Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Lehrstuhl für Kommunikations- und Politikwissenschaft
Sommersemester 2001
Seminar Medien und Politik
- Theorien und Studien zur Politikdarstellung und -wahrnehmung im Fernsehen und
deren Auswirkungen auf die Politischen Einstellungen und das Wahlverhalten -
Dipl.-Hdl. Heike Bußkamp
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Robert Bayerlein
BWL: Marketing, Kommunikationswissenschaft, Psychologie
8. Studiensemester
2. Fachsemester Kommunikationswissenschaft
Robert Bayerlein Entpolitisierung als Programm ?
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1 Fragestellung: Entpolitisierung als Programm ? 1
2 Funktion der Politikberichterstattung und Strukturierung des Begriffes
„Entpolitisierung“ 2
3 Entpolitisierungstendenzen in Deutschland : Ein Analysenvergleich 3
3.1 Programmanalyse der ARD/ZDF-Medienkommission seit 1985
3.1.1 Methodik 4
3.1.2 Quantitative Entwicklung 4
3.1.3 Inhaltlich-thematische Entwicklung 4
3.1.4 Ergebnis 6
3.2 Längsschnittstudie von Bruns und Marcinkowski 1997
3.2.1 Methodik 6
3.2.2 Quantitative Entwicklung 7
3.2.3 Inhaltlich-thematische Entwicklung 7
3.2.4 Ergebnis 8
3.3 Kontinuierliche Fernsehprogrammanalyse der GöfaK seit 1998
3.3.1 Methodik 9
3.3.2 Inhaltlich-thematische Entwicklung:
3.3.2.1 Fernsehpublizistik 10
3.3.2.2 Nachrichtensendungen 12
3.3.2.3 Hauptnachrichtensendungen 1999 12
3.3.3 Ergebnis 13
4 Formal-gestalterische Betrachtung: Infotainment 13
5 Fazit 14
6 Anhang 16
7 Literaturverzeichnis 21
G öttinger Institut für angewandte Kommunikationsforschung
II
Robert Bayerlein Entpolitisierung als Programm ?
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Diese Frage wurde so erstmals 1985 von Udo Michael Krüger 1 gestellt, als den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten durch zwei von APF (Aktuell Presse-Fernsehen) in Hamburg ausgestrahlte Nachrichtensendungen eine private Konkurrenz im Bereich aktueller Informationssendungen erwuchs. Seit Einführung des dualen Systems hat sich die deutsche Fernsehlandschaft stark verändert. Durch einen härteren Konkurrenzkampf um Einschaltquoten und eine zunehmende
Kommerzialisierung haben sich besonders im Hinblick auf die politische Berichterstattung weitreichende Konsequenzen ergeben. In der Diskussion um Entpolitisierungstendenzen im Fernsehen gehen die Meinungen jedoch weit auseinander. Bruns und Marcinkowski kamen in ihrer 1997 veröffentlichten Längsschnittstudie „Politische Information im Fernsehen“ zu dem Ergebnis, dass von einer Entpolitisierung auf
programmstruktureller Ebene „keine Rede sein kann“ 2 und dass Nachrichtensendungen politischer geworden seien. Seit der Veröffentlichung des von der Direktorenkonferenz der
Landesmedienanstalten in Auftrag gegebenen Forschungsberichtes „Fernsehen in Deutschland 1998 - 1999“ von Hans-Jürgen Weiss und Joachim Trebbe im Dezember letzten Jahres , die eine zunehmende Unterhaltungsorientierung und eine Reduktion der Politikanteile in den Fernseh-Vollprogrammen, sowohl bei den privaten als auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, feststellten, hat diese Debatte an Intensität und Schärfe zugenommen. So forderte Wolfgang Thierse in der ZEIT „Information darf nicht zu Infotainment verkommen„ 3 und wirft den privaten Sendern Defizite in der politischen Berichterstattung und übertriebene Unterhaltungsfokussierung vor. RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler
streitet eine solche Entwicklung ab und behauptet „Tatsache ist: Wir haben mehr Nachrichten denn je.“ 4
1 Media Perspektiven (1/85)
2 Bruns (1997) S.289
3 Die Zeit (39/2000)
4 Zeiler, Gerhard. In: epd-Interview (04/2001)
1
Robert Bayerlein Entpolitisierung als Programm ?
Im Folgenden soll nun die Entwicklung der Programmstrukturen seit Einführung des dualen Systems 1984 anhand von drei Studien
eingehender betrachtet werden. Zunächst soll allerdings geklärt werden, wie sich „Entpolitisierung“ zum Zweck der Messung strukturieren lässt und welche Bedeutung und Funktion „Politik“ im Fernsehen hat, um einerseits den Begriff näher einzugrenzen und andererseits die Tragweite der Debatte aufzuzeigen.
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Die politischen Funktionen des Fernsehens leiten sich aus den Fernsehurteilen des Bundesverfassungsgerichtes ab, Fernsehen soll den Bürger mit Information versorgen, durch Herstellung von Öffentlichkeit zu Meinungsbildung beitragen und politische Machtträger kontrollieren und kritisieren. Die Programminhalte sollen zur Erfüllung dieser Funktion beitragen. Die politische Funktion wird von Informationssendungen wahrgenommen, diese stehen deshalb auch im Zentrum des
Forschungsinteresses. Unter „Entpolitisierung“ versteht man einen Rückgang politischer Berichterstattung, der sich in dreifacher Hinsicht unterscheiden lässt. Quantitative Betrachtungen untersuchen die Veränderungen des Anteils von Informationssendungen am
Gesamtprogramm unabhängig von Inhalten, weswegen die Ergebnisse solcher Untersuchungen stark von der jeweiligen Definition des Begriffes „Informationssendung“ abhängig sind. Inhaltlich-thematische
Untersuchungen betrachten qualitative Veränderungen innerhalb der Sendungen, meist anhand der Themen- und Akteursstruktur, und formale Untersuchungen analysieren die eingesetzten Gestaltungsmittel.
Die Frage, ob in der deutschen Fernsehlandschaft eine Entwicklung hin zu einer Entpolitisierung der Programme stattfindet, ist deswegen von zentraler Bedeutung, weil dadurch die Gefahr besteht, dass das Fernsehen als reichweitenstärkstes Massenmedium seine demokratischen Funktionen nicht mehr erfüllen kann. Dies hätte negative Auswirkungen auf
2
Robert Bayerlein Entpolitisierung als Programm ?
den demokratischen Meinungsbildungsprozess zur Folge, schlimmstenfalls könnte der politische Diskurs in der Öffentlichkeit zum Erliegen kommen und eine depolitisierte Gesellschaft 5 entstehen.
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Im Folgenden werden drei Studien näher betrachtet, die der
Entpolitisierungsdiskussion entscheidende Impulse gegeben haben und die stellvertretend die verschiedenen Standpunkte und Einschätzungen innerhalb der Fernsehforschung zu dieser Debatte repräsentieren. Zuerst wird die Programmanalyse der ARD/ZDF-Medienkommission von Udo Michael Krüger vorgestellt, die seit 1985 kontinuierlich jedes Jahr
Programmstrukturanalysen veröffentlicht und somit die älteste deutsche Fernsehlangzeitstudie ist. Danach werden zwei Studien untersucht, die zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen und die zwei Extrempole in der Entpolitisierungsdebatte markieren. Bruns und Marcinkowski lehnen die
Entpolitisierungsthese ab und stellen in ihrer Studie eine Zunahme von Politik im Fernsehen fest, während Weiss und Trebbe in ihrem aktuellen Forschungsbericht eine generelle Marginalisierung politischer
Berichterstattung bei allen Sendern, in besonderem Maße bei den Privaten, beklagen und den öffentlichen Diskurs und die demokratische Meinungsbildung in Gefahr sehen. Da die Vergleichbarkeit der Studien durch unterschiedliche Methoden der Messung, verschiedene Untersuchungszeiträume und unterschiedliche Definitionen von
Informationssendungen stark eingeschränkt ist, werden sie getrennt behandelt. Die Studien untersuchen schwerpunktmäßig vor allem quantitative und inhaltlich-thematische Veränderungen der Programme, deshalb werde ich auf formale Aspekte später gesondert eingehen.
5 Ross, Dieter (1998) S.154
3
Robert Bayerlein Entpolitisierung als Programm ?
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Seit 1985 führt Udo Michael Krüger im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender kontinuierlich Programmstrukturanalysen auf Basis einer Untersuchung von vier über das jeweilige Jahr verteilten
Stichprobenwochen über die Programme der fünf größten Fernsehsender, ARD, ZDF, RTL, SAT1 und Pro7 durch. Zusätzlich werden in den Media Perspektiven regelmäßig Untersuchungen auf Basis dieser Analyse veröffentlicht. Krüger verwendet einen eher weiten Informationsbegriff der neben klassischen Informationssendungen auch Ende der 90er neu hinzugekommene Formate im Grenzbereich zwischen Information und Unterhaltung, zum Beispiel Reality TV 6 und nichtpolitische Angebote wie „Streit um drei“ (ZDF) oder „Max“ (Pro Sieben), enthält.
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Betrachtet man den Anteil der Kategorie „Information/Bildung“ seit Einführung des dualen Systems muss man ausgehend von Krügers Programmanalyse eine positive Bilanz ziehen 7 . Tendenziell steigt der Informationsanteil aller Programme seit Mitte der 90er Jahre kontinuierlich an, die öffentlich-rechtlichen Programme erreichen 1999 sogar den höchsten Wert in dieser Kategorie seit Bestehen der Programmanalyse. Dies bedeutet jedoch nicht, dass mit dem Informationszuwachs auch ein Mehr an Politik einhergehen muss. Aufgrund der weiten Fassung des Informationsbegriffes bei Krüger ist die von ihm festgestellte Zunahme des Informationsangebotes 8 in Bezug auf die Entwicklung politischer Berichterstattung wenig aussagekräftig.
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Nach einer Untersuchung der Informationsangebote in der
Hauptsendezeit von 19:00 bis 23:00 Uhr 1995stellt Krüger Tendenzen zur Entpolitisierung im nichttagesaktuellen Informationsangebot der privaten
6 Krüger, Media Perspektiven (8/96) S. 419
7 siehe Anhang 1
8 Krüger, Media Perspektiven (7/2000) S.295
4
Arbeit zitieren:
Dipl.-Kfm. Robert Bayerlein, 2001, Entpolitisierung als Programm ?, München, GRIN Verlag GmbH
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