D
as Thema beginnt mit einem Circulus vitiosus: „Das Opfer zu töten ist verbrecherisch, weil es heilig ist... aber das Opfer wäre nicht heilig, würde es nicht getötet.“ 2 Seit 1911 will der Begriff Ambivalenz den Zirkelschluss auf eine wis senschaftliche Ebene hieven, seit 1916 durch Sigmund Freud (1856-1939) auch mittels des Adjektivs „ambivalent“, das lediglich das Nebeneinander von entgegengesetzten Gefühlen ausdrücken soll.
Doch das Opfer samt der Opferung ist leider mehr als ein Gefühl, vielmehr eine blutige Tatsache wie zum Beispiel ein Verkehrsunfall in seines Wortes doppelter Bedeutung. Ob nun als unerwünschte Schwangerschaft oder als ungewollter Zusammenprall von Fahr- oder Flugzeugen jeder Art, die zahlreichen Opfer sind von alters her von Geheimnissen umwittert und bleiben selbst heute noch im Zwielicht hängen, während man in die Täter - und das nicht nur im „Krimi“, sondern aus dem Alltag bis in die Rechtssprechung hinein - viel mehr in vestiert.
Vor dieser Banalität hatte sich gewissermaßen ein Mysterienkult herausgebildet. Klar i st indessen, dass dabei stets Aggression im Spiele war und ist. Obwohl der wie auch immer ausgebrochenen Gewalt zumeist „Irrationalität“ zugeschrie ben wird, „mangelt es ihr nicht an Beweggründen“. 3 Selbst als friedliche Gesellschaftswesen erleben wir täglich, mit welchen Unterschie den zwischen sich und den Anderen man sich anfreunden oder anfeinden möchte, wenn man den eigentlich noch schlimmeren Zustand der Indifferenz mal beiseite lässt. Eifersucht, Neid, ungestilltes Begehren kann sich allzu leicht zum Hass steigern, der sich entladen will oder muss, nach innen oder außen, einzeln oder kollektiv. So bleibt das Leben immer im Zustand der Ambivalenz, denn man weiß ja nie, ob unsere Zivilisation „vorkatastrophisch oder vorreformatorisch“ 4 ist.
2 Girard, René: Das Heilige und die Gewalt, Zürich 1987, S. 9
3 Ebenda, S. 11
4 Sloterdijk, Peter: Erwachen im Reich der Eifersucht, Nachwort zu René Girards kritischer Apologie des
Christentums: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz, München 2002, S. 252
3
Der aggressionsgeladene Mensch sucht und findet zumeist ein Ersatzopfer, und sei es ein Tier, das sich dann oft dadurch ausgezeichnet findet, dass es ein Nutztier ist oder irgendwie menschliche Züge aufweist, wie der konservative Denker Joseph de Maistre (1753-1821) meinte, der auch sah, dass im rituellen Opfer immer ein „unschuldiges“ Geschöpf für einen „Schuldigen“ zahlen, soll heißen: den Kopf hinhalten musste. Zumeist reagiert sich der aufgebrachte Mensch heute im Alltag jedoch an sich selber, an harmlosen Geschöpfen, Suchtmitteln oder Gegenständen ab, die sich in Reichweite befinden. Noch zivilisiertere, also „abgeklärte“ Zeit genossen donnern nur eine Kanonade Beschimp fungen los, die zumeist mit Begriffen aus Brehms Tierlexikon gespickt und zudem durch ausgesprochen menschliche Attribute wie blöde, dämlich oder doof aufgerüstet sind.
So kann das vorhandene Gewalt-Potential überlistet und verharmlost werden, aber leider funktioniert das nicht immer auf so ungefährliche Weise. Ein klassisches, biblisches wie tragisches Beispiel sind die Brüder Kain und Abel; Viehzüchter der eine, Ackerbauer der andere. Das Lammopfer Abels nimmt Gott an, Kains qualmende Feldfrüchte jedoch nicht. Kain erschlägt schließlich enttäuscht seinen Bruder Abel - soweit die so genannten Tatsachen. Hinter die ser Geschichte wie hinter vielen weiteren, die auch in griechischen Mythen oder deutschen Hausmärchen unter „feindlichen Brüdern“ vorfallen, verbergen sich Spannungen, die unser Leben bis in die Gegenwart nicht nur begleiten, sondern bisweilen sogar bedingen.
Der 1923 in Avignon geborene und ab 1947 in den USA lehrende Literatur- und Kulturwissenschaftler René Girard ist einem fundamentalen Wir kungsmechanismus auf der Spur: dem der Gewalt, die Opfer und Täter in einer endlosen Spirale aus Rache fortwirken lässt. Den „Gründungsmythos eines Opfersystems“ 5
5 Girard, S. 16
4
glaubt Girard in Jakobs Segnung durch seinen dem Sterben nahen Vater Isaak erkannt zu haben (Gen 27): „Zwei Typen von Stellvertretung stoßen hier aufein-ander, jene des einen Bruders durch den anderen und jene des Menschen durch das Tier.“ 6 Die mit einhergehender Verkennung verbundene Opferstellvertretung der Gewalt „zieht die überall vorhandenen Ansätze zu Zwistig keiten auf das Opfer und zerstreut sie zugleich, indem sie sie teilweise beschwichtigt“. 7
Es darf nicht vergessen werden, dass es auch rituelle Systeme gibt, die Menschenopfer forderten, zuweilen vereinzelt noch fordern. Die großen Tragiker der alten Griechen konnten sozusagen ein Lied der grausamsten Sorte davon sin gen, man denke nur an die Tragödien „Medea“ von Euripides (485-406) oder „König Ödipus“ von Sophokles (496-406). Abgesehen vom gewollt kathartischen Charakter des Theaters, das ja eine seelische Reinigung bewirken sollte, müssen sowohl die Menschen- als auch die Tieropfer denjenigen gleichen, „an deren Stelle sie treten, um dem Appetit der Gewalt eine bekömmliche Nahrung zu liefern“. 8
Brutalität und die Absurdität entfesselter Gewalt haben eine merkwürdige Kehrseite, nämlich den „befremdlichen Hang, sich auf Ersatzopfer zu stürzen“. 9 Dieses „Wunder“ erklärten sich unsere Altvorderen damit, dass ein Opfer „als Vermittlung zwischen Opferer und einer ‚Gottheit’“ 10 gedeutet wurde. Doch diese Erfahrungswahrheit schien besonders unter den Priestern und Theologen der Neuzeit verloren gegangen oder in den reinen Mythos abgedrängt worden zu sein, so dass sich Friedrich Nietzsche (1844-1900) zu folgender Replik veranlasst sah: „Einzelne wurden durch das Christentum so wichtig genommen, so absolut gesetzt, daß man ihn nicht mehr opfern konnte: aber die Gattung besteht nur durch Menschenopfer. Vor Gott werden alle ‚Seelen' gleich: aber das ist gerade
6 Ebenda, S. 15
7 Ebenda, S. 18
8 Ebenda, S. 23
9 Ebenda, S. 13
10 Ebenda, S. 17
5
Arbeit zitieren:
Siegmar Faust, 2003, Zu: René Girard: "Das Opfer", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Referat (Ausarbeitung), 22 Seiten
Theologische Erwägungen zu den Implikationen der psychoanalytischen Op...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Weihnachten - Ursprung, Geschichte und Brauchtum
Theologie - Biblische Theologie
Hausarbeit, 17 Seiten
Feste feiern in der Grundschule - Beispiel Weihnachten
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Examensarbeit, 74 Seiten
Wille und Vernunft bei Thomas von Aquin
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Seminararbeit, 23 Seiten
Der Fundamentalismus in der Religionsgeschichte
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Rezension / Literaturbericht, 6 Seiten
Ostern im Religionsunterricht der Grundschule
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Examensarbeit, 72 Seiten
Über das Gutsein und das Schlechtsein des inneren Willensaktes
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Interreligiöses Lernen - Vorausetzungen, Ziele, Konzepte
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Der Osterfestkreis - historische/dogmatische/didaktische Perspektive
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Examensarbeit, 103 Seiten
Kinderkatechismen im Religionsunterricht
Theologie - Praktische Theologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Die Bedeutung des Opfers und des Sündenbockes in neueren ethisch-sozio...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 23 Seiten
Religionsunterricht in einer multikulturellen Gesellschaft - Der inter...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Examensarbeit, 142 Seiten
Zen-Buddhismus: Entwicklung, Ausbreitung und seine heutige Relevanz im...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Der Diskurs der Liebe in Friedrich Hölderlins Hyperion anhand von Rola...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Die Geburt Christi im Kirchenjahr und Weihnachtliche Traditionen der G...
Theologie - Systematische Theologie
Seminararbeit, 20 Seiten
Siegmar Faust hat den Text Zu: René Girard: "Das Opfer" veröffentlicht
Siegmar Faust hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare