Das expressionistische Großstadtbild. Ernst Ludwig
Kirchners Berliner Straßenszenen 1913 bi ... 1914
von: Melanie Finck
6. Fachsemester
1. Einleitung ... 3
2. Von der Provinz in die Metropole Berlin ... 4
3. Die kunsthistorischen Grundlagen der Stadtkunst ... 6
4. Kirchners Auseinandersetzung mit der Großstadt. Stilistische Wandlungen, inhaltliche Einflüsse ... 7
4.1. Stilistische und motivische Einflüsse ... 7
4.2. Der modifizierte Figurentypu ... 10
4.3. Kirchners Auseinandersetzung mit der Thematik Prostitution ... 11
5. Die Straßenszenen ... 13
5.1. „Fünf Frauen auf der Straße“ ... 14
5.2. „Die Straße“ ... 15
5.3. „Berliner Straßenszene“ ... 16
5.4. „Friedrichstraße Berlin“ ... 17
5.5. „Potsdamer Platz“ ... 19
6. Schlussbetrachtung ... 23
7. Bibliografie ... 25
1. Einleitung
Diese Arbeit soll sich mit den Berliner Straßenszenen Kirchners, der Darstellung von Prostituierten beim Flanieren auf der Straße, der Jahre 1913 bis 1914 beschäftigen. Was für entscheidende Impulse brachte die Übersiedelung von der Provinz Dresden in die Millionenmetropole Berlin mit sich? Vor welchem Hintergrund entstanden die beeindruckenden Großstadtszenen und welche stilistischen und motivischen Einflüsse spiegeln sich in den Werken wieder? Wie reflektiert Kirchner die Dynamik, die Hektik und das Tempo der Großstadt und inwieweit sind Kirchners Straßenszenen Ausdruck der Widersprüche, die der modernen Großstadt zueigen sind?
Zu Kirchners Leben und Werk und insbesondere zu den Großstadtbildern Kirchners sind unzählige Publikationen erschienen. Die Straßenszenen werden in der kunstwissenschaftlichen Literatur antagonistisch bewertet. In Publikationen nach 1945 bis in die jüngere Zeit werden die Straßenszenen überwiegend als Metapher der Entfremdung, des Verlorenseins des Einzelnen in der Masse angesichts der Überwältigungsmacht der modernen Metropole interpretiert. Die Kokotten der Straßenszenen gelten als Sinnb ild des Elends in der Großstadt und werden als gesellschaftliche Anklage Kirchners interpretiert. Seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts widersprechen einige Autoren und Autorinnen dieser Auffassung und untersuchten die Straßenszenen unter einem gegensätzlichen Aspekt. Die Straßenszenen werden hier als affirmative Annäherung Kirchners an die Großstadt verstanden, in denen er das Getriebensein in der Masse, die Hektik des Verkehrs und die sich anbietenden Kokotten zu einem sinnlichen Erlebnis in vibrierender Vitalität abstrahiert. Die Straßenszenen bedeuten somit die eigentliche künstlerische Entdeckung der Metropole.
Kirchners Straßenszenen stellen im Hinblick auf das vom ihm geschaffenen Gesamtwerk eine vergleichbar kleine Werkgruppe dar, sie sind aber das Eigenste und Bedeutsamste seines Schaffens. Anhand von fünf in der Ursprungsform erhaltenen großformatigen Berliner Straßenszenen des Werkkomplexes, der aus insgesamt elf Gemälden besteht, soll die vorliegende Arbeit aufzeigen, wie Kirchner die Erfahrung des Großstadtlebens mit seinem akzelerierten Tempo reflektiert. Vor der Untersuchung der Straßenszenen soll auf die veränderte Umwelt sowie Einflüsse auf Kirchners Bildsprache eingegangen werden. In chronologischer Abhandlung vom ersten Gemälde der „Fünf Frauen auf der Straße“ bis zum „Potsdamer Platz“ soll der schrittweise Prozess der Steigerung deutlich werden, in dem sich jede Szenerie als ein verdichtetes und fokussiertes Resultat des voran gegangenen Gemäldes darstellt.
2. Von der Provinz in die Metropole Berlin
Im Herbst des Jahres 1911 übersiedelte Ernst Ludwig Kirchner von Dresden nach Berlin, in die Hauptstadt Preußens und des wilhelminischen Deutschen Reiches.1 Kirchner folgte damit seinen bereits in Berlin lebenden Künstlerfreunden Pechstein und Mueller, Heckel und Schmidt-Rottluff kamen im Dezember in die Stadt, so dass die Künstlergemeinschaft „Die Brücke“2 noch im selben Jahr wieder vereint war. Erste offizielle Anknüpfungspunkte an die Kunst- und Kulturmetropole Berlin waren bereits im Jahr 1910 durch den Beitritt der einzelnen Künstler in den Deutschen Künstlerbund und als geschlossene Gruppe in die „Neue Secession“ hergestellt.3 Von der Übersiedelung versprach sich die Gruppe, die sich der Avantgarde zugehörig fühlte, die lang ersehnte künstlerische Durchsetzung und größere Chancen als in der Provinz, sowie eine bessere Grundlage ihrer Existenz. Berlin galt als moderne Großstadt, nicht zuletzt durch die 1898 von Max Liebermann gegründete Berliner Secession, die gegen die offizielle wilhelminische Kunst opponierte, und war erst seit kurzer Zeit führende Kunststadt in Deutschland.4 In der Metropole gab es eine Reihe von Galeristen wie Cassirer, Neumann, Flechtheim und Gurlitt, die auch junge unbekannte Künstler ausstellten, zudem arbeiteten hier Verlegen wie Franz Pfemfert und Herwarth Walden, die in ihren Publikationen „Der Sturm“ und „Die Aktion“ neue Dichter, Theoretiker und Künstler vorstellten. 5 Das reiche großbürgerliche Kaufpublikum Berlins lehnte die wilhelminisch geprägte Salonkunst ab und orientierte sich an den neuen modernen Strömungen. Die in Dresden begonnenen avantgardistischen und (lebens-) künstlerischen Experimente konnten nur in der Großstadt fortgesetzt werden. Hier existierte derzeit ein ausgeprägtes Bohème-Leben, in dem ein reger Austausch zwischen Literaten, Geisteswissenschaftlern und Künstlern herrschte und das unbedingte Bestreben den Akademismus der jeweiligen Gattung zu überwinden. Kirchner und seine Künstlerfreunde sahen sich in der gemeinschaftsbildenden, antiwilhelminischen Vorstellung vom Künstlerdasein bestätigt und fügten sich ganz in diesen Kunst- und Lebensentwurf ein.6 1911 gründete Kirchner zusammen mit Max Pechstein das MUIM-Institut (Moderner Unterricht im Malen) in Berlin Wilmersdorf, um dort junge Menschen frei von akademischer Ausbildung und traditionellen Konventionen zu unterrichten. Letztlich erfolgte die Gründung zudem zur wirtschaftlichen Absicherung der Künstler; Kirchner erhoffte sich durch die Gründung eine ökonomische Etablierung in Berlin. Doch war das MUIM-Institut bereits 1912 zum Scheitern verurteilt und konnte während seines Bestehens nur zwei Schüler, Werner Gothein und Hans Gewecke, für sich gewinnen. 7 Im Jahr 1913 löste sich die Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über die von Kirchner verfasste Chronik der KG Brücke auf. Womöglich aber war der Streit um die vo n Kirchner einseitig verfasste Brücke- Chronik und seine Anmaßung „Führer der neuesten Richtung“ zu sein nur Anlass für den Zerfall der Gemeinschaft. In der Stadt, die zum Individualismus hin polarisierte, konnte die Gemeinschaft nicht bestehen und Rivalität kam auf. 8 Obgleich sich die Hoffnungen Kirchners nicht in seinem Sinne erfüllten und das Leben in Berlin mühsam war, beginnt mit der Übersiedelung die produktivste Phase im Schaffen Kirchners. Über die sozialen und praktischen Vorteile des Großstadtlebens hinaus hat Kirchner sicher motivische und stilistische Herausforderung gesucht. In Berlin eröffneten sich ihm völlig neue Themenbereiche. Als Höhepunkt der Berliner Jahre gelten die Straßenszenen, die Prostituierte, bzw. Kokotten wie sie in Berlin genannt wurden, beim Flanieren auf der Straße darstellen. Die Berliner Jahre sind vor allem geprägt von dem dynamischen Eindruck der Millionenmetropole und ihrem Lebensgefühl.9 Schon zur Dresdner Zeit schuf Kirchner vereinzelte Bilder, die die Stadt thematisieren, bereits 1905 in der Graphik und 1908 im Gemälde „Straße“ (überarbeitet 1919). Hier noch handelt es sich um das flüchtige Erfassen von Spaziergängern und Passanten. Das Thema „Stadt“ erhält in Berlin eine völlig andere Dimension als in Dresden. Aus der veränderten Umwelt leiten sich Wandlungen in der Gestaltung ab, Kirchner reagierte heftig auf die Dynamik und Energie der Großstadt und thematisierte die Stadt mit ihren Wahrnehmungs- und Bewegungsmustern. Kirchner evoziert eine bildimmanente Spannung, die aus dem Verhältnis zur großstädtischen Umgebung resultiert, erlebt durch die eigene, künstlerisch gesteigerte Sensibilität.
[...]
1 Nach Roland März: Ernst Ludwig Kirchner – Potsdamer Platz, 1914. S. 11. Im Folgenden zitiert als März, Potsdamer Platz.
2 Die Künstlergruppe „Die Brücke“ gründete E.L. Kirchner mit seinen Studienfreunden Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff am 07. Juni 1905 in Dresden.
3 Nach Katharina Sykora: Weiblichkeit. Großstadt. Moderne. Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszenen 1913 – 1915. S. 18. Im Folgenden zitiert als Sykora.
4 Nach Magdalena Moeller: Ernst Ludwig Kirchner. Die Straßenszenen 1913 – 1915. S. 11. Im Folgenden zitiert als Moeller, Die Straßenszenen.
5 Siehe Sykora. S. 18.
6 Ebd.
7 Vgl. Katharina Henkel: Kirchners Berliner Jahre 1911 bis 1917. In: Der Potsdamer Platz. Ernst Ludwig Kirchner und der Untergang Preußens (Katalog). S. 197.
8 März, Potsdamer Platz. S. 11.
9 Nach Magdalena Moeller: Höhepunkte des Exp ressionismus: Kirchners Berliner Stil der Jahre 1911 – 1914. In: Ernst Ludwig Kirchner. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik. Eine Ausstellung zum 60. Todestag (Katalog). S. 25. Im Folgenden zitiert als Moeller, Höhepunkte des Expressionismus.
Arbeit zitieren:
Magistra Artium Melanie Finck, 2005, Das expressionistische Großstadtbild - Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszenen 1913 bis 1914, München, GRIN Verlag GmbH
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Melanie List's Text Das expressionistische Großstadtbild - Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszenen 1913 bis 1914 ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Melanie List hat den Text Das expressionistische Großstadtbild - Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszenen 1913 bis 1914 veröffentlicht
Anonym
omg.
der text is viel zu lang
am Thursday, April 10, 2008-
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dankeeschön .. ist gut gelungen
am Sunday, April 11, 2010-