Inhalt
Seite
1. Einleitung 3
2. Lepra im Mittelalter 4
3. Funktion der Krankheit 5
3.1. Krankheit als Strafe Gottes 6
3.2. Krankheit als göttliche Prüfung 10
4. Zusammenfassung 13
5. Literaturverzeichnis 15
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1. Einleitung
Unheilbare und lebensbedrohliche Krankheiten wie die Lepra sind häufig verwendete Motive in der mittelalterlichen Literatur. Ein Grund hierfür ist die weite Verbreitung solcher Krankheiten zu dieser Zeit, die eine allgegenwärtige Auseinandersetzung der Menschen mit ihnen bedeutete. Es wurde generell angenommen, dass der Aussatz religiösen Ursprung hat und durch Sünde hervorgerufen wird. Auch Hartmann von Aue, einer der bedeutendsten Dichter des Mittelalters, macht die Lepra zur zentralen Problematik seines Werks „der Arme Heinrich“. Protagonist der Erzählung ist der hochadelige Ritter Heinrich, der plötzlich vom Aussatz befallen wird. Das Besondere ist, dass Hartmann seinen Helden als nahezu perfekten mittelalterlichen Menschen einführt, bei dem auf den ersten Blick keinerlei Sündhaftigkeit zu erkennen ist. Hierdurch wirft er bereits zu Beginn des Werkes die Frage nach deren Ursache auf. Dass die Krankheit von Gott gesandt ist, lässt er außer Frage, doch worin dessen Motivation besteht, Heinrich mit einer solch schweren Krankheit zu belegen, ist ein vieldiskutiertes Problem.
In der vorliegenden Arbeit soll die Frage nach der Ursache und Funktion der Lepra anhand zweier kontroverser Interpretationsansätze erörtert werden. Hierbei handelt es sich einerseits um die These einer göttlichen Prüfung, andererseits die einer Strafe Gottes.
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2. Lepra im Mittelalter
Der Aussatz wurde von jeher von den Menschen anders behandelt, als andere Krankheiten, bedingt durch die sichtbaren, außerordentlich abstoßenden äußerlichen Merkmale. Die Befallenen waren aus der Gesellschaft ausgestoßen und gezwungen, ein Leben in der Isolation zu führen. Die Vergiftung des Fleisches wurde als Merkmal für die Vergiftung der Seele angesehen, mit der Gott die schlechten Menschen bestrafte; somit galt der körperliche Aussatz als Merkmal der Sündhaftigkeit.
Das schreckliche Ausmaß der Krankheit führte dazu, dass die Gedanken und Ängste der Menschen ständig von ihr beeinflusst wurden. Dies hatte zur Folge, dass diese Krankheit mehr als jede andere in Sagen und Geschichten verarbeitet wurde. Aufgrund des einen mythisch belegten Ursprungs der Krankheit, basieren auch die Heilungsmöglichkeiten der Lepra nicht auf den üblichen medizinischen Mitteln. Bereits in der Antike war der Mythos weit verbreitet, die Heilung der Lepra könne nur durch Waschung mit menschlichem Blut gelingen, insbesondere dem von
Kindern oder Jungfrauen. 1
Es gibt keine sicheren Quellen für den „Armen Heinrich“, doch es wird angenommen, dass die Erzählung auf die beiden Grundtypen der Aussatzgeschichten des Mittelalters zurückgeht: der Sylvesterlegende aus dem 5. Jahrhundert und der Freundschaftssage. Erstere besagt, dass der von Aussatz befallene Kaiser Konstantin sich weigerte, seine Heilung durch ein Bad im Blut unschuldiger Kinder zu erlangen, worauf er durch Taufe von Papst Sylvester geheilt werden konnte. Die Freundschaftssage in Verbindung mit dem Aussatzmotiv geht auf Geschichten wie die von „Amicus und Amelius“ zurück: Als einer der Freunde vom Aussatz befallen wird, kann er nur durch das Blut eines der Kinder des anderen errettet werden.
1 Vgl. Cormeau u. Störmer (1993), S. 146.
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3. Funktion der Krankheit
Die Funktion der Krankheit im „Armen Heinrich“ ist ein vieldiskutiertes Thema in der gängigen Sekundärliteratur.
Die Erzählung handelt von dem hochadeligen Ritter Heinrich, dem es im Leben an nichts zu fehlen scheint. Er ist reich, gebildet und wohlerzogen, wodurch er höchstes Ansehen in der Gesellschaft genießt. Doch wird er plötzlich und völlig unerwartet aus der Blüte seines Lebens herausgerissen, als er vom Aussatz befallen wird. (sîn hochmuot wart verkeêret / in ein leben gar geneiget, Armer Heinrich, V. 82-83) Hartmann beschreibt diesen Umbruch des Glücks mit einem Zitat aus der Bibel: „Mêdia vitâ in morte sûmus.“ (Armer Heinrich, V. 92-93). Der Mensch ist dann dem Tod am nächsten, wenn er glaubt mitten im Leben zu stehen. Er verstärkt diesen Grundwiderspruch durch das Aufführen einer Reihe von Antithesen:
es muge wir an der kerzen sehen ein wârez bilde geschehen, daz sî z’einer aschen wirt, enmitten dô sî leiht birt. wir sîn von broeden sachen. nû sehet, wie unser lachen mit weinenne erlischet unsersüeze ist gemischet mit bitterer gallen. (Armer Heinrich, V. 101-109)
Das strahlende Licht der Kerze verfällt von einem Moment zum nächsten zu Aschedie Menschen werden generell als gebrechliche Wesen bezeichnet, deren Lachen von Tränen erstickt wird, und deren süßes Leben stets von bitterer Galle durchsetzt ist. Hartmann macht deutlich, dass die offensichtliche Stabilität der Welt nicht in der Hand des Menschen liegt. Selbst ein Mensch wie Heinrich, der größtes Ansehen und Würde auf dieser Erde besitzt, hat keine Macht über sein Schicksal. Der Autor lässt von vornherein keinen Zweifel daran, dass Heinrichs Krankheit allein durch Gottes Hand verursacht wird: „er viel von sînem gebote“ (V.116) und „swæren gotes zuht“ (V. 120); worin aber der tatsächliche Grund für diese „schwere Züchtigung Gottes“ liegt, lässt Hartmann offen.
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Arbeit zitieren:
Ariane Moßmann, 2001, Die Funktion der Krankheit in Hartmann von Aues `Der arme Heinrich`, München, GRIN Verlag GmbH
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