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Sina Burgemeister
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1.1 Gustav Wyneken, bürgerliche und proletarische Jugendbewegung, Nationalsozialismus Erstmals wurde der Begriff Jugendkultur von Gustav Wyneken (1875-1964) als Gegenbegriff zur bürgerlichen-wilhelminischen Lebensweise um die Jahrhundertwende gebraucht. Wyneken verstand die Zeit der Jugend als das Lebensalter der größten Offenheit für hohe ethische Werte, für ideales Streben nach Selbst- und Weltvervollkommnung. Geist und Jugend ergänzen einander und können sich so von Systemzwängen befreien, d.h. die Jugend kommt nur durch geistige Beschäftigung und geistige Fundierung zu sich selbst und dadurch kann die Jugend die geistige Welt mit ihren engstirnigen Bürokraten und Pädagogen verändert werden. Aus dieser Ansicht heraus entwickelte Wyneken ein Schulprogramm, in dem der Lehrer ein geistiger Führer und ein Freund ist. Er gründete die Schulgemeinde Wickersdorf. Dies war ein Schulinternat, das aus dem vorherrschenden preußischen Schulwesen herausfiel, und in dem er sein Schulprogramm zu verwirklichen suchte.
Wynekens Projekt war eine radikale Kritik an der herrschenden pädagogischen und gesellschaftlichen Praxis. Sein politischer Anspruch geht dahin, dass Jugend das geistige Fundament ist für eine kultur- und gesellschaftspolitische Auseinandersetzung über das Recht und die Formen von Selbstverwirklichung in einer brüchig gewordenen Gesellschaftsordnung. Die Richtung die Wyneken damals andeutete tritt heute ganz offen zutage: Jugendkulturen brechen aus der Normalität des Schulsystems und damit aus dessen pädagogischer Verantwortlichkeit aus, da die Schule immer, auch als Systemträger gesehen wird. Allerdings hatte Wyneken noch eine bestimmte Jugendkultur im Auge, während es heute eine Pluralisierung gibt.
Wyneken argumentierte schulbezogen und versuchte das Schulsystem zu ändern. Die bürgerlichen Jugendbewegungen, mit ihrem Ausgangspunkt bei den Wandervögeln, und die proletarische Jugendbewegung auf Veränderung der Gesellschaftsordnung aus war. Die bürgerliche Jugendbewegung blieb aber im Kulturkritischen Raisoment stecken. Ihr Lebensstil mit Gruppenabenden, Wandern, eigenen Liedern und Büchern ging zwar in die pädagogische Reformbewegung ein, aber auf politischer Ebene veränderte sie nichts.
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Ganz anders die proletarische Jugendbewegung die organisierten Widerstand gegen die gesellschaftliche Ordnung leistete. Sie setzte sich mit der ihr zugeordneten Partei (Sozialdemokraten) und Gewerkschaften auseinander, besonders wenn Lehrlingsbünde für Gewerkschaftszwecke manipuliert werden sollten. Diese Jugendbünde konnten nur bestehen, wenn sie organisiert waren, d.h. man schuf Hierarchien, Wahlverfahren, Altersgliederung etc. An dieses Konzept der Organisation knüpfte der Nationalsozialismus an und ließ es verschmelzen mit dem Nationalstolz der bürgerlichen Jugendbewegungen. Es entstand die Hitlerjugend als Jugendorganisation der NSDAP und wurde ab 1933 Teil der Staatsjugend. Unter Hitler wurden alle jugendkulturellen Elemente abgetötet, man verlangte bedingungslose Führer- und Vaterlandsliebe. Das Ziel von Hitler war, die Jugend gezielt auf den Krieg vorzubereiten.
1.2. Nachkriegsgeneration
Nach dem 2. Weltkrieg gab es zunächst kaum einen Spielraum für Jugendkulturen, da alle Kräfte auf den Wiederaufbau und materielle Absicherung forciert waren. Zum Teil konnte man ein Wiederaufleben der Jugendbünde aus den 20er Jahren beobachten. Das waren vor allem Kirchenverbände, wie z.B. "Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend", aber z.B. auch die Pfadfinder.
In den 50er Jahren war, bedingt durch die zunehmende Amerikanisierung Deutschlands, das Aufkommen der sogenannten "Teenager" - Kultur zu beobachten. Diese hatte so gut wie keinen Einfluss auf das politische Leben, dieser war aber auch gar nicht gewollt. Bereits hier lässt sich jedoch eine neue Tendenz festmachen, die bis heute erhalten geblieben ist bzw. Die sich sogar verstärkt hat: Organisierte Gruppen werden immer weniger, Jugendliche agieren immer mehr in offenen Cliquen mit wechselnden Mitgliedern. SCHELSKY prägte dafür den Begriff der "skeptischen Generation", womit gemeint ist, dass Jugendliche eine Scheu vor Bindungen jeglicher Art haben. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Politik, von denen später noch die Rede sein wird.
Ende der 50er Jahre traten dann die sogenannten Halbstarken in Aktion. Diese hatten kein Konzept oder ähnliches, es war einfach nur eine spontane Selbstfeier, vor allem auf
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Rockkonzerten. Wichtig dabei war nur, dass es gegen das "Normale" war. Auch hier erkennt man eine neue Tendenz innerhalb von Jugendkulturen, die sich bis in die heutige Zeit verfolgen lässt: Jugendkulturen verzichten von nun an immer häufiger auf Begriff und Wort, sie haben keine formulierten Ziele, Begrifflichkeiten oder Argumente, keine geistigen Führer und keine formulierte Programmatik. Ihre Realisierung erfolgt in Ausdrucksgebärden und Stilen. Das Ganze ist aber keine apolitische Haltung, sondern der Versuch, gesellschaftliche Ordnungen radikal in Frage zu Stellen. Auszuklammern aus dieser These wären eigentlich nur die Schüler-und Studentenbewegungen der 60er und 70er Jahre.
Ein gutes Beispiel für diese neue Tendenz sind die Beatniks, die in den 40er und 50er Jahren in den USA für Aufsehen sorgten. BAACKE nannte sie die "sprachlose Opposition", womit ausgedrückt wird, dass sie sich in "sprachlosem" Protest realisierten und nicht in irgendwelchen Programmen. Die Beatniks - das waren vor allem Schriftsteller, Künstler, Musiker, Studenten, also größtenteils Intellektuelle. Sie hatten zum Teil starke Auswirkungen auf andere jugendkulturelle Tendenzen wie z.B. die Hippies. Die Beatniks lehnten alles "Normale" ab, vor allem die amerikanische Mittelschicht. Sie waren gegen jegliche gesellschaftliche Tabus, dagegen wurde das Nicht- Nützliche gefeiert. Ihre "Gegenmittel" zum "American way of life" waren z.B. Jazzmusik, Lyrik, sexuelle Erfahrungen mannigfacher Art, Drogen, Religion (z.B. Zen- Buddhismus), Mystizismus und "Unterwegs - Sein", das Jack Kerouac in seinem Buch "On the road" sehr eindrücklich geschildert hat. Für die Beatniks zählten keine Haltungen, nur Unkonventionalität und Rebellion waren wichtig. Ihr "sprachloser" Protest fand vor allem in den genannten "Gegenmitteln" seinen Ausdruck.
Bis in die 60er Jahre hinein war die BRD eine Art wilhelminischer Obrigkeitsstaat mit vorgeschriebenen Normen und Regeln und vor allem Verboten, z.B konnten Eltern wegen Kuppelei angezeigt werden, wenn bei ihrem Kind Freund(-in) übernachtete. Alles was anders war, wurde strikt abgelehnt und man musste nur am Brunnen sitzend Gitarre spielen, um die Polizei mobil zu machen. Politische Betätigung an den Hochschulen war bis dahin nicht üblich und die Professoren, die noch im Talar ihre Vorlesungen hielten, herrschten über ihre Fakultäten wie Fürsten und hatten oftmals eine Nazivergangenheit.
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Arbeit zitieren:
Sina Burgemeister, 2002, Jugendkultur und politische Kultur, München, GRIN Verlag GmbH
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