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Hausarbeit, 2003, 28 Seiten
Autor: Heike Wagner
Fach: Germanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Details
Tags: Minnekonzeption, Walther, Vogelweide
Jahr: 2003
Seiten: 28
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 16 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-41129-5
Dateigröße: 425 KB
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FR 4.1 Germanistik
HS: Liebeslyrik in psychoanalytischer Sicht
SoSe 2003
Die Minnekonzeption
bei
Walther von der Vogelweide
Vorgelegt von:
Heike Wagner
Inhalt
1. Einleitung ... 3
2. Das Konzept der hohen Minne ... 4
3. Walthers Gegenentwurf zur hohen Minne ... 9
3.1. Kritik und Absage an die hohe Minne - die Lieder des ‚wîp’-Preises ... 9
3.2. Die Suche nach einem neuen Weg - das ‚mâze’-Lied ... 15
3.3. Die ‚Mädchenlieder’ - Walthers Entwurf der ebenen Minne ... 17
4. Schlussbemerkung ... 23
Anhang ... 24
Literatur ... 27
1. Einleitung
Dichter gelten dann als groß oder bedeutend, wenn sie in ihrem Werk die Kunst ihrer Zeit entweder zur Perfektion führen, sie vollenden oder aber sie erneuern, also eine neue Kunstrichtung herbeiführen bzw. einen neuen Entwurf von Kunst gestalten.1
Walther von der Vogelweide (*um 1170, † um 1230) schreibt man letzteres zu. Er bricht mit dem in der höfischen Gesellschaft ritualisierten Konzept der hohen Minne, was nicht nur literarisch, sondern auch gesellschaftlich eine Auflehnung gegen gegebene Konventionen bedeutet, und er gestaltet ein neues, ein anderes Minnekonzept.
Walthers Loslösung vom vorherrschenden Minnekonzept soll in dieser Arbeit aufgezeigt werden. Allerdings soll auch deutlich werden, dass Walther nicht nur ein bahn brechender Erneuerer, sondern dass sein ‚neues’ Minnekonzept zumindest in einigen Aspekten auch durch eine Rückbesinnung auf höfische Werte und Tugenden begründet ist, die Walther in der realen höfischen Welt nicht mehr wieder zu finden glaubt. Insofern ist er auch ein Vollender seiner Kunst.
Dazu soll zuerst kurz das Konzept der hohen Minne vorgestellt werden, um dann auf Walthers Gegenentwurf, die ‚ebene’2 Minne einzugehen.
2. Das Konzept der hohen Minne3
Der Minnesang gilt, sieht man von Gebet und Sündenklage ab, als die erste volkssprachliche Ich-Dichtung im deutschsprachigen Raum, in der ein Individuum innerste Wünsche und Gefühle äußert. In einer Zeit, in der die Kirche die Ausrichtung des menschlichen Lebens zum Jenseits hin anmahnt, entsteht Lyrik, die überaus Weltliches zum Thema hat: die Liebe zwischen Mann und Frau, bis dahin als ‚amor luxuria’, als Sünde der Fleischeslust verachtet. Aber nun geht es um mehr: In der frühen donauländischen Lyrik zeigt sich auch erstmals die Beschreibung einer partnerschaftlichen Liebe. Bilder wie das Eingeschlossensein im Herzen des anderen4, die gegenseitige Bezeichnung der Liebenden als ‚friedel’ und ’friundin’5 scheinen sich problemlos in das heutige Liebesverständnis einzufügen, damals war es ein revolutionär neuer Gedanke, zumindest innerhalb der Literatur.
In der Frauen verachtenden Realität dürfte das, was wir heute als Partnerschaftlichkeit bezeichnen, noch lange die große Ausnahme gewesen sein, zumal die Gründe für das Eingehen einer Ehe, damals die einzig legitime Form einer Beziehung zwischen Mann und Frau, ja auch hauptsächlich ökonomische waren oder solche, die der Machterhaltung durch Nachkommenschaft dienten.6 Der Durchbruch innerweltlicher Themen ist Ausdruck einer neuen Diesseitswertung, die sich auch in der Literatur niederschlägt. Das erklärt die Wendung zum individuellen Ich innerhalb der Liebeslyrik, bzw. das Entstehen von Liebeslyrik allgemein. Minnesang ist also auch „Medium einer neuen Individualitätserfahrung“.
Dieses Medium machen sich aber nicht die Mitglieder des Klerus, dem bis dato einzig literarisierten Stand, zunutze: „Statt des Geistlichen [nimmt] der Ritter das Wort.“7 Das neue Bewusstsein der Individualität stürzt den gottesfürchtigen Ritter in eine tiefe Krise: Es gilt zu versuchen, ein Gleichgewicht zwischen dies- und jenseitiger Welt zu schaffen. Die Spannung zwischen einem beginnenden humanistischen Denken und dem noch vorherrschenden dualistischen bildet den Grundkonflikt des frühen Mittelalters. Ihn zu lösen scheint ein Unterfangen, dessen Unmöglichkeit Walther im ‚Reichston’ mit einem Gefühl der Zwiegespaltenheit
beschreibt (8,4) 8:
jâ leider des enmac niht sîn,
daz guot und weltliche êre
und gotes hulde mêre
zesame in ein herze komen.
In dieser Zeit des Umbruchs und der Zerrissenheit ergreift nun die weltliche Autorität, der Adel, seine Chance, sich des Diesseits zu bemächtigen, um sich „vom Klerus als dem alleinigen Sinnproduzenten“9 zu emanzipieren. Er definiert sich neu, eben nach weltlichen Richtlinien10 innerhalb des feudalen Systems des Lehnswesens, das geprägt ist vom ständischen Gedanken des Herren und des Dienstmannes: ‚mâze’, ‚triuwe’, ‚güete’ sind die anzustrebenden Werte im neuen adeligen Menschenbild. Der ‚hövesche’ Mensch steht in der Pflicht, sich diesem neuen Ideal durch ‚zuht’, durch Selbstbildung und -vervollkommnung, und durch stetes Streben und Bemühen, durch ‚arebeit’, anzunähern.
Ein wesentlicher Bestandteil dieses neuen Selbstkonzepts des Adels ist der Minnesang. Man muss sich bei allen folgenden Betrachtungen immer wieder vor Augen führen, dass er Teil eines gesellschaftlichen Rituals ist. Obwohl er die Nennung innerster und in ihrem Ursprung erotischer Wünsche enthält, ist er einzig und allein für den öffentlichen Vortrag vor der Gesellschaft am Hofe gedacht.11
Von der frühhöfischen Lyrik zur hochhöfischen vollzieht sich eine Wendung in der Minnekonzeption: Während noch in der donauländischen Werbelyrik der Werbende häufig erhört wird, rückt innerhalb der hohen Minne die herbeigesehnte Erfüllung seiner Liebessehnsucht in den Hintergrund (wobei in der frühen höfischen Liebeslyrik auch, aber nicht in erster Linie die sexuelle Erfüllung mitgemeint ist). Das Werben selber wird zum Mittelpunkt, der Weg wird zum Ziel. Denn das vergebliche Liebeswerben erfüllt eine erzieherische Funktion: Es dient der Besserung des Mannes, ist Teil der Selbstzucht: „Das Triebhafte wird gebändigt, damit das Sittliche sich entfalten kann.“12
Insofern stellt die hohe Minne gebändigte Leidenschaft dar, sie ist Läuterung vom erotischen Wunschdenken durch dessen Erhöhung: „Ganz allgemein mag man höfische Minne als zur Bewusstheit erhobene und zu schöner Haltung gebändigte Sublimierung urtümlich triebhafter Kräfte des Menschen bezeichnen.“13
[...]
1 Vgl. Bennewitz, S. 237
2 Zum Begriff der ‚ebenen Minne vgl. S.16
3 Zum Folgenden vgl. De Boor, Kap. 4, S. 215-238.
4 Im namenlosen Gedicht MF 3,1ff: Dû bist mîn, ich bin dîn:/ des solt dû gewis sîn./ dû bist beslozzen/ in mînem herzen:/verloren ist daz slüzzelîn:/ dû muost immer drinne sîn. (Die Lieder, die nicht von Walther stammen, werden zitiert und beziffert nach Carl von Kraus, Minnesangs Frühling)
5 Bei Dietmar von Aist, MF, 39,18ff
6 Siehe dazu den Aufsatz von Peter Dinzelbacher: Liebe im Frühmittelalter
7 De Boor, S. 13
8 Die Bezifferung der Lieder Walthers erfolgt, wie in der gesichteten Sekundärliteratur üblich, nach Karl Lachmann; eine Konkordanz-Tabelle der verschiedenen Bezifferungen findet sich im Anhang.
9 Nolte, S. 278
10 Vgl. ebd.
11 Es sei an dieser Stelle kurz darauf hingewiesen, dass die mittelalterliche Lyrik keinen erlebnislyrischen Charakter hat.
12 Vgl. De Boor, S. 218
13 De Boor, S. 10
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