Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Lehrstuhl für Evangelische Theologie II
Sommersemester 2004
Seminar: Wie viel Glauben braucht der Mensch? Anthropologische,
psychologische und soziologische Aspekte von Glaube und Religion
Sigmund Freud: Die Zukunft einer Illusion
von: Siegmar Faust
Vorworte
Religionskritiken, sowohl gegen ihre ideellen als auch praktischen Grundlagen, werden so alt sein wie die schriftlich fixierten Religionen. Sigmund Freud dürfte sowohl die subtile Kritik Ludwig Feuerbachs (1804-1872), die zersetzende von Karl Marx (1818-1883), aber auch die verzweifelte seines Zeitgenossen Friedrich Nietzsche (1844-1900) studiert haben, denn er beruft sich auf „bessere Männer“, die „vollständiger, kraftvoller und eindrucksvoller“ als er Kritik an der Religion geübt hätten. Er „habe bloß“ wie er bekennt, „der Kritik“ seiner „großen Vorgänger etwas psychologische Begründung hinzugefügt“. Die besseren Männer zählt er nicht auf, denn „es soll nicht der Anschein geweckt werden“, dass er sich „in ihre Reihe stellen will“.1
Psychologische Aspekte wurden auch zuvor schon in der Religionskritik geäußert, aber da Freud nun einmal der Begründer der Psychoanalyse ist, konnte keiner zuvor seine Kritik mit psychoanalytischen Begründungen würzen. Freuds Freund und Kollege Oskar Pfister (1873-1956) bezichtigte ihn 1928 in seinem Aufsatz unter der entgegen gesetzten Überschrift „Die Illusion einer Zukunft“ 2, er habe an die Stelle der religiösen lediglich eine wissenschaftliche Weltanschauung gesetzt. „Freud wollte die bannende Macht des Heiligen“, schreibt Reimut Reiche in seiner Einleitung, „ganz durch die bindende Kraft rationaler Verhältnisse abgelöst sehen, aber er verfügte über kein Instrument, um die andauernde Reduktion von Vernunft und Zweckrationalität, den Missbrauch von Vernunft im einzelnen im Namen von irrationaler Herrschaft im Ganzen zu erkennen.“3
Ilse Grubrich-Simitis hingegen vermutete in ihrem biografischen Essay „Freuds Moses-Studien als Tagtraum“4, dass Freud vor allem deshalb ein so wütender Atheist war, weil er stets in Versuchung geriet, sich selber mit Moses als Religionsstifter zu identifizieren. Aus seiner eigenen Biografie ließen sich wohl einige Merkwürdigkeiten ableiten, die er selber in die psychischen Macken oder Krankheiten seiner Patienten projizierte. Aber er ist damit weltbekannt geworden, auch wenn sich heute viele Therapeuten bemühen, seine Irrtümer aufzudecken. Allein im Internet erscheinen, wenn man in der Google-Suchmaschine seinen Namen eingibt, 318.000 internationale und 35.000 deutsche Eintragungen. Doch nun zur Sache selber!
I
Im ersten Kapitel seines erstmals 1927 veröffentlichten Essays „Die Zukunft einer Illusion“ wollte er die Kultur untersuchen oder das, was er als „menschliches Getriebe“ bezeichnete, das „nur wenige Personen“, wie er übertrieben optimistisch meinte, „in all seinen Ausbreitungen überschauen können“. Kultur war ihm etwas, „was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen“. Das gab ihm Gelegenheit, mit seinen bekannten Begriffen wie „Triebopfer“, Triebunterdrückung“ oder „Triebverzicht“ zu hantieren, was aber noch weit vom Thema Religion entfernt zu sein scheint. Stattdessen räsonierte er über die „kulturfeindliche Mehrheit von heute“, die es gelte, „zu einer Minderheit herabzudrücken“. Das klingt zwar fast marxistisch, also erziehungsdiktatorisch, aber er versicherte, dass es ihm „ferneliegt, das große Kulturexperiment zu beurteilen, das gegenwärtig in dem weiten Land zwischen Europa und Asien an- gestellt wird“.5 Er meinte also das grausame „Kulturexperiment“ der Bolschewiki, das nach den revolutionären, jedoch leicht abgewandelten Theorien der Freunde Marx & Engels den europäischen Bürgerkrieg entfachte. Wer sich heute über die Ergebnisse dieses Experiments genauer unterrichten will, sollte das von zumeist ehemaligen Marxisten selber zusammengestellte „Schwarzbuch des Kommunismus“6 studieren.
[...]
1 In: Massenpsychologie und Ich-Analyse. Die Zukunft einer Illusion, 6. Auflage, Frankfurt/M. 2002, S. 138 (fortan nur Seitenangabe)
2 In: E. Nase und J. Scharfenberg (Herausgeber): Psychoanalyse und Religion. Darmstadt 1977, S. 101-1041
3 S. 20
4 Weinheim 1991
5 S. 109-113
6 Untertitel: Unterdrückung, Verbrechen und Terror, herausgegeben von Stéphane Courtois u. a., München 1998
Arbeit zitieren:
Siegmar Faust, 2004, Sigmund Freud: Die Zukunft einer Illusion, München, GRIN Verlag GmbH
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