Jesu Nachfolge, die Priesterkirche
von: Antje Di Bella
I n h a l t
WIE WURDE AUS DER „FROHBOTSCHAFT“ EINE „DROHBOTSCHAFT“? 3
Wie ist es möglich, dass solche befreiende „Frohbotschaft“ zu einer „Drohbotschaft“
wurde? 4
Kultische Reinheit 5
Zölibat und theologische Ethik 6
Geschichtliche Entwicklung 11
Katholische Hierarchie und katholisches Glaubensverständnis 16
Jesus und sein Standpunkt zur Reinheit 16
Jesus und die Kirche 16
KIRCHE UND GLAUBE 19
ZÖLIBAT UND RECHT 21
Das katholische Kirchengesetz 22
Die wichtigsten für den Zölibat relevanten Gesetze des Codex Iuris Canonici von 198322
die Sanktionen:
Irregularität : 25
Das Konkubinat 26
Straffolgen: 26
Dispens 26
Unterhaltsanspruch 26
Nothilfe 29
Analyse der Problematik bezüglich des Ausscheidens aus dem Amt und deren Auswirkungen
auf das Verhalten gegenüber Frauen als Grunderkenntnis für die Folgen 31
Zur wirtschaftlichen Lage nach dem Ausscheiden 31
Aspekte der Fortentwicklung bzw. der Veränderung 33
DER ZÖLIBAT IN DEN HUMANWISSENSCHAFTEN 33
Einbruch der Liebe ins Priesterleben und die damit auftretenden Probleme 36
-Psychologische Überlegungen- 40
EMPIRISCHE FORSCHUNGSERGEBNISSE ZU DER THEMATIK 40
Zur geistigen Schulung der Kleriker: neurotische Idealbildung 41
Schuldgefühle, Entstehung und Wirkung 42
Laisierungschancen bei Nachweis einer Triebanomalie 42
Zum objektiv etablierten System der sozialen Strafe 42
Ausblick 43
Kann der Zölibat abgeschafft werden? 44
Nachwort 46
Anhang: Liste der zu diesem Thema relevanten Initiativen 47
Literaturverzeichnis 48
Wie wurde aus der „Frohbotschaft“ eine „Drohbotschaft“?
Die Jesuanische Lehre wurde im wesentlichen durch zweierlei verfälscht, durch die alttestamentarische und die antike Opfertheologie sowie durch die Reinheitsideologie. Diese Verfälschung liegt noch immer wesentlich dem katholischen Weltbild bzw. der katholischen Theologie zugrunde. Die Jesuanische Lehre wird philosophisch als „Liebeskommunismus“ bezeichnet. Es handelt sich jedoch nicht um eine echte Philosophie, d. h. Jesus konstruierte keine Gedankengebäude, sondern vermittelte seine Lehre durch Sprachbilder (Gleichnisse), Predigten, entsprechendes Handeln und konsequente Lebenshaltung bis in den Tod. Jesus ging, so kann man sagen, von einem Basisgedanken aus: Die Jesuanische Lehre gründet auf der alles umfassende Wahrheit: Gott ist Liebe. Liebe erzeugt Leben, ist Leben in jeglicher Hinsicht. Liebe ist die Kraft des Lebens, die göttliche Eigenschaft an sich. Jesus wollte keine zu ewigen Schuldgefühlen verdammten, gebückten Menschen, sondern gerade davon wollte er befreien. Er machte klar, dass der Mensch fähig sein kann zu einer Liebe, die ihn „heilig“1 macht, wenn er, in Rückbindung an Gott, die Geborgenheit, die Sicherheit findet, die ihn frei macht von der Angst, die unser Leben in Abhängigkeit von den Naturgewalten und anderen Menschen, ja, letztendlich durch unsere Todesgewißheit, bestimmt. In diesem Sinne ist Jesus gekommen, das Gesetz (Mosaische Gesetz) zu erfüllen. Was kann das bedeuten? Gesetze sind in sich eine Frucht des notwendigen Mißtrauens. Sie sind wichtige Regeln für die menschliche Gemeinschaft, da zu befürchten ist, dass Menschen sich gegenseitig übervorteilen und Angst vor Gewalt herrscht. Je mehr in Angst einer Gesellschaft geschürt wird, um so strenger müssen Gesetze sein. Würde der Geist der Liebe das Zusammenleben durchwirken, wären Gesetze, die vor Schaden bewahren müssen, überflüssig.
Liebe vereinbart sich nicht mit engen Strukturen und Kleingläubigkeit, mit dem Gehorsam, der Gesetzen und Hierarchien ängstlich dient, denn Liebe überwindet alle Angst. Nicht Hierarchie, oben und unten, sondern „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ herrschen in solch einem Zusammenleben. In diesem Sinne meinte Jesus einen „Liebeskommunismus“. Er dachte an keine neue Kirche, keine Abgrenzungen und Ausgrenzungen von Menschen anderer Rassen und Religionen. Er wollte das Zusammenleben aller Menschen dieser Erde. Deshalb sollten seine Jünger es aller Welt verkünden, dass der Weg zum wahren inneren Leben und damit zu Gott, die Liebe ist, die Liebe in jeglicher Form. Es sollte klar werden, was wichtig ist und was unwichtig ist. Wichtig ist, dass die Liebe unsere tiefste Verbindung, unser Einswerden mit Gott ist. Nochmal: Seine Lehre will nichts anderes, als, dass Menschen leben, von innen heraus in die Welt hinein leuchtend durch ein von Liebe durchdrungenes Wesen. Eine solche Welt wäre das ‘Reich Gottes’, was er mit „Himmel“ bezeichnet, im Gegensatz zur „Hölle“, die ein Leben in der Abwesenheit Gottes bedeutet.Wir sehen, es kommt hier auf keinerlei Kult, keine Liturgie, keine bestimmte Form der Anbetung Gottes und schon gar nicht auf philosophische Konstruktionen an.
Wie ist es möglich, dass solche befreiende „Frohbotschaft“ zu einer „Drohbotschaft“ wurde? Eine neue Theologie, ein neues Gottesbild, hat mit Christus begonnen. Das bedeutet, eine Veränderung der Jesuanischen Lehre trat bereits schon durch den Glauben an den Auferstandenen, den Christus ein. Dass Christus von nun an der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist, wird nach dem Neuen Testament, Schwerpunkt christlichen Glaubens. Erst diese Verkündigung, dass dieser Gekreuzigte auferstanden ist, dass Jesus als Christus von Gott ausgewiesen wurde, ermöglichte die Kirchenbildung. Die Lehre Jesu wurde neu interpretiert und zur Theologie. Bereits in der zweiten Generation nach Christus entwickelte sich ein asketisches Reinheitsbedürfnis - auf die Hintergründe dieser Entwicklung werde ich noch näher eingehen -, das durch das philosophische Gedankengut der Griechen (vor allem Plotin - Stoische Schule -) stark beeinflusst wurde und wie wir aus der Geschichte entnehmen werden, zur Wurzel des Zölibats gehört. Jedenfalls möchte ich an dieser Stelle vorwegnehmen, dass der Rückfall in das kultische Reinheitsdenken zunächst etwas mit den jüdischen Wurzeln der ersten Christenheit zu tun hatte und mit der patriarchalischen Struktur der orientalischen Gesellschaft.
Kultische Reinheit
Religiös sein heißt, dem Heiligen verpflichtet sein. Heiligkeit und Reinheit sind zwei sehr wichtige Schlüsselbegriffe 2, wenn man an die Wurzeln des Zölibats und zum zentralen Verständnis des katholischen Glaubens gelangen will. Mit dem Phänomen des Heiligen verbinden die Menschen gleichzeitig Ängste und Hoffnungen. Der Begriff ‘Reinheit` entspricht einem tiefen menschlichen Verlangen nach Ganzheit, Wahrheit, Gutheit, Echtheit, das wiederum den Vorstellungen vom Heiligen entspricht. So gibt es im eigentlichen eine mentale und affektive Verbindung zwischen diesen Begriffen. Auch das Bedürfnis, heil zu sein, frei von Schuld und körperlichen Gebrechen, sauber und schön dem Vollkommenen gegenüberzutreten, seiner würdig zu sein, schwingt da mit. Dieses allzu menschliche Verlangen ist der Hintergrund für archaische Reinheitsgebote in den Religionen. Im Alten Testament nehmen die Reinheitsvorschriften in den mosaischen Gesetzen einen zentralen Platz ein, weil die Priester als Mittler zwischen Gott und den Menschen gesehen wurden. Da die Reinheitsgebote des mosaischen Gesetzes sich auch auf die Sexualität bezogen - weil nach jüdischem Glauben alle Körperabsonderungen unrein machten (3. Mo. 15: 16-18) - war einem Leviten (Priester) der Geschlechtsverkehr an Tagen und in Nächten bevor er priesterliche Dienste zu tun hatte nicht erlaubt, da er trotz rituell vorgegebener Waschungen noch bis zum folgenden Abend unrein blieb (Lev 15,18). Drei der häufigsten Ursachen, durch die Menschen verunreinigt wurden, werden in Mose 5:2 aufgezählt: 1. Aussatz, 2. Ausfluss und 3. die Berührung einer verstorbenen Seele. Auch der Genuss von bestimmten Speisen machte unrein.
Zu biblischen Zeiten galten die Reinheitsgebote für das ganze Volk Israel. Nur wer rein war im Sinne des Mosaischen Gesetzes, der durfte in die Nähe des allerheiligsten Gottes kommen. Ein Jude riskierte andernfalls sein Leben.(3. Mo. 15:31) Diese Reinheitsgebote gelten heute noch für Juden und Moslems. 2 Es gibt mehrere hebräische und griechische Wörter, die sowohl das, was rein und sauber ist, als auch den Akt des makellosen, fleckenlosen Zustandes, das Freiwerden von allem, was beschmutzt, verfälscht und verdirbt, aussagen. Diese Wörter umschreiben manchmal die physische Reinheit, häufiger aber die sittliche und geistige. Oft überschneiden sich physische und rituelle Reinheit. Das hebräische Verb „tahér“ (rein sein, reinigen) bezieht sich gewöhnlich auf rituelle oder sittliche Reinheit. Ein hebräisches Synonym von „taher“ ist „barar“, und dieses Wort mit seinen verschiedenen Formen bedeutet „ausscheiden“, „auslesen“, „sich reinhalten“, „sich als rein erzeigen“, „säubern“. Wir finden die entsprechenden Begriffe in Hes. 20:38; Prediger 3:18; Ps 18:26; Jr. 4:11. Das griechische Wort „katharos“, das „rein“ bedeutet, wird im physischen, sittlichen und religiösen Sinn angewandt (s. Mt 5:26; 5:8; Tit. 1:15). „Unreinheit“ ist die Wiedergabe des hebräischen Wortes „tamé“ und des griechischen „akatharsia“ (s. 3. Mos.5:2; Mt.5:27; Gal.5:19)
[...]
1 Heiligkeit im Sinne von qadhäsch = hell, neu, rein sein. Das hebräische Verb ist mit dem griechischen haglios verwandt, das heilig, geheiligt, heilig gemacht und abgesondert bedeutet.
Arbeit zitieren:
Dipl.Soz.päd. Antje-Marianne Di Bella, 1996, Jesu Nachfolge, die Priesterkirche und das Zölibat, München, GRIN Verlag GmbH
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