1. Einleitung
In Berlin wird ebenso wie in anderen Regionen Deutschlands ein lokaler Dialekt, das Berlinische, gesprochen. Aber wenn man sich Berlin und auch den Großraum Berlin genauer ansieht, kann man erkennen, dass es in manchen Gruppen und Netzwerken unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Während es in einigen Gegenden besonders stark verbreitet ist, ist es in anderen geradezu verpönt und mit starken Sanktionen verbunden.
Um herauszufinden, wie die Stratifikation des Berlinischen in der Hauptstadt ist, werden die verschieden Schichten und Wohngegenden Berlins in dieser Arbeit näher beleuchtet. Ziel ist es, herauszufinden, ob es sich, wie es eine unter Berlinern weitverbreitete Meinung ist, beim Berlinischen um eine Unterschichtssprache handelt.
Ebenso wird ein Blick darauf geworfen, inwieweit sich die Situation vor und nach der Wende verändert hat und welc hen Einfluss der Mauerfall auf die Sprache in Berlin Ost und West hatte. Um einen guten Überblick über das Thema Soziolekt zu bekommen, werden zunächst der Begriff Soziolekt und die Merkmale, die eine Unterschichtssprache auszeichnen würden, besprochen.
2. Soziolekt
Ein Soziolekt, auch soziale oder diastratische Variation genannt, nennt man sprachliche Konventionen innerhalb bestimmter sozialer Gruppen, die häufig der massiven Bewertung anderer gesellschaftlicher Gruppen unterliegen.
Soziolekte können sprachliche Minoritäten sein ebenso wie soziale Schichten oder Schichten mit einer bestimmten ideologischen Rigidität. Sie treten im allgemeinen in sozialpolitisch motivierter Asymmetrie zu anderen sprachlichen Varietäten auf. Diese Asymmetrie drückt sich in der negativen Bewertung von bestimmten sprachlichen Ausdrücken aus, etwa in der Bestrebung, diese für öffentliche Institutionen nicht zuzulassen oder ihre schriftliche Kodifizierung im öffentlichen Leben nicht anzuerkennen.
In der Regel tritt eine soziale Varietät zusammen mit einem lokalen beziehungsweise regionalen Dialekt auf. So ist in dem hier bearbeiteten Fall der lokale Dialekt das Berlinische. Als Soziolekt würde man eine zum Beispiel besonders stark markierte Form des Berlinischen, die in bestimmten sozialen Gruppen auftaucht, bezeichnen.
Schichtspezifische Varietäten sind des weiteren je nach Formalitätsgrad der jeweiligen Situation verschieden stark ausgeprägt. Es kommt also darauf an, in welcher Umgebung ein Gespräch
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stattfindet, ob in einer formalen wie zum Beispiel bei einem Vorstellungsgespräch oder in einer relativ zwanglosen und gewohnten, wie einer Bar oder einem Sportverein. Außerdem ist entscheidend, wie gut sich die Kommunikationspartner kennen. Mit einem Vorgesetzten wird man sich sicherlich anders unterhalten als mit einem guten Bekannten oder Verwandten. Nur in besonders extremen Fällen ist es dem Sprecher nicht möglich, seine Aussprache und Wortwahl der momentanen Gesprächssituation anzupassen.
Soziolekte dienen der bewertenden Person dazu, Menschen einer bestimmten Schicht oder Statusgruppe zuzuordnen, eventuell dazu, sich diesen gegenüber abzugrenzen und abschätzen zu können, ob sie in eine gemeinsame soziale Gruppe einzuordnen sind oder nicht. Man unterscheidet bei diastratischen Varietäten stigmatisierte Varietäten, die meist der Unterschicht zugewiesen werden, und prestigebesetzte Varietäten, die dementsprechend bei den oberen Schichten zu finden sind. Diese beiden Extrema stehen meist in einem direkten Wertekonflikt zueinander. Die Unterschichtvarietäten werden, im Gegensatz zu denen der Mittel- und Oberschicht, teilweise zu Unrecht mit negativen Vorurteilen verbunden. So gehen zum Beispiel einige Personen davon aus, dass jemand, der Hochdeutsch spricht, intelligenter ist als jemand, der Berlinisch redet, was ganz offensichtlich nicht der Wirklichkeit entspricht. Als Synonym für Soziolekt wird im Englischen der Begriff „social dialect“, also sozialer Dialekt, benutzt. In der Tat sind wie bereits angedeutet räumliche und soziale Variationen untrennbar. Das trennschärfste Kriterium zwischen Dialekt und Soziolekt ist die Bewertung, die der jeweilige Dialekt hervorruft. Dabei werden in der Regel Dialekte als neutral gesehen während Soziolekte immer eine positive oder negative Konnotatio n besitzen.
3. Restringierter und elaborierter Kode
Beim Berlinischen, das von der sogenannten Unterschicht gesprochen wird, ist nicht nur die phonologische Komponente entscheidend dafür, dass diese Art, zu artikulieren, als „proletenhaft“ wahrgenommen wird. Andere Punkte, die auch zum Charakter des Berliner Dialekts beitragen, sind Intonation, Prosodie und eine bestimmte Art des Satzbaus. Es dient also nicht nur die Aussprache zur Identifizierung eines Sprechers und der Zuordnung zu einer bestimmten sozialen Schicht sondern auch die Art und Weise, wie er beispielsweise ein Ereignis wiedergibt, machen es möglich, ihn dementsprechend einzuordnen. Bei dieser Art der Einordnung spricht man von einer Unterteilung nach restringiertem und elaborierten Kode.
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Den restrigierten Kode signalisieren die folgenden Merkmale: kurze, unvollständige, einfache Sätze und eine fehlerhafte Syntax. Es werden immer dieselben Konjunktionen, falsche Pronomen, beziehungsweise ein falscher Kasus verwendet. Der Artikulierende hat generell sehr wenig syntaktische und lexikalische Alternativen. Die Sätze haben also immer eine ähnliche, relativ simple Struktur und es werden immer dieselben Wörter verwendet. Die Wiedergabe von Ereignissen oder Prozessen erfolgt im allgemeinen sehr unstrukturiert und unorganisiert, so dass diese für einen Zuhörer kaum nachvollziehbar dargestellt werden.
Beim elaborierten Kode dagegen sind die Sprecher imstande, grammatikalisch und syntaktisch korrekte, komplexe Sätze mit variierenden Konjunktionen zu bilden. Konjunktionen, Pronomen, Adjektive und Adverbien werden häufig und abwechslungsreich gebraucht. Benutzern dieses Kodes ist möglich, ein Geschehen wesentlich bildhafter, genauer und ausführlicher zu reproduzieren.
Bernstein, der sich mit diesem Phänomen näher beschäftigt hat, unterstellt zunächst der Unterschicht, der der restringierte Kode zugeschrieben wird, sprachliche Defizite. Später korrigiert er sich wieder und äußert die Meinung, dass die konstituierten Unterschiede kein Defizit sondern Variatione n in der Performanz sind, die aufgrund unterschiedlicher sozialer Umgebungen und daher unterschiedlicher sprachlicher Prägungen sind. So wurde in Studien festgestellt, dass Mütter aus der Unterschicht bei der Kommunikation mit ihren Kindern fast ausschließlich Imperative und kurze Sätze wie „Hände weg!“, oder „Pass auf!“, benutzen. Mütter aus der Oberschicht dagegen bilden längere Sätze mit Adjektiven, Passiven und Nebensätzen und erklären dem Kind den gegenwärtigen Sachverhalt: „Sei vorsichtig, du solltest nicht zu nah an den Herd kommen, denn er ist heiß und du könnest dich verletzen“. Dieser Spargebrauch wirkt sich natürlich auch auf den des Kindes aus, was die vorher angesprochenen Unterschiede in der Performanz bedingt.
4. Das Berlinische
4.1 Merkmale des Berlinischen
Der Berliner Dialekt wird in Berlin aber auch im Großraum Berlin, das heißt in fast ganz Brandenburg gesprochen. Auf die Distribution innerhalb Berlins gehe ich später genauer ein. Zunächst werde ich die signifikanten phonologischen Merkmale aufzeigen.
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Wesentliche Merkmale des Berlinischen:
e: statt ei keen (kein) o: statt au ooch (auch) u statt au uff (auf), druff (darauf) i statt ei rin (herein) p statt pf Kopp (Kopf) t statt s det (das), wat (was) k statt ch ick (ich), bißken (bisschen) ü statt i Mülch (Milch), Füsch (Fisch) ß statt z ßu (zu) j statt g jefalln (gefallen), jut (gut), lejen (legen) ch statt k Marcht (Markt) a statt -er Eima (Eimer), Vata (Vater) fa statt verfasuchn (versuchen)
Auch bei der Grammatik gibt es Besonderheiten. So wird der Genitiv folgendermaßen gebildet: „den Baum seine Bletta“, oder „die Kuh ihr Euta“, statt „die Blätter des Baumes“ beziehungsweise „die Euter der Kuh“. Außerdem werden Präpositionen falsch benutzt, wie in diesem Beispiel: „Ick jeh nach de Arbeet“, statt „Ich gehe zur Arbeit“. Ein weiterer typischer grammatikalischer Fehler, der beim Berlinischen gemacht wird, ist die Vertauschung von
Die Vergangenheit bildet der Berliner-Dialekt-Sprechende häufig wie folgt: „So´ne Karre hatt ick och ma jehabt.“ Eine ebenfalls oft auftauchende Konstruktion ist
Ebenso beliebt ist der sogenannte Akkudativ, die Vertauschung von Akkusativ und Dativ, besonders bei Pronomen: „Streng dir ma ´n bisschen an.“
Alle diese Merkmale sind in Ost- und Westberlin gleichermaßen bekannt und stimmen im großen und ganzen überein. Wirft man einen Blick auf die Frequenz des Gebrauchs der genannten Merkmale, stellt man fest, dass sich für Ost und West dieselbe Hierarchie ergibt. So werden das lange /o:/ statt /αυ/ , wie in
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Arbeit zitieren:
Daniela Krämer, 2004, Soziolekte - Gibt es in Berlin noch eine Unterschichtssprache und welche Merkmale hat sie?, München, GRIN Verlag GmbH
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