Ihr habt mich nie geliebt. Es machte euch nur Spaß, in mich verliebt zu sein. (...)
Als ich noch zu Hause bei Papa war, teilte er mir alle seine Ansichten mit, und so hatte ich diesselben
Ansichten; hatte ich andere, so verheimlichte ich sie; denn eigene Meinungen hätte er nicht geschätzt.
Er nannte mich sein Puppenkind und spielte mit mir, wie ich mit meinen Puppen spielte. (...)
Dann ging ich aus Papas Händen in die deinen über. Du richtetest alles nach deinem Geschmack ein,
und so bekam ich denselben Geschmack wie du; oder ich tat nur so; ich weiß nicht recht: - ich glaub, es
war beides, bald das eine und bald das andere. Wenn ich jetzt zurückblicke, so wird mir bewußt, daß ich
hier wie ein armer Mensch gelebt habe (...) Ich lebte davon, daß ich dir Kunststücke vormachte, Torvald.
Aber du wolltest es ja so. Du und Papa, ihr begingt eine große Sünde gegen mich. (...)
Nein, glücklich bin ich nie gewesen. Ich glaubte es, aber ich war es nie; nur lustig. (...) Aber unser Heim
war nichts anderes als eine Spielstube. Ich war deine Puppenfrau, wie ich Papas Puppenkind war. Und
die Kinder wiederum waren meine Puppen. Ich war recht zufrieden, wenn du mit mir spieltest, so wie die
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG. 1
2. DAS 5. BUCH DES EMILE. 2
3. UNTERSCHIEDLICHE SICHTWEISEN BEZÜGLICH ROUSSEAUS
FRAUENBILD 4
3.1. DIE REPRESSIONSTHESE 4
3.1.1. Frau als Gegenstück zum Mann 5
3.1.2. Die Bestimmung zu gefallen 6
3.1.3. Fremdbestimmung und Selbstlosigkeit 7
3.1.4. Leidenschaft und sexuelle Bedürfnisse als Gefahr 8
3.1.5. Double-bind und Schuldgefühle 10
3.1.6. Zusammenfassende Darstellung der Repressionsthese 11
3.2. DIE RELATIVIERUNG DER REPRESSIONSTHESE 12
3.2.1. Kritik an der Repressionsthese 12
3.2.2. Die heimliche Macht der Frauen. 12
3.3. GEGENÜBERSTELLUNG DER BEIDEN THESEN. 14
4. DAS PARADOXE BEI ROUSSEAU 15
4.1. PARADOXIE IM EMILE 15
4.2. PARADOXIEN BEZÜGLICH DES NATURBEGRIFFS 16
4.3. ROUSSEAUS GESELLSCHAFTSTHEORIE. 18
4.4. ABSCHLIEßENDE BEMERKUNG ZU DEN WIDERSPRÜCHEN 19
5. FAZIT 20
LITERATURVERZEICHNIS 23
1
1. Einleitung
Jean-Jacques Rousseau und sein Werk sind bis heute in der Pädagogik von großer Bedeutung und finden in zahlreichen Diskursen Beachtung (vgl. Priem, 1996, S. 280). Ende der 70er Jahre rückte hierbei besonders der Aspekt der Geschlechterdifferenzierung ins Blickfeld (vgl. Priem, 1996, S. 281). Rousseau gilt für viele als derjenige, der im Wesentlichen die bürgerliche Geschlechterdifferenz begründet und herbeigeführt hat (vgl. Pulpanek, 1997, S. 92; vgl. Harten, 1990, S. 219; vgl. Priem,1996, S. 280; vgl. Felden, 1997, S. 9). Infolgedessen wird sein Werk diesbezüglich kontrovers diskutiert, wobei seine Erziehungsschrift „Emile oder Über die Erziehung“ eine zentrale Stellung einnimmt (vgl. Felden, 1999, S. 32; vgl. Schmid, 1999, S. 12). Betrachtet man die vielfältige Literatur über Emile und die anderen Werke von Rousseaus Zeiten bis heute, so lassen sich von großer Bewunderung bis zur Anklage Rousseaus (vgl. Felden, 1997) im Groben zwei verschiedene Diskussionslinien herausarbeiten, die im fachlichen Diskurs als die Repressionsthese und als deren Relativierung bzw. Infragestellung bezeichnet werden (vgl. Felden, 1999, S. 33; vgl. Schmid, 1992, S. 840; vgl. Priem, 1996, S. 281). Während die Vertreter und Vertreterinnen der Repressionsthese, wie der Name schon sagt, von einer Unterdrückung und Fremdbestimmung der Frau in Rousseaus Werk ausgehen, wird von denjenigen, die diese These relativieren, der Focus auf die Elemente gerichtet, in denen sich eine Selbstbestimmung der Frau abzeichnet.
In dieser Arbeit wird die Frage untersucht, wie solch unterschiedliche Lesarten zu erklären sind. Um diese Frage bearbeiten zu können, wird erst ein kurzer inhaltlicher Überblick über das 5. Buch des Emile gegeben, woran sich dann eine getrennte und ausführliche Darstellung der beiden obengenannten Positionen anschließt. Hierbei dient der zuvor geschilderte Emile als Diskussionsgrundlage, da sich die Autorinnen und Autoren hauptsächlich auf dieses Buch beziehen.
Die verschiedenen Argumentationen der Vertreter und Vertreterinnen der gegensätzlichen Thesen beziehen sich auf unterschiedliche und zum Teil widersprüchliche Aussagen in Rousseaus Werk, so dass von einem „Janusgesicht ... in der Frauenfrage“ (Sakmann, 1923, S. 193) gesprochen wird. Diesen Widersprüchen und Mehrdeutigkeiten auch in anderen Bereichen wird in der breiten Rezeption ein weiter Rahmen geboten. So überschreibt Voßkamp einen Beitrag zur deutschen Diskussion von Emile mit „Un livre paradoxal“ (1995).
2
Dort verweist er darauf, dass Rousseaus T exte „aufgrund ihrer konzeptuellen Paradoxa mehrfache Anschlußmöglichkeiten für unterschiedliche Interpretationen und Auslegungen bieten“ (Voßkamp, 1995, S. 101). Auch Scarbath bezeichnet sein Werk „mehrschichtiger und spannungsreicher als es Zeitgenossen und vielfach auch die Nachwelt wahrgenommen haben“ (Scarbath, 1999, S. 31), was der Beschreibung von Blankertz, dass Rousseaus Werk „durch zahlreiche innere, nicht aufgelöste Spannungen gekennzeichnet“ (Blankertz, 1992, S. 70) sei, sehr nahe kommt.
Um die gegensätzlichen Positionen nachvollziehbarer und verständlicher zu machen, folgt im Anschluss an deren Vorstellung also eine Darstellung von Paradoxa und Widersprüchlichkeiten, die zu den verschiedenen Auslegungen führen. Hierbei werden jedoch über den Emile hinaus auch andere Werke betrachtet.
Schließlich folgt der Versuch, die herausgearbeiteten Widersprüche zu erklären und Spannungen aufzulösen, was wiederum zur Klärung der Ausgangsfrage bezüglich der verschiedenen Lesarten beiträgt.
Daran schließt sich letztlich noch ein Hinweis für eine erweiterte Leseweise des Rousseauschen Werkes, mit der versucht werden soll, eine diesen Thesen entsprechende einseitige Art des Verstehens zu vermeiden.
Abschließend werden im Fazit noch einige Gedanken und Fragen aufgeworfen, die in dieser Arbeit nicht explizit bearbeitet werden, die jedoch ebenfalls zur Erweiterung des Blickfeldes dienen sollen.
Doch nun beginnen wir mit der Ausarbeitung der zwei Thesen auf der Grundlage des Emile.
2. Das 5. Buch des Emile
„Am Anfa ng der breiteren Debatte über weibliche Erziehung steht Jean-Jacques Rousseaus ‚Emile’“ (Schmid, 1999, S. 12). Deshalb erfolgt hier ein kurzer Überblick über den Emile. Rousseau entwirft in seinem Emile ein Konzept zur Erziehung eines mit seiner Natur in Einklang lebenden Mannes von Geburt an bis zur Gründung einer Familie, wobei er dem „Prinzip der Entwicklungsgemäßheit“ (Dahmer, 1962, S. 19) folgt. Hierbei wird das Buch in fünf große Abschnitte oder Bücher unterteilt. In den ersten vier Büchern schildert Rousseau die Erziehung des fiktiven Zöglings Emile. Hierbei soll Emile weniger für andere erzogen werden als vielmehr für sich selbst. Dadurch sind die Erziehung und die Erziehungsmethoden an den Bedürfnissen und der Natur des Zöglings orientiert. Hierbei versucht er statt mit
3
Zwang zu erziehen, eine größtmögliche Freiheit für Emile zu gewährleisten. So soll der Junge auch nicht über Zwang zum Lernen veranlasst werden. Infolgedessen arrangiert der Erzieher unbemerkt vom Zögling in dessen Kindheit die Umgebung so, dass dieser sich seine Lehren daraus ziehen kann. Auch in der Jugend beruht eines der bedeutendesten Prinzipien darauf, dass Emile nur das lernen muss, was er selbst aus eigener Motivation lernen will und was ihn interessiert. Im 5. Buch schließlich erreicht Emile das Alter, in dem er eine feste Beziehung einzugehen vermag.
Infolgedessen schließt sich in diesem Buch eine Vorstellung Rousseaus über die passende Frau für seinen Zögling an. Er leitet seine Überlegungen mit allgemeinen Gedanken zum Verhä ltnis von Mann und Frau ein:
„ ... alles was sie gemeinsam haben zur Art, alles was sie unterscheidet zum Geschlecht gehört. Unter diesem doppelten Gesichtspunkt finden wir zwischen ihnen so viele Ähnlichkeiten und so viele Verschiedenheiten, daß es vielleicht eines der größten Wunder der Natur ist, zwei so ähnliche Wesen hervorgebracht zu haben, indem sie sie so verschieden gemacht hat“ (Rousseau, 2001, S. 385f.). Eine weitere Abgrenzung findet sich in folgender Passage:
„In der Vereinigung der Geschlechter tragen beide gleichmäßig zum gemeinsamen Zweck bei, aber nicht auf die gleiche Weise. ... Der eine muß aktiv und stark sein, der andere passiv und schwach. ...“ (Rousseau, 2001, S. 386).
Aus diesen unterschiedlichen Eigenschaften, die er im Folgenden aus führlich erläutert, zieht Rousseau den logischen Schluss, dass Mann und Frau auch nicht die gleiche Erziehung haben dürfen (vgl. Rousseau, 2001, S. 392).
Demnach stellt er daraufhin ein Erziehungskonzept für die Frau auf (vgl. Rousseau, 2001, S. 392ff.). D er Inhalt dieses Kapitels wird an dieser Stelle nicht vorgestellt, da er in der Betrachtung der Repressionsthese und deren Relativierung seinen Platz findet. Im Anschluss daran schildert Rousseau die Persönlichkeit der zu Emile gehörenden Sophie, (vgl. Rousseau, 2001, S. 429ff.), Voraussetzungen einer glücklichen Ehe (vgl. Rousseau, 2001, S. 443ff.), das Kennenlernen von Sophie und Emile ( vgl. Rousseau, 2001, S. 449ff.), eine Bildungsreise Emiles (vgl. Rousseau, 2001, S. 496ff.) und schließlich die Gründung einer Familie von Emile und Sophie (vgl. Rousseau, 2001, S. 521ff.). Auch die Inhalte dieser Kapitel finden, wenn sie für das Thema der vorliegenden Arbeit von Bedeutung sind, Erwähnung im folgenden Abschnitt.
Wie bereits angedeutet liefert Rousseau vor allem durch seine Darstellungen im Emile „reichlich Zündstoff für die Frauenforschung“ (Felden, 1999, S. 32). Infolgedessen schließt
4
sich nun das Kapitel über die unterschiedlichen Sichtweisen von Rousseaus Frauenbild an, wobei hier immer wieder Bezug zum 5. Buch des Emile genommen wird.
3. Unterschiedliche Sichtweisen bezüglich Rousseaus Frauenbild
„Das fünfte Buch, ‚Sophie oder die Frau’ handelt davon, wie Frauen im allgemeinen und die für Emile bestimmte Sophie im besonderen zu sein haben“ (Schmid, 1999, S. 12). Rousseau entwirft in diesem Buch eine zweite Erziehungskonzeption, nämlich die für das Mädchen, die sich von der für den Knaben unterscheidet (vgl. Schmid, 1999, S. 12; vgl. Cranston, 1991, S. 189). Diese Tatsache alleine rechtfertigt jedoch den Be leg einer repressionstheoretischen Sichtweise noch nicht. Erst eine genauere Betrachtung der für das Mädchen vorgesehenen Erziehung erlaubt Schlüsse darüber. Somit werden im folgenden sowohl die Repressionsthese als auch die Gegenthese unter Einbeziehung dieser Erziehungsempfehlungen dargestellt.
3.1. Die Repressionsthese
Ehrich-Haefeli zeigt einen starken Gegensatz in den zwei Erziehungskonzeptionen auf, indem sie schreibt:
„Dabei enthalten doch die vorangehenden ... Seiten des Buchs Rousseaus revolutionäre Botschaft (sic!), wie dem heranwachsenden Menschenkind jene glückliche Freiheit, die die Natur vorgesehen hat, gelassen werden soll, damit es aus eigener Initiative, eigenen Impulsen folgend, alle Kräfte des Körpers und des Geistes entfalte und so als Erwachsener zur wahren Autonomie gelange [...] Zu Beginn des 5. Buches aber erweist sich, daß das Kind, dessen glückliches Heranwachsen zur Selbständigkeit uns vorgeführt wurde, nur das männliche Kind sein kann; für Sophie gilt das alles nicht, es gilt wesentlich das Gegenteil“ (Ehrich-Haefeli, 1995, S.130).
Dies ist der Hauptkritikpunkt, den die Repressionstheoretiker aufzeigen. Jedoch sind die Argumente dafür so zahlreich wie die Vertreterinnen der These (vgl. Priem, 1996, S. 285). Eine Erklärung dafür könnte z.B. in der „relativen Offenheit Rousseaus“ (Hauser, 1992, S. 164) diesbezüglich liegen, die wenig verschleiert und somit den Gegnern eine große Angriffsfläche bietet, und es ihnen leicht macht, Position zu beziehen (vgl. Hauser, 1992, S. 164). Rousseau bezieht sich bei der Schilderung der weiblichen Erziehung auf verschiedene Aspekte des weiblichen Lebens und Auftretens, so dass es möglich ist, diese Aspekte einzeln und somit systematischer zu betrachten.
5
Als erstes soll hierbei die Funktion der Frau als Gegenstück des Mannes erläutert werden, da sich von ihr ausgehend das gesamte Konstrukt der Frau bildet.
3.1.1. Frau als Gegenstück zum Mann
Rousseau entwirft Sophie als die Frau, die Emile glücklich machen kann (vgl. Rousseau, 2001, S. 429). „Sophie ist über die Pflichten und Rechte ihres und unseres Geschlechtes unterrichtet ... und hat sie tief in ihrem Herzen beschlossen“ (Rousseau, 2001, S. 434). Demnach liegt ihre Bestimmung also darin, den Mann glücklich zu machen, was wesentlicher Bestandteil ihrer Erziehung ist:
„Die ganze Erziehung der Frauen muss daher auf die Männer Bezug nehmen. Ihnen gefallen und nützlich sein ... und ihnen das Leben angenehm machen und versüßen: das sind zu allen Zeiten die Pflichten der Frau, das müssen sie von ihrer Kindheit an lernen“ (Rousseau, 2001, S. 394).
Schmid stellt die Ansichten der Repressionstheorie folgendermaßen dar: „Während Emile zum Menschen erzogen wird, wird Sophie zur Frau dieses Menschen erzogen, genauer gesagt: zu einer Frau, in die er sich verlieben kann“ (Schmid, 1999, S. 12). So schildert Simmel Rousseaus Grundgedanken in einer Erziehung der Frau als Ergänzung zum Mann. Sie stehe „nicht als selbstbestimmtes Individuum neben dem Mann“ (Simmel, 1980, S. 56), sondern werde lediglich zu dessen Gattin und Geliebter erzogen. Hauser stellt in Bezug zu Rousseau fest, dass „ein Mann die Frau zur Ergänzung seiner Ich-Identität benötigt“ (Hauser, 1992, S.161). Demnach definiere der Mann „die Frau als Zierat seiner gesellschaftlichen und individuellen Existenz“ (Bovenschen, 1979, S. 177), die Frau bilde für Rousseau „den Humus für die Vervollkommnung ... des Mannes“ (Bovenschen, 1979, S. 173), sie stelle als „verstümmeltes Gattungswesen“ (Bovenschen, 1979, S. 176) eine „Appendixfunktion“ (Bovenschen, 1979, S. 165) dar. Die Erziehung der Frau werde im Emile nicht von den gleichen Maßstäben wie die Erziehung des Mannes bestimmt, „sondern sehr radikal vom Endpunkt, von ihrer ‚Bestimmung’“ (Blochmann, 1966, S. 26) her. Dieser Endpunkt bestehe in einer „Modellierung eine s weiblichen Charaktertypus zu ergänzenden Anpassung an den Mann“ (Bennent, 1985, S. 81). Damit dieses Ziel erreicht werde, müsse bei der Frau ein Interesse zu gefallen entwickelt werden. Dieser Punkt in der Erziehung der Frau wird nun in den Blick genommen.
Arbeit zitieren:
2002, Das Frauenbild bei Rousseau, München, GRIN Verlag GmbH
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