Lebensführung, die den unterschiedlichen Charakteren entsprechen sollen, für ebenso gut und wünschenswert wie eine Vielfalt von Ansichten. Solange die Menschheit noch nicht perfekt ist, soll so viel wie möglich experimentiert werden um alle Seiten der Wahrheit zu erkennen. Die Existenz einer solchen allumfassenden, alle Menschen einigenden Wahrheit, an die er offensichtlich glaubt, ist jedoch fraglich, vielmehr scheint mir der Weg, also das Zweifeln an den Gegebenheiten und die Suche nach einer unerreichbaren Wahrheit, das Ziel zu sein.
Zudem ist die Forderung nach Experimenten in der Lebensführung sehr irreführend. Der Kritiker H. J. Closkey zeigt die Probleme auf, die solche Versuche mit sich bringen würden, wie die unterschiedliche Bewertungen des Ausprobierten durch die Beteiligten und die Beobachter, die unausweichliche Prägung durch das Erfahrene und die Unmöglichkeit Erfahrungen rückgängig zu machen. Es liegt also nahe, dass es Mill eher darum ging darauf aufmerksam zu machen, dass die Gesellschaft mehr Einsicht in die verschiedenen Charaktere, sowie in Vor- und Nachteile bestimmter Lebensweisen bekommt, wenn jeder frei ist sich sein Leben selbst einzurichten. (vgl. 122-3) Als Grenze für das Ausleben der Individualität räumt Mill ein, dass der Mensch zwar frei, das heißt ohne physische oder moralische Einschränkungen durch seine Mitmenschen, nach eigener Meinung und auf eigene Gefahr handeln können sollte - aber nur insofern die Anderen nicht davon betroffen sind. Er ist sich der Problematik dieser Aussage, der Frage nach der Grenze zwischen den das Individuum und den die Gesellschaft betreffenden Taten, durchaus bewusst und geht darauf in seinem Essay später nur unzureichend ein, was ich jedoch der Begrenztheit zuschreiben würde, die diese Textform gegenüber einem ganzen Buch zu diesem Thema mit sich bringt.
Dieser Vorbehalt der Handlungsfreiheit wirkt sich auch auf die Gedankenfreiheit aus. Er ist der Grund, weshalb der Philosoph die Unterdrückung von bestimmten Meinungen in Umständen billigen würde, in denen sie einen schlechten Einfluss haben, indem sie zur Schädigung von Einzelnen auffordern. So muss nicht nur die Handlungs-, sondern auch die Pressefreiheit eingeschränkt werden. Taten und Aufforderungen zu Aktionen, die sich ohne rechtmäßigen Grund gegen Mitmenschen richten, müssen von der Menschheit kontrolliert und unterbunden werden. Mit der Schwierigkeit der Bewertung solcher potentiell
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gefährdenden Situationen und der Festlegung von Grenzen für Meinungen und Taten setzt er sich in On Liberty nur bedingt auseinander.
Nichtsdestotrotz stellt Mill die Handlungsfreiheit als eine Grundlage für Individualität dar, die wesentlich für das Glück und die Weiterentwicklung der Gesellschaft ist, und leitet so zum eigentlichen Thema des dritten Kapitels über. In dessen zweitem Absatz macht er gleichzeitig auf die große Bedeutung und die Gründe für die vorherrschende, mangelnde Achtung der Einzigartigkeit aufmerksam. Die Menschen unterschätzen den Wert der Entfaltung individueller Qualitäten und stehen ihr oft gleichgültig gegenüber. Die Individualität hat jedoch nicht nur die gleiche Wertigkeit wie Zivilisation, Ausbildung und Kultur für das Wohlergehen, sondern ist überhaupt erst die Voraussetzung dafür. Wenn die Gesellschaft dies anerkennt, würde sie die Freiheit gebührend schätzen und dann wäre auch das Knüpfen von Verbindungen zwischen individueller Freiheit und sozialer Kontrolle seiner Meinung nach leicht möglich. Leider führt er diesen Punkt an dieser Stelle nicht weiter aus, sondern geht weiter auf die negative Rezeption der Einzigartigkeit in der Gesellschaft ein. So wird die individuelle Spontaneität der Moral- und Sozialreformer von der Mehrheit nicht als Ideal, sondern mit Unverständnis und Neid, ja als gefährlich wahrgenommen, weil sie gegenüber den etablierten und daher als gut angesehenen Denkweisen rebelliert. Hier führt er dann den deutschen "Vertreter des humanistischen Bildungsideals" (Meyers 309) Wilhelm von Humboldt an, der einerseits ein Beispiel für einen oft falsch verstandenen Reformer ist und andererseits Argumente für den Wert der Individualität liefert. Mill zitiert aus eine seiner Abhandlungen, in der er sagt, dass der Mensch sich nicht von vagen Wünschen oder Trieben, sondern von der ewigen Vernunft leiten lassen soll um seine Kräfte voll, zu einem harmonischen Ganzen zu entwickeln. Hierbei sollten, besonders bei denjenigen, die ihre Mitmenschen beeinflussen wollen, die Kraft der Einzigartigkeit und die persönliche Weiterentwicklung im Vordergrund stehen. Aus der dafür nötigen Freiheit und der Vielfalt von Situationen resultiert Originalität, also eine einzigartige Energie und Vielseitigkeit.
Im dritten Absatz arbeitet er daraufhin wichtige Eigenschaften eines solchen Individuums heraus: eine kritische Grundhaltung gegenüber allen Gegebenheiten, Selbstständigkeit im Denken und Handeln, Entscheidungsfreudigkeit, die Fähigkeit zur
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Selbsterkenntnis und Charakterstärke. Dieser ideale Mensch darf andere nicht kopieren, sondern muss weitestgehend seiner individuellen Persönlichkeit folgen und seinem Charakter entsprechend leben. Diese Aussage modifiziert Mill jedoch gleich wieder, indem er zugibt, dass der Mensch nur bis zu einem gewissen Maß seine Individualität leben kann. Freilich soll er nicht so tun, als hätte die Menschheit noch keine Erfahrungen gemacht, bevor sein eigenes Leben begann, die gezeigt haben, dass bestimmte Verhaltensweisen anderen vorzuziehen sind.
Das Individuum muss hingegen in der Jugend mit den Erkenntnissen seiner Vorfahren und anderen Gegebenheiten vertraut gemacht und somit in die Lage versetzt werden, davon als Erwachsener profitieren zu können und diese Erfahrungen auf seine eigene Weise zu interpretieren. Die eigene Meinung soll auf seiner individuellen Vernunft begründet sein. Um das zu erreichen muss der Mensch durchaus in einer bestimmten Richtung geprägt werden. Die Pädagogik soll Einfluss auf seine weitere Entwicklung ausüben und ihn trotzdem in seiner Selbstständigkeit bestärken. Bildung (besonders wenn sie eine Basis darstellen soll, die jedes Mitglied einer Gesellschaft erhält) kann jedoch kaum auf individuelle Interessen eingehen, und Erziehung, auch zur Individualität, beruht auf bestimmten Regeln und verfolgt Ziele. Daher kann ich mir die Umsetzung dieses unter dem Titel On Liberty beschriebenen Ideals schwer vorstellen, schließlich würde eine Art 'Zwang zur Individualität' herrschen. Angesichts der Vielfältigkeit der Menschheit muss es passive, anpassungswillige Charaktere geben, die keinen Halt finden, unterdrückt und 'weggezüchtet' werden würden. Diese geregelte Selbstentwicklung kann also noch erfolgloser sein als ungeregelte Experimente in der Lebensführung (vgl. McCloskey 123).
Aus Mills Sicht gibt es jedoch keine solche psychische Disposition. Er geht von angeborenen, menschlichen Fähigkeiten zur Einsicht, zu Beurteilung, zum unterscheidenden, kritischen Fühlen, zu mentale Aktivität sowie zu moralischen Bevorzugungen aus. Bei passiven Charakteren wären diese ungenügend ausgebildet, da sie nur durch individuelle Wahl ausgeübt und durch Nutzung verbessert werden können. Wer sich seiner Individualität nicht bewusst ist oder nicht von ihr Gebrauch macht, sich an Bräuche oder vorherrschende Meinungen ohne zu hinterfragen anpasst, lässt diese Fähigkeiten, seine Gefühle und das eigene Naturell verkümmern.
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Arbeit zitieren:
Linda Schug, 2003, Analyse und Kommentar zu "On Liberty": Chapter 3, §§ 1-4, München, GRIN Verlag GmbH
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