen abbrichst, weil sie deine Entwicklung behindern.“
So wird Michael in „Munie“ immer wieder geraten, seine Beziehung zu den kritischen Eltern abzubrechen, denn „es gibt auch Kinder, die keinen Kontakt zu ihren Eltern haben wollen, weil sie die ewigen Vorwürfe satt haben.“ 23 Frances in „Niemand darf dich hören“ wird der Umgang mit ihrer alten Freundin ganz und gar verboten.
Ein weiteres Kriterium zum Erkennen einer Sekte heißt in der Checkliste:
19 Robin Klein: Niemand darf dich hören. Würzburg, 1996. S. 65.
20 Ebenda, S. 135.
21 Jana Frey: Das eiskalte Paradies. Bandlach, 2000. S. 118f.
22 Irma Krauß, S. 8.
23 Iben Melbye, S. 187.
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„Dein Sexualverhalten wird dir exakt vorgeschrieben, etwa Partnerwahl durch die Leitung, Gruppensex oder auch totale Enthaltsamkeit.“ So ergeht es auch Michael, der sich der Mun-Sekte anschließt. Die Beziehung zu seiner Freundin wird als satanisch und auf Sex bezogen abgestempelt. Als er an Anja zurück denken muss und an seine Erlebnisse mit ihr, betet er: „Vergib mir, himmlischer Vater, nimm Satan von mir. Ich habe gedacht, ich wäre frei davon.“ 24 Denn in der Mun-Sekte ist es üblich, dass man erst einen Partner zugeteilt bekommt, wenn man „reif“ dafür ist. Auch Hannah, darf Gefühle wie Liebe nicht hegen und bekommt deshalb große Gewissensbisse, als sie sich in ihren Klassenkameraden Paul verliebt. 25 In „Süchtig nach Satan“ dagegen, wird das Mädchen Sarah zum Sex mit einem Mitglied vor der ganzen Gruppe gedrängt. 26
„Die Gruppe füllt Deine gesamte Zeit mit Aufgaben: Verkauf von Büchern oder Zeitungen, Werben neuer Mitglieder, Besuch von Kursen, Meditation...“ Hannah muss in dem Roman „Das eiskalte Paradies“ regelmäßig zum Predigtdienst und zur Hausverkündung. Auch wenn es ihr einmal nicht so gut geht, muss sie daran teilnehmen. „Ich machte meine Schularbeiten, nahm an den gemeinsamen Mahlzeiten teil, ging zu den Versammlungen und in den Predigtdienst, womit meine Tage vollständig ausgefüllt waren,“ 27 erzählt uns Esther, die ebenfalls Zeugin Jehovas ist. Michael in „Munie“ verpflichtet sich zum Fundraising, bei dem er zum Beispiel selbst leuchtende Bildchen, Tee oder Blumen verkauft, um Geld für die Organisation zu beschaffen. Oft wissen die Mitglieder aber nicht genau, wofür das viele Geld wirklich verwendet wird. Außerdem ist eine wichtige Aufgabe der Munies das Witnessing, bei dem sie vor allem auf der Straße und in Universitäten Muns Lehre verbreiten und Mitglieder werben sollen. Nicht zu vergessen sind die vielen Seminare, die zum Beispiel die „Färber“ in „Der schwarze Schmetterling“ anbieten oder die Kurse, mit denen die Munies neue Mitglieder werben.
„Es ist schwer allein zu sein - jemand aus der Gruppe ist immer dabei,“ ist ein weiterer Punkt dieser Checkliste. Als Frances fragt, ob sie in den Garten gehen kann, antwortet ihre Stiefschwester Rosgrana: „Nicht allein, [...] Ich
24 Iben Melbye, S. 27.
25 Jana Frey,. S. 39.
26 Karlhans Frank: Süchtig nach Satan. Reinbek, 1997. S. 77f.
27 Irma Krauß, S. 192.
9
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Katja Sass, 2002, Sekten und Psychokulte in der erzählenden Jugendliteratur, München, GRIN Verlag GmbH
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