Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Filmwissenschaft/ Mediendramaturgie
Proseminar: Experimentalfilm
2. Semester
Zwischen Kunst und Antikunst: Hans Richters ′Vormittagsspuk′
von: Julius Pöhnert
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Vormittag 1
2. Der Film als Kunst 2
3. Sichtbare und unsichtbare Bilder 4
3.1 Denotationen in Vormittagsspuk 4
3.2 Konnotationen in Vormittagsspuk 6
3.2.1 Die Rebellion der Objekte 6
3.2.2 Die Sicht der Kamera 7
3.2.3 Richters Montagerhythmus 10
4. Der Spuk geht weiter 15
5. Schlusswort - Nachmittag 17
Literaturverzeichnis 18
Videoverzeichnis 19
1. Einleitung – Vormittag
Vormittagsspuk stellt einen Einschnitt im Schaffen des Künstlers Hans Richter dar. Durch den Dadaismus inspiriert, wendet sich Richter vom abstrakten Film ab und stellt sein erstes komplett realverfilmtes Werk her. Im Gegensatz zu seinen bisher streng konstruktivistischen Filmen, zeigt sich hier eine Kombination verschiedener Stilrichtungen – hauptsächlich aus Futurismus, Konstruktivismus und Dadaismus.
Entgegen Richters vorangehenden, rein ästhetisch-funktionell wirkenden Filmen, verfügt Vormittagsspuk über eine narrative Handlung. Die Objekte des Alltags rebellieren gegen den Menschen und bringen die gewohnte Ordnung ins Chaos. Anhand der vielen denotativen und konnotativen Bilder wird in vorliegender Arbeit der Versuch unternommen, eine rhythmische Dramaturgie des Filmes nachzuweisen, sowie eine grundlegende Inhaltsanalyse zu erstellen. Dieser bietet sich ein breites Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten, denn kaum ein Autor hat sich bislang mit einer tiefgründigen Deutung von Richters Filmen befasst. Besonders Vormittagsspuk wird in der Sekundärliteratur oft nur mit einer oberflächlichen Inhaltsangabe erwähnt. Aufgrund der Fokussierung der Arbeit auf Richters visuelles Schaffen, wird von einer Analyse der auf den Film abgestimmten Musik Paul Hindemiths verzichtet.
Hans Richter hatte als langlebiger Dadaist die Gelegenheit, im Nachhinein als Chronist der Bewegung auftreten zu können. Leider äußert er sich in den von ihm verfassten Büchern meist nur über das Werk seiner Kollegen, nicht jedoch über sein eigenes. Aus der Untersuchung von Richters Filmtheorien, insbesondere in „Filmgegner von heute – Filmfreunde von morgen“1 und „Der Kampf um den Film“2 lassen sich jedoch viele Schlüsse für die Analyse von Vormittagsspuk ziehen. Für eine abschließende, kurze Betrachtung des Films in seiner rahmengebenden Entstehung und Rezeption ist weiterhin das Interview von Phillippe Sers3 mit Richter von großer Hilfe.
2. Der Film als Kunst
„Ohne es eigentlich zu wollen, wurde der Film [Vormittagsspuk ] ein echtes dadaistisches Dokument. Er zeigte Rebellion der Objekte, der Hüte, Tassen, Krawatten, Schläuche etc. gegen den Menschen. Schließlich stellte sich dann die alte Rangordnung des Menschen-Herrn über die Objekt-Sklaven wieder her. Aber für diese kurze Zeit mag doch ein Zweifel an der Allgemeingültigkeit der gewöhnlichen Subjekt-Objekt -Ordnung im Publikum eingetreten sein.“4
Kurz und prägnant erläutert Hans Richter in oben stehendem Zitat das Thema von Vormittagsspuk : Die Menschen sind Herren über die Alltagsgegenstände, ihre Sklaven. Diese erheben sich zu einem Aufstand. Das hier Gezeigte ist also kein „reiner Ulk und Irrwitz“5, sondern eine Revolution von Sklaven gegen ihren Herrn. Die ironische Haltung der von den Dadaisten produzierten Anti-Kunst und das Aufbegehren gegen die bürgerlichen Konventionen6 besitzen zwar eine hohe Reichweite im gesamten Film, können jedoch nicht über die Vielzahl anderer künstlerischer Tendenzen in Vormittagsspuk hinwegtäuschen. Die Vielfalt der von Richter in seinem Gesamtwerk nacheinander verwendeten Medien7 sowie seine Offenheit für die unerwarteten Ausdrucksmöglichkeiten und Strömungen der Kunst8 sprechen des Weiteren dafür, dass sich Richter zwar auf theoretische Grundsätze berief, sich jedoch niemals nach einer unumstößlich fest reglementierten Kunstrichtung definierte. In Anbetracht der Vielzahl der zeitgenössischen Künstlerbewegungen und deren personellen Verknüpfungen untereinander, wäre dies auch nur schwer möglich gewesen. So ist die Rahmenhandlung des Films dem Dadaismus zuzuschreiben. Von realen naturwissenschaftlichen Gesetzen losgelöst, schweben vier Melonen über bürgerliche Gärten hinweg.
Durch eine rhythmisch-konstruktivistische Montagetechnik setzt sich aus den gezeigten Bildern eine Handlung zusammen. Der Konstruktivismus ist demnach vielmehr als ein Stilmittel und weniger im Sinne einer Kunstauffassung einzustufen. 9 Ein konstruktivistisches Werk, wie Fernand Légers Ballet Méchanique wird unter dieser Ansicht von Richter selbst als „einer der besten dadaistischen Filme“10 bezeichnet. Richters Begeisterung für Ballet Méchanique manifestiert sich in Vormittagsspuk sehr deutlich: Der Mann, der durch die Montage unentwegt eine Leiter hoch und runter steigen muss, ist ein Zitat auf Léger, bei dem eine Frau durch den gleichen Montageeffekt viele Male eine Treppe hinaufgeht.11 Parallelen und Gemeinsamkeiten in den Experimentalfilmen Richters und den Werken seiner Freunde oder Kollegen sind vielerorts auszumachen und drücken gegenseitige Inspiration sowie Wertschätzung aus. Genauso kann z.B. die beim Binden revoltierende Fliege als Zitat auf den sich drehenden Kragen in Man Rays Emak Bakia12 betrachtet werden. „Ein funktionelles Prinzip, dessen Elemente sich, gleich den Teilen einer Maschine, zu einem logisch aufgebauten Ganzen zusammensetzten“13 wurde in Vormittagsspuk aufgebaut. Richter verwendet nicht nur verschiedene Objekte, sondern entwickelt aus verschiedenen Filmen entlehnte Bilder zu einer Collage.
[...]
1 siehe Richter 1981.
2 siehe Richter 1979.
3 siehe Sers 1997.
4 Richter 1964, 203.
5 Scheugl 1974, 162.
6 siehe Scheugl 1974, 162.
7 siehe Haxthausen 1982, 7.
8 siehe Szymanski 1982, 5.
9 siehe Scheugl 1974, 502.
10 siehe Scheugl 1974, 163.
11 siehe Buache 1979, 44.
12 Abbildungen hierzu siehe Richter 1981, 94.
13 Scheugl 1974, 501.
Arbeit zitieren:
Julius Pöhnert, 2004, Zwischen Kunst und Antikunst: Hans Richters 'Vormittagsspuk', München, GRIN Verlag GmbH
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