Technische Universität Dresden Institut für Romanistik Seminar: Französische Fachdidaktik
Wintersemester 2000 / 2001
HAUSARBEIT
Kunze, Silke-Katrin
5. Semester - Französisch / Englisch Lehramt Gymnasium (6.)
1 Sehrbrock, Peter. )UHLDUEHLWLQGHU6HNXQGDUVWXIH,. Frankfurt am Main: Cornelsen Scriptor, 1993, S. 75.
u v
/HUQHUDXWRQRPLH 3ULQ]LSLHQGHU)UHLDUEHLW
Lernerautonomie ist ein natürliches, aus Erfahrung entstehendes Phänomen. In einer Zeit, in der ein lebenslang ausübbarer Beruf nicht mehr garantiert werden kann, ist diese Lernerautonomie höchst relevant, da jeder auf Veränderungen und darauf gefaßt sein muß, daß er neue Fähigkeiten zu erlernen hat, um konkurrenzfähig bleiben zu können. Die Grundlagen dazu sollten bereits in der Schule geschaffen werden, denn Lernen ist ein vom Lernenden selbständig durchgeführter autonomer Prozeß. Die kognitive Psychologie und der Konstruktivismus beispielsweise raten allen Pädagogen, eine solche Lernerautonomie in den Mittelpunkt ihres didaktischen Handelns zu stellen. Begründung: Lernen wird durch Strategien gesteuert, die man von außen fördern kann. In Gruppen läßt es sich sogar besonders erfolgreich lernen. Allerdings können die Lernergebnisse für jeden anders ausfallen.
Will man neues Wissen verstehen und lernen, bedarf es des bereits vorhandenen, um dieses umstrukturieren zu können. Danach fügt man Selbstorganisation hinzu und verbindet diese mit Eigenverantwortlichkeit. Fazit: „Der Mensch ist für das eigene Lernen verantwortlich, weil er damit sein Überleben als System sichert.“ 4
Die Freiarbeit nun entstammt dem Bereich der Reformpädagogik und ist ein Element des offenen Unterrichts, das deshalb nicht lange in einer „geschlossenen Schule“ überleben, diese dafür aber öffnen könnte.
„Offener Unterricht (open education) lebt in einer offenen Schule, die sich nach innen (open classroom) und nach außen (street school) dem Leben der Lernenden und Lehrenden öffnet und über die je lokal gestaltete Balance von Freiheit und Bindung Prozesse demokratischer Entwicklung ermöglicht.“ 5
Nach dem Einzug der Freiarbeit in Grundschulen und nicht-öffentliche Gymnasien, findet sie mittlerweile mehr und mehr Verbreitung in den staatlichen Gymnasien, ob der dortigen noch kontroversen Diskussionen. Ein wenig unverständlich übrigens, birgt sie doch soviel Gutes in sich, aber jeder hat ja das Recht auf eine eigene Meinung. Bereits Schlagwörter wie: Eigenver-antwortung, Selbständigkeit, soziales Lernen, Selbstbildung und Selbstkontrolle deuten etwas
2 vgl.: Krechel, Hans-Ludwig; Diemo Marx, Franz-Joseph Meißner (Hrsg.). .RJQLWLRQ XQG QHXH 3UD[LV LP )UDQ]|VLVFKXQWHUULFKW. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1999, S. 155, 160, 163.
3 vgl.: Hofmann, Anton; Erich Mayer, Edith Schirok. +DQGUHLFKXQJHQIURIIHQH8QWHUULFKWVIRUPHQLQ/DWHLQ7HLO )UHLDUEHLW (LQIKUXQJ :|UWHU )RUPHQ. Stuttgart: Landesinstitut für Erziehung und Unterricht, 1997, S. 6. & vgl.: Peter Sehrbrock )UHLDUEHLWLQGHU6HNXQGDUVWXIH, 1993, S. 9-10, 15.
4 Hans-Ludwig Krechel .RJQLWLRQXQGQHXH3UD[LV 1999, S. 160.
5 Peter Sehrbrock )UHLDUEHLWLQGHU6HNXQGDUVWXIH, 1993, S. 10.
4
rein Positives an. Der im Zentrum von Lernstoff, Material, Lehrer und Schüler stehende Schüler kann entspannter Lernen und wird somit einen zufriedeneren Schulalltag genießen. Andererseits spielen bestimmte Kriterien eine Rolle: So sollte Freiarbeit immer produktorientiert und eine Werksvollendung zwingend sein - wobei letztere gleichzeitig eine gewisse Arbeitsqualität mit sich zu bringen hat. Außerdem gestaltet es sich äußerst günstig, die Arbeitsergebnisse vor der Klasse präsentieren zu lassen. Das macht Freiarbeit zu einer erprobten Möglichkeit, für Schüler wie auch Lehrer, Schule dadurch zu popularisieren, daß eigene Interessen eingebracht und der Unterricht beeinflußt werden können - was schließlich für ein bißchen weniger Entmündigung sorgt; und obwohl sie die gebundene schulische Arbeit nicht gänzlich abzulösen vermag, ist die Freiarbeit doch, um es mit den Worten Willy Potthoffs zu sagen, die „...Form eines indirekten Lehrens, bei dem die Lehrkraft während der Unterrichtsstunde weitgehend zurücktritt, damit die SchülerInnen möglichst selbständig lernen können.“ 6
'LH)UHLDUEHLW
w
)UHLYV$UEHLW
Analysiert man den Begriff „Freiarbeit“, so besteht er aus den Worten „frei“ und „Arbeit“, die ihrerseits die Frage aufwerfen könnten, inwiefern sie ihrer Bedeutung entsprechen. Das heißt, was ist „frei“ und was „Arbeit“ an der „Freiarbeit“?
Der Schüler erhält mehrere „Freiheiten“, die er sich selbstbestimmend zunutze machen kann. Dazu gehören: das Ziel, der Weg dorthin, die Wahl der Hilfsmittel, die Arbeitsplatzanordnung, die Bewegung im Raum, die Sozialform, ja selbst die Reihenfolge, Zeiteinteilung, Platzierung von Pausen und sogar das Arbeitstempo. Da seine Arbeit aber nicht im nichts tun besteht, gibt es auch einzuhaltende Regeln: die Aufgabenstellungen und eventuelle Pflichtaufgaben sind nicht nur zu bearbeiten, sondern auch zum Ende zu führen; die Arbeitsergebnisse unterliegen der Selbstkontrolle; die Gestaltung dieser Ergebnisse hat sorgfältig zu erfolgen, und die Ordnungsprinzipien sind ebenfalls zu beachten. Außerdem ist den Mitschülern zu helfen und am Ende der Klasse das Ergebnis darzustellen.
Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, ist es also geraten, sich zu mühen, ohne sich zu quälen; ernsthaft eine Aufgabe zu bearbeiten, ohne sich in sie zu verbeißen bzw. zu wetteifern, ohne zu konkurrieren. Das intellektuell, sozial, handwerklich, vielleicht sogar mit allen Sinnen geschaffene Endprodukt kann eine Dokumentenmappe, eine fixierte Korrespondenz, ein szenisches Spiel
6 Anton Hofmann +DQGUHLFKXQJHQ 1997, S. 6.
5
oder ein Modell sein, wobei bei der Werksvollendung bei schwächeren Schülern auch ein weniger vollkommenes Werk akzeptiert werden sollte. Dazu beitragen könnte, daß beim Vorstellen und Besprechen aller Arbeitsergebnisse der Lehrer auch nur ein Mitglied der Gruppe ist.
x y
9RUWHLOH 2UJDQLVDWLRQVIRUPHQ
Einige Kritiker meinen, Freiarbeit sei zu zeitaufwendig und sprenge den Zeitrahmen. Geht man mit ihr wie mit einer zusätzlichen und spielerischen Übungsform um, ist das gut möglich, doch Unterrichtserfahrungen haben gezeigt, daß bei sinnvollem Einsatz ein Zeitrahmen sehr wohl einzuhalten ist. Neben der Stoff- bzw. Wissensvermittlung sorgen dafür die pädagogischen Ziele der Freiarbeit: Reduktion der Über- / Unterforderung durch individuelles Lerntempo, Überlegenheit in Übungsphasen, Nutzung verschiedener Materialien, erleichtertes Stillsitzen im restlichen Unterricht (Bewegungsfreiheit), mögliches Eingliedern von Außenseitern, intensivere Zuwendung gegenüber Einzelschülern oder -gruppen, praktisches Lernen, Anwendung von Arbeitstechniken (Lernen lernen) und mögliches besseres Kennenlernen der Schülerpersönlichkeit. Allerdings darf bei alledem nicht vergessen werden, daß Freiarbeit zwar schön, jedoch „kein Wundermittel gegen Schulkrankheiten wie Überdruß, Aggressivität, Lernschwäche usw.“ 10 ist. Diese positiven Aspekte hin oder her, wie organisiert man eigentlich Freiarbeit? Drei Formen stehen zur Auswahl: 1. Freiarbeit als Unterrichtsfach, 2. Freiarbeit als Arbeitsphase in einem Unterrichtsfach oder Fachbereich und 3. Freiarbeit als Arbeitsweise, die das gesamte Schulleben durchzieht.
Freiarbeit als Unterrichtsfach wird wie alle anderen Unterrichtsfächer auch organisiert, das heißt, in der Regel ist der Klassenlehrer zuständig. Die Inhalte sind frei bestimmbar und Fächer mit einer erhöhten Stundenzahl haben hierfür Stunden in einen Stundenpool abgegeben.
Wird Freiarbeit als Arbeitsphase in den normalen Unterricht eingebunden, so wird sie nicht extra im Stundenplan ausgewiesen. Der Lehrer wacht selbst über das Gleichgewicht von Freiheit und Bindung, weshalb er auch keinerlei Rücksicht auf die Gesamtschulorganisation zu nehmen braucht.
Im Gegensatz dazu die dritte Variante. Sie durchzieht das gesamte unterrichtliche Geschehen, sich damit auf die Ebene des Selbstverständnisses einer Schule hebend. Diese verändert sich
7 vgl.: Anton Hofmann +DQGUHLFKXQJHQ 1997, S. 7. & vgl.: Peter Sehrbrock )UHLDUEHLWLQGHU6HNXQGDUVWXIH, 1993, S. 16.
8 vgl.: Anton Hofmann +DQGUHLFKXQJHQ 1997, S. 7-8. & vgl.: Rüdiger Kohl Verlag. .HLQH $QJVW YRU )UHLDU
EHLW±3ODQXQJ$UEHLWVPDWHULDO.RQWUROOH. Niederzier: Rüdiger Kohl Verlag, 4. Auflage, 1995, S. 69. 9 vgl.: Peter Sehrbrock )UHLDUEHLWLQGHU6HNXQGDUVWXIH, 1993, S. 11-12.
10 Rüdiger Kohl Verlag .HLQH$QJVWYRU)UHLDUEHLW 1995, S. 69.
Arbeit zitieren:
Silke-Katrin Kunze, 2001, Freiarbeit - Lernautonomie und Prinzipien der Freiarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die entwicklungspsychologische und pädagogische Funktion von Bilderbüc...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Adenauers Westintegrationspolitik
Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik
Hausarbeit, 22 Seiten
Argumentieren - Eines der wichtigsten sprachlichen Mittel
Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft
Seminararbeit, 22 Seiten
Westintegration Deutschlands. Zufall oder Adenauers Kalkül?
Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik
Seminararbeit, 19 Seiten
Georg Büchners Woyzeck in der Kinoadaption von Werner Herzog
Hausarbeit, 18 Seiten
Das Bilderbuch im Literaturunterricht der Grundschule
Möglichkeiten, Ziele und Anwen...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Examensarbeit, 83 Seiten
Burnout am Beispiel eines Lehrers
Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 41 Seiten
Die Be- und Aufarbeitung der Nazizeit im Nachkriegsdeutschland am Beis...
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Der deutsche Nachkriegsfilm als Medium der Bewältigung - Eine ...
Hausarbeit, 18 Seiten
Unterrichtsstunde: Einführung der Buchstabenverbindung Ch/ch
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 13 Seiten
Das Verhältnis zwischen Kunst und Kriminalität in E.T.A. Hoffmanns Nov...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Möglichkeiten und Grenzen von Freiarbeit im Religionsunterricht - Unte...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Examensarbeit, 77 Seiten
"Ben liebt Anna" – eine handlungs- und produktionsorientiert...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 18 Seiten
Das höfisierte Feenreich im "Wigalois"
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 30 Seiten
Silke-Katrin Waletta's Text Freiarbeit - Lernautonomie und Prinzipien der Freiarbeit ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Silke-Katrin Waletta hat den Text Freiarbeit - Lernautonomie und Prinzipien der Freiarbeit veröffentlicht
Silke-Katrin Waletta hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare