Johannes Gutenberg – Universität Mainz
Hauptseminar: Parzival
7. Semester
Der Parzival-Erzähler, ein dominanter Erzähler?
von: Sven Soltau
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der Parzival-Erzähler als fassbare (fiktionale) Person 4
3. Auf der Suche nach einem dominanten Fokalisierungstyp im Parzival 5
4. Zur Polyfunktionalität der Erzählerrede im Parzival 10
5. Schluss 12
Literaturverzeichnis 13
1. Einleitung
Es gibt Erzähltexte, in denen die Anwesenheit des Erzählers kaum spürbar ist. In solchen Fällen wird „die Geschichte von einer anonym bleibenden Stimme vermittelt, über die der Leser keine Informationen erhält“1. Man nennt eine solche in der Erzählrede verborgene, keinerlei Persönlichkeitsmerkmale aufweisende, narrative Instanz ein neutrales Erzählmedium. Im Gegensatz dazu steht der sogenannte explizite Erzähler. Dieser tritt als individualisierter Sprecher aus der Erzählrede hervor, er ist als fiktive Person fassbar und meldet sich persönlich zu Wort.
Man kann also offensichtlich die Erzählinstanzen in narrativen Texten nach dem Grad der Explizität, mit dem sie in Erscheinung treten, differenzieren. In Bezug auf den Parzival- Erzähler wird man sich schnell einig werden, dass es sich offensichtlich um einen expliziten Erzähler handelt. Diese Feststellung birgt indes keinen besonders großen Erkenntnisgewinn. Viel interessanter ist dagegen Joachim Bumkes These, welche besagt, „[d]er Erzähler [trete] im ‚Pazival’ so dominierend hervor, daß man ihn für die Hauptperson der Dichtung halten könnte“2. Für Bumke zeichnet sich der Parzival-Erzähler also durch eine übersteigerte, die Figuren der erzählten Welt verdrängende, Explizität aus. Ich möchte Bumkes These zur Hypothese dieser Arbeit machen und die Frage stellen, ob der Erzähler im Parzival tatsächlich eine derart dominante Rolle spielt. Dazu werde ich zunächst untersuchen, wie ausgeprägt die Tendenz des Parzival-Erzählers zur „Personalisierung, Individualisierung bzw. Anthropomorphisierung“3 ist, um dann den Entwicklungsgrad der Erzählerfigur mit dem der Figuren der erzählten Welt zu vergleichen. Danach werde ich mich der Perspektivierung des Erzählten zuwenden und mich konkret fragen, ob die erzählte Welt des Parzival tatsächlich so dominant aus der Sicht des Erzählers dargestellt wird, wie es Bumkes These nahe legt. Zum Schluss frage ich danach, welche denkbaren Erzählerfunktionen der Parzival-Erzähler wahrnimmt.
Die Analyse des Textes werde ich mit dem Instrumentarium, das die Erzähltheorie oder Narratologie4 bereitstellt, vornehmen. Auf mehr oder weniger ausführliche Erläuterungen zu einigen narratologischen Konzepten (Fiktionalitätstheorie, Fokalisierungsmodell, Kommunikationsmodell narrativer Texte, Differenzierung der Erzählerfunktionen) kann also nicht verzichtet werden.
2. Der Parzival-Erzähler als fassbare (fiktionale) Person
Die Tendenz zur Personalisierung, Individualisierung, ja Anthropomorphisierung der Erzählinstanz nimmt im Parzival besondere Formen an. In der sogenannten Selbstverteidigung sagt der Erzähler „ich bin Wolfram von Eschenbach“ (114,12)5 und fordert den Zuhörer somit geradezu auf in ihm nicht die fiktive Vermittlungsinstanz, sondern den realen Autor der Dichtung, also Wolfram selbst, zu sehen. Aus der Perspektive der Erzähltheorie ist eine solche Sichtweise grundsätzlich abzulehnen, hier ist der Erzähler eine werkinterne, ontisch an das Werk gebundene fiktive Instanz, während der Autor eine werkexterne reale Person darstellt. Folglich kann auch der Parzival-Erzähler nicht mehr als ein vom Autor imaginiertes „poetisches Konstrukt“6 sein, das freilich Parallelen zum realen Wolfram aufweisen kann.
Auch wenn der Parzival-Erzähler „Wolfram“ prinzipiell nicht mit dem gleichnamigen realen Autor gleichzusetzen ist, entfernt sich dieser doch durch seine Selbstbenennung in gewisser Weise von seinem fiktiven Status und erweckt den Eindruck eine reale Person zu sein. Denselben Effekt haben die zahlreichen zeitgeschichtlichen Anspielungen des Parzival- Erzählers, die er meist in einer engen Verbindung mit seiner Person präsentiert. Der Parzival-Erzähler gibt sich jedoch nicht nur einen realen Namen und stellt sich nicht nur in einen real- historischen Kontext, er tritt auch als Individuum deutlich hervor. Im Verlauf der Erzählung schildert er ausgiebig „seine eigenen Lebensverhältnisse und seine persönlichen Erfahrungen“7. Er berichtet von seiner Frau, seiner Tochter, von Haus, Hof und Heimat, von seinen Sorgen und Nöten, von seinen Neigungen und Abneigungen, so dass er dem Leser als fassbare (fiktive) Person, deutlich vor Augen steht. Der Parzival-Erzähler ist aber alles andere als eine biedere Erzählerfigur. Er ist eine schillernde Gestalt, die sich dem Zuhörer im Verlaufe der Erzählung in ganz unterschiedlichen Rollen präsentiert. Manchmal mimt er den überlegenen Kenner, den Wissenden, an andrer Stelle spielt er den Ungebildeten Ahnungslosen und Verzagten, mal gibt er sich als Ritter im höfischen Sinne, andermal als derber Possenreißer.8
Insgesamt kann man also mit guten Gründen davon sprechen, dass es im Verlaufe der Parzival-Erzählung zu einer umfangreichen Personalisierung, Individualisierung bzw. Anthropomorphisierung der Erzählinstanz kommt.
[...]
1 Nünning 1997: 329.
2 Vgl. Bumke 2004: 215.
3 Nünning 1997: 330.
4 Die Bezeichnungen Erzähltheorie, Narratologie und Narrativik werden synonym gebraucht.
5 Ich zitiere den Parzival-Text nach: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe. 2. Auflage. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Mit Einführungen zum Text der Lachmannschen Ausgabe und in die ‚Parzival’-Interpretation von Bernd Schirok. Berlin/New York 2003.
6 Bumke 2004: 216.
7 Bumke 2004: 217.
8 Vgl. Bumke 2004: 217; Curschmann 1971; Schirok 2003: CXXIX-CXXXII.
Arbeit zitieren:
Sven Soltau, 2005, Der Parzival-Erzähler, ein dominanter Erzähler?, München, GRIN Verlag GmbH
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