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Der Wandel der Liebeskonzepte vom frühen bis zum hohen Minnesang

Hauptseminararbeit, 2005, 27 Seiten
Autor: Vera Serafin
Fach: Germanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 27
Note: 2
Literaturverzeichnis: ~ 14  Einträge
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V41834
ISBN (E-Book): 978-3-638-40018-3

Dateigröße: 387 KB


Textauszug (computergeneriert)

Der Wandel der Liebeskonzepte vom frühen
bis zum hohen Minnesang

von: Vera Serafin

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. Voraussetzungen 3

3. Die Minnekonzeption des frühen Minnesangs 5

3.1 Geschlechterverhältnis, Emotionalität und sinnliche Beziehung beim Kürenberger 5
3.2 Die Minnekonzeption Dietmars von Aist – Dietmars Werk als Übergang zum hohen Minnesang 8
3.3 Natur als Spiegel der Minne 12

4. Die Minnekonzeption des hohen Minnesangs 13

4.1 Geschlechterverhältnis und Dienstmi nne 13
4.2 Die Spiritualisierung der Minne 16
4.3 Höfische Minne als Vorbild 22

5. Schluss 23

6. Bibliographische Angaben 25


 

1. Einleitung

Die unterschiedlichen Aspekte mittelalterlicher Minnekonzeption stellen ein beliebtes Thema der Forschungsliteratur dar. Hierbei reicht die Untersuchung von der Thematisierung von soziologischen sowie psychologischen Ansätzen zur Deutung der Dienstminne bis zu einer deutlichen Ethisierung der Liebe als veredelnder Kraft. Um die Frage nach der Liebeskonzeption des frühen und des hohen Minnesangs zu beantworten, soll in der vorliegenden Arbeit mit dem Thema „Der Wandel der Liebeskonzepte vom frühen bis zum hohen Minnesang“ die jeweilige Liebeskonzeption (als „die vom Autor intendierte Bewertung eines Liebesverhaltens“1) als Bestandteil einer Entwicklung betrachtet werden, die ihre Voraussetzungen zunächst in der Existenz des Minnesangs als höfischer Standesdichtung innerhalb einer bestimmten Gesellschaft samt der von ihr intendierten sozialen Regeln und Normen hat. Ausgehend von diesen Voraussetzungen sollen anschließend die Minnekonzeptionen des frühen und des hohen Minnesangs und deren Besonderheiten thematisiert werden, wobei dem Werk Dietmars von Aist in diesem Zusammenhang die Rolle des Übergangs zwischen beiden Konzeptionen zukommt. Dieser Sachverhalt relativiert zugleich die strenge Trennung zwischen frühem und hohem Minnesang. Die vorliegende Arbeit stützt sich vor allem auf die Texte des Kürenbergers, Dietmars von Aist, Rudolf von Fenis, Friedrichs von Hausen, Reinmars des Alten sowie Heinrichs von Morungen, um die sich abzeichnenden Haupttendenzen der jeweiligen Minnekonzeption zu verdeutlichen.

2. Voraussetzungen

Weltliche Lyrik erotischen Inhalts existiert bereits im frühen Mittelalter. Die saeculares cantilenae, psalmi plebeii oder psalmi vulgares genannte2 schriftliche Liebesdichtung wurde häufig von Vertretern und Anhängern der Kirche negativ kommentiert. Indes zeichnet sich der Minnesang im Gegensatz zu zahlreichen Gruppenliedern, wie dem erotischen Brauchtumslied oder dem sogenannten Vagantenlied (Carmina Burana), durch das Merkmal der subjektiven Äußerung hinsichtlich einer personalen Beziehung (Ich – Du) aus. Die stets bedingte Welt- und Liebesbejahung, welche in den Minneliedern zum Ausdruck kommt, entspricht durchaus der höfischen Kultur des Mittelalters: „Man bejaht die Welt mit einer Schambewegung.“3 Die Hinwendung zur Welt kann nur unter der Bedingung gleichzeitiger Distanzierung und Beachtung festgesetzter gesellschaftlicher und sozialer Normen vollzogen werden. Auch ist der Minnesang stets an den gesellschaftlichen Akt der Aufführung vor einem bestimmten inszenierten und einem realen Publikum gebunden. Somit ist die Minnekonzeption bzw. die Minne selbst stets einer Institution bzw. einer Erwartunghaltung außerhalb ihrer selbst verpflichtet.

Indes erkennt Henning Brinkmann in der Minne eine „stellvertretende Bedeutung [...] für die Stellung des ritterlichen Menschen zum Leben überhaupt“4. Die Begegnung mit der Frau findet inmitten der ritterlichen Gesellschaft statt, welche die Existenz beider bedingt. In der Frau erscheinen objektive, überpersönliche Werte personifiziert. Demnach kann die Frau als Allegorie unantastbarer Tugenden dem Dichter ein allgemeines Reflektieren zugänglich machen. Der mittelhochdeutsche Begriff minne (ahd. minna) bedeutet ursprünglich „liebendes Gedenken“. Die Grundbedeutung der idg. Wurzel men/mon ist „denken, im Sinn haben, meinen“. So gebraucht etwa Walther von der Vogelweide den Begriff meinen im Sinne von lieben:

Wan si meinent beide dich mit ganzen triuwen kleine. (L. 10,15). Die mittelalterliche Bedeutungsvielfalt des Wortes minne umfasst nicht nur die freundschaftliche Liebe zum Nächsten und die erotische, sinnliche oder eheliche Liebe, sondern bezeichnet ebenso die tiefe Liebe zu Gott. Erst im späten Mittelhochdeutschen und im Frühneuhochdeutschen kommt es zu einem abwertenden Gebrauch von minne „für bloß körperlich-triebhafte Liebe“5. Rüdiger Schnell unterscheidet bezüglich mittelalterlicher Schriften, welche sich mit erotischer Liebe befassen, zwischen gelehrt-religiöser (z.B. lateinische Traktate über Liebe und Ehe) und weltlicher Literatur (z.B. Minnesang, Vagantenlyrik und höfische Romane)6. Die Bewertung erotischer Liebe ist meist abhängig vom jeweiligen Literaturbereich. Während jene die nicht-eheliche Liebesbeziehung eindeutig negativ bewertet, erfährt die außereheliche Liebe in der weltlichen Dichtung eine deutlich positive Beurteilung.

Schnell7 weist außerdem darauf hin, dass sich zahlreiche Dichter zur Gestaltung ihrer weltlichen Liebesdichtung eines stark religiös geprägten Sprachmaterials bedienten. Ebenso schöpften einige geistliche Dichter für die Darstellung der Gottesliebe aus dem Sprachfundus höfisch-weltlicher Liebesdichtung. Häufig erscheint die Unterscheidung zwischen sinnlich-erotischer und körperlicher Liebe schwierig. Trotzdem betont Schnell mit Recht, dass solch ein geteilter Wortschatz „nicht bedeuten [muß], daß religiöser und weltlicher Liebesdichtung dieselbe Minnekonzeption zugrunde liegt“8. Demnach ist es nicht immer möglich, mittelalterlicher Liebesdichtung eine bestimmte Minnekonzeption zugrunde zu legen. Darüber hinaus erschwert das Fehlen biographischer Erläuterungen oft die Interpretation vor allem der Gattung des Minnesangs. Hinzu tritt das vieldiskutierte Problem der Authentizität des Minneliedes. Die Unterscheidung zwischen echter bzw. reiner Liebe und unechter Liebe, welche nur ein rein sinnliches Verlangen zu verdecken sucht, spielt hierbei eine wichtige Rolle. Einige Minnesänger betonen daher die Echtheit ihrer besungenen Liebe. So äußert etwa Reinmar (MF 165,19):

Die hôchgemuoten zîhent mich,
ich minne niht sô sêre, als ich gebâre, ein wîp.
si liegent und unêrent sich:
si was mir ie gelîcher mâze sô der lîp.

Die Möglichkeit der Lüge, des Widerspruchs zwischen Schein und Sein, findet nach Schnell ihren Grund in der „Einsicht in die Ambiguität von sprachlichen Äußerungen“9. Offenbar ist die Frage bzw. die Forderung nach Authentizität der besungenen Liebe im Minnesang bereits im Mittelalter eine verbreitete Erscheinung. Die Minnekonzeption befindet sich somit in jedem Fall in einem Spannungsverhältnis zwischen Authentizität (Realität) und künstlerischem Dasein (Inszenierung/ Kunstprodukt). Gleichzeitig ist Minnelyrik stets Rollenlyrik, welche keine realen Beziehungen beschreibt, sondern das Geschlechterverhältnis frei interpretiert bzw. „einen idealtypisch einstilisierten Gegenentwurf zur wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Realität“10 darstellt. Somit sind Realitätsferne und realer gesellschaftlicher Aufführungsakt im Minnesang vereint.

3. Die Minnekonzeption des frühen Minnesangs

3.1 Geschlechterverhältnis, Emotionalität und sinnliche Beziehung beim Kürenberger

[...]


1 Schnell, Rüdiger: Causa Amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. Bern/München 1985 (Bibliotheca Germanica 27), S. 24.

2 Vgl. Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. München 2003, S. 243.

3 Neumann, Friedrich: Hohe Minne. Mit einem Nachtrag. In: Fromm, Hans (Hrsg.): Der deutsche Minnesang. Aufsätze zu seiner Erforschung. Darmstadt 1961, S. 180-196, hier S. 180.

4 Brinkmann, Henning: Der deutsche Minnesang. In: Fromm, Hans (Hrsg.): Der deutsche Minnesang. Aufsätze zu seiner Erforschung. Darmstadt 1961, S. 85-166, hier S. 109.

5 Hahn, Gerhard: Walther von der Vogelweide. München u. Zürich 1989, S. 99.

6 Vgl. Schnell, Rüdiger: Causa Amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur, S. 46.

7 Vgl. Schnell, Rüdiger: Causa Amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur, S. 20.

8 Ebd. , S. 21.

9 Ebd. , S. 23 f..

10 Hensel, Andreas: Vom frühen Minnesang zur Lyrik der Hohen Minne. Studien zum Liebesbegriff und zur literarischen Konzeption der Autoren Kürenberger, Dietmar von Aist, Meinloh von Sevelingen, Burggraf von Rietenburg, Friedrich von Hausen und Rudolf von Fenis. Frankfurt a. Main u. a. 1997, S.29.


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