Inhalt
I Einleitung 1
II Hauptteil
1. Gehlens Anthropologie 2
1.1 Abgrenzung zu Max Scheler 2
1.2 Das Mängelwesen Mensch 3
1.3 Der Mensch als handelndes Kulturwesen 5
1.4 Das menschliche Triebleben 6
1.5 Das Entlastungsprinzip 8
1.6 Die Entlastungsfunktion der Sprache 10
1.7 Automatismen und Gewohnheiten 11
2. Institutionen 13
2.1 Die Verselbständigung der Gewohnheiten 14
2.2 Die Trennung des Motivs vom Zweck 15
2.3 Die Verselbständigung der Institutionen 16
2.4 Stabilisierung und Entlastung durch Institutionen 18
2.5 Ideen und Institutionen 19
III Fazit 21
IV Literaturverzeichnis 22
Einleitung
Das Schlagwort vom Menschen als dem „Mängelwesen“ hat eine außerordentliche Bekannt- heit erlangt. Vielen ist jedoch nicht bewusst, dass Gehlen diesen Begriff nicht als Substanz- begriff versteht. Es scheint ja auch höchst fraglich, ob man ein dermaßen erfolgreiches Lebe- wesen wie den Menschen ausschließlich als „Mängelwesen“ bestimmen kann. Gehlen möchte mit diesem Begriff vielmehr folgendes erreichen: „>Man setzt den Menschen fiktiv als Tier, um dann zu finden, daß er als solches höchst unvollkommen und sogar unmöglich ist.<“ 1 Gehlen möchte also die biologische Sonderstellung des Menschen deutlich machen, indem er zeigt, dass der Mensch als Tier nicht lebensfähig wäre. Um seine Existenz zu sichern, muss der Mensch daher eine Vielzahl von Kompensationsleistungen erbringen. Diese weist Gehlen in allen Facetten des menschlichen Lebens nach und fasst sie mit dem Begriff der „Ent- lastung“ zusammen. Der Begriff der „Handlung“ ist ebenfalls ein zentraler Strukturbegriff in Gehlens Werk. Mit der fundamentalen Bestimmung des Menschen als eines „handelnden Wesens“ möchte Gehlen zum einen jeden Leib-Seele oder Körper-Geist-Dualismus im Ansatz vermeiden, zum anderen möchte er damit deutlich machen, dass der Mensch sein Überleben nur durch selbsttätige Umgestaltung und aktive Veränderung der ihn umgebenen Natur sicher- stellen kann. Das Resultat der menschlichen Tätigkeit ist der Sphäre der Kultur. Im ersten Teil meiner Arbeit möchte ich mich Gehlens Mängelwesenthese zuwenden. Ich werde alle zentralen Begriffe ausführlich darstellen und erklären. Lediglich Gehlens Aus- führungen zur menschlichen Sprache und ihrer Entlastungsfunktion werde ich aus Platz- gründen nur stark verkürzt darstellen können. Der zweite Teil dieser Arbeit befasst sich mit Gehlens Institutionenlehre. „Kulturanthropologisch arbeitet Gehlen heraus, daß jede Kultur aus der Vielzahl möglicher menschlicher Verhaltensweisen bestimmte als gesellschaftlich sanktionierte Muster verbindlich festlegt: die Institutionen.“ 2 Wozu aber existieren Institutio- nen? Warum legt sich der Mensch das Joch der Zivilisation auf? Warum unterwirft er sich äußeren Gesetzen? Gehlen beantwortet diese Fragen, indem er darauf verweist, dass ein derart „riskiertes“ und „nicht festgestelltes“ Wesen wie der Mensch die Institutionen braucht, um sein Verhalten zu stabilisieren und seine Existenz zu stützen. Das Bestehen der Institutionen leitet Gehlen also direkt aus der Natur des Menschen ab. Diesem Gedankengang möchte ich beschreibend folgen.
1 Gehlen, Arnold: Der Mensch, 13. Aufl., Wiesbaden 1986, S.20.
2 Speck, Josef (Hg.): Grundprobleme der großen Philosophen. Philosophie der Gegenwart II, 3. Aufl., Göttingen 1991, S. 273.
1
1 Gehlens Anthropologie
1.1 Abgrenzung zu Max Scheler
Max Scheler versuchte in seinem Werk „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ den Men- schen als Gipfelpunkt eines Stufenschemas der belebten Natur zu beschreiben. Er unterschied dabei vier Schichten der psychischen Kräfte in der organischen Natur: den ekstatischen Ge- fühlsdrang, den Instinkt, das assoziative Gedächtnis und die praktische Intelligenz. Da er je- doch neben dem Menschen auch anderen hoch entwickelten Säugetieren – insbesondere den Primaten – die Stufe der praktischen Intelligenz zuschrieb, bedurfte es einer gesonderten Ka- tegorie, um den Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier hervorzuheben. Mit der meta- physischen Kategorie des Geistes, als eines dem Leben völlig entgegengesetzten und von al- lem Organischen entbundenen Prinzips, grenzte Scheler den Menschen von allem tierischen Leben ab 3 .
Gehlen hingegen lehnt sowohl ein Stufenschema der Natur als auch die Kategorie des Geistes zur Unterscheidung zwischen Mensch und Tier ab. Die Vorstellung, es gebe „in der Natur niedere Instinktwesen, etwas höhere Gewohnheits- und Gedächtnistiere, noch höhere mit praktischer Intelligenz, und ... der Mensch [vereinige] alle diese Welten in sich, sie noch krö- nend mit seinem menschlichen Geist, ... muß erkannt und verworfen werden, weil .. [sie] das Verhältnis von Mensch und Tier von vornherein falsch bestimmt.“ 4 Gehlen versucht, den Unterschied zwischen Mensch und Tier aus einem Strukturgesetz heraus zu erklären, nach dem zu den tierischen Voraussetzungen des Lebens beim Menschen nicht einfach noch der Geist dazutritt. Vielmehr möchte er deutlich machen, dass alle menschlichen Funktionen und Leistungen in ihren Verlaufsformen von denen der Tiere grundsätzlich verschieden sind. Die- ses alle menschlichen Leistungen durchdringende Strukturgesetz bündelt Gehlen in der For- mel vom Menschen als dem „handelnden Wesen“. Für ihn ist „ein physisch so verfaßtes We- sen [wie der Mensch] .. nur als handelndes lebensfähig; und damit ist das Aufbaugesetz aller menschlichen Vollzüge, von den somatischen bis zu den geistigen, gegeben.“ 5 3 Vgl.: Scheler, Max: Der Mensch als mikrokosmischer Repräsentant des Ganzen, in: Ders.: Schriften zur Anthropologie, hrsg. von Martin Arndt, Stuttgart 1994, S.126-217, S. 158.
4 Gehlen: Der Mensch, S.23.
5 Ebd.
2
1.2 Das „Mängelwesen“ Mensch
Was bedeutet es nun, dass Gehlen die Handlung als das wesentliche Merkmal des Menschen begreift und ihm seine Lebensfähigkeit nur durch die Fähigkeit zum Handeln zuspricht? Um dies hinreichend erklären zu können, bedarf es der Beleuchtung des von Herder stammenden und von Gehlen geprägten Begriffs des „Mängelwesens“.
Der Mensch-Tier-Vergleich lässt Gehlen zu der Einsicht gelangen, dass sich der Mensch phy- sisch-morphologisch „im Gegensatz zu allen höheren Säugern hauptsächlich durch Mängel bestimmt, die jeweils im exakt biologischen Sinne als Unangepaßtheiten, Unspezialisiert- heiten, als Primitivismen, d.h. als Unentwickeltes zu bezeichnen sind ...“ 6 Der Mensch zeich- net sich nach Gehlen durch seine „organische Mittellosigkeit“ aus, ihm fehlen die spezialisier- ten Angriffs- und Fluchtorgane, das schützende Harrkleid, die scharfen Sinnesorgane, usw. Viele menschliche Eigenheiten erklärt Gehlen auch mit dem Begriff der „Retardation“, wo- runter er fixierte, dauerhaft gewordene Fötalzustände versteht, „ein >Festhalten< entwick- lungsgeschichtlich alter oder individualgenetisch früher, jugendlicher bzw. embryonaler Merkmale“ 7 . Dies erklärt u.a. die extrem lange Schutzbedürftigkeit des Kindes, die späte Ge- schlechtsreife, sowie die generelle Unspezialisiertheit der Organe.
In Anlehnung an J.v.Uexküll zeigt Gehlen anhand zahlreicher Beispiele, dass jedes Tier in seiner artspezifischen Umwelt lebt, in welche es optimal eingepasst ist. Er betont „die Har- monie zwischen dem organischen Bau des Tieres, d.h. seiner speziellen Organausstattung, zwischen seiner Umwelt (den ihm zugänglichen Außenwelteindrücken) und seiner Lebens- weise, seinen Lebensumständen.“ 8 Besonders dienlich für die Harmonie zwischen Tier und Umwelt ist neben einer angepassten Organausstattung die große Anzahl von instinktiven Ver- haltensweisen, durch die jedes Tier dauerhaft in der Lage ist, auf relevante äußere Reize an- gemessen zu reagieren. Instinkte definiert Gehlen als spezielle, artspezifische Bewegungs- figuren, die auf Grund eines angeborenen Automatismus ablaufen, und die auf ebenso art- eigene Umweltereignisse hin angelegt sind. 9 Sie führen das Tier durch seine Welt und stellen sicher, dass es sich in überlebenswichtigen Situationen scheinbar „intelligent“ und angemes- sen verhält; „eine ihm [dem Tier] nicht einsichtige und von ihm nicht beeinflußbare Ordnung und Harmonie ... sorgt dafür, daß ihm die Mittel der Lebensfristung schon begegnen wer- den.“ 10 Außerdem begrenzen und verengen Instinkte die Wahrnehmung des Tieres auf ge- 6 Gehlen: Der Mensch, S.33.
7 Gehlen, Arnold: Anthropologische Forschung, Reinbek 1961. S.47.
8 Gehlen: Der Mensch, S.74.
9 Vgl.: Ebd., S.24.
10 Ebd., S.51.
3
fahranzeigende oder triebrelevante Signale und Informationen und setzen es keiner unnötigen Reizüberflutung aus.
Der Mensch ist nach Gehlen hingegen „als Naturwesen gesehen hoffnungslos unangepaßt“ 11 ; er kennt eine derartige Harmonie zur Umwelt nicht. Für ihn existiert überhaupt keine art- typische Umwelt, die in irgendeiner Weise seiner organischen Ausstattung entspricht und ihm besonders günstige Lebensbedingungen garantiert. Auch auf instinktive Verhaltensweisen kann sich der Mensch im Umgang mit seiner Welt nicht verlassen. Gehlen diagnostiziert beim Menschen eine „Instinktreduktion“, d.h. einen „offenbar stammesgeschichtlichen >Abbau< fast aller fest montierten Zuordnungen von >Auslösern< zu speziellen, angeborenen Bewe- gungsweisen.“ 12 Wir können am menschlichen Verhalten zwar noch Rudimente von Instink- ten beobachten, z.B. Fluchtreaktionen bei Gefahren oder Greifbewegungen eines Neuge- borenen. Dennoch existieren so gut wie keine vollständige Verhaltensprogramme, die an be- stimmte Schlüsselreize gekoppelt sind. Der Automatismus von Reizwahrnehmung, Triebre- gung und anschließendem instinktgeführten Bewegungsablauf ist beim Menschen aufgelöst. „Selbst dort, wo die wesentlich ursprüngliche Auslöserfunktion noch verhältnismäßig deutlich ist, etwa auf sexuellem Gebiet, beschränkt sich die Auslöserwirkung in der Regel auf einen Gefühlsstoß, dessen Verarbeitung viele Möglichkeiten offenläßt.“ 13 Der Mensch besitzt daher auch keine Erb-, sondern eine Erwerbmotorik, d.h. er ist genötigt nahezu alle Bewegungsfor- men zu erlernen.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Wahrnehmung durch keinerlei instinktive Erfordernisse eingeschränkt oder gefiltert wird, da angeborene Reizselektionsmuster fehlen. Nach Gehlens Auffassung ist der Mensch daher einer unnötigen Fülle von Reizen ausgesetzt, die für ihn eine permanente „Belastung“ darstellen. Der Mensch muss also nicht nur seine Bewegungen, bzw. den gesamten Umgang mit der Welt erlernen, er muss auch seine Wahrnehmung erst mühsam strukturierend aufbauen. So ist die Wahrnehmungswelt, „die wir, die Augen aufschlagend, um uns sehen, .. durch und durch Resultat menschlicher Eigentätigkeit.“ 14 Gehlen in diesem Punkt Scheler folgend bezeichnet den Menschen - im Gegensatz zum um- weltgebundenen Tier - als „weltoffen“, als das „nicht festgestellte Tier“ 15 , das zwar fast über- all zu leben vermag, sich jedoch die Bedingungen seines Überlebens immer erst schaffen muss. Im Gegensatz zu Scheler, der die „Weltoffenheit“ des Menschen auf die Kategorie des „Geistes“ zurückführte, ist Gehlen der Auffassung, die „Weltoffenheit“ resultiere aus der 11 Gehlen: Der Mensch, S.34.
12 Ebd., S.26.
13 Jonas, Friedrich: Die Institutionenlehre Arnold Gehlens, Tübingen 1966, S. 46.
14 Gehlen: Der Mensch, S.39.
15 Vgl.: Ebd., S.32.
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Andre Fischer, 2005, Der Mensch und seine Institutionen - Eine Darstellung von Arnold Gehlens Anthropologie und seiner Institutionenlehre, München, GRIN Verlag GmbH
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