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Die Erzählung „Ein Hungerkünstler“ wurde von Kafka im Jahre 1922 geschrieben, ein Jahr vor einer Reihe schwerer seelischer und körperlicher Krisen des Verfassers bezeichnet. Es ist deshalb leicht zu verstehen wie Körper und Seele als Mittelpunkt des Interesses Kafkas standen. Am Ende seiner schriftstellerischen Laufbahn ist die Urangst, die früher seine Symbole prägte, nun eine Angst für die Kunst gewichen. Er suchte mit Intensität den letzten Grund seiner Existenz zu erreichen, der identisch mit der einzig wirklichen Speise der Erzählung ist. Hungerkunst hat es seit langem gegeben; Kafka bezieht sich also auf die Wirklichkeit, die er aber in seiner Schrift überschritt. Schon im 16. Jahrhundert gab es das Phänomen der Fastenwunder und Hungermädchen: Frauen stellten ihr eigenes Fasten als eine Form göttlicher Wunder zur Schau.
Im 19. Jahrhundert ist das Schauhungern aus dem theologischen Bereich herausgetreten und in den der Naturwissenschaft und Medizin überführt worden. Hungern wird als medizinisches Experiment unter ärtzlicher Aufsicht durchgeführt.
Anfangs dieses Jahrhunderts wird schließlich das „Schauhunger“ in der Vergnügungsindustrie genützt.
Die Hungerkunst stellt eine der weitgehenden Abstraktionen vom menschlichen Körper dar. Sie sieht vom konkreten Hunger ab und bemißt ihn als Frist. Kafkas Erzählung gibt das Modell einer sozialen Lage, in der das Verhältnis von Wunsch und Gesetz, von W ahrheit und Betrug, von Kunst und Scharlatanerie auf beunruhigende Weise diffus geworden ist. „Ein Hungerkünstler“ ist ein Versuch aus dem Feld der Metaphern in eine Welt unbezweifelter Bewahrleitung zurückzukehren, wie das Paradies vor dem Sündenfall, vor der Spaltung von Zeichen und Körper darstellt.
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„Unterscheidungen wie Allegorie und Symbol verlieren ihre Überzeugungskraft; die Bestimmungen des Komischen und des Tragischen reichen nicht aus, um eine Prosa zu deuten, von der man erst einmal sagen muß, ob sie wirklich oder überwirklich oder keines von beiden ist.“ (Benno von Wiese) Das Phantastische scheint hier real und das Reale wiederum phantastisch: man kann eine Verwandlung der Wirklichkeit in Seelenwirklichkeit anerkennen. Wie schon oben genannt, gab es Hungerkünstler in der Wirklichkeit, aber dieser ist so einmalig, daß er offensichtlich nur eine Metapher für eine geistige Aussage sein kann, die Kafka machen will.
Der Bericht ist in einem sachlichen Ton gehalten; die Sprache, seiltänzerisch, schwerlos, protokolliert nüchtern. So wird eine kühle Distanz zum Mitgeteilten geschaffen. Nirgends schaltet sich der Autor persönlich ein. Normale Gegenstände begegnen uns hier seltsam verfremdet, als ob wir sie nicht kennten. Sie sind sinnlich und doch abstrakt, wirklich und auch wieder überwirklich, bizarr und grotesk, ins Unheimliche gesteigert. Dennoch hat diese verwandelte Welt etwas so Zwingendes, daß sie uns beim Lesen gar nicht so sehr als eine freie Schöpfung der Phantasie erscheint. Kafkas Prosa demaskiert und enthüllt gleichsam unsere sogenannte reale Welt und ihre gesellschaftliche Wirklichkeit als grotesk, unwirklich und unwahr. Die Erzählung stellt eine Metapher für den geistigen Willen dar, die vitale Existenz mit ihren notwendigen Bedürfnissen in der Freiheit seines Hungerspiels zu widerlegen. Die Paradoxie dieser Freiheit ist, daß sie nur im Käfig möglich ist.
Der Hungerkünstler stellt sich gegen die Gesellschaft, gegen eine Welt der Essen-Ordnung. Sein Kampf ist der Kampf der Eitelkeit des Ausnahmemenschen mit der Gleichgültigkeit der Menschheit. Die groteske Metapher für den isolierten Durchbruch zum Geist in einer verfremdeten Welt, der die Sonderform menschlicher Existenz als transsozial verklärt, ist deutlich. Der Käfig symbolisiert diese Ausgeschlossenheit von der Gesellschaft.
Arbeit zitieren:
Marko Weeke, 2001, Franz Kafkas Erzählungen "Ein Hungerkünstler", München, GRIN Verlag GmbH
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