Universität Potsdam
SoSe 2005
Institut für Erziehungswissenschaft
Erziehungsverhältnisse im Nationalsozialismus
Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten im Dritten Reich
Objektive Realität versus subjektive Wahrnehmung
Verfasser:
Jan Kirk
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S. 1
2. Das nationalsozialistische Selbstverständnis von Erziehung S. 2
3. Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten S. 4
3.1. Historische Entwicklung und Etablierung der NPEA’S S. 4
3.2. Aufnahmeprüfung und Auslese S. 7
3.3. Anstaltsleitung und Lehrkräfte S. 8
3.4. Die Struktur der NPEA’s S. 10
3.5. Schulalltag S. 11
4. Erfahrungsberichte ehemaliger Schüler S. 14
4.1. Kameradschaft S. 14
4.2. Heimweh S. 15
4.3. Allgemeine Erfahrungen S. 16
4.4. Lehrer und Erzieher S. 16
4.5. Politische Indoktrination S. 18
4.6. Widersprüche zum nationalsozialistischen Selbstbild S. 19
4.7. Bewertung der Schulzeit S. 20
5. Auswertung S. 22
6. Literaturverzeichnis S. 26
1. Einleitung
Gegenstand dieser Semesterarbeit sind die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (NPEA) im Dritten Reich. Dabei verfolgt die Arbeit drei Ziele. Im ersten und kürzesten Teil der Arbeit soll knapp das Erziehungskonzept der Nationalsozialisten erläutert werden, um das pädagogische Grundverständnis für die Betrachtung der NS-Ausleseschulen zu schaffen. Im zweiten Teil der Arbeit sollen diese Internatsschulen näher beschreiben werden. Was genau verbirgt sich hinter diesen Eliteschulen? Wie waren sie strukturiert? Wie sah der Alltag der Schüler aus? Auf was wurde besonderen Wert gelegt?
Dass es von Napola zu Napola mitunter Unterschiede in ihrer pädagogischen Ausrichtung gab, die Gewichtung von Unterricht und Sport unterschiedlich war oder auch die Lehrkräfte der nationalsozialistischen Zielsetzung nicht immer gleichermaßen folgten kann hier nur erwähnt werden. Eine detaillierte Betrachtung dieser Unterschiede erfordert eine eigenständige Arbeit. Allerdings kommen diese Unterschiede im dritten Teil der Arbeit noch einmal zur Sprache, wenn die Erlebnisse ehemaligen Schüler an den Napolas näher betrachtet werden. Aufgrund des komplexen Themas ist es leider nicht möglich auf die weiteren Eliteschultypen im Dritten Reich einzugehen und sie politisch und pädagogisch von den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten abzugrenzen. Auch muss darauf verzichtet werden, die drei Anstalten für Mädchen näher zu beschreiben, die es während des Dritten Reiches gab. Die Gesellschaft im nationalsozialistischen Deutschland war patriarchal ausgerichtet und das männliche Geschlecht stand auch im Zentrum der Erziehung. Um dieser Gewichtung gerecht zu werden, müssen die Napolas für Mädchen als Sonderform leider außen vor bleiben.
Im dritten Teil der Arbeit geht es darum zu untersuchen, wie einzelne ehemalige Schüler der NPEA’s sich Jahrzehnte nach ihrem Internatsbesuch an das Leben dort erinnern. Dass diese Erinnerungen sehr persönlich sind und in ihren Beschreibungen der Zustände weit von einander abweichen können ist wohl verständlich.
Ich möchte dennoch aufzeigen, wie unterschiedlich die Wahrnehmung des Lebens an einer Napola ist, bzw. wie unterschiedlich das Leben tatsächlich war. Dass es bei den Zeitzeugenberichten zu einer Vermischung objektiver Realität und subjektiver Empfindungen kommt, ist zu erwarten. Dennoch vermitteln die Berichte einen Eindruck von den Unterschieden der Schulrealität. Zudem könnte es interessant sein nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der persönlichen Erinnerungen zu suchen. Woran denken die meisten gern zurück? Wie bewerten sie ihre Schulzeit auf einer NPEA? Haben sie Fähigkeiten erworben, die ihnen später dienlich waren?
Die Auswahl der Zeitzeugenberichte ist begrenzt. Andere ehemalige Schüler hätten womöglich anderes berichtet. Viele ehemalige Schüler sind nie an die Öffentlichkeit getreten und haben ihre Erfahrungen nicht mit anderen geteilt. Daher bilden die Berichte ehemaliger Schüler, die zur Untersuchung herangezogen werden können, nur einen Ausschnitt aus der Realität der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten. Und auch wenn über den objektiven Erkenntnisgewinn der Aussagen gestritten werden kann, bin ich der Meinung, dass es sich um einen interessanten Aspekt handelt, der es wert ist untersucht zu werden und der trotz aller Einschränkungen durchaus hilfreich sein kann die objektive Realität zu verstehen.
2. Das nationalsozialistische Selbstverständnis von Erziehung
Aus dem Glauben an die „rassische Einzigartigkeit“ und Überlegenheit des deutschen Volkes heraus, sollte die Erziehung im Nationalsozialismus das Volk wehrhaft und widerstandsfähig machen, um im Kampf gegen innere und äußere Bedrohungen bestehen zu können. Um jedoch im Überlebenskampf diesen Aufgaben gewachsen zu sein, wurde besonderer Wert auf eine körperliche Ausbildung gelegt, die bereits im Kindesalter begann und teilweise mit militärischem Drill umgesetzt wurde. Obwohl es nach Vorstellung Hitlers eine klare Trennung der Geschlechter geben sollte, die sich im traditionellen Bild der Frau als Hausfrau und Mutter, bzw. des Mannes als Soldat und Ernährer widerspiegelt, gab es bei der Erziehung beider Geschlechter Gemeinsamkeiten. Für beide galt es sich, neben schulsportlichen Aktivitäten, körperlich zu betätigen, wobei der Leistungsgedanke bei den Jungen höher war, da sie frühzeitig auf ihre zukünftige Rolle als Soldaten im System vorbereitet werden sollten.1 Insbesondere das Boxen und Geräteturnen wurden als ideologisch adäquat empfunden, da sie das Durchsetzungsvermögen und Selbstvertrauen stärken und somit ein Überlegenheitsgefühl entwickeln sollten. Die starke Betonung von körperlicher Betätigung zeigt sehr deutlich die Schwerpunktverschiebung innerhalb des Erziehungssystems. Es sei die Aufgabe der „völkische“ Erziehung in erster Linie körperlich starke Menschen auszubilden. Die Vermittlung von Wissen wäre absolut zweitrangig und rangiert in seiner Wertigkeit noch hinter Charakterschulung und Verantwortungsbewusstsein (vgl. Hitler, S. 451- 482; zitiert nach: Gamm 1990, S. 48ff.). Hinzu kommt, dass die in der Schule vermittelten Wissensbestände stark nationalsozialistisch geprägt waren und im Sinne der NS-Propaganda Feindbilder erschufen, welche die Legitimation für die vermeintliche Überlegenheit der arischen Rasse lieferten. Es lag also nicht im Interesse der Nationalsozialisten die Jugend zu selbstständigem und kritischem Denken zu erziehen, sondern sie mit Hilfe von Pseudowissen im Sinne der eigenen Ideologie nutzbar zu machen und somit den Fortbestand des Systems zu sichern und seine Feinde zu vernichten.
[....]
1 Die Verantwortlichkeit hierfür übernahmen die Parteiorganisation der Hitlerjugend (HJ), welcher der Bund Deutscher Mädel (BDM) angegliedert war. Die Beteiligung war zunächst freiwillig, setzte aber bestimmte Reize, denen viele erlagen. Mit dem Hitlerjugendgesetz von 1936 war die Mitgliedschaft für alle zwischen 10 und 18 Jahren verpflichtend.
Arbeit zitieren:
Jan Kirk, 2005, Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten im Dritten Reich - Objektivität versus subjektive Wahrnehmung, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Napolas - wie sie Elite 'bildeten'.
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