I) Einleitung
Descartes Lehre von den zwei Substanzen „res cogitans“ und „res extensa“ bedeutete für die Philosophiegeschichte einen folgenschweren Einschnitt. Die Welt wird dadurch in zwei heterogene Wirklichkeitsbereiche gespalten, die man in der Tradition als Seele (res cogitans) und Leib (res extensa) bezeichnete. Wie auch die begriffliche Wahl ausfällt, das Problem der Verknüpfung beider Wirklichkeitsbereiche bleibt bestehen. Dies gilt insbesondere für die Teilung innerhalb eines Subjektes, das an beiden Wirklichkeitsbereichen teilhat, „eben weil der Mensch als wahrnehmendes, handelndes, fühlendes Wesen seelisch und körperlich zugleich ist“ 1 . Zwar statuierte Descartes selbst aus diesen beiden Bereichen eine Einheit, indem er denkende und ausgedehnte Substanzen als ontotheologisch 2 , gnoseologisch 3 und onto-kosmologisch 4 vermittelt ansah, doch gerät er gerade durch die zuletzt genannte Vermittlung in eine Anhäufung von Aporien. Denn es bleibt auch mit diesen „Hilfskonzepten“ (Erklärungsversuchen) unverständlich, wie sich Seele und Körper im Menschen verbinden können, wenn zugleich beide, „res cogitans“ und „res extensa“, völlig eigenständig sein und ihren eigenen Gesetzen gehorchen sollen.
Diesen Problemansatz, d.i. die strikte Trennung beider Bereiche bei faktischer Einheit im Subjekt, übernahm die Philosophie nach Descartes weitgehend und suchte auf verschiedenen Wegen nach Lösungsansätzen. Zum Teil übernahm man den strengen Dualismus und baute auf dem Lösungsvorschlag einer onto-kosmologischen Vermittlung auf, versuchte jedoch zugleich deren Schwierigkeiten durch „parallelistische Theorien zu vermeiden“ 5 . Andere Strömungen weichten den strengen Dualismus auf und überwanden die Spaltung zwischen den Wirklichkeitsbereichen dadurch, dass sie den einen vom anderen her erklärten. Dieser Lösungsansatz ist sowohl beim Idealismus als auch beim Empirismus zu beobachten. Ersterer versucht den Menschen einseitig vom Bewusstsein, letzterer von der Natur aus zu bestimmen. Beide werden jedoch dem Problem nicht gerecht, da der reine Empirismus (in seiner Spitze der Behaviorismus), das faktisch existierende Subjekt 6 gleichsam negiert, der Idealismus demgegenüber das Subjekt überbestimmt und so die Welt an-sich negiert. „Wie soll ein derartiges Bewusstsein noch einen Unterschied zwischen Wahrem und Falschem erkennen, wenn es als konstituierendes Bewußtsein sich eo ipso immer nur Wahrem gegenübergestellt sehen kann.“ 7
1 B. Waldenfels „Das Problem der Leiblichkeit bei Merleau-Ponty“ in B. Waldenfels „Der Spielraum des
Verhaltens“ Suhrkamp -Verlag / Frankfurt am Main 1980 / Seite 29
2 sofern beide von Gott geschaffen
3 sofern das geistige Ich um sich selbst und die Körperwelt weiß
4 sofern eines auf das andere wirkt
5 B. Waldenfels „Das Problem der Leiblichkeit bei Merleau-Ponty“ in B. Waldenfels „Der Spielraum des
Verhaltens“ Suhrkamp -Verlag / Frankfurt am Main 1980 / Seite 30
6 Die Existenz des Subjekts ist ja gerade durch Descartes COGITO unwiderruflich bewiesen
7 Christian Bermes „Maurice Merleau-Ponty- zur Einführung“ Junius-Verlag / Hamburg 1998 / Seite 45/46
Eine Zuspitzung erfährt das erwähnte Problem der Synthese Ich-Welt dann, wenn es nicht nur um die Verknüpfung von res cogitans und res extensa innerhalb eines Subjektes, sondern um die Begegnung zweier Subjekte, also zweier in res cogitans und res extensa geteilter Wesen, geht. Denn bei der Begegnung mit einem Anderen stellt sich die Frage: Wie kann ich als denkendes Wesen mit meiner mir eigenen Perspektive zeitgleich diese einnehmen und trotzdem für den mir Begegnenden zu einem Objekt werden? Oder anders ausgedrückt im umgekehrten Fall: Wie ist es möglich, dass eine andere res cogitans mir als res extensa erscheint und trotzdem nicht als Objekt neben anderen Objekten steht? Geht man von der Faktizität des Anderen aus, steht man vor einer gewaltigen Aufgabe, denn die Annahme, dass außer dem eigenen auch fremdes Bewusstsein existiert, verlangt einen ganzen Apparat von Erklärungen. So steht man vor der Frage, wie die innere Logik eines solchen Apparats aussehen kann.
Diesem Problem der Fremdwahrnehmung möchte ich mich i n dieser Hausarbeit widmen. Ich gehe dabei sowohl auf die Phänomenologische Ontologie Sartres als auch auf Merleau-Pontys Phänomenologie der Praxis ein, die an der Wahrnehmung Maß nimmt“, und vergleiche sie abschließend bezüglich der Fremdwahrnehmung. Damit ich den Theorein Sartres und Merleau-Ponty gerecht werde, behandele ich im zweiten Kapitel zunächst beide je für sich ausführlich, um mit demhoffentlich- einhergehenden Verständnis für die Gedankengänge beider Philosophen, erst im dritten Kapitel die Differenzen zu explizieren. Die „Achse“ des zweiten Kapitels bildet eine Behandlung der Leibbegriffes bei Merleau-Ponty, da dieser mir als entscheidende Differenz beider Denker erscheint. Im Anschluss werde versuchen zu zeigen, dass sich beide Theorien unter gewissen Vorraussetzungen nicht kontradiktorisch gegenüberstehen, wie man zunächst annehmen könnte, sondern miteinander vereinbar sind.
Bei meiner Untersuchung stütze ich mich vornämlich auf das Kapitel „Die Anderen und die menschliche Welt“ in der „Phänomenologie der Wahrnehmung“ von Merleau-Ponty und auf das dritte Kapitel Sartres in „Das Sein und das Nichts“ mit dem Titel „Die konkreten Beziehungen zu Anderen“. 8
8 Ich werde zur Erschließung dieser eher kleinen Passagen innerhalb der beiden Werke auch andere Kapitel mit
einbeziehen. Da ich bei Merleau-Ponty einen größeren Überblick mir eigen nennen kann, wird ein
„Überschreiten“ seines Kapitels „Die Anderen und die menschliche Welt“ öfter erfolgen als bei Sartre, den ich
erst beginne, kennen zu lernen.
II) Jean Paul Sartres und Merleau-Pontys
a) Einleitung- die Abgrenzung gegenüber
Husserl und Heidegger
Sartre geht in seiner Theorie der Intersubjektivität zwar einen Weg, der in der Tradition Hegels, Husserls und Heideggers steht, erklärt den Zugang zu einer anderen Subjektivität jedoch auf seine eigene Art. Leitend dabei ist Sartres Ansicht, dass es bei der Fremdwahrnehmung keinen direkten intentionalen Bezug geben kann, so wie ihn Husserl auszuarbeiten versuchte. Denn intentionale Beziehungen, so Sartres Argument, würden uns den Anderen immer nur als Objekt erschließen lassen, seine Subjektivität, die ihm immanent ist, jedoch leugnen. Auch die These Heideggers, dass die Wahrnehmung des Anderen als Existenzial dem Sein des Daseins a priori zukommt, teilt Sartre nicht. Zwar kommt seine Theorie der Intersubjektivität dem Mit-Seins bei Heideggers nahe, weist aber auch einen entscheidenden Unterschied auf. Sartre vertritt nämlich im Gegensatz zu Heidegger die Ansicht, dass das Mit-Sein dem Subjekt nicht a priori gegeben ist, sondern sich erst durch die Begegnung des Anderen konstituiert. 9 Dem Heideggerischen Mit-Sein wird durch Sartre also eine Erlebnisweise, eine vorgängige Erfahrung unterlegt, mit der der Andere zunächst als Subjektivität erfahren werden muss, damit sowohl des Subjekt sein An-Sich erfährt und so zum Bewußtsein seiner selbst gelangt, als auch der Andere Bestandteil seines Zur-Welt-Seins wird. 10 „Das ich mir meiner Selbst ernstlich als Subjekt gewahr werde, setzt die Wahrnehmung voraus, dass andere mich als Objekt wahrnehmen. Oder besser gesagt: Auf der Ebene des Selbstbewusstseins existiere ich für mich selbst nur dann, wenn ich wahrnehme, dass ich für andere existiere.“ 11
9 Entscheidend dabei ist der Blick des Anderen. Auf diese Theorie werde ich in XXX zurückkommen
10 Diesen notwendigen „Umweg“ der „Selbstbewusstseins-Findung“ über die Erfahrung des Anderen erkannte
auch schon Nietzsche. Zunächst, so Nietzsche, müsse man erkennen, dass man es selbst ist, auf den sich andere
beziehen. Erst durch eine solche Erfahrung werde man dazu gedrängt, sich auf sich selbst zu beziehen, d.i. ein
Selbstbewusstsein zu entwickeln.
11 Arthur C. Danto: „Jean Paul Sartre“ / Steidl Verlag / Göttingen 1986 / Seite 116
b) Die Binnenstruktur des Subjekts / Für-sich, An-sich An-und-für-sich
Wichtig für das Verständnis der Intersubjektivitäts-Theorie Sartres ist seine Differenzierung der Seinsweisen des Für-Sich-Sein und des An-Sich-Sein. 12 Kurz gesagt unterscheidet er das An-Sich-Sein als das vom Bewusstsein unabhängige Sein der Dinge vom Für-Sich-Sein, als das durch das Bewusstsein bestimmte Sein der Menschen. Trotz dieser präzise scheinenden Definition, verlangt Sartres Differenzierung dieser beiden Seinsweisen, auch in ihrer Beziehung zu einander innerhalb der Binnenstruktur des Subjektes eine ausführlichere Betrachtung. Denn dem Menschen ist es eigen, beide scheinbar kontradiktorisch gegenüberstehenden Seinsweisen faktisch in sich zu tragen. In Bezug auf die Fremdwahrnehmung ist diese duale Struktur wichtig, da die Anwesenheit eines Anderen durch die Strukturveränderung innerhalb des Subjekts, die durch den Blick des Anderen a usgelöst wird, ontologisch bewiesen werden kann.
Wie sieht nun jene Binnenstruktur des Subjekts aus? Es ist für-sich, insofern es jede Wahrnehmung, jede Erfahrung und jeglichen Bezug auf Welt immer aus seiner Perspektive macht. Es ist seine Welt, zu der es ist, in der es Erfahrungen macht und wahrnimmt. Es ist zugleich aber auch an-sich, sofern es anderen Subjekten als Objekt einer Welt erscheinen kann, die wiederum ihre und nicht die seine ist. 13 Dieser Zwiespalt innerhalb des Subjektes initiiert eine Bewegung, die Sartre als Flucht des Für-Sich vor dem An-Sich zum An-Sich identifiziert. Unerreichbares Ziel dieser Bewegung ist ein An-und-fürsich, also ein Für-sich das Grund seines An-Sich ist.
Bei dieser Bewegung innerhalb des Subjekts spielt der Begriff des „Mangels“ eine entscheidende Rolle. Das Subjekt, verstanden als „detotalitäre Totalität“, empfindet es als Mangel, durch die Faktizität seines Für-sich nicht Grund seines An-Sich sein zu können. Das Fürsich gründet sich „vom An-Sich her und gegen das An-sich“ 14 Es bestimmt sich also von einem Sein her, das es nicht ist. Dadurch erscheint das Fürsich vom Ansich her als „Mangel an Sein“. 15 Diese Mangel-Struktur innerhalb des Subjektes verweist auf eine innere Dynamik. Sie bewirkt, dass das Bewußstein sich transzendiert, um seinen Seinsmangel zu beheben. 16 Vielmehr noch: Sein An-Sich wird durch sein Für-Sich genichtet. „Das Für-Sich als Nichtung des An-Sich verzeitlicht sich als Flucht nach.“ 17 Es flieht vor dem An-Sich, welches andere Subjekte als An-Sich in ihrer Wahrnehmung erfahren
12 Eine Differenzierung, die in gewisser Weise den Dualismus Descartes von res cogitans und res extensa
übernimmt, ihn „nur“ neue Begriffe zu verleihen scheint. Diese Vorgehensweise wird von Merleau-Ponty heftig
kritisiert. Dazu mehr im Kapitel
13 Allein schon die Unterscheidung in zwei Seinsweisen macht deutlich, dass Sartre bei seiner Untersuchung
davon ausgeht, dass jedes Subjekt in seiner eigenen Welt lebt. Eine These, auf der Sartres gesamte Theorie
aufbaut. Näheres später.
14 Jean Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Seite 128
15 Jean Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Seite 128
16 Ähnlich, wie am Beispiel einer Mondsichel von Sartre erläutert, bei der man als Mensch den verborgenen Teil
des Mondes „mitsetzt“, erstrebt also auch das Fürsich sein Komplement, um sich zu totalisieren.
17 Jean Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Seite 634
(totalisieren) und flieht zugleich zu einem An-Sich, „das es wäre, wenn es sein eigener Grund sein könnte“ 18 , d.h. zu einem An-und-für-sich. Diese Flucht vor dem An-Sich zum An-Sich findet jedoch auf eine „unmögliche und immer verfolgte Zukunft hin“ 19 statt. Das Subjekt kommt daher nie an den Punkt, an dem es An-und-Für-Sich, das heißt ein An-Sich wäre, das sich selbst eigener Grund ist. 20 „Diese Zerrissenheit des Seins und Daseins entzieht jeder Teleologie die Grundlage. Gleichwohl hält Sartre (...) an dem Ziel eines sich selbst gründenden An-und-für-sich (...) fest.“ 21 Das Für-Sich bleibt durch diese Struktur immer „verfolgt-verfolgend“ 22 , es flieht das An-sich und verfolgt es zugleich, weil es einzig mögliche Beziehung zum An-Sich, weil es „diese Flucht selbst“ 23 ist.
c) Der ontologische Nachweis der Existenz Anderer
Durch Sartres Beschreibung der Binnenstruktur des Subjektes haben wir nun herausgefunden, dass das Subjekt den Anderen bedarf, um ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, denn „der Entwurf meiner selbst, die Vorstellung, dass ich ein Sein für mich selbst als Person habe, setzt ein Verständnis meiner Existenz für andere voraus.“ 24 Durch die Abhängigkeit des Selbstbewusstseins von der Existenz anderer ist schon ein Verständnis des Anderen ontologisch bewiesen. Diese konzeptionellen Zwangsläufigkeit muss aber von einer erkenntnistheoretischen Wahrheit unterschieden werden. Denn der Beweis der Notwendigkeit der Existenz Anderer durch die Faktizität des eigenen Selbstbewusstseins, das ansonsten nie Selbstbewusstsein wäre, beweist noch nicht die faktische Existenz Anderer. Diesbezüglich wirft Arthur C. Danto Sartre vor, durch den Irrglauben, dass „eine konzeptionelle Analyse faktische Wahrheiten liefern“ 25 kann „ein bloßes Verstehen als Erkenntnis genommen zu haben“ 26 . Sartres Analyse, dass das Für-andere-sein des Subjekts notwendige Grundlage seines Ich ist, d.h. dass dieses Ich sich selbst als für-sich-selbst-sein und den anderen als für-ihn-sein hat, bewahrt ihn daher nicht vor dem Solipsismus.
Was Sartre also macht, ist, das erkenntnistheoretische Problem eines fremden Bewusstseins zu umgehen, indem er es nicht als erkenntnistheoretisches, sondern als ontologisches Problem definiert. Denn der Nachweis, das andere faktisch existieren, kann auf erkenntnistheoretischer Ebene nicht erbracht werden. Der Solipsismus ist daher streng genommen erkenntnistheoretisch nicht überwindbar.
18 Jean Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Seite 634
19 Jean Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Seite 634
20 Hierin liegt auch eine Differenz zu Hegel, auf den sich Sartre ansonsten ein ums andere mal stützt. Denn
Sartres Aufweis des Konfliktes als einzig mögliche Beziehung zum Anderem (dazu später mehr) schließt jede
Möglichkeit des Hegelschen Sich-im-Anderen-ekennen aus.
21 Bernhard Waldenfels „Einführung in die Phänomenologie“ / Wilhelm Fink Verlag / München 1992 / Seite 58
22 Erst durch die Begegnung des Anderen kommt die Fluchtbewegung zum Erliegen. Darauf werde ich in Punkt
XXX näher eingehen.
23 Jean Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Seite 635
24 Arthur C. Danto: „Jean Paul Sartre“ / Steidl Verlag / Göttingen 1986 / Seite 116/117
25 Arthur C. Danto: „Jean Paul Sartre“ / Steidl Verlag / Göttingen 1986 / Seite 118
26 Arthur C. Danto: „Jean Paul Sartre“ / Steidl Verlag / Göttingen 1986 / Seite 118/119
Was trotz dieser berechtigten Kritik an Sartre bleibt, ist jedoch die von ihm erbrachte Einsicht, dass das Bewusstsein von Anderen logisch einer anderen Ordnung angehört, als das Bewusstsein von Objekten. Der ontologische Beweis für diese These liegt in der Transformation des Bewusstseins vom Selbst beim Auftauchen eines Anderen. Denn durch dieses Auftauchen verliert das Selbst sein nichtselbstbewusstes Alleinsein, wird sich durch sein Für-andere-sein auch seiner selbst als Selbst gewahr. 27 Inwieweit dabei der Blick des Anderen eine Rolle spielt, soll im nächsten Abschnitt behandelt werden.
d) Der Blick des Anderen
Jean Paul Sartre kommt nun nach seinem ontologischen Beweis für die Notwendigkeit eines fremden Bewusstsein für die Ausbildung des eigenen Selbstbewusstsein, zu einer (psychologischen) Analyse der konkreten Begegnung des Anderen. Als Prämisse für diese Begegnung fungiert die Anerkennung, dass der Andere selbst ein Bewusstsein hat, dass heißt Zentrum seiner eigenen Welt ist. Denn wären die Anderen reine Objekte für mein Bewusstsein, könnte ich nie Objekt meiner selbst sein, hätte also kein Selbstbewusstsein. Diese Anerkennung des Bewusstseins des Anderen muss bei den folgenden Analysen immer mitgedacht werden, um ihrer Logik folgen zu können.
Begegnet dem Subjekt (unter dieser Prämisse) ein Anderer, liegt statt einer Gruppierung der Objekte auf das Subjekt hin, eine Orientierung vor, die es flieht. D.h., die Bedeutungen der Objekte für das Subjekt, die sie vor der Begegnung des Anderen noch hatten, werden hinfällig, zumindest modifiziert. Bis zu dieser Begegnung hat das Subjekt sich selbst so betrachtet als hätte es überhaupt keinen Platz in der Welt, da es gleichsam von Außen in sie hineinsah. 28 Die Welt war dem Subjekt bis dahin also völlig transparent. Indem ihm aber ein solcher Platz (in der Welt) durch den Blick des Anderen zukommt, weil es anerkennen muss, dass es für einen anderen ein Objekt ist oder zumindest sein kann, verliert die Welt für das Subjekt seine Transparenz. Denn mit dem Anderen kommt ein Aspekt in die Welt, den das Subjekt nicht erfassen kann- eine Welt, so wie sie für einen anderen ist. Eine Analyse des Blicks vervollständigt diese Überlegung. Dabei versteht Sartre unter „Blick“ nicht zwangsläufig ein faktisches Angeblickt-Werden, denn „allein schon die Möglichkeit eines anderen Bewusstseins stellt für meine Welt und daher für mich eine Begrenzung dar.“ 29 Durch das Erblickt-Werden kommt die Flucht des Für-sich vom An-Sich zum Erliegen. „Durch und für den Anderen ist die verfolgende Flucht zu An-Sich erstarrt“ 30 Die detotalitäre Totalität des Subjekts, die ihm zumindest ein „fortwährendes Woanders“ 31 verlieh und ihm dadurch vor der
27 Objekte könnten eine solche Transformation nicht bewirken, da das Subjekt nicht für-sie sein kann, sondern
nur sie für das Subjekt.
28 Erinnert sei diesbezüglich daran, dass für Sartre das Zentrum kein Teil des Feldes ist, dessen
Struktur auf es zurückverweist.
29 Arthur C. Danto: „Jean Paul Sartre“ / Steidl Verlag / Göttingen 1986 / Seite 119
30 Jean Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Seite 635
31 Jean Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Seite 635
Totalität seines An-sich rettete, wird durch den Blick des Anderen totalisiert, denn „eben diese Totalität lässt der Andere vor sich erscheinen und transzendiert er auf sein eigenes Woanders hin“ 32 . Aus der verfolgenden Flucht des Für-sich vor dem An-sich zum An-sich wird eine betrachtete, gegebene Flucht. Diese Objektivierung der Flucht erfährt das Subjekt als Entfremdung, auch wenn sie nur „draußen erstarrt“, nicht die Erstarrung der Flucht ist, die das Subjekt für sich selbst ist. Denn eben durch diese Objektivierung erfährt das Subjekt sich während seiner -in seiner Binnenstruktur noch immer sich vollziehenden- Flucht auf ein An-sich reduziert, vor dem es ja gerade flieht. Bekannt für die Analyse des Erblickt-Werdens, ist Sartres Beispiel eines Voyeurs, der durch ein Schlüsselloch schaut. Solange er sich allein wähnt, nimmt er nur das Schlüsselloch wahr und das, was er dadurch sieht. Sobald er sich aber des Anderen gewahr wird, und sei es nur durch ein Geräusch auf dem Flur, schlagen die Strukturen innerhalb seines Ich um. Das Subjekt, in diesem Fall der Voyeur, sieht nunmehr nicht mehr nur durch das Schlüsselloch, sondern auch auf sich selbst als Person, die durch das Schlüsselloch sieht. Seine „Welt hat sich ausgeweitet, um ihn selbst einzuschließen“ 33 Da er, um bei diesem Beispiel zu bleiben, etwas Verbotenes durch das Schlüsselloch sieht, wird er sich, objektiviert durch den Anderen (bzw. der Annahme einer Gegenwart eines Anderen), schämen. „Das bedeutet, dass ich schlagartig Bewusstsein von mir habe, insofern ich mir entgehe, und zwar nicht, insofern ich die Grundlegung meines eigenen Nichts bin, sondern insofern ich meine Grundlegung außerhalb meiner selbst habe. Ich bin für mich nur als reine Verweisung auf andere.“ 34 Man darf durch dieses Beispiel aber nicht dazu verleitet werden, dem Begriff des „Sich-Schämens“ eine moralische Bedeutung zu verleihen. Vielmehr ist dieser Begriff metaphysisch zu verstehen. Inhalt ist ganz allgemein, dass ich von anderen Bewusstsein als Objekt konstituiert werde und so für die Anderen nicht als eine pure Spontanität existiere, die „nicht das ist, was sie ist.“ Das kann wie im Fall des Voyeurs über die Scham, aber auch wie bei einem Beispiel, in dem ein Mann ein Kind vor dem Ertrinken rettet, über den Stolz bzw. die Anerkennung geschehen.
32 Jean Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Seite 635
33 Arthur C. Danto: „Jean Paul Sartre“ / Steidl Verlag / Göttingen 1986 / Seite 119
34 Jean Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Seite 437
Arbeit zitieren:
Soeren Neuperti, 2002, Inwieweit sind die Intersubjektivitätstheorien von Jean Paul Sartre und Maurice Merleau-Ponty einander integrierbar?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Überlegungen zur Ethik Schopenhauers unter besonderer Berücksichtigung...
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Seminararbeit, 23 Seiten
Der Chiasmus bei Maurice Merleau-Ponty
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 14 Seiten
Die Identitätsentwicklung als zentrale Aufgabe des Jugendalters
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Hausarbeit, 21 Seiten
Die Zeit - Immanuel Kants transzendentale Ästhetik der Zeit und ihre B...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Immanuel Kants Überlegungen zur Transzendentalen Ästhetik §4 "Von...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Seminararbeit, 18 Seiten
Das radikal Böse bei Immanuel Kant und die Banalität des Bösen bei Han...
Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen
Hausarbeit, 56 Seiten
Die Wahrnehmung als notwendiger Übergang von der sinnlichen Gewissheit...
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Hausarbeit, 15 Seiten
Kants Kritik der reinen Vernunft
Erläuterung des dritten Haupts...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Die Zunahme depressiver Erkrankungen - eine Bestandsaufnahme aus der P...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 24 Seiten
Amok oder Massenmord - Der Fall des Robert Steinhäuser
Psychologie - Forensische Psychologie, Strafvollzug
Hausarbeit, 30 Seiten
Der Terminus 'Dialektik' bei Kant und in der Philosophiegeschi...
Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen
Hausarbeit, 28 Seiten
Freiheit des Selbstbewusstseins durch die Erfahrung der Arbeit, des Ve...
In: G.W.F. Hegel: Phänomenolog...
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Erfahrungswelt und Erinnerung bei Husserl
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Reproduktion sozialer Ungleichheit durch Milieu und Schule nach Pierre...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 11 Seiten
Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Aristoteles' ontologische ...
Philosophie - Philosophie der Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Der Pessimismus in der Philosophie Schopenhauers
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Soeren Neuperti's Text Inwieweit sind die Intersubjektivitätstheorien von Jean Paul Sartre und Maurice Merleau-Ponty einander integrierbar? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Soeren Neuperti hat den Text Inwieweit sind die Intersubjektivitätstheorien von Jean Paul Sartre und Maurice Merleau-Ponty einander integrierbar? veröffentlicht
Soeren Neuperti hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare