Auf dem Hintergrund der klinischen Bindungstheorie und -forschung wurden die Lehrer und Schüler einer Sondererziehungsschule für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche in Wien untersucht. In einer Querschnittstudie wurden die Bindungsrepräsentationen von 37 Schülern und 15 Lehrern mit dem Separation-Anxiety-Test in der Version von Jakobsen und Ziegenhain und dem Adult-Attachment-Projective nach George und West erhoben, die Ausprägungen der Verhaltensauffälligkeiten der Schüler mit der Teacher’s Report Form erfasst und das Ausmaß der Prävalenz von Vernachlässigungs-, Missbrauchs-, Misshandlungs- und Trennungserfahrungen der Kinder und Jugendlichen in einem halbstandardisierten Interview mit den Lehrern erfragt. Die Ergebnisse zeigen, dass der überwiegende Teil dieser Schüler (70%) als hochunsicher desorganisiert und nur 5% der Schüler als sicher gebunden eingestuft wurden. Die Prävalenzerhebung ergab, dass 85% der Schüler belastende Verlust- und Trennungserfahrungen erlitten und im Vergleich zu deutschen Erziehungshilfeschulen zwar weniger traumatische Erfahrungen gemacht haben, aber dennoch als psychosozial belastende Umstände einzustufen sind. In einer dreimonatigen Längsschnittstudie wurde ein bindungstheoretisch orientiertes Lehrertrainingsprogramm nach Julius evaluiert, welches für die pädagogische Arbeit mit verhaltensauffälligen Schülern entwickelt wurde und die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern in den Vordergrund stellt. Dieses Lehrertraining bestand aus theoretischen Informationsblöcken, Fallbesprechungen von Schülern und videounterstützten Feinfühligkeitstrainings. Die Einflüsse des Trainingsprogramms auf das Verhalten der Lehrer und Schüler wurden durch ein einzelfallanalytisches Multiple-Baseline-Design mit vier hochunsicher desorganisiert gebundenen Schülern überprüft. Mit Beginn des Lehrertrainings änderten sich die Ausprägungen bei den beobachteten Schülern in relevanten pädagogischen Bereichen wie im Störverhalten oder im Nähe und Hilfesuch-Verhalten. Bei den Lehrern konnte eine deutliche und stetige Abnahme von unfeinfühligem, abwertendem Lehrerverhalten im Laufe des Lehrertrainings festgestellt werden (www.fida-taumer.at).
Klinische Bindungsforschung an einer Sondererziehungsschule:
Videogestützte Evaluation eines bindungstheoretisch orientierten Lehrertrainings
Dissertation
zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie
an der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften
der Universität Wien
eingereicht von
Andreas Taumer
Wien, Juni 2004
Danksagung
[...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 6
A Theoretischer Teil ... 10
A.1 Einführung in die Bindungstheorie ... 10
A.1.1 Bindung ... 11
A.1.2 Entwicklung des Bindungsverhaltenssystems ... 12
A.1.3 Bindungsmuster ... 13
A.1.4 Feinfühligkeit ... 15
A.1.5 Innere Arbeitsmodelle ... 17
A.2 Klinische Bindungsforschung ... 20
A.2.1 Entwicklungspsychopathologie ... 20
A.2.2 Bindungsorganisation und Psychopathologie ... 22
A.2.3 Desorganisation ... 25
A.2.3.1 Entstehungsbedingungen ... 26
A.2.3.2 Elternfaktoren ... 27
A.2.3.3 Kindliche Faktoren - Individuelle Disposition ... 30
A.2.3.4 Entwicklungsverlauf von Desorganisation ... 31
A.2.3.5 Desorganisierte Bindungsrepräsentation ... 33
A.3 Klinische Anwendung der Bindungstheorie ... 36
A.3.1 Stabilität und Beeinflussbarkeit der Bindungsorganisation ... 36
A.3.2 Bindung und Psychotherapie ... 39
A.3.3 Modell von bindungstheoretisch fundierten Interventionsarten ... 41
A.3.4 Beispiele für bindungsbasierte Interventionen mit Videounterstützung ... 44
A.4 Bindungstheoretisch orientiertes Lehrertrainingsprogramm ... 49
A.4.1 Inhalte des Lehrertrainingsprogramms ... 51
A.4.1.1 Einführung in die Bindungstheorie ... 51
A.4.1.2 Fallbesprechungen und Interventionsstrategien ... 51
A.4.1.3 Unsicher vermeidend gebundene Schüler ... 53
A.4.1.4 Unsicher ambivalent gebundene Schüler ... 55
A.4.1.5 Hochunsicher desorganisiert gebundene Schüler ... 57
A.4.2 Videounterstütztes Feinfühligkeitstraining für Lehrer ... 59
A.4.2.1 Videoaufnahme der Lehrer-Schüler-Interaktion ... 60
A.4.2.2 Auswahl von Videosequenzen ... 61
A.4.2.3 Inhalte des Feinfühligkeitstraining ... 61
A.4.2.4 Analyse der Videosequenzen ... 63
B Empirischer Teil: Klinische Bindungsforschung an einer Sondererziehungsschule ... 68
B.1 Querschnittstudie ... 71
B.1.1 Fragestellungen der Querschnittstudie ... 71
B.1.1.1 Bindungsmuster der Schüler ... 71
B.1.1.2 Bindungsorganisation und Dissoziation ... 71
B.1.1.3 Bindungsrepräsentationen der Lehrer ... 73
B.1.1.4 Verhaltensauffälligkeiten der Schüler ... 73
B.1.1.5 Bindungsorganisation und Verhaltensauffälligkeit ... 74
B.1.1.6 Häufigkeitsverteilung von Belastungsfaktoren ... 75
B.1.2 Methodik der Querschnittstudie ... 75
B.1.2.1 Stichprobe der Querschnittstudie ... 76
B.1.2.1.1 Beschreibung der Schule ... 76
B.1.2.1.2 Beschreibung der Schüler ... 77
B.1.2.1.3 Beschreibung des Schul- und Klassenklimas ... 79
B.1.2.1.4 Beschreibung der Lehrer ... 81
B.1.2.1.5 Beschreibung des Lehrerhandelns ... 82
B.1.2.1.6 Beschreibung der Vergleichsstichproben ... 85
B.1.2.2 Konstrukte und Erhebungsverfahren der Querschnittstudie ... 86
B.1.2.2.1 Separation-Anxiety-Test (SAT) ... 86
B.1.2.2.2 Adult-Attachment-Projective (AAP) ... 95
B.1.2.2.3 Child-Dissociation-Scale (CDC) ... 101
B.1.2.2.4 Teacher’s Report Form (TRF) ... 102
B.1.2.2.5 Anamnestisches und exploratives Interview mit Lehrern ... 103
B.1.2.3 Untersuchungsablauf der Querschnittstudie ... 106
B.1.2.4 Auswertung der Querschnittstudie ... 107
B.1.2.5 Kritische Diskussion der Versuchsplanung ... 108
B.1.3 Ergebnisse der Querschnittstudie ... 109
B.1.3.1 Bindungsmuster der Schüler ... 109
B.1.3.2 Bindungsorganisation und Dissoziation ... 113
B.1.3.3 Bindungsrepräsentationen der Lehrer ... 115
B.1.3.4 Verhaltensauffälligkeiten der Schüler ... 116
B.1.3.5 Bindungsorganisation und Verhaltensauffälligkeit ... 120
B.1.3.6 Häufigkeitsverteilung von Belastungsfaktoren ... 124
B.1.4 Diskussion der Querschnittstudienergebnisse ... 130
B.2 Längsschnittstudie ... 141
B.2.1 Fragestellungen der Längsschnittstudie ... 142
B.2.1.1 Verhalten der Schüler ... 142
B.2.1.2 Verhalten der Lehrer ... 145
B.2.1.3 Umsetzungserfahrungen ... 145
B.2.2 Methodik der Längsschnittstudie ... 145
B.2.2.1 Forschungsdesign der Längsschnittstudie ... 146
B.2.2.2 Untersuchungsablauf der Längsschnittstudie ... 146
B.2.2.3 Stichprobe der Längsschnittstudie ... 149
B.2.2.3.1 Auswahl und Beschreibung der Zielkinder ... 149
B.2.2.3.2 Auswahl und Beschreibung der Lehrer ... 152
B.2.2.4 Erhebungsverfahren der Längsschnittstudie ... 153
B.2.2.5 Setting der Längsschnittstudie ... 156
B.2.2.5.1 Beobachtungsstunden ... 156
B.2.2.5.2 Unterrichtseinheiten ... 157
B.2.2.5.3 Unterrichtsfächer ... 158
B.2.2.5.4 Unterrichtsart ... 159
B.2.2.6 Auswertung der Längsschnittstudie ... 161
B.2.2.7 Kritische Diskussion der Versuchsplanung ... 162
B.2.3 Ergebnisse der Längsschnittstudie ... 164
B.2.3.1 Verhalten der Schüler ... 164
B.2.3.1.1 Nähe suchen ... 164
B.2.3.1.2 Prosoziales Verhalten ... 166
B.2.3.1.3 Rückzug ... 168
B.2.3.1.4 Ignorieren und Explorieren ... 170
B.2.3.1.5 Kontrollierendes Verhalten ... 172
B.2.3.1.6 Provokantes Verhalten ... 174
B.2.3.1.7 Störverhalten ... 176
B.2.3.1.8 Aggressives Verhalten ... 179
B.2.3.1.9 Zusammenfassung der Ergebnisse des Schülerverhaltens ... 181
B.2.3.2 Verhalten der Lehrer ... 182
B.2.3.3 Umsetzungserfahrungen ... 185
B.2.4 Diskussion der Längsschnittstudienergebnisse ... 186
C Zusammenfassung ... 193
D Literaturverzeichnis ... 195
E Curriculum Vitae ... 215
Einleitung
Die vorliegende Dissertation entstand im Rahmen eines zweijährigen Forschungsprojekts an einer Sondererziehungsschule (SES) für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche in Wien. Nach dem Leitbild einer neu entstehenden klinischen Bindungsforschung behandelte das Forscherteam grundlagen- und anwendungsorientierte Fragestellungen.
Das Forschungsprojekt verfolgte mehrere Ziele. Ein wesentliches Ziel war es, das Grundlagenwissen über die Zusammenhänge zwischen Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen aus psychosozial belastenden Umständen und ihren Beziehungserfahrungen zu nahen Bezugspersonen zu erweitern. Die Relevanz für die Erforschung dieser komplexen Entstehungszusammenhänge und Entwicklungsverläufe liegt darin, dass für Kinder und Jugendliche, die auffälliges, oppositionelles oder aggressives Verhalten zuhause und im Unterricht zeigen, eine äußerst ungünstige Prognose für ihr weiteres soziales und berufliches Leben gestellt wird (Heubrock & Petermann, 2000). Bisherige Forschungsergebnisse deuten weiters darauf hin, dass Schüler an Sonderschulen für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche zum Großteil seit ihrer Kindheit Gewalt-, Verlust- und/oder Vernachlässigungserfahrungen (Julius, 2001a) erlitten haben. Diese traumatischen Beziehungserfahrungen hinterlassen zumeist Spuren in der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder. Hier ist neben einem psychopathologischen Entwicklungsmodell zur Beschreibung, Erklärung und Diagnose von psychischen Auffälligkeiten eine Theorie für pädagogische Interventionsansätze, die auch im Schulalltag umgesetzt werden können, nötig. Die Bindungstheorie, die Bowlby (2001) aufgrund seiner Beschäftigung mit den pathologischen Folgen von Vernachlässigung und Deprivation bei Kindern entwickelt hat, bietet hier einen theoretischen Forschungsrahmen für klinische Fragestellungen mit einer breit abgesicherten Entwicklungstheorie. Die Ergebnisse der Bindungsforschung zeigen, dass die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung ein zentrales Element für die Entwicklung der emotionalen Regulationsfähigkeit des Kindes ist, die im weiteren Verlauf deutliche Auswirkungen auf die emotionale, kognitive und soziale Kompetenz hat. Im Falle von ungünstigen Beziehungserfahrungen erhöht sich das Risiko hinsichtlich psychischer Störungen und Verhaltensauffälligkeiten. Belastende Erfahrungen mit nahen Bezugspersonen führen bei einem Großteil der Kinder dazu, dass sie verzerrte Vorstellungen von sich und ihren Bezugspersonen entwickeln und in mentalen Modellen abspeichern, die wiederum die aktuelle Beziehungsgestaltung wesentlich beeinflussen. Bisherige Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche aus Risikofamilien mit vermehrten psychosozialen Belastungsfaktoren zum überwiegenden Teil ein dysfunktionales Beziehungsmuster entwickeln, das aufgrund der Unterbrechung oder des Fehlens von Strategien zur Bewältigung von belastenden Situationen als desorganisiertes Bindungsmuster bezeichnet wird (Main, 1999; Solomon & George, 1999). Desorganisiert gebundene Kleinkinder zeigen in Stresssituationen im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern mit organisierten Bindungsstrategien auffällige und bizarre Verhaltensweisen. Statt eines durchgehenden Nähesuchens zu ihrer Bezugsperson in einer belastenden Situation unterbrechen beispielsweise manche desorganisiert gebundene Kleinkinder die Kontaktsuche, nähern sich mit einem gleichzeitig abgewandten Gesicht, zeigen stereotype Verhaltensweisen und/oder verfallen in einen tranceartigen Zustand. Im weiteren Verlauf zeigen Kinder, die ein solches desorganisiertes Bindungsmuster zu ihren Bezugspersonen im Kleinkindalter entwickelt haben, im Schulalter kontrollierend aggressives oder auch fürsorgliches Verhalten im Unterricht gegenüber ihren Lehrkräften oder Mitschülern. Aus der klinischen Bindungstheorie und -forschung lassen sich pädagogische Interventionsstrategien ableiten, die schwerpunktmäßig darauf abzielen, einem Schüler1 mit solchem dysfunktionalen Interaktionsmuster in der Beziehung zum Lehrer eine neue positive und heilsame Erfahrung zu ermöglichen.
Um bindungstheoretische Forschungsfragen anhand einer Risikostichprobe beantworten zu können, wurde ein Projekt konzipiert, das aus zwei aufeinander aufbauenden Abschnitten besteht. Im ersten Abschnitt wurde an einer Sondererziehungsschule für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche in Wien eine Querschnitterhebung durchgeführt. Neben den Bindungsmustern von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen sind erstmals auch die Bindungsrepräsentationen der Lehrer erhoben worden. Das Ausmaß und die Art der Verhaltensauffälligkeiten sowie die Prävalenz von Verlust , Vernachlässigungs-, Misshandlungs- und Missbrauchserfahrungen der Schüler wurden durch Befragung der Lehrer erhoben, um diese Ausprägungen mit der gemessenen Bindungsorganisation der Schüler in Beziehung setzen zu können. Besonders interessierten das Vorkommen des desorganisierten Bindungsmusters bei Sonderschülern und die Zusammenhänge mit Verhaltensauffälligkeiten, da es über die weitere Entwicklung und Ausprägungsformen dieser Bindungsform im Schul- und Jugendalter divergierende Studienergebnisse gibt.
Im zweiten Abschnitt des Projekts wurde in einer Längsschnittstudie ein neu entwickeltes bindungstheoretisch orientiertes Lehrertraining (Julius, 2002) in die Praxis umgesetzt und wissenschaftlich evaluiert. Das Lehrertrainingsprogramm bestand aus monatlich stattfindenden theoretischen Blöcken und Fallbesprechungen, und alle vierzehn Tage fand ein videounterstütztes Feinfühligkeitstraining statt. Ziel war es, ein effektives und gezieltes Trainingsprogramm für Lehrer von Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten und Beziehungstraumata zu entwickeln. Den Lehrern sollte eine in der Praxis gut umsetzbare Theorie für ihr pädagogisches Handeln vermittelt werden, damit sie in Zukunft durch ihr feinfühliges Vorgehen den Schülern eine sichere Basis für deren Bindungs- und Explorationsverhalten bieten können und auch für den eigenen Anteil am zumeist turbulenten Beziehungsgeschehen eine Sensibilisierung erfahren. Die Einflüsse dieses Trainings auf das Verhalten der Kinder und Jugendlichen wurden durch ein einzelfallanalytisches Multiple-Baseline-Design überprüft. Dazu entwickelte das Forscherteam ein Beobachtungssystem zur Erfassung von Verhaltensänderungen bei hochunsicher gebundenen Schülern, das 15 Wochen lang zweimal in der Woche in der Klasse angewandt wurde.
Die wissenschaftliche Leitung des Projekts liegt bei Prof. Dr. Henri Julius (Universität Frankfurt) und Prof. DDr. Christian Klicpera (Universität Wien). Die operative Koordination der Forschergruppe vor Ort war eine meiner Aufgaben als Doktorand. Bei den Erhebungen für meine Dissertation unterstützten mich jeweils drei Diplomanden bei der Quer- und der Längsschnittstudie an der Schule. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden sechs Diplomarbeiten erstellt, die nun kurz angeführt werden: Fr. Veronika Kauer beschäftigte sich mit der Beziehung zwischen Bindungsmustern und Freundschaft bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Die Vertrauensbeziehung zwischen Lehrer und Schüler bearbeitete Fr. Birgit Kittl. Die Bedeutung der kindlichen Bindungsorganisation für das Täter-/Opfer-Verhalten der Schüler dieser Sondererziehungsschule wurde von Fr. Birgit Prislinger und von Hr. Mag. Alexander Achatz untersucht. Fr. Sandra Höld erstellte ein Beobachtungssystem für Verhaltensauffälligkeiten von hochunsicher gebundenen Kindern und Fr. Nina Atzmüller erarbeitete ein Beobachtungssystem zur Feinfühligkeitsmessung des Lehrerverhaltens.
Theoretischer Teil
1.1 Einführung in die Bindungstheorie
«Die Kombination von Temperamentseigenschaften des Säuglings mit Erziehungsmethoden, Einstellungen und Persönlichkeiten der Eltern ruft ein charakteristisches Muster sozialer Interaktion zwischen dem Säugling und den Eltern hervor. Praktisch jede Entwicklungstheorie hat angenommen, dass dieses Interaktionsmuster die psychische Entwicklung des Kindes entscheidet beeinflusst. So gut wie alle Psychologen der letzten hundert Jahre haben in der Beziehung der Kinder zu den Menschen, die sie versorgen, die wesentlichste Grundlage der emotionalen und kognitiven Entwicklung gesehen (Bowlby, Freud, Watson...).»
Mussen et al., 1993
Der Grundstein für die Entwicklung der Bindungstheorie wurde von John Bowlby in den 50er Jahren des 20.Jahrhunderts gelegt, als er im Auftrag der WHO die Zustände in Kinderheimen und Erziehungsanstalten untersuchte und für heutige, westliche Verhältnisse unvorstellbare Zustände entdeckte (Bowlby, 1951). Anhand der Beschreibung von hospitalisierten Heimkindern machte er deutlich, welche traumatischen Folgen für Kleinkinder entstehen, wenn sie lange von ihrer Mutter getrennt werden, aber auch welche psychische Schäden ein vernachlässigender Umgang für fremduntergebrachte Kinder nach sich ziehen kann (Bowlby, 1976). Der Befund, dass manche Kinder sehr unter dem Verlust litten und anderen die Trennung scheinbar nichts ausmachte, war mit den damals vorherrschenden Erklärungsmodellen der Psychoanalyse und des Behaviorismus nicht schlüssig erklärbar. Erst die Verknüpfung von aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der vergleichenden Verhaltensforschung mit der Kontrolltheorie und der Kybernetik ermöglichte Bowlby, unter Verwendung von Elementen aus seiner psychoanalytischen Profession, eine Theorie zu entwickeln, die in einer neuen Weise einen interdisziplinären Ansatz zur Beschreibung und Erklärung der elementaren Funktion der Bindungsbeziehung zwischen Eltern und Kind darstellt. Daraus entstand ein neues Forschungsfeld, das sich intensiv mit dem Einfluss der frühen Eltern-Kind-Beziehung auf die weitere emotionale und soziale Entwicklung eines Individuums in aufwendigen Verhaltensbeobachtungen unter Feld- und experimentellen Bedingungen auseinandersetzte.
[...]
1 Wenn in der Folge von Schülern, Lehrern, Forschern, Teilnehmern etc. die Rede ist, schließt dies immer die männliche und weibliche Form ein.
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