0. Gliederung
1. Die Rezeption des Werkes von seiner Entstehungszeit bis heute
2. Das Verhältnis von Klavier und Orchester - Analyse 2.1. Das Klavier spielt allein
2.2. Das Klavier führt
2.3. Klavier und Orchester sind gleichberechtigt 2.4. Das Orchester führt 2.5. Das Orchester spielt allein
3. Auswertung
4. Literatur
5. Anhang
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1. Die Rezeption des Werkes von seiner Entstehungszeit bis heute
„Das Wort Konzert ist lateinischen Ursprungs. Ob es aber von concertare = wetteifern oder von conserere = miteinander verbinden abgeleitet wurde, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt.“ 1
Dieses Zitat von Egon Voss aus seiner Einführung und Analyse des Werkes möchte ich meiner Arbeit richtungsweisend voranstellen. Ich werde die Diskussion um die eigentliche Wortbedeutung nicht beenden können, aber für das Klavierkonzert a-Moll von Robert Schumann möchte ich der Frage nach dem Verhältnis von Klavier und Orchester nachgehen und herausfinden, welche der beiden möglichen Bedeutungen eines Konzerts das Schumann’sche nun hat.
Die genauere Betrachtung des Verhältnisses erschien für mich interessant, da in der Rezeption des Werkes von Anfang an bis heute stets die besondere Verbindung der zwei Elemente Klavier und Orchester erwähnt wurde, sowohl positiv als auch negativ. Offensichtlich war etwas an diesem Konzert anders als man es bis dahin gewohnt war. So schrieb Robert Schumanns Frau Clara schon 3 Monate nach der Fertigstellung des ersten Satzes, der zu diesem Zeitpunkt noch als eine für sich stehende Fantasie angelegt war, nach einer Probe im Leipziger Gewandhaus in das gemeinsame Ehetagebuch: „Das Klavier ist auf das Feinste mit dem Orchester verwebt - man kann sich das eine nicht denken ohne das andere.“ 2 Ein Rezensent der Leipziger Allgemeinen Musikalischen Zeitung schreibt über die Uraufführung am 4.12.1845 in Dresden: „Wir haben alle Ursache, diese Composition sehr hoch zu stellen ... auch deshalb, weil sie die gewöhnliche Monotonie der Gattung glücklich vermeidet und der vollständig obligaten, mit grosser Liebe und Sorgfalt gearbeiteten Orchesterpartie, ohne den Eindruck der Pianoleistung zu beeinträchtigen, ihr volles Recht widerfahren lässt und beiden Theilen ihre Selbstständigkeit in schöner Verbindung zu wahren weiss.“ 3 Eine mit L.R. gezeichnete Rezension der Leipziger Aufführung am 2.1.1846 lobt das Werk mit folgenden Worten: „Das Concert ist um deswillen nicht blos in die Reihe der ‘Soli’ einzurangiren, weil es nicht, wie die Concerte einer gewissen Periode, in Solo- und Tuttisätze zerfällt, sondern in symphonischer Weise ein Tongemälde entwirft, in welchem das Pianoforte die Hauptrolle spielt. Dieser Wechsel der Farben, dieses Erfassen und gegenseitige
1 Voss, S. 191
2 Voss, S. 171
3 Voss, S. 172
2
Uebertragen der Selbstständigkeit zwischen Orchester und Clavier verleiht dem Stücke einen besonderen Reiz und bildet es zu einem schönen, abgerundeten Ganzen.“ 4 Alfred Dörffel schreibt in seiner Besprechung der Druckausgabe der Stimmen des Konzerts, die am 15.1.1847 in der Neuen Zeitschrift für Musik erschien, über den dritten Satz: „Für den Spieler ist er indeß sehr dankbar zu spielen; die Behandlung des Pianoforte, die Vermischung seiner Klangfarbe mit der der verschiedenen Orchesterinstrumente, ist, wie auch in den ersten Sätzen, oft überraschend neu und effectvoll... Zwar sind die technischen Schwierigkeiten, die das Werk dem Ausführenden bietet, nicht leicht zu überwinden, und es ist wahr, daß zu gutem Zusammenwirken mit dem Orchester viel Sorgfalt und Fleiß erfordert wird, doch dafür lohnt sich auch die Mühe.“ 5
Es gibt noch weitere direkte Zeitzeugen, doch auch in späteren Jahren wurde auf die besondere Verbindung zwischen Klavier und Orchester eingegangen. So schreibt zum Beispiel Adolf Schultze in einem Absatz des 1903 im Leipziger Seemann Verlag erschienenen Musikführers: „ Das Orchester tritt nicht nur begleitend auf; Klavier und Orchester fließen thematisch ineinander und bilden so ein organisch zusammengehöriges Ganzes. Unsere Virtuosen, die häufig in der Komposition nur den Schemel erblicken, der den Zweck hat, sie eine möglichst vorteilhafte Position einnehmen zu lassen, bezeichnen dasselbe vielfach als undankbar, da es dem Spieler wenig Gelegenheit bietet, mit technischer Bravour zu glänzen.“ 6 Hier spricht Schultze eine Sichtweise und Erwartungshaltung an das Konzert an, gegen die Schumann selbst immer wieder scharfe Angriffe gerichtet hatte. Er erwartete anstelle dieser Auffassung des Klavierkonzerts als eine bloße Profilierungsmöglichkeit für den Künstler, die zu seiner Zeit mehr und mehr überhand genommen hatte, einen Genius, „der uns in neuer glänzender Weise zeigt, wie das Orchester mit dem Klavier zu verbinden sei, daß der am Klavier Herrschende den Reichtum seines Instruments und seiner Kunst entfalten könne, während das Orchester dabei mehr als das bloße Zusehen habe und mit seinen mannigfaltigen Charakteren die Szene kunstvoller durchwebe.“ 7 Er spricht zwar in seinen eigenen Werken von einer „Begleitung“ des Orchesters, doch versteht er diesen Begriff nicht mehr als bloße hüllenhafte Umrahmung, sondern als organisches Rankenwerk, das eng mit dem Soloinstrument verbunden ist. Das Orchester „soll mit dem Klavier zu einem Untrennbaren Ganzen, zu einem homogen durchgeformten Klangkörper verschmelzen“, wie
4 Voss, S. 176
5 Voss, S. 179
6 Voss, S. 186
7 Gerstmeier, S. 7
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Gerstmeier 8 formuliert. Schumann erfüllt mit dieser bruchlosen Verbindung von Klavier und Orchester das romantische Ideal der Ganzheitlichkeit. Soviel also zur Rezeption des Werkes. Ob diese Auffassungen jedoch tatsächlich durch eine Analyse des Werkes verifiziert werden können, soll im folgenden zweiten Abschnitt geklärt werden.
8 Gerstmeier, S. 8
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2. Das Verhältnis von Klavier und Orchester - Analyse
Um eine objektive Wertung des Verhältnisses vornehmen zu können, ist es nötig, die faktische Aufteilung des Werkes auf die folgenden Möglichkeiten zu untersuchen:
1. Klavier spielt allein
2. Klavier und Orchester spielen zusammen, dabei hat das Klavier die harmonische
und/oder melodische Führung
3. Klavier und Orchester spielen relativ gleichberechtigt zusammen
4. Klavier und Orchester spielen zusammen, dabei hat das Orchester die harmonische
und/oder melodische Führung
5. Orchester spielt allein
Im Folgenden werde ich für jede Möglichkeit einen groben Überblick zu geben versuchen und dann jeweils einen exemplarischen Abschnitt vorstellen und beschreiben, wie sich die jeweilige Kombination von Klavier und Orchester in diesem Abschnitt darstellt. Eine detaillierte und tabellarische Einteilung der einzelnen Abschnitte in die fünf Formen des Zusammenspiels liefert die im Anhang zu findende Liste.
2.1. Das Klavier spielt allein
Im ersten Satz des Konzerts spielt das Klavier an sieben Stellen allein. In der Exposition und der Reprise ist das einmal der Nachsatz des vom Orchester vorgestellten Themas in T.12-19 bzw. T.267-274 und der Beginn des Seitensatzes mit dem Thema in Dur (T.59-66 bzw. T.312-319). Die letzten drei Takte der Überleitung von der Reprise zur Kadenz (T.399-401) wie auch die Kadenz selber (T.402-457) spielt das Klavier wieder allein und glänzt noch einmal im Auftakt zur Schlusskadenz der Coda mit einem Oktavgang in der Grundtonart (T.537-540). Insgesamt sind das im ersten Satz 95 von 544 Takten oder 17,5% der gesamten Länge.
Im zweiten Satz spielt das Klavier an keiner Stelle allein.
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Arbeit zitieren:
Doro Hoffmann, 2004, Das Verhältnis von Klavier und Orchester im Klavierkonzert a-Moll, op. 54 von Robert Schumann, München, GRIN Verlag GmbH
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