1. About boys
Deutlich wahrzunehmen, aber wohl dennoch nicht allenthalben bemerkt, hat sich in den letzten Jahren ein Wandel in der Betrachtung von Mädchen und Jungen, von männlichen und weiblichen Jugendlichen vollzogen. Dies hat sich längst auch auf dem Feld der englischsprachigen Kinder- und Jugendliteratur niedergeschlagen, und es ist in vielfacher Hinsicht äußerst lohnend, hier einmal genauer nachzulesen.
S o z i o l o g i s c h e s
Angesichts gravierender dramatischer Veränderungen unserer Gesellschaftsstrukturen und beängstigender neuer Gewaltvorkommnisse an unseren Schulen wird die bange Frage laut: Sind es nicht gerade die männlichen Jugendlichen, von denen die meisten Probleme auszugehen scheinen? Kommt das vielleicht daher, dass sie als ‚Mangelwesen der Natur’ Probleme mit ihren defekten Chromosomen haben, wie uns das der SPIEGEL in zahlreichen einschlägigen Artikeln immer wieder weismachen will? (Der Spiegel 38/03: Ein Krankheit namens Mann; 35/03:Vom ersten Tag an anders; 36/01: Das verletzte Geschlecht; 36/01: Immer auf der Balz.) Ist also das männliche Wesen ein biologischer Unfall? Oder will es mit dem Zusammenspiel von rechter und linker Hirnhälfte einfach nicht klappen? Und könnten nicht auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen?
Jedes fünfte Kind wächst heute bei uns mit nur einem Elternteil auf. Jede fünfte Familie hierzulande hat kein festes Einkommen. Kindergärten und Grundschulen sind weitgehend männerfreie Zonen. Der männliche Jugendliche kann kein klares Bild von Männlichkeit mehr aufbauen, schon gar nicht durch erweiterten Medienkonsum. Jungen, männliche Jugendliche und junge Männer, sind das die heutigen Vertreter der Männerwelt, die mit Musik, der Unterhaltungselektronik, dem Konsum, dem Sport und der Fitness sowie den neueren Medien keinerlei Probleme haben, wohl aber mit interpersonalen Beziehungen? Männlichkeit wird heute zwiespältig gesehen: Bei gutem Entwicklungs-, Er- und Beziehungsausgang wird von gesunden, starken, sport- und fitnessgeprägten, technisch versierten, beruflich erfolgreichen, verlässlichen und treuen Zeitgenossen gesprochen. Mütter und Schwiegermütter träumen davon.
Auf der Gegenseite befinden sich Hinweise auf eine schon pränatal angelegte und vorgegebene Überzahl von Defiziten aller Art, was sich dann in
- schulischer Leistungsschwäche
- Konzentrations- und Motivationsmängeln
2
- höheren Krankheitsanfälligkeiten
- größeren Unfallsrisiken
- leichterer Verführung zu Drogen
- schwächerer Basis für gesunde und stabile Beziehungen
- größerer psychischer Instabilität
- niedrigeren Hemmschwellen und somit größerer Gewaltbereitschaft niederzuschlagen scheint. Bei den neueren zu Tage getretenen Gewaltvorkommen an diversen deutschen Schulen, bzw. Schularten scheint sich das zu bestätigen: Opfer und auch Täter waren meist männliche Jugendliche, Opfer freilich auch Schülerinnen, die sich sexuellen Übergriffen ausgesetzt sahen. Im englischen Sprachraum wird diesbezüglich von bullying gesprochen. Aber lassen wir doch einen männlichen Jugendlichen selbst zu Wort kommen, hier z. B. den amerikanischen Schüler Tony Overman mit seinem folgenden Gedicht: (1)
3
Literarisches (I): ABOUT A BOY von Nick Hornby (2)
ABOUT A BOY, Nick Hornbys stark beachtetes Buch sowie die Verfilmung (2002) dieses
Romans zeugen von der Unsicherheit eines männlichen Jugendlichen. Vgl. zu dem Film auch
Marion Gymnichs interessante Analyse nebst zugeordneten Unterrichtsempfehlungen. (3)
Der Jugendliche Marcus verkörpert den verhaltensunsicheren einzigen Sohn einer allein
erziehenden selbstmordgefährdeten Mutter.
Endlich heil in der Schule angekommen muss sich Marcus mit der Rolle des Außenseiters und
des Mobbing-Opfers herumschlagen, einfach wegen des nicht funktionierenden fit in.
4
Will, sein mehr als doppelt so alter counterpart, der Noch-Immer-Junge, scheint alles gut im Griff zu haben, seine in Units aufgeteilten Tagesabläufe und seine Frauenbeziehungen, vorzugsweise, so seine ‘Masche’, mit allein erziehenden jungen Müttern, bei oder mit denen alles viel leichter zu bewerkstelligen scheint. Sein Leben bezeichnet er als ‚Will-show’, easy- going, happy-go-Larry. Die besondere Beziehung zwischen Marcus und Will sind der eigentliche Kern dieses Romans, denn sie bildet das interpersonal spannungsgeladene Mann- Werden ab, die amphibienhafte Existenz in zwei Welten, der des noch immer Junge- und zugleich schon Mann-Seins oder eben der des Seins im Noch-Nicht und zugleich im Nicht- Mehr.
ABOUT A BOY von Nick Hornby ist kein Buch über Erziehung, sehr wohl aber und sehr überzeugend und deshalb so lesenswert, ein Buch über heutige Beziehung.
Literarisches (II): Die Romane von Tony Parsons (4)
Beziehungsgeflechte stehen auch im Fokus der drei Romane von Tony Parsons:
- Man and boy
- One for my baby
- Man and wife Aber die Geflechte sind hier verwobener und komplizierter. Sie umfassen drei Generationen und größere Personengruppen, Arbeitskollegen, Geliebten usw. Im Roman MAN AND BOY wird die anfangs glückliche Londoner Kleinfamilie von Vater und Fernsehmann Harry, junger Mutter und Japanologin Gina und dem kleinen Sohn Pat durch einen one-night-stand von Harry mit einer Fernsehkollegin gesprengt. Gina geht nach Japan, und Harry versucht nun als arbeitsloser, allein erziehender junger Vater sein Erziehungsglück mit seinem kleinen Sohn Pat, unterstützt von seinen Eltern. Somit agiert Harry als Vater und Sohn zugleich, bzw. zwischen seinem Vater (my old man) und seinem Sohn. Bestehende, ehemalige oder zerbrochene wie wiederum neu entstehende, längerfristige und flüchtige, intensive wie episodisch kurze Beziehungen prägen das Geschehen. Aber auch hier stehen das Mann-Sein und das Mann-Werden im Mittelpunkt, wobei Zuneigung, Liebe und Wärme zwischen den Blutsverwandten ihren besonderen Ausdruck finden.
5
In dem Roman ONE FOR MY BABY (Zitat aus einem Sinatra-Song) ist es der 34-jährige
Englischlehrer an einer Londoner International Language School (mit HongKong-Erfahrung)
Alfie Budd, der sich in einem Komplex von komplizierten Beziehungen zwischen sich und
seinen Schülerinnen und Geliebten, zwischen sich und seinen Angehörigen, zwischen sich
und den BBC (British Born Chinese) zurechtfinden und darin agieren muss. Eine besondere
Rolle spielt dabei die tiefe Liebe zu seiner Großmutter, deren Krebsleiden an ihrem
Lebensende er aufopfernd begleitet und gefühlvoll beschreibt.
6
Als Englischlehrer interessiert uns natürlich auch, was der Romanautor Parsons in seiner
Rolle als Englischlehrer seinen ausländischen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln hat,
allerdings in einem in unserem Unterricht wohl kaum bedachten Bereich der bad words.
7
Literarisches (III): Weitere Werke
In Rodman Philbricks MIGHTY-Reihe (The Mighty und Max the Mighty) (5) gehen der
etwas einfältige und sanftmütige Teenage-Riese Max und der brainy dwarf Kevin eine Art
Symbiose ein und überstehen dank der Körperkraft des großen und starken Max und der
Intelligenz des kleinen Kevin mancherlei Gefahren und Verfolgungen (auch quer durch
Amerika) und decken dabei in search of the truth dunkle und bedrohliche Geheimnisse auf.
Auch hier hierzu gibt es eine erfolgreiche Verfilmung.
Das führt uns in den Bereich des Magischen und damit zu dem Harry Potter-Phänomen und
dem damit verbundenen Boom der letzten Jahre, dem hier aber aus Platzgründen nicht weiter
nachgegangen werden soll.
8
Auf die eingangs erwähnten Defizite, Behinderungen und Handikaps sowie auf
Fehlfunktionen des Gehirns und die erforderlichen Therapien werden wir noch einmal aufmerksam gemacht mit dem beeindruckenden Buch von Virginia M. Axlin: DIBS – In search of self. (6). Auch daraus eine kurze
In diesem Kontext sind natürlich auch die Jugendbücher von Mark Haddon zu nennen. (7)
Tradiertes
Ganz ohne Zweifel sind in diesem Kontext auch die Klassiker der Kinder und Jugendliteratur mit dem Schwerpunkt der Jungenschicksale in Betracht zu ziehen. Da fallen uns Werke wie DAVID COPPERFIELD und OLIVER TWIST ein, oder aber TOM SAWYER und zahlreiche andere. Längst zählen auch THE CATCHER IN THE RYE von Salinger oder LORD OF THE FLIES von Golding oder auch THE LONELINESS OF THE LONG- DISTANCE RUNNER von Sillitoe dazu. Und weitere neuere Werke gesellen sich dazu wie z.B. das Schicksal des jungen Frank McCourt in ANGELA’S ASHES oder etwa das des getöteten Jungen in WELL SCHOOLED IN MURDER von Elizabeth George, wenn man auch die Unterhaltungsliteratur berücksichtigt. Auch Kureishis THE BUDDHA OF SUBURBIA wäre hier zu nennen.
Aber alle diese Protagonisten haben in anderen Jahrhunderten gelebt und agiert, unter gänzlich anderen Bedingungen des Männlich-Seins und Mann-Werdens. Dennoch treten viele gemeinsame Grundlinien zu Tage, mit denen sich etwa die Loslösungsproblematik des Jungen oder jungen Jugendlichen vom intim-familiären häuslichen Bereich thematisieren lässt, wie etwa beim CATCHER IN THE RYE das Schicksal Holden Caulfields oder auch die
9
Negativentwicklung hin zur Wildheit, Barbarei und Gewaltbereitschaft in der Parabel LORD OF THE FLIES. Auf Leseproben kann hier verzichtet werden.
Neueres
Beachtenswert sind im Kontext unserer Überlegungen zu About boys die Arbeits- und Beobachtungsergebnisse des australischen Familientherapeuten Steve Biddulph. Sein Buch RAISING BOYS (8) hat weltweite Beachtung und Übersetzungen in viele Sprachen gefunden. Er beschreibt darin die drei Stufen des Junge-Seins und Mann-Werdens, nämlich
- die Phase zwischen Geburt und sechstem Geburtstag mit der starken Bindung an die Mutter
- die Phase zwischen sechstem und vierzehnten Lebensjahr, in der das Interesse für das Männliche und damit für den Vater –sofern anwesend- in den Vordergrund rückt
- und schließlich von vierzehn Jahren aufwärts, in der auch andere männliche Mentoren gebraucht werden.
Sodann geht es um biologisch-körperliche Belange und Bedürfnisse, wenn nämlich der stärkeren Wirkung des Testosterons Tribut zu zollen ist, physisch wie auch mental. Weiterhin wird die Entwicklung des Gehirns untersucht, vor allem auch im Vergleich mit der bei den Mädchen. Was können nun die Mütter beitragen zur Entwicklung des Jungen zum Manne hin und was die Väter? Bekannte männliche Defizite wie kitchen blindness und dyslaundria werden in humorvoller Weise beleuchtet, sodann das verantwortungsvolle Sexualverhalten und Dinge, die auch die Schule beitragen sollte, und nicht zu vergessen der Sport und das gesamte soziale und soziokulturelle Umfeld.
10
Dieses hier in aller Kürze vorgestellte und sehr hilfreiche Buch bietet reichhaltiges
authentisches Textmaterial für den Englischunterricht, wenn denn dieses Thema
Unterrichtsgegenstand werden soll. Es lohnt sich also, und es ist an der Zeit, wieder über
Jungen und Jungenschicksale nachzudenken und zu reden. Und die englischsprachige
Jugendliteratur macht es uns vor. Unsere Gesellschaft hat sich dramatisch verändert und ist in
weiterer Veränderung begriffen. Kinder sind darin recht rar geworden. Da zählt jedes Kind,
auch das männliche.
Helmut Reisener
11
L i t e r a t u r a n g a b e n
1. T Overman It s tough to be a teenager in: Chicken soup for the teenage soul II Health
Communications Deerfield Beach FL S 141/142
2. N Hornby About a boy Riverhead Books N Y 1998
3. M Gymnich A commitment phobic a 12-year-old and a dead duck: About a Boy in: Der
Fremdsprachliche Unterricht Englisch Heft 68 (März 2004) (Teaching Films) S 20MMMMMMM26
4. T Parsons - Man and boy HarperCollins Publications London 2000
- One for my baby HarperCollins Publications London 2002
- Man and wife HarperCollins Publications London 2002
5. R Philbrick - Max the mighty Scholastic Inc N Y 1996
- The Mighty Scholastic Inc N Y 1992
6. V M Axline Dibs In search of self Penguin Books London 1964
7. z B Mark Haddon The courious incident of the dog in the night-time
Vintage Open Market USA 2004
7. S Biddulph Raising boys Finch Publishing Sydney (AUS) 1998
12 NA
2. Performance als Prinzip
Dinge, Zusammenhänge, Arbeitsergebnisse und damit Sprache richtig gut, überzeugend und lebendig vorzutragen fällt vielen so schwer, ist aber doch so eminent wichtig für einen offeneren Unterricht. Hier soll anhand einiger Beispiele für performance-skills plädiert werden, die uns helfen können, einem stärker lernerorientierten Englischunterricht, vor allem an Grundschulen, den Weg zu ebnen.
Der performance-Ansatz ist zunächst nicht ganz einfach zu definieren, da uns im Deutschen das Begriffspaar ‚Kompetenz’ (Vermögen, Fähigkeit) und ‚Performanz’ (Ausführung, Realisierung) gleichsam im Weg steht. Performance im Englischen ist
a) zunächst (positiv) im Sinne von Unterhaltung von (anderen) Menschen durch Gesang, Musik , Tanz und darstellendes Spiel zu sehen;
b) im britischen Englisch noch mit einer Negativ-Variante besetzt:
Could you please stop that quarrelling? – What a performance! Mowing my lawn for the first time in spring, well, it’s such a performance.
c) in einer für uns interessanten Weise mit dem performance art-Begriff verknüpft, bei dem in theaterartigen Darbietungen der eigene Körper des Künstlers oder der Künstlerin Teil der show ist, wie mit dem weltweit agierenden Australier Stellarc oder der Französin Olan exemplifiziert werden kann.
Für unsere Überlegungen ist das oben unter a) genannte Konnotat wichtig, und zwar in seiner Einbindung in Rede und Bewegung. Die performance-Orientierung ist holistisch angelegt und involviert den lernenden Menschen in seiner existenziellen Gesamtheit. Viele Aspekte stehen dabei im interdependenten Wechselspiel, wie es die folgende Grafik aufzeigen soll
13
Diese Interdependenzgrafik soll nun keineswegs suggerieren, es seien stets alle Faktoren zur gleichen Zeit oder in gleicher Stärke wirksam. Die einzelnen Aspekte oder Bereiche können in unterschiedlichen Kombinationen und auch in unterschiedlichen Intensitäten aktiv werden, gleichsam ‚aufleuchten’.
Unser Blick richtet sich demzufolge auf solche Texte, die das Öffnen des Unterrichts fördern und unterstützen können, denn das Öffnen von Unterricht heißt zunächst einmal das Aufschließen seiner Inhalte, die sich ja in der Regel in Texten manifestieren. Die Öffnung der ‚Kinoreihen’, in denen die Lernenden meist vor uns sitzen, ergibt sich dabei fast ganz von selbst. Fremdsprachenlernen braucht Räume: Spiel-, Bewegungs-, Tanz-, Theater-, Aktions- und Klangräume sind eminent wichtig neben allerdings auch Schreib-, Mal, Gestaltungs- und Ausstellungsflächen.
Michael Rosens WE’RE GOING ON A BEAR HUNT z.B. ist ganz auf nachvollziehendes wie auch gestaltendes Spielen hin angelegt: Die onomatopoetischen Elemente der durch den Schnee, den Fluss, den Sumpf eilenden Familie, der Vater als Ängstlichster meist vorneweg, das drängt auf performance im Klassenzimmer in vielfacher Hinsicht und in vielen möglichen Variationen. (1)
14
VISUALS
spielen neben den soeben erwähnten onomatopoetischen Elementen gerade im Anfangsunterricht ebenfalls eine große Rolle, denn das Auge ist stets beteiligt. Die Klassiker der Kinderliteratur von Beatrix Potters bis Nicholas Allans oder auch Benjamin Zephanaiahs Werken wissen das zu würdigen und entsprechend zu berücksichtigen. (2) Soll nun eine Bildergeschichte versprachlicht werden, so lässt sich das durch Dialogizität und
Dramatisierung, durch
performance
eben, höchst erfolgreich bewerkstelligen. Die folgende Thelwell-picture
story
wird mit Sprech- und Denkblasen ausgestattet und Bild für Bild nachgestellt und nachgespielt. Die Bilder erscheinen als Folienpräsentationen. Die Denk- und Sprechblasen werden als passende Folienschnipsel dazu gelegt: z.B. Bild 1: Bye, Bonzo. I must go to school now. You must stay at home and wait for me, OK? See you in the afternoon then. etc. (3)
Dass der Hund hier denkend und sogar sprechend agieren darf, ja sogar muss, versteht sich ganz von selbst.
Wieder eine andere Variante mit den visuals ergibt sich, wenn man diese zu vorhandenen oder gegebenen Texten erstellen lässt. Von dem folgenden Gedicht von Eleanor Farjeon (4) ausgehend sollen die Kinder die Schlafplätze der Katze auf Folienstücke zeichnen oder irgendwo ausschneiden, so dass Schattenbilder auf dem OHP entstehen. Dazu wird eine Schablone von einer schlafenden Katze erstellt. Beim Vortragen des Gedichtes ergibt sich nun eine projector show, von einzelnen Kleingruppen gestaltet.
15
.
Oder nehmen wir Shel Silversteins Gedicht THE DEADLY EYE (5): Den Text haben wir auf Folie übertragen, diese in Zeilen zerschnitten und im ungeordneten Durcheinander auf dem OHP verstreut. Nun gilt es, nach vorn zu kommen und durch Hin- und Herschieben das Gedicht zu rekonstruieren. Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser es versuchen möchten? Die Lösung finden Sie am Ende des Beitrages. Aber versuchen Sie es doch erst einmal selber.
Noch mehr produktive Bewegung kommt zustande, wenn man - bei vorhandenem Platz - die Lernenden mit großen beschrifteten Blättern auf dem Fußboden agieren lässt, um so das re- arranging ausführen zu lassen. Auch dies gestaltet sich als eine Art Text- „performance“ bei der das (Text-)Produkt Prozesse auslöst, bzw. die Prozesse wiederum zu Produkten führen.
16
DAS DIALOGISCHE
ist neben den visuals also ein weiterer wichtiger Bereich, dem bei der performance-
Orientierung eine hohe Bedeutung zukommt. Auch hier liefert Michael Rosen wieder gut
brauchbare Vorlagen (6), z.B. mit dem folgenden Gedicht:
I’m Just Going Out for a Moment
In ähnlicher Weise kann man bei zahlreichen Texten bei den im englischen Sprachraum so
beliebten “knock-knock-stories” anknüpfen, von denen hier ein paar Beispiele zusammen
gestellt sind:
Auch diese Textsorte lebt von der Dialogführung und kommt somit der performance-
Orientierung zugute.
Großer dialogischer Aufwand wird oft bei den Einkaufsdialogen betrieben. Dabei sprechen
wir beim Einkaufen heutzutage ja kaum noch, wenn wir im Supermarkt mit dem Trolley
unterwegs sind, um ihn zu füllen und danach die Kassiererin am Checkout auf keinen Fall in
ihrer Konzentration stören wollen. Das Sprechen, so meinten viele meiner Schülerinnen und
Schüler, fände doch höchstens noch am Käse- oder Wurststand statt, oder eben, wenn man
zusammen mit Freunden oder Partnern einkauft. Und so unterbreiteten sie mir als Gegenstück
zu meinen herkömmlichen Einkaufsdialogen mit dem obligatorischen „Good morning. What
can I do for you?“ den folgenden ‘shopping rap’: (7)
17
Für diesen “shopping rap“ hatten wir aus dem drum-computer einen Endlos-Rhythmus ausgewählt und den Sprechtext damit unterlegt, so dass nun in guter Vorbereitung durch jeweils zwei Einkaufspartner kleine Einkaufs-performances durchgeführt werden konnten, die weit stärker motivierten als die alten vom Lehrer inszenierten Einkaufsdialoge. Mögen Rap- Reime nun nicht jedermanns Sache sein, aber sie bieten die bessere Basis für Dialogisches und damit performance-orientiertes Arbeiten und Lernen.
JOINT EFFORT
wäre dann nur noch der letzte kleine Schritt hin zu den gruppenbezogenen „performances“. Der folgende Text fordert sogar dazu auf, mit allen Schülerinnen und Schülern ins Freie zu gehen, allerdings erst, wenn alle ihn auswendig beherrschen. Das da draußen zu spielende Spiel ist vielleicht noch als „Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?“ bekannt. Es dürfen bei Vers 1 nur jene dem Mr. Alligator entgegen laufen, die graue Sachen tragen etc. Die vom Alligator gefangenen, bzw. angetippten Personen sind nun ebenfalls „alligators“. Die Verknüpfung mit den Farben und Kleidungsstücken erinnert ebenfalls an ein altes Spiel, nämlich „Wenn der Kaiser ins Land kommt ...“. (8)
18
Performance ist und bleibt partner- und gruppenbezogenes sprachliches Handeln, verbunden mit Bewegung, teils auch mit Musik und mit stets viel Fantasie, was sich wiederum insgesamt in motivationaler Hinsicht auszahlt. Und so kommt es bei der performance-Orientierung ganz von selbst zu einer Sicht des ...
… CLASSROOM AS STAGE , womit wir getrost an Shakespeares Statement in ‚As You Like It` anknüpfen können. “All the world’s a stage, and all the men and women only players”. Große performance- Erfolge lassen sich erzielen, wenn man den Kindern ‚identity cards’ in die Hand gibt. Sie können dann als Prominente aus show- business, film- making oder Politik (Michael Jackson, Britney Spears, George Bush, Prince Charles) auch als verstorbene Prominente (Charlie Chaplin, Marilyn Monroe), als Fantasie-Figuren (King Kong, Mr. Spock, Obelix oder aber als Märchen- und Fabelfiguren (Rapunzel, Cinderella, the witch, the devil, the magician) agieren.
Weiteren Klassenmitgliedern wird die Regie-Assistenz angeboten. Sie entscheiden, welche zwei bis vier Figuren in der jeweiligen Szene auf einander treffen, wer dann wieder abtritt und wer hinzukommt. Sie entscheiden auch über die Spielorte (on board a spacecraft, near Loch Ness, on the edge of a cliff), über die Tages- und Nachtzeit, die äußeren Gegebenheiten, das Wetter usw.
Treffen also die ersten drei Figuren in der Klassenmitte (in a dark, dark wood, during a stormy night) zusammen, etwa Lady Di, the farmer and the devil, so muss nun eine Begrüßung erfolgen, müssen sich Gespräche entwickeln, müssen spontane Szenen entstehen, die dann durch Abgang einzelner Figuren und Hinzutreten weiterer Spieler weiter entwickelt werden müssen. (The classroom as stage eben) Und es kann sich sehr wohl lohnen, die Video-Kamera bereit zu haben.
GETTING OUT
soll unsere letzte Forderung sein, denn es gilt noch diesen Aspekt zu sehen: Eine Menge unserer Textbeispiele entstammt neueren Sammlungen und Anthologien nicht nur von Shel Silverstein, Michael Rosen und Roger McGough. Sie alle verbindet der Aufruf, wie ihn Michael Rosen und Quentin Blake als Titel einer gemeinsamen Sammlung formuliert haben: QUICK, LET'S GET OUT OF HERE. (9) Das WO des „schnell-raus-hier“ ist natürlich auch schnell beantwortet: Aus A CHILD'S GARDEN OF VERSE soll es herausgehen, heraus und damit hinein ins Leben. Die SNOT AND BOGEY- LOT mit Roger
19
Arbeit zitieren:
Dr. Helmut Reisener, 2005, Sechs Beiträge zur Fachdidaktik Englisch, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Entwicklungspolitik als Katalysator der europäisch-afrikanischen Bezie...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Wissenschaftlicher Aufsatz, 12 Seiten
Communist Retaliation and Persecution on Yugoslav Territory during and...
Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege
Wissenschaftlicher Aufsatz, 27 Seiten
Auguste Caroline Lammer (1885 - 1937) - Die bisher einzige Bankgründer...
Ihre turbulente Geschichte in ...
BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Fachbuch, 140 Seiten
Nicolai Hartmann als Literaturtheoretiker
Wissenschaftlicher Aufsatz, 13 Seiten
Informationen zur Rechtewahrnehmung im Urheberrecht
Der Schutz von Digital Rights ...
Jura - Medienrecht, Multimediarecht, Urheberrecht
Doktorarbeit / Dissertation, 249 Seiten
Legal aspects of internet banking related to international business tr...
Jura - Andere Rechtssysteme, Rechtsvergleichung
Doktorarbeit / Dissertation, 62 Seiten
Vannocio Biringucio und die Pirotechnia
525. Geburtstag des ersten Aut...
Ingenieurwissenschaften - Metallbautechnik / Metallverarbeitung
Wissenschaftlicher Aufsatz, 16 Seiten
Helmut Reisener's Text Sechs Beiträge zur Fachdidaktik Englisch ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Helmut Reisener hat den Text Sechs Beiträge zur Fachdidaktik Englisch veröffentlicht
Helmut Reisener hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare