School Choice und Chancengleichheit:
Die Debatte um staatliche Bildungsgutscheine für
einkommensschwache afro-amerikanische Familien
Magisterarbeit
im Fach Nordamerikastudien
am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
der Freien Universität Berlin
vorgelegt von
Carsten Bösel
Berlin, Februar 2005
INHALTSVERZEICHNIS
I EINLEITUNG ... 1
II. STILL SEPARATE, STILL UNEQUAL:
AFRO-AMERIKANISCHE SCHÜLER IN DEN INNENSTÄDTEN DER USA ... 10
1. Lokale Schulverwaltung und – finanzierung: Strukturelle Ungleichheit im amerikanischen Schulwesen ... 12
2. Schulische und residenzielle (Re-)Segregation ... 18
3. Die schwarz-weiße Wissenskluft: Testergebnisse und Dropouts ... 23
4. Soziopolitische Reformhindernisse im innenstädtischen Milieu ... 27
III. SCHOOL CHOICE UND SCHOOL VOUCHERS:
GENEALOGIE UND PRAXIS EINER REFORMBEWEGUNG ... 32
1. School Choice: Begrifflichkeit, Einordnung und Abgrenzung ... 32
2. Kernelemente des Diskurses um Bildungsgutscheine:
Marktdiskurs, Wertediskurs, Gerechtigkeitsdiskurs ... 36
3. Bildungsgutscheinprogramme in den USA ... 45
IV. “THE CONTINUING STRUGGLE AGAINST UNEQUAL OPPORTUNITY”:
DIE AFRO-AMERIKANISCHE DEBATTE UM BILDUNGSGUTSCHEINE ... 53
1. Schwarze Gegner und Befürworter der Schulwahlfreiheit:
Überblick und Vorstellung der verwendeten Quellen ... 53
2. Schwarze Kritik an den staatlichen Schulen:
Ungleichheit, Vernachlässigung, Inkompetenz, Rassismus ... 60
3. Qualität vor Integration:
Schwarze Kritik am Brown-Urteil und der Desegregationspolitik ... 71
4. School Choice als Befreiungskampf:
Selbstbestimmung, Afrozentrismus und Black Power ... 77
5. Zusammenfassung: Chancengleichheit aus afro-amerikanischer Sicht ... 83
V. CHANCENGLEICHHEIT DURCH SCHULWAHLFREIHEIT?
DISKUSSION UND KRITIK ... 87
1. Das Problem der Nichtbewerber ... 87
2. Das Problem von Angebot und Nachfrage ... 93
3. Das Problem der Messbarkeit der Auswirkungen ... 96
VI. FAZIT UND AUSBLICK ... 100
VII. LITERATURVERZEICHNIS ... 105
VIII. TABELLEN- UND ABBILDUNGSVERZEICHNIS ... 114
IX. ANHANG ... 115
Did we start rebellions on the master’s plantation to
sit here in 2001 having our children unable to read
and write? Did we get to sit in the Woolworth store
in Greensboro, North Carolina, on February 1, 1960
and demand to be served, just to arrive at another
lunch counter today where we are now welcome but
we can’t read the menu?
- Howard Fuller
Black Alliance For Educational Options
I. EINLEITUNG
Am 27. Mai 2004 konnte die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), die älteste und bedeutendste Bürgerrechtsorganisation der USA, das fünfzigste Jubiläum ihres größten historischen Erfolges feiern: Mit dem Epoche machenden Urteil im Fall Brown vs. Board of Education hatte der U.S. Supreme Court 1954 einstimmig die seit Jahrzehnten praktizierte Rassentrennung an Amerikas Schulen mit der Begründung „that separate facilities are inherently unequal“ für verfassungswidrig erklärt, nachdem die Anwälte der NAACP unter Federführung des späteren ersten schwarzen Verfassungsrichters Thurgood Marshall in jahrelangem Einsatz mehrere Fälle bis vor das Oberste Bundesgericht gebracht hatten.1 Die Tatsache, dass in den Südstaaten der USA schwarze und weiße Kinder zwangsweise getrennt voneinander lernen müssten, führe bei den Schülern der ethnischen Minderheit selbst bei identischer Ausstattung der Schulen schon in frühem Entwicklungsstadium unweigerlich zu Stigmatisierung und Minderwertigkeitsgefühlen, was eine systematische Verletzung der konstitutionellen Gleichheitsgarantie im Sinne des 14. Verfassungszusatzes darstelle, lautete die Argumentation der NAACP-Anwälte, der die Richter in ihrer Urteilsbegründung folgten.2 Zwar dauerte es noch mehrere Jahre, bevor mit der Desegregation der Schulen ernsthaft begonnen wurde, doch gilt die richterliche Entscheidung im Fall Brown und der damit verbundene Paradigmenwechsel auf dem Gebiet der Rassenbeziehungen in den USA zu Recht als Auftakt zu den Kämpfen der Bürgerrechtsbewegung um rechtliche Gleichstellung, gesellschaftliche Emanzipation und kulturelle Affirmation der schwarzen Amerikaner. Die Schulbildung blieb dabei bis heute im Fokus der politischen Auseinandersetzungen: „Since at least Brown v. Board of Education”, kommentiert der Politikwissenschaftler Alan Wolfe rückblickend, “schooling has been at the center of the way Americans think about racial equality.”3
Nicht zufällig hat der umfassende Kampf gegen Ungleichheit und Rassendiskriminierung seinen historischen und aktuellen Ausgangspunkt ausgerechnet in Auseinandersetzungen um mangelnde Bildungsgerechtigkeit: Die staatlichen Schulen werden in den USA traditionell als eines der Hauptvehikel zur Einlösung der demokratischen Grundwerte Freiheit und Gleichheit betrachtet, wobei mit letzterer im amerikanischen politischen Kontext stets eher Chancengleichheit („equality of opportunity“) als Ziel- oder Ergebnisgleichheit gemeint ist. Bereits seit der Gründung der Republik aus dem Geist der Aufklärung wurde einem allgemein zugänglichen und durchlässigen Schul- und Bildungswesen zentrale Bedeutung für die politische Zukunft des Projekts der freiheitlichen Selbstregierung zugewiesen: Nur mit einer möglichst großen Anzahl gebildeter Bürger, die ihre konstitutionellen Rechte und Handlungsmöglichkeiten effektiv wahrzunehmen wissen, würde es möglich sein, ein republikanisches Regierungssystem auf Dauer zu konsolidieren. Von wegweisenden Politikern und Pädagogen wie Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, Horace Mann oder John Dewey philosophisch immer wieder neu begründet, zieht sich das bemerkenswerte Vertrauen in die freiheits- und demokratiefördernde Macht von Erziehung und Bildung seitdem wie ein roter Faden durch die amerikanische Bildungsgeschichte – von der allerdings die schwarzen Sklaven durch ihre weißen Herrscher eben aufgrund deren Wissens um die emanzipatorische Kraft der Bildung konsequenterweise gewaltsam und systematisch ausgeschlossen wurden. Frühe afroamerikanische Führungspersönlichkeiten wie Frederick Douglass oder W.E.B. Du Bois beschworen nach dem Ende der Sklaverei folglich in bester amerikanisch-aufklärerischer Tradition die Bildung als Königsweg aus der nicht selbst verschuldeten ökonomischen und politischen Unmündigkeit.
Auch das Potenzial schulischer Bildung zur Egalisierung von sozialen Unterschieden wurde von Beginn an als wesentlich für den Erhalt der Republik betrachtet.4 Die einflussreiche common school-Bewegung des 19. Jahrhunderts erklärte die Schulen in der zunehmend von Klassengegensätzen und ethnisch-kulturellen Konflikten gekennzeichneten amerikanischen Gesellschaft schließlich explizit zu einem zentralen politischen Instrument, um sozio-ökonomische Privilegien zu nivellieren, Einwandererkinder im Sinne des e pluribus unum zu assimilieren und so die soziale Stabilität und Kohäsion zu sichern. Mit diesen politischen Funktionszuweisungen wurden die bis heute prägenden strukturellen und legitimatorischen Grundlagen des modernen, staatlich gesteuerten und finanzierten amerikanischen Schulwesens geschaffen.5 Seitdem sind die durchschnittlichen öffentlichen Pro-Kopf- Bildungsausgaben im Elementar- und Sekundarschulbereich sowie der Anteil der nationalen Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt kontinuierlich gestiegen, was den USA seit Jahrzehnten eine weltweite Spitzenstellung unter den OECD-Ländern hinsichtlich dieser Indikatoren sichert.6 Diese vergleichsweise hohen öffentlichen Investitionen im Bildungsbereich sind in direkter Korrelation zu den vergleichsweise geringen sozialstaatlichen Leistungen zu sehen: „Education“, schreiben Hochschild und Scovronick in ihrer kürzlich erschienenen Verteidigung des staatlichen Schulwesens gegen Privatisierungstendenzen,
is the American answer to the European welfare state [...]. This difference in approach reflects a crucial difference in ideology. Europeans believe more strongly that the state should ensure a decent standard of living for all its citizens; Americans believe more strongly that it is the duty of the state to provide opportunity and then the job of each citizen to earn an appropriate standard of living.7
[....]
1 Zu Vorgeschichte, Verlauf und Auswirkungen dieser historischen Gerichtsentscheidung siehe James T. Patterson, Brown v. Board of Education: A Civil Rights Milestone and Its Troubled Legacy (New York: Oxford UP, 2001).
2 Auch in dieser Arbeit soll nicht diskriminiert werden, doch zur Vereinfachung des Leseflusses wird die generische Form des Maskulin durchgehend für alle Berufs- und Personenbezeichnungen verwendet, wobei das weibliche Geschlecht selbstverständlich eingeschlossen ist.
3 Alan Wolfe, „The Irony of School Choice: Liberals, Conservatives, and the New Politics of Race“, School Choice: The Moral Debate, Hg. ders. (Princeton: Princeton University Press, 2003), 41.
4 Thomas Jefferson zum Beispiel setzte sich als einer der ersten für ein öffentlich finanziertes Schulwesen in seiner Heimat Virginia ein, das es auch und gerade der „natürlichen Aristokratie“ der talentiertesten Kinder ungeachtet ihres sozio-ökonomischen Status ermöglichen sollte, kostenlos eine grundlegende formale Bildung zu erhalten und später höchste öffentliche Ämter zu bekleiden. An afro-amerikanische Kinder dachte er dabei freilich nicht. Siehe Garrett Ward Sheldon, The Political Philosophy of Thomas Jefferson (Baltimore: Johns Hopkins UP, 1991), 62-67.
5 Joel Spring, The American School: 1642-2000, 5. Aufl. (New York: McGraw-Hill, 2001), 103-132.
6 U.S. Department of State, National Center for Education Statistics, The Condition of Education 2004 (Washington D.C.: Government Printing Office, 2004), 94f.
7 Jennifer L. Hochschild und Nathan Scovronick, The American Dream and the Public Schools (New York: Oxford UP, 2003), 9; 19.
Arbeit zitieren:
Carsten Bösel, 2005, "School Choice" und Chancengleichheit: Die Debatte um staatliche Bildungsgutscheine für einkommensschwache afro-amerikanische Familien, München, GRIN Verlag GmbH
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