Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
02
2. Soziale Milieus - ein Ausblick
03
3. Methologie der Milieuforschung
3.1. Die Sinus-Forschung
05
3.2. Der Ansatz nach G. Schulze
10
4. Analogien und Divergenzen
14
5. Weitere Aspekte der Milieuforschung nach Zerger
18
6. Schlussbetrachtung
21
7. Literaturverzeichnis
22
1. Einleitung
Die Selbstzuordnung zu dem einen Milieu und die Distanzierung ge- genüber den anderen Milieus laufen über die Wahrnehmung von sichtbaren und schon über flüchtige Eindrücke erlebbaren alltagsäs- thetischen Signale, die jeder Mensch fortwährend unwillkürlich aus- sendet durch das, was er tut oder lässt wie er sich gibt, wie er sich kleidet, bewegt, verhält, redet und auf die Situationen reagiert, in denen er sich von Fall zu Fall befindet. 1 In der folgenden Arbeit werde ich die im obigen Zitat erwähnten milie u- konstituierenden alltagsästhetischen Signale anhand zweier sozialstruk- tureller Modelle herausarbeiten. Zum einen werde ich mich mit dem Mo- dell des Heidelberger SINUS-Institutes und zum anderen mit den soge- nannten »Erlebnismilieus« Gerhard Schulzes beschäftigen. So wird es in erster Linie um die Frage gehen, inwieweit beide Schemata sich auf ähn- liche Grundmuster stützen, welche Typologien ihnen zugrunde liegen und auf welche Weise sich die unterschiedlichen Milieus in jedem der Ansätze konstituieren.
Gerade weil die heutige Sozialstrukturforschung immer mehr ins Blic k- feld von Wirtschaft, Politik und Medien rückt, ist es notwendig die wis- senschaftstheoretischen Hintergründe der aktuellsten Milieu-Modelle einmal genau zu betrachten. Wie sind die einzelnen Struktur-Typologien entstanden, welche empirisch belegbaren Fakten liegen den Forschun- gen zugrunde, wie wirkt sich diese Kategorisierung in der alltäglichen Realität der Menschen aus und können die früheren Klassen- oder Schichtmodelle noch in die heutige Zeit übertragen werden?
In den Diskussionen der Soziologie (…) ist gegenwärtig umstritten, ob die in ihrer Existenz und alltagsästhetischen Verfassung weitest- gehend ähnlich beschriebenen und gedeuteten sozialen Milieus die alte sozialökonomische Klassenstruktur kapitalistisch verfasster In- dustriegesellschaften tatsächlich verdrä ngen oder nur überlagern. 2 Um diese und andere Fragen zu klären, werde ich unter anderem auf das Buch „Alltagsästhetik und politische Kultur“ von Berthold Bodo Flaig, Jörg Ueltzhöffer und Thomas Meyer Bezug nehmen. Die beiden erst ge- nannten haben Ende der siebziger Jahre das SINUS-Milieumodell mit- entwickelt. Flaig ist noch heute Geschäftsführer des gleichnamigen He i- delberger Instituts. Darüber hinaus dient mir das Buch „Die Erlebnisge- sellschaft“ von Gerhard Schulze, sowie die milieuanalytischen Texte der Arbeitsgruppe um Michael Vester und Peter van Oertzen als vergleichen- de, ergänzende und eventuell relativierende Literatur. Im nun folgenden
1
Berthold Bodo Flaig / Thomas Meyer / Jörg Ueltzhöffer: Die sozialästhetische Segmentie- rung. In: Karl, Frank (Hg.): Alltagsästhetik und politische Kultur – Zur ästhetischen Di- mension politischer Bildung und politischer Kommunikation, 2. Auflage. Bonn 1994, S. 27.
2
Ebd, S. 29.
Kapitel werde ich einen kurzen thematischen Überblick sowie eine b e-
griffliche Definition herausarbeiten.
Im Unterschied zum alltagssprachlichen Begriff des Milieus meint der soziologische Milieubegriff nicht, dass das Individuum aus- schließlich oder überwiegend durch gesellschaftliche Umwelteinflüs- se geprägt wird. Der soziologische Begriff des Milieus rückt das akti- ve und gestaltende Moment von sozialer Kohäsion in den Vorder- grund und verweist auf reale alltagspraktische Lebenszusamme n- hänge. 3
2. Soziale Milieus – ein Ausblick
Milieus sind Gruppen Gleichgesinnter, die gemeinsame Werthaltun- gen und Mentalitäten aufweisen und auch die Art gemeinsam ha- ben, ihre Beziehungen zu Menschen einzurichten und ihre Umwelt in ähnlicher Weise zu sehen und zu gestalten. 4
So gelten in der heutigen Sozialforschung milieuspezifische Strukturen
als Gesamtheit der natürlichen und sozialen Umwelt eines Einzelnen o-
der einer Gruppe. Der Soziologe Prof. Dr. Dr. Stefan Hradil akzentuiert
in diesem Zusammenhang in obiger Definition den Aspekt einer milie u-
abhängigen Divergenz von Mentalität und Wertvorstellung. Insbesondere
durch die spezifischen „Vorlieben und Abneigungen in der Lebensfüh-
rung, im Ausdruck der eigenen Person, [im Teilen der] Gewohnheiten,
(…) [der] Sicht der Dinge [oder der] Kommunikationsgewohnheiten“ 5
manifestiere sich die Milie uzugehörigkeit.
Laut dem Geschäftsführer des Sinus-Institutes in Heidelberg, Berthold
Bodo Flaig, würden sich die Menschen im Ausdruck oder Lebensstil eines
anderen wieder erkennen und könnten somit die eigene Position im Ver-
hältnis zum gegenübergestellten Milieu einordnen. Unterstützt würden
sie dabei durch ein charakteristisches und evidentes System von Zei-
chen oder Codes.
Die Wahrnehmbarkeit und die Wahrnehmung von Lebenstilen in sinnlich ausdrucksvollen Zeichensystemen der Präsentation, des Verhaltens und der typischen Umgebung von Personen [dient dazu,] ihre soziale Zuordnung zu bestimmen und zum anderen [dazu,
dass] die sozialen Großgruppen in ihren inneren Zuneigungen und äußeren Abneigungen gegeneinander in ausschlaggebender Weise von diesen sinnfälligen Ze ichensystemen bestimmt werden. 6
3
Michael Vester, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann, Dagmar Müller: Biografien regionaler Bewgungsmilieus. In: Suhrkamp Verlag (Hrsg.): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel – Zwischen Integration und Ausgrenzung. Frankfurt am Main 2001, S. 257.
4 Nicole Burzan: Lebensstile und Milieus. In: Abels, Heinz / Fuchs-Heinritz, Werner / Jäger, Wieland / Schimank, Uwe (Hg.): Soziale Ungleichheit – Eine Einführung in die zentralen Theorien. Wiesbaden 2004, S. 115.
5 Berthold Bodo Flaig / Thomas Meyer / Jörg Ueltzhöffer: Die sozialästhetische Segmentie- rung, S. 24.
6 Ebd.
Ein bedeutender Bestandteil dieser Zeichensysteme sind die differiere n- den Wertorientierungen der einzelnen Milieus. So wie sie „in typischen Kombinationen bestimmten Gruppen der Gesellschaft, eben den Sozialen Milieus, zugeordnet werden können, (…) lässt sich das Spektrum der typischen Stilwelten“ 7 zu charakteristischen ästhetischen Schemata zu- sammenfassen.
Schon an dieser Stelle wird deutlich, dass heutige Milieukonzepte sich deutlich von den früheren Modellen unterscheiden. Letztere gründeten in der Regel vor allem auf einfachen Kausalbeziehungen von Zugehörigkeit, Wertvorstellung und Verhaltensweise. So sieht Gerhard Schulze die Di- vergenz seiner Theorie einer Erlebnisgesellschaft mit den Klassen- und Schichtmodellen eines Bourdieu insbesondere in dem Verhältnis von Binnenkommunikation und gruppenspezifischen Verhaltensmustern b e- gründet.
Soziale Schichten sind immer auch Milieus in diesem Sinne, doch die Umkehrung gilt nicht, da der Schichtbegriff eine Voraussetzung ent- hält, die bei der Milieusegmentierung der Bundesrepublik Deutsch- land gerade fraglich ist: eine verhaltensrelevante und sozial wahr- genommene hierarchische Anordnung. 8 Die aktuelle Milieuforschung hingegen versucht möglichst viele Aspekte des menschlichen Lebens zu integrieren und somit weitestgehende Rea- litätsnähe zu erzeugen. Dementsprechend kommt dem Handeln und den Entscheidungen der Personen selbst große Bedeutung zu. Zudem defi- niert Hradil »tiefsitzende« Werthaltungen als kennzeichnend für die spe- zifische Milieuzugehörigkeit, dazu ist insbesondere der Lebensstil zu zäh- len.
[Die] Begriffsbestimmungen von Lebensstil weisen auf die relative Stabilität hin, weil es beim Lebensstil nicht darum geht, ob man – etwa beim Kleidungsstil – enge oder weite Hosen je nach Mode trägt, sondern um dahinter stehende Prinzipien wie z.B. »modische« oder »solide« Kle idung tragen. 9 Diese milieukonstituierenden oder –zuweisenden Prinzipien sind, laut der SINUS-Forschung, die ästhetischen Grundbedürfnisse oder auch spezif i- schen Stilwelten der Menschen. Sie würden, meist in Verbindung mit den sozialstrukturellen Netzwerken, die verschiedenen sozialen Milieus bilden. Als effektivstes Mittel zur Untersuchung sozialstruktureller und alltagsästhetischer Erscheinungen hat sich der Fragebogen herausge- stellt. Dieser sei „hinreic hend vieldimensional, um den sozialen Raum
7
Berthold Bodo Flaig / Thomas Meyer / Jörg Ueltzhöffer: Die alltagsästhetischen Grundmo- tive. In: Karl, Frank (Hg.): Alltagsästhetik und politische Kultur – Zur ästhetischen Dimen- sion politischer Bildung und politischer Kommunikation, 2. Auflage. Bonn 1994, S. 89.
8
Gerhard Schulze: Soziale Milieus. In: Schulze, Gerhard (Hg.): Die Erlebnisgesellschaft – Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt am Main / New York 1992, S. 174.
(…), seine Gliederung und Dynamik relativ differenziert und umfassend auszumessen“ 10 . Die explizite Konzeptionierung, Auswertung und Inter- pretation variiere jedoch von Ansatz zu Ansatz, und könne nicht pau- schalisie rt werden. Im Folgenden werden nun zwei konkrete Milieumo- delle vorgestellt, um einen Einblick in die teils differierenden Ansätze, aber auch in die praktische Anwendung der heutigen Forschung zu ge- winnen.
3.1. Die SINUS-Forschung
Milieuanalytische Ansätze, die gewachsene und sich verändernde soziale Wirklichkeiten abbilden wollen, müssen die diachronalen E- lemente der Sozialstruktur in ihre Modellbildung ebenso einbeziehen wie die ständige Veränderung (…) von Wertorientierungen, All- tagseinstellungen und ä sthetischen Ausdrucksformen, kurz: Sie müssen den Prozeßcharakter von Gesellschaft erfassen und wider- spiegeln. 11 Das in den siebziger Jahren von dem Psychologen Berthold Bodo Flaig und dem Sozialwissenschaftler Jörg Ueltzhöffer entwickelte SINUS- Milieumodell fungiert bis heute als eines der wichtigsten Instrumentarien der Markt -, Politik- und Sozialforschung. Als Grundlage ihrer These gilt die Definition von sozialen Milieus als subkulturelle Einheiten einer G e- sellschaft, welche sich durch ihre jeweilige Lebensart und -auffassung manifestieren. Die Entwicklung und Formulierung des Milieuansatzes basierte zunächst auf qualitativen Befunden, die allerdings durch eine außergewöhnlich große Stichprobe abgesichert wurden. 1981 erfolgte dann die quantitative Überprüfung und Validierung der erhobenen Da- ten. Jenes Instrument, eine Statementbatterie aus 41 Items, der soge- nannte Milieu-Indikator, wurde und wird seither in repräsentativen Er- hebungen eingesetzt. Diese Kombination von Verfahren der Indikatorbil- dung und der „multivariaten Typenanalyse ist eine Pionierleistung der Lebensweltforschung des Heidelberger SINUS-Instituts“ 12 .
Das von Pierre Bordieu ebenfalls in den siebziger Jahren formulierte Mo- dell einer auf Klassenzugehörigkeit basierenden Milieukonstitution, wird durch den von Flaig und Ueltzhöffer formulierten SINUS-Ansatz weiter-
9
Nicole Burzan: Lebensstile und Milieus, S. 117.
10 Michael Vester, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann, Dagmar Müller: Das Forschungsprojekt: Fragestellungen – Methoden - Hauptergebnisse. In: Suhrkamp Verlag (Hrsg.): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel – Zwischen Integration und Ausgrenzung. Frankfurt am Main 2001, S. 231.
11 Berthold Bodo Flaig / Thomas Meyer / Jörg Ueltzhöffer: Lebenswelten in Deutschland – Das Sinus-Milieumodell. In: Karl, Frank (Hg.): Alltagsästhetik und politische Kultur – Zur ästhetischen Dimension politischer Bildung und politischer Kommunikation, 2. Auflage. Bonn 1994, S. 56.
12 Michael Vester, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann, Dagmar Müller: Das Forschungsprojekt: Fragestellungen – Methoden - Hauptergebnisse, S. 230.
Arbeit zitieren:
Moritz Klöppel, 2005, Die Erlebnisgesellschaft von Gerhard Schulze und das Sinus-Milieu-Modell - Eine vergleichende Betrachtung, München, GRIN Verlag GmbH
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