Inhaltsverzeichnis
Die Ware Wissen
Vom Wert des Wissens in modernen Gesellschaften
1. Wachsendes Verlangen nach Wissen 1
2. Wissensgesellschaft - eine Begriffsklärung 2
3. Der Produktionsfaktor Wissen 4
3.1 Wissen - eine eigentümliche Ware 4
3.2 Wissen als Kapital für den Arbeitskraftunternehmer 6
3.3 Wissen als Kapital der Wirtschaft 8
4. Eine neuer Produktionsfaktor - Viele ungeklärte Fragen 10
5. Literaturverzeichnis 12
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1. Wachsendes Verlangen nach Wissen
Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. So lautet eine gängige Binsenweisheit, die derzeit von den verschiedensten gesellschaftlichen Interessenvertretern zu vernehmen ist. Ergänzt wird diese scheinbar neue Erkenntnis meist durch den Hinweis, dass es daher nötig sei, durch eine parteiübergreifende Kraftanstrengung dafür zu sorgen, dass Bildung und Forschung künftig die zentrale Richtgröße jeder politischen Entscheidung darstellen. Nur so sei man in der Lage, den Unternehmen das Kapital zuzuführen, dass sie in Zeiten des internationalen Wettbewerbs an den Standort Deutschland binde, namentlich hoch qualifizierte Arbeitskräfte, so genannte Wissensarbeiter. Der Staat seinerseits profitiert in diesem Fall von höheren Steuereinnahmen.
Aus dieser Argumentation geht zudem hervor, dass durch einen Ausbau des gesamten Bildungssektors neben den Untenehmen und dem Staat in erster Linie auch diejenigen profitieren, denen diese Bildung zuteil wird, die Bürger. Schließlich stellt (formal) hohe Bildung eine wichtige Zulassungsvoraussetzung auf dem Stellenmarkt dar. Dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit dem Bildungsniveau steigen, zeigt sich bei der Betrachtung von Arbeitslosenquoten nach dem Bildungsniveau. So betrug die Arbeitslosenquote derjenigen, denen lediglich Primarbildung/Sekundarbildung I zuteil wurde in den EU-15-Ländern im Jahr 2000 mit 10,7% mehr als doppelt so viel als die der Akademiker (Tertiärbildung), die sich auf 4,4% belief (vgl. Hradil 2004, 161).
Aufgrund dieser Sachverhalte wird klar, dass in Zeiten der Globalisierung vor allem die großen Industrienationen daran interessiert sind, sich als Gesellschaften zu präsentieren, in denen Wissen und Bildung als basale Größen der Vergesellschaftung fungieren. Wissen stellt sowohl für Staaten als auch für Unternehmen und Arbeitnehmer die zentrale Ressource im (inter)nationalen Wettbewerb dar. Es verwundert daher nic ht, dass das Konzept der Wissensgesellschaft zusehends als das zweckmäßigste gilt, um moderne Gesellschaften zu beschreiben. Wissen wird dabei gleichsam zum Gradmesser für die Modernität einer Gesellschaft.
Doch trotz seiner gesteigerten Popularität bleibt der Begriff Wissensgesellschaft häufig nur eine leere Worthülse. Das Ziel dieser Arbeit wird es daher zunächst sein, diesen Gesellschaftsbegriff mit Inhalt anzureichern um sodann die Bedeutung des Produktionsfaktors Wissen eingehender zu diskutieren. Dabei soll sowohl aus der Perspektive der Unternehmen als auch aus der der Arbeitnehmer überprüft werden, welchen Stellenwert die Ware Wissen einnimmt.
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2. Wissensgesellschaft - eine Begriffsklärung
Wie oben bereits angedeutet, zeichnet sich eine Wissensgesellschaft vor allem dadurch aus, dass Wissen zum zentralen konstitutiven Element der Produktion bzw. Reproduktion der Gesellschaft wird. Das soll nicht heißen, dass die Produktion materieller Güter nicht nach wie vor eine zentrale Rolle in gegenwärtigen Volkswirtschaften spielt, sondern vielmehr, dass diese Produktion zusehends von wissensbasierten Dienstleistungen begleitet wird. So gewinnen im Umfeld der Warenproduktion wissensintensive Vorgänge wie Marketing, Forschung und Entwicklung, Design, Logistik und vieles mehr immer mehr an Bedeutung (vgl. Bittlingmayer 2001: 15). Das führt bisweilen so weit, dass Unternehmen ihr ursprüngliches Kerngeschäft - die Warenproduktion - aufgeben um sich in erster Linie auf Marketing und ähnliche wissensbasierte Dienstleistungen zu konzentrieren (vgl. Gorz 2001: 3f. und Klein 2001: 205-241). Empirisch nachweisen lässt sich diese Entwicklung anhand einschlägiger Statistiken über die Verteilung der Erwerbstätigen in den drei gängigen Wirtschaftssektoren im Zeitverlauf. So belief sich der Anteil der Beschäftigten im sekundären Sektor in der BRD im Jahr 1970 auf 49,4%, während im Jahr 2003 lediglich noch 31,1% im fertigenden Gewerbe tätig waren. Im tertiären Sektor hingegen stieg der Anteil im gleichen Zeitraum von 41,5% auf 66,4% (vgl. Statistisches Bundesamt 2005: 103). Die beschriebene Entwicklung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch im Dienstleistungssektor zahlreiche Beschäftigte mit Routineaufgaben betraut sind, welche keineswegs als wissensbasierte T ätigkeit deklariert werden können. Dennoch bringen die Zahlen eine eindeutige Entwicklung zum Ausdruck.
Eine Ursache für diesen Prozess liegt in der Expansion des Bildungssystems, die in der BRD in den 60er Jahren ihren Anfang nahm. Ein derartiger Ausbau des Bildungs- und Forschungsapparats ist unerlässlich für eine Gesellschaft, die den Titel Wissensgesellschaft für sich in Anspruch nehmen will. Dieser Ausdehnung des Bildungssektors liegt im Normfall die Erkenntnis zugrunde, dass langfristig nur auf diese Weise ein neuer Produktionssektor etabliert werden kann, namentlich der Sektor der Wissensproduktion (vgl. Stehr 1997: 741). Neben der Bildungsexpansion fußt die Entwicklung zur Wissensgesellschaft auch auf der technischen Entwicklung, denn ohne den schnellen Zugriff bzw. ohne die schnelle Weitergabe von Informationen und Wissen via moderner Kommunikationstechnologie würde heute wohl niemand von einer Wissensgesellschaft sprechen. Kritiker allerdings nehmen die einseitige Fokussierung des öffentlichen Interesses auf den technischen Fortschritt zum Anlass für eine Ablehnung des Begriffs Wissensgesellschaft zur adäquaten Charakterisierung gegenwärtiger
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Gesellschaften. Der Argumentation Adornos folgend akzeptieren sie es, aufgrund des technologischen Entwicklungsniveaus moderner Gesellschaften von einer
Wissensgesellschaft zu sprechen, gleichzeitig lehnen sie es aber ab denselben Begriff zur Charakterisierung der sozioökonomischen und politischen Strukturen zu verwenden. Begründet wird diese Weigerung u.a. mit dem Verweis auf die entgegen allen andersartigen Hoffnungen fortbestehenden sozialen Ungleichheiten, welche das ausgebaute Bildungssystem nach wie vor nicht wirklich abbauen kann (vgl. Bittlingmayer 2001: 22 und Hradil 2004: 150-163). Die Tatsache, d ass es der Politik an Antworten auf die durch die permanente Wissenserweiterung, d.h. durch die fortwährende Erweiterung des theoretisch Machbaren, aufgeworfenen Fragen fehlt, verstärkt die Einwände der Kritik am neuen Gesellschaftsbegriff noch zusätzlich. Statt einer von vielen Seiten geforderten Wissenspolitik (u.a. bei Stehr 2003) scheint sich das experimentelle Trial-and-Error-Design, das bislang vor allem in der Wissenschaft zur Anwendung kam, auf das gesamte gesellschaftliche Leben auszudehnen (vgl. Heidenreich 2002: 9f.). Die Politik gerät immer häufiger in die Rolle des Reagierenden und ist nur selten in der Lage potentielle Risiken zu antizipieren bzw. sie gar zu verhindern. Trotz bzw. gerade wegen dieser Kritik spricht viel dafür, das Konzept der Wissensgesellschaft zur Beschreibung moderner westlicher Gesellschaften zu verwenden. Denn schließlich ist doch der Verweis auf die Tatsache, dass die Politik nicht mehr in der Lage ist, die permanente Wissensproduktion hinreichend zu regulieren ein Indikator dafür, dass diese Produktion bisher ungekannte Ausmaße angenommen hat. Wissen schafft unaufhörlich neue Handlungsmöglichkeiten, gleichzeitig erzeugt neues Wissen auch immer mehr Nicht-Wissen, d.h. es wirft neue Fragen auf, deren Beantwortung zu neuem Wissen führt. Wissensproduktion läuft folglich in einer Dauerschleife gemäß dem Sayschen Gesetz, demzufolge jedes zusätzliche Angebot neue Nachfrage schafft (vgl. Fuller 1992: 174). Diese Dauerschleife generiert permanent neue Handlungsmöglichkeiten, aber auch neue Risiken. Bereits etablierte Wahrnehmungs- und Handlungsmuster werden einer institutionellen Infragestellung unterzogen, was auch dazu führt, dass bestehende Autoritäten mit Herrschaftsverlust rechnen müssen (vgl. Heidenreich 2003: 5 und Stehr 2001: 8). Dies wiederum lässt moderne Wissensgesellschaften zu zerbrechlichen Gebilden werden (Stehr 2000).
Ein weiters Charakteristikum dieses neuen Gesellschaftstypus’ ist neben der quantitativen Expansion der Wissensproduktion die Ausweitung der Orte dieser Produktion. So ergänzen „(auch wissenschaftsexterne) Organisationen als alternative Orte der Wissensproduktion“ (Heidenreich 2003: 12) zusehends die klassischen staatlichen und industriellen Einrichtungen.
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Arbeit zitieren:
Marcel Raab, 2005, Die Ware Wissen - Vom Wert des Wissens in modernen Gesellschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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