Amici diem perdidi Zum Kaiserbild des Titus bei Sueton
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung: Methodik und Fragestellung 1
2. Quellenlage und Forschungssituation 1
2. 1 Zeitgenossen der Flavier 2
2. 2 Spätere Quellen 2
3. Zur Person des Kaisers Titus 3
3. 1 alius Nero - Der unpopuläre Thronerbe 3
3. 2 amor ac deliciae generis humani - Der allseits geliebte princeps 4
4. Sueton und die antike Biographie 5
4. 1 Zur Biographie im allgemeinen 5
4. 2 Die bioi Suetons 6
5. Der Divus Titus Suetons 7
5. 1 Aufbau und Gliederung 7
5. 2 Ausnahmestellung der Titusvita 8
5. 3 vitiae und virtutes 9
5. 4 ingenium ars fortuna - Die Beliebtheit des Kaisers 12
5. 5 Charakter und Wandel - Suetons Kaiserbild 13
6. Fazit: Sueton und die historische Person Titus 15
7. Ausblick: Die Titusrezeption - Der Nachruhm eines Kaisers 16
8. Bibliographie 18
II
1. Einleitung: Methodik und Fragestellung Das Bild des Kaisers Titus, wie es bis heute die Geschichtswissenschaft bestimmt und wie es in zahlreichen musikalischen und literarischen Bearbeitungen über den princeps erhalten ist, hat seinen Ursprung in dessen Biographen Sueton. Kaum ein anderer Kaiser ist seiner Nachwelt - von der Antike bis zur Moderne – als derart idealtypischer Herrscher in Erinnerung geblieben. Güte und Milde gelten als Titus‘ sprichwörtliche Eigenschaften – und das, obwohl die Quellen zugleich von Grausamkeit und exzessivem Lebenswandel seiner Jugendjahre berichten. Und selbst bis heute schmähen jüdische Besucher Roms den Triumphbogen des Titus als Sinnbild der Vernichtung ihrer religiösen Grundlage. So scheint jene überlieferte Milde und Güte verwunderlich, bedenkt man zudem, daß Titus nur 2 Jahre, 79 bis 81 n. Chr., regiert hatte. Konnte man sich in so kurzer Zeit ein umfassendes Bild von ihm machen? Auch bleibt Sueton bis heute die einzige ausführliche Quelle, die über die Person des Herrschers berichtet. Vergleichsmöglichkeiten fehlen größtenteils.
Es scheint daher ratsam, noch einmal ad fontes zu gehen und einen genauen Blick auf Suetons Divus Titus zu werfen. Dieser Aufgabe möchte sich die folgende Untersuchung widmen. Hierzu soll im Vorfeld zum einen die entscheidende literarische Quellenlage zu Titus geklärt, zum anderen ein Abriß über Leben und Werk des Kaisers gegeben werden - in zwei Kapiteln, welche die ambivalente Darstellung des Titus deutlich machen. Eine dritte Präsentation beschäftigt sich mit Sueton als Person und dem Stellenwert seines Werkes. Die anschließende Analyse und Auswertung des Divus Titus soll sich den folgenden Fragen widmen:
1. Wie stellt Sueton Titus dar? Ist jene Darstellung seitens der Nachwelt, speziell der
Forschung, richtig wiedergegeben worden?
2. Welches Bild v on Titus bietet sich dem Leser und was kann man hieraus über die
historische Person Titus sagen? Ist Suetons Darstellung an der Person verifizierbar?
3. Was bedeutet jenes Kaiserbild für die zukünftige Wirkungsgeschichte? Wie ist Suetons
Divus Titus rezipiert worden?
2. Quellenlage und Forschungssituation
Die Darstellung beschränkt sich auf historiographische und biographische Quellen. Da der Schwerpunkt der Untersuchung auf einer literarischen Analyse beruht, soll auf die Darlegung numismatischer sowie epigraphischer Befunde verzichtet werden.
1
2. 1. Zeitgenossen der Flavier Die Quellenlage unterliegt drei Problemfeldern:
1. Kurze Regierungszeit: Die Überlieferung ist gerade für Titus, der nur etwas mehr als zwei
Jahre als Kaiser in Rom geherrscht hatte (24. Juni 79 bis 13. September 81 n. Chr.), überaus spärlich. Allein Sueton (* um 70 n. Chr.) entwirft für die Regentschaft der Flavier (69 – 96 n. Chr.) ein zusammenhängendes Bild. Sein biographisches Werk De vita Caesarum dürfte während seiner Amtszeit als kaiserlicher Kanzleisekretär unter Hadrian um 119 bis 121 entstanden sein. Es bietet einen umfassenden Eindruck über Leben und Persönlichkeit des Titus.
2. Verluste: Wie Sueton hatte auch Tacitus (* um 55 n. Chr.) den flavischen Prinzipat selbst
erlebt, beide aber schreiben erst zu späterer Zeit. Tacitus‘ Historiae (14 Bücher, erschienen zwischen 105-109), deren Darstellung des Titus wohl ein ganzes Buch umfaßt haben dürfte, ist an eben jener prägnanten Stelle verloren gegangen. Sie reicht in Buch V nur noch bis zum Vierkaiserjahr und der Belagerung Jerusalems. Tacitus‘ Einstellung Titus gegenüber läßt sich daher kaum ermitteln. Es bleibt allerdings in Erinnerung zu behalten, daß jener seine politische Karriere bis zum Prokonsulat für Asia Vespasian, Titus und Domitian verdankt; seine Retrospektive über die flavische Regentschaft aber könnte aufgrund seiner Mißbilligung von Domitians Herrschaftsweise möglicherweise kritisch ausfallen.
3. Eulogistische Schriften: Eine dritte Quelle, die aber ebenfalls nur Informationen über den
jungen Titus vor seinem Prinzipat liefert, stellt Flavius Josephus‘ Bellum Iudaicum dar. Als Protegé des Titus jedoch, welcher für Josephus‘ Freilassung nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels plädiert hatte, muß das Werk des jüdischen Geschichtsschreibers kritisch betrachtet werden: Der panegyrische Grundton erschwert eine subjektive Betrachtung. Eine ähnlich enkomiastische Note findet sich bei Plinius d. Ä., welcher seine Naturgeschichte dem Titus widmet. Daher bleibt für eine systematische Beschäftigung die Biographie Suetons am ergiebigsten.
2. 2. Spätere Quellen
In auffallend starker Abhängigkeit zu ihren Quellen stehen die spätantiken Autoren des 4. Jahrhunderts. Sie sind daher nur bedingt ergiebig. Zwar könnten jene noch über die Darstellung Tacitus‘ verfügt haben, als ihre Vorlage läßt sich jedoch vielmehr Sueton herauslesen. Titus findet Erwähnung bei Philostratus, Aurelius Victors Liber de Caesaribus, dem Epitom der De Caesaribus, Ammianus Marcellinus, Eutrops Breviarum ab urbe condita, ebenso wie bei den Scriptores Historiae Augustae. Meist enthalten sie alle nur eine kurze
2
Erwähnung des flavischen Herrschers nach dem Vorbild Suetons, allerdings häufig unreflektiert wiedergegeben. Eine Ausnahme bilden Ausonius und Cassius Dios Historia Romana, die sich zwar ebenso auf Sueton berufen, seine Aussagen jedoch auch kritisch begutachten (siehe Kap. 6).
Da die analytische Gewichtung auf Sueton liegt, sollen die anderen Quellen zumeist nur vergleichend betrachtet werden.
3. Zur Person des Kaisers Titus
Als der junge Titus nach seinem Sieg über den jüdischen Aufstand, der 71 n. Chr. mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem nahezu in sich zusammengebrochen war, nach Rom zurückkehrte, hatte sein Vater Vespasian den Prinzipat bereits inne. Der Sohn des Kaisers wurde umjubelt und ein weiteres Mal mit dem Ehrentitel
imperator
bedacht.
1
Gemeinsam mit Vespasian hielt er einen Triumphzug ab, der die spektakuläre Beute des Jüdischen Kriegs zur Schau stellte (Ioseph., Bell. VII 121). So freudig man Titus‘ Heimkehr begrüßte und seiner militärischen Leistung Anerkennung zollte, um so mehr enttäuschte das Verhalten, welches er von nun an als Caesar, als Thronnachfolger, an den Tag legte.
Dabei hatte seine bisherige Laufbahn so viel Gutes versprochen: Von der Natur großzügig mit Begabungen bedacht 2 , hatte der aus dem Ritterstand stammende Titus eine exzellente Erziehung am Hofe Claudius‘ zusammen mit dessen Sohn Britannicus genossen (Suet., Tit. 2).
Der cursus honorum hatte ihn als Militärtribun nach Germanien und Britannien geführt; nach seiner Quästur wurde er von Vespasian zu dessen Unterstützung als legati praepositus (Suet., Vesp. 4) nach Judaea berufen. In allen Herausforderungen bewies er sich glänzend. Und nun? Der Sohn des neuen Kaisers und potentielle Thronanwärter in Vespasians dynastischem Plan 3 , der die bestmögliche Ausbildung erhalten hatte, machte von jetzt an nur noch mit negativen Schlagzeilen auf sich aufmerksam.
Die neue Unbeliebtheit hatte verschiedene Ursachen: Während Vespasian noch um die Legitimation seiner Herrschaft rang und sich daher vor allem bei Donationen und Gnaden 1 Insgesamt erhielt Titus diesen Titel 14 mal unter Vespasians Herrschaft. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nur dem Kaiser selbst zugestanden. Vgl. Jones, B. W.: The Emperor Titus, New York 1984, S. 80f. 2 Sueton widmet ein ganzes Kapitel (Suet., Tit. 3) den körperlichen und geistigen Vorzügen Titus‘: Ihn kennzeichneten Schönheit, Autorität und Anmut; er war ein Meister des Militärischen (Waffenkampf und Reiterei) sowie des Musischen: Er beherrschte perfekt das Lateinische und Griechische, die Rhetorik und die Poesie, verstand sogar zu musizieren, stenographieren und Handschriften nachzuahmen.
3 Vespasian versuchte, seine Herrschaft, die sich nicht auf julo-claudische Abstammung berufen konnte (sondern auf militärische Akklamation), durch eine Dynastie der Flavier stabiler zu machen. Vgl. Jones, Titus, S. 115.
3
gegenwärtig zeigte, erledigte Titus, welchen Vespasian zum praefectus praetorii ernannt hatte, die „Schmutzarbeit“, die das Etablieren eines neuen Regimes mit sich brachte. Die Staatskassen mußten gefüllt, die Opposition zum Schweigen gebracht werden. Man warf Titus Grausamkeit, Verschwendungssucht, Zügellosigkeit und Raffgier vor (Suet., Tit. 7,1). Auch daß er einen Senatoren auf Verschwörungsverdacht hin ohne gerichtliche Verhandlung hatte hinrichten lassen, löste allgemeine Abneigung gegen ihn aus (Dio, Hist. 16).
Zu Titus‘ schlechtem Ruf fügte sich zudem noch sein persönlicher Lebenswandel hinzu: Seine Beziehung zu Berenice, einer jüdischen Prinzessin, mit der er offen im Palast zusammenlebte, erregte Ärgernis in der Bevölkerung.
Titus‘ Vorlieben für Knaben und Tänzer, ausschweifende Gelage sowie seine Habgier, seine Grausamkeit und seine Zügellosigkeit glichen Charakteristiken und Topoi, mit denen einst Tyrannen belegt wurden. Jene Eigenschaften konnte die plebs urbana schwerlich mit den Normen verbinden, an die das öffentliche Auftreten eines Thronanwärters gebunden war. 4 Die schlechte fama, welche Titus‘ Lebensführung mit sich brachte, erschuf die Befürchtung innerhalb des Volkes, die Herrschaft des Titus werde die eines alius Nero sein. (Suet., Tit. 7.1; Vict., Caes. X,5).
3. 2. amor ac deliciae generis humani – Der allseits geliebte princeps
Daß alles ganz anders kommen sollte, bewies der plötzliche Tod Vespasians 79 n. Chr. Dessen dynastische Politik 5 führte zu einer reibungslosen Inthronisation seines Sohnes. Der neue Kaiser aber, der invitis omnibus (Suet., Tit. 6,2) zur Macht gelangt war, hatte zur Überraschung aller kaum noch gemeinsame Züge mit dem unpopulären Caesaren. Quasi über Nacht war aus dem extravaganten Flavier mit exzessivem Lebenswandel ein verantwortungsvoller, großzügiger und mildtätiger Herrscher geworden. Die zwei folgenden Jahre seiner politischen Führung sollten dies zeigen: Berenice, die secunda cleopatra 6 , wurde ebenso vom Hofe verwiesen wie die Tänzer und Lustknaben (Suet., Tit. 7,2). Ausschweifende Gelage wurden ersetzt durch ausgiebige Spiele zugunsten der Allgemeinheit. Seeschlachten, Tierhetzen, Gladiatorenkämpfe und Geschenke an das Volk ließen Titus‘ Beliebtheit wachsen. Das gewaltige Amphitheater, unter Vespasian begonnen, wurde von seinem Sohn fertiggestellt. Titus pflegte Nähe und Kontakt zum Volk: Er hörte den Bittstellern zu, zeigte 4 Vgl. Flaig, E.: Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich (Historische Studien Bd. 7), Frankfurt – New York 1992, S. 59-67.
5 D. h. die systematische Machtübertragung von Vater auf Sohn: Titus hatte sieben mal zwischen 70 und 79 das Konsulat inne, 73/74 mit seinem Vater Vespasian die censoria potestas und seit 71 die tribunicia potestas. Die zahlreichen Begrüßungen als imperator sprechen für sich. Vgl. C. Salles: La Rome des Flaviens. Vespasien. Titus. Domitien, Perrin 2002, S. 111f.
6 Mommsen, Th.: Römische Geschichte, Bd. 5, Berlin - Leipzig 1856, S. 540.
4
Arbeit zitieren:
Mascha Funke, 2005, "amici diem perdidi" - Zum Kaiserbild des Titus bei Sueton, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Mit Bildern schreiben - Über die Kommunikation in Comics durch Bilder ...
Medien / Kommunikation - Sonstiges
Hausarbeit, 24 Seiten
Sueton und die Biographie der Kaiserzeit
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hauptseminararbeit, 15 Seiten
Sol invictus - Die Ausbreitung orientalischer Religionen im römischen ...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Zwischenprüfungsarbeit, 19 Seiten
Moses Mendelssohn und das Judentum
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 24 Seiten
Historisch-politischer Hintergrund: Der Absolutismus von Ludwig XIV. u...
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 19 Seiten
Das Theater der französischen Klassik als Instrument der Kulturpolitik...
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 29 Seiten
Von Österreich-Ungarn nach Deutsch-Österreich
Die revolutionäre Entwicklung ...
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Hausarbeit, 50 Seiten
Ovids 10. Heroidenbrief im Spiegel der Gattung
Klassische Philologie - Latinistik - Literatur
Seminararbeit, 22 Seiten
Über Stefan Zweig: "Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Euro...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 22 Seiten
Comics - Ein Medium und seine Sprache
Medien / Kommunikation - Sonstiges
Hauptseminararbeit, 35 Seiten
Öffnung zur christlichen Welt oder Identitätsverlust? Die Rolle des Ho...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 26 Seiten
Mascha Funke hat den Text "amici diem perdidi" - Zum Kaiserbild des Titus bei Sueton veröffentlicht
Mascha Funke hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare