1. Freiheit, ein Credo?
Wir denken uns als freie Menschen. Was auch immer Wissenschaft erkennen läßt, stets meint der Geist er sei Urheber seiner Taten. Vielleicht geben wir bisweilen zu, bloß auf unsere Umgebung zu reagieren. Doch solange wir uns bei klarem Verstande wähnen, meinen wir alles auf unsere Weise zu tun: selbstbestimmt, autonom, frei. Unsere Person, als Wiege allen Wollens, erklärt sich uns als abgegrenztes Dieses, das stets bewirkt und nie erleidet. Wir sehen uns als Teil der Welt 1 , wollen aber keine Intuition dafür entwickeln, wie wir zu jedem Zeitpunkt an ihrer Kausalität teilhaben, als Wirkung einer fremden Ursache oder gar einer zweiten Person, die uns bestimmt. Das Kausalitätsprinzip von Ursache und Wirkung, auf dessen Gültigkeit jeder Arztpatient oder Flugzeugpassagier sein Leben verwettet, soll überall und jederzeit gültig sein, nicht aber in Bezug auf das Verhältnis von Geist und Welt. Wir haben es mit einer Intuition zu tun, auf der unsere Rechtspraxis fußt und die dennoch im Widerspruch steht zur profunden Makrophysik unserer Zeit.
Die Philosophie hat sich dieser Intuition teils verweigert (im Determinismus), teils ihr angeschlossen (im Indeterminismus). Der Determinismus bezweifelt, daß der Wille im Kausalgefüge der Welt einen Sonderstatus beanspruchen kann. Ein griffiges Argument beginnt mit der Frage: Was wäre ein Wille ohne Ursache in der Welt? Welche Art von Entscheidungen träfe ein solcher, einsamer Wille fernab von allen Reizen? So gefragt lautet die Antwort: Ein derartiger Wille wäre unbestimmt, lustlos, beliebig und seine Urteile sinn-, weil grundlos. Er wäre kein Wille, der in irgendeiner Weise sinnvoll benennen könnte, warum er so und nicht anders will. Er wäre überhaupt kein Wille. Der Indeterminismus verfügt über eine ähnlich pointierte Rhetorik. Indeterministen entgegnen Deterministen: Zugegeben, aber wenn die Bewegungen der Welt Kausalketten sind und jedes Ereignis eine Ursache hat, welche Art von Entität macht dann den Anfang? Eine holistische Ontologie unendlicher Kausalketten ist explanatorisch gesehen ein infiniter regreß, weshalb die Rede von der Uneingeschränktheit des Kausalitätsprinzips nicht hält. Es muß Ereignisse geben, die Ursache sind, aber nicht selbst Wirkung einer solchen. Und sind diese nicht bedingt durch unbewegte Beweger und sind das nicht wir Menschen? 2 Beide Gegenargumente widerlegen in der hiesigen Form einander logisch zwingend, ihr Gegensatz scheint unüberwindbar. Doch die moderne Debatte wird anders geführt. Der analytischen Tradition ist es darum zu tun, die Intuition der Freiheit in Einklang zu bringen mit der Erkenntnis eines unbezweifelbar
1 Was ich in dieser Arbeit „Welt“ nenne, ist gleichbedeutend mit dem „logischen Raum der Natur“ (McDowell)
oder dem Gegenstand der „Sinnlichkeit“ (Kant)
2 Vgl. Kant, Antinomien
2
kausalen Weltgefüges. Was bedeutet es, sich frei zu fühlen? Diese Frage stellt auch Peter Bieri. Aber kann es überhaupt eine versöhnliche Position zwischen der kausalen Geschlossenheit der Welt und der von jedermann geteilten Intuition menschlicher Spontaneität geben? Existiert dieser schmale Grat, kann Peter Bieri ihn gehen, oder fällt er zurück in die basalen metaphysischen Antinomien? Ist unsere Selbstanschauung als Akteure aus eigenem Antrieb, zu retten? Ist Freiheit bloß ein Credo, ein Glaubenssatz? Es soll untersucht werden, ob Bieris Rede vom „Handwerk der Freiheit“ dem scheinbar aus eigenem Recht urteilenden Willen einen Sonderstatus im Kausalgefüge zuweist, noch bevor sie ihn beweisen kann. Bieri sagt, unser Wille werde frei, wenn wir ihn verstünden und billigten. Für dieses Urteil braucht es jedoch Gründe. Woher stammen diese? Welchen ontologische Status hat der Raum der Gründe bei Peter Bieri?
2. Peter Bieri
a. Ein metaphysisches Bekenntnis
Peter Bieri entwickelt seine Theorie nicht zwischen den eben benannten Fronten. Am Anfang steht bei ihm ein metaphysisches Lippenbekenntnis zum Determinismus. „Unser Wille entsteht nicht im luftleeren Raum. Was wir wünschen und welche unserer Wünsche handlungswirksam werden, hängt von vielen Dingen ab, die nicht in unserer Verfügungsgewalt liegen.“ 3 Bieris Wille ist das Gegenteil eines unbewegten Bewegers. Der Wille ist bei ihm ganz Reaktion auf die Welt. Die Inhalte des Wollens können nicht beliebig sein, sondern ergeben sich aus ihrer Möglichkeit: Ich kann nur wollen, was es zu wollen gibt. Unmögliches, wie etwa mich in einen Vogel zu verwandeln und fortzufliegen, könne ich nur wünschen, nicht wollen, so Bieri. Das erinnert an Hume. „So lange die Handlungen in konstanter Verbindung und Verknüpfung mit den Lebensumständen und dem Temperament des Handelnden stehen, so lange müssen wir, wenn wir uns auch weigern, in Worten die Notwendigkeit [=Determiniertheit] anzuerkennen, in Wirklichkeit die Sache zugeben.“ 4 Natürlich greifen Sätze wie diese unser Freiheitscredo an. Im Determinismus verliert sich der Wille scheinbar zwischen Welt und Handlung. Das eigene Subjekt, die Urheberschaft des Willens und damit der Begriff der Person werden zur Welt hin geerdet und damit schwächer. Was von ihnen übrigbleibt scheint nur eine Kausalrelation. Ist das so? Bieri entschärft den Persönlichkeitsverlust. In zwei Schritten umkreist er die Identität unseres Willens neu, dessen
3 Bieri, 49
3
intuitive Grenze im Determinismus sozusagen von den Bewegungen der Welt überschritten wurde. Erstens: Die Bedingungen außerhalb des Geistes sind für Bieri kein Zwang gegen den Menschen, sondern ein Impuls für den Menschen, so und nicht anders handeln zu wollen. Er nennt das die „Freiheit der Entscheidung“. „Was wir wollen, ist nicht unabhängig davon, was wir denken.“ 5 Und was wir denken ist, wie Bieri sagt, zuweilen „außerhalb unserer Verfügungsgewalt“ 6 . Doch er beruhigt unsere Intuition mit dem Hinweis, daß das, was uns bedingt, nichts fremdes ist, das uns zu etwas zwingt, sondern in Wirklichkeit das ist, was uns zu dem macht, was wir sind. Zweitens: Der Wille ist zwar bedingt, der Zusammenhang zwischen seiner Naturverursachung und seiner Handlungsanweisung jedoch hochkomplex. Unsere gesamte persönliche Biographie beeinflußt unser geistiges Tun. Der Wille ist gebunden an seine Geschichte. Unser Selbst ist zwar auch etwas bedingtes, das sich in Erziehung, Familie und Umwelt konstituiert, aber es bleibt die, wenn auch naturbedingte Summe unserer Eigenschaften. Deshalb sind wir in diesem „Determinismus“ 7 , so Bieri, als Personen Urheber eines bedingten Willens, „wir werden in einem emphatischen Sinne sein Subjekt.“ 8 Immerhin ein Bekenntnis: Bieri widerlegt unsere Intuition, den Sonderstatus des Willens im weltlichen Kausalgefüge. Wir sind kausal bedingt, nur gehen wir dabei (zu unserer Beruhigung) als Personen nicht verloren.
An diesem Punkt hat Hume seine Philosophie beschlossen. Er zeigt ein rundes Bild einer deterministischen, von Notwendigkeit bestimmten Welt. Handlungen konnten bei Hume aber auch „aus einer Ursache entspringen, die in dem Charakter oder Temperament der sie vollbringenden Person liegt“ und dieser derart „anhaften“ 9 . Damit ging auch der Humesche Mensch als Person nicht zwischen Ursache und Wirkung der Natur verloren. Doch für mehr Freiheit sah Hume keine Metaphysik, die dem gerecht werden könnte. Ganz anders Bieri. Ihm fehlt an diesem Punkt noch etwas. Bei der benannten „Freiheit der Entscheidung“, die Urheberschaft der Person über den bedingten Willen, will er nicht stehen bleiben. Er glaubt an ein „Handwerk der Freiheit“, in dem das eigene Tun den Grad unseres Freiseins bestimmt. Er glaubt, „daß die Freiheit des Willens etwas ist, das man sich erarbeiten muß.“ 10 Doch wo bleibt nach Bieris metaphysischem Bekenntnis noch Raum für einen stärkeren Freiheitsbegriff?
4 Hume, 140
5 Bieri, 54
6 Bieri, 49
7 Bieri nennt sich freilich keinen „Deterministen“, er spricht jedoch von „Abhängigkeit“, „Begrenzung“,
„Bedingtheit“ oder auch „Bestimmtheit“ des Willens.
8 Bieri, 54
9 Hume, 149
10 Bieri, 383
4
Arbeit zitieren:
Justus Bender, 2005, Der Raum der Gründe und sein ontologischer Status bei Peter Bieri, München, GRIN Verlag GmbH
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