Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der Melancholiebegriff 4
2.1. Der elisabethanische Melancholiebegriff 4
2.2. Der freudsche Melancholiebegriff 6
3. Hamlets Melancholie 8
3.1. Hamlets Trauer am Anfang des Stücks 8
3.2. Hamlets Stimmungsschwankungen 11
4. Schlussbetrachtungen 15
Literaturverzeichnis 17
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1. Einleitung
Der Charakter Hamlets kann auf
Dass Shakespeare über außerordentliche Kenntnisse der menschlichen Seele verfügt haben muss ist unbestritten. Er formte die Personen seiner Stücke so detailliert und differenziert, dass man meinen könnte, er habe der Schaffung seiner Charaktere tiefgründige psychologische Studien des humanen Geistes zu Grunde gelegt. ‚Hamlet’ ist eines der berühmtesten Stücke der Weltliteratur, der Protagonist eine der undurchdringlichsten und zugleich faszinierendsten Personen, die Shakespeare entwarf. Dies liegt nicht zuletzt an der vielschichtigen Psyche Hamlets. Der Dänenprinz schwankt in dem Stück zwischen manischer Depression, Melancholie und Trauer auf der einen Seite und Rachegelüsten, Abscheu und vorgetäuschtem Wahnsinn auf der anderen Seite.
Diese Arbeit untersucht den Gemütszustand Hamlets im Bezug auf seine Melancholie in den ersten beiden Akten. Grundlagen der Untersuchung bilden die elisabethanische Humoralpathologie und die moderne Definition der Melancholie, die in Sigmund Freuds Abhandlung ‚Trauer und Melancholie’ 1 ihren Ursprung hat. Da die Begriffsbestimmung der Melancholie laut Freud auch in der deskriptiven Psychiatrie schwankend ist, 2 wird in diesem Text auf pedantische Differenzierungen von psychologischen Fachtermini verzic htet.
Welche Gründe und Anlässe für Hamlets Melancholie gibt es, wie äußert sich seine seelische Störung und welche Auswirkungen hat sie auf Hamlet und seine Umgebung? Dies sind die Fragen, denen ich in diesem Aufsatz nachgehen will. Ausgangspunkt der Analysen bilden die Texte von Bert O. States 3 , Theodore Lidz 4 und A.C. Bradley 5 . Ursprünglich sollte das ganze Stück auf Hamlets Melancholie untersucht werden, dies war aber aus Zeitgründen nicht möglich, daher beschränke ich mich auf genauere
1 Freud, Sigmund: „Trauer und Melancholie.” In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Band 10. S.Fischer. Frankfurt 1946.
2 Vgl. ebd., S.428.
3 States, Bert O.: „Hamlet and the concept of character.” The Johns Hopkins University Press. London 1992.
4 Lidz, Theodore: „Hamlets Feind – Mythos und Manie in Shakespeares Drama.“ S.Fischer. Frankfurt 1980.
5 Bradley, A.C.: „Hamlets Melancholie.“ In: Erzgräber, Willi (Hg.): “Hamlet Interpretationen.” Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 1977.
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Untersuchungen von Hamlets Trauer am Anfang des Stückes und ihrem Wandel hin zur Melancholie und Hamlets seelischen Gleichgewichtsschwankungen, vornehmlich im zweiten Akt.
2. Der Melancholiebergriff
Wir selbst sind Hamlet.
Die Bedeutung des Begriffs M elancholie hat sich in den letzten Jahrhunderten gewandelt. Zwischen der Auslegung in der elisabethanischen Zeit und Freuds Begriffsbildung der Melancholie bestehen wesentliche Unterschiede. Um Hamlets Melancholie in dem Stück zu untersuchen, ist es unerlässlich, sich vorab mit den verschiedenen Möglichkeiten der Definition der Melancholie zu beschäftigen. Nur so ist festzustellen, ob Hamlet in den untersuchten Szenen auf die eine oder andere Weise melancholisch ist und welcher der beiden Deutungen die Mela ncholie zugrunde liegt.
2.1. Der elisabethanische Melancholiebegriff
Shakespeares ‚Hamlet’ ist die
Die elisabethanische Gesellschaft schrieb bestimmte Temperamente oder auch Krankheiten einem Missverhältnis von Körpersäften zu. Diese, inzwischen veraltete , Humoralpathologie hat ihren Ursprung in der Elementenlehre des Empedokles, die auf den vier Grundelementen Luft, Feuer, Wasser und Erde basierte. Diese Elementenlehre wurde von den Hippokratikern in der Abhandlung „Über die Natur des Menschen“ als Krankheitskonzept entwickelt, auf das sich noch die elisabethanischen Gelehrten beriefen.
Die Humoralpathologie (engl. ‚Theory of Humors’) geht von vier Körpersäften aus, die das Wesen des Menschen beeinflussen. Pierre de la Primaudaye schrieb 1577: Wir verstehen unter ‚humeur’ eine flüssige Substanz, die in der Leber aus der Nahrung zu dem Zweck hergestellt wird, daß der Körper durch diese Flüssigkeit genährt und erhalten werde. 6
6 Primaudaye, Pierre de la: „L’Académie françoise.“ Band 2, Kapitel LXIV. Paris 1577. In: Rudnik, Hans H. (Hg.): „William Shakespeare; Hamlet – Erläuterungen und Dokumente.“ Phillip Reclam Verlag. Stuttgart 1972, S.143, dort ohne genaue Seitenangabe.
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Die vier Körpersäfte sind im Einzelnen 7 :
1.) Das Blut, die sanguinische Flüssigkeit, die analog zur Luft als heiß und feucht verstanden wur de. Das Blut bildete laut der elisabethanischen Säftelehre den Hauptteil der Ernährung.
2.) Die gelbe Galle, die wie das Feuer als heiß und trocken bezeichnet wurde. Gelbe Galle ist die cholerische Flüssigkeit.
3.) Der Schleim, der analog zum Wasser kalt und feucht ist, ist die phlegmatische Flüssigkeit.
4.) Die schwarze Galle ist die melancholische Flüssigkeit. Sie ist kalt und trocken und ihr ‚Geschmack’ wurde ähnlich dem der Erde als ‚recht scharf’ beschrieben. Falls das Verhältnis dieser Körpersäfte untereinander ausgeglichen ist, so lebt der Mensch in Harmonie und Zufriedenheit. Dies ist zwar der Idealzustand, kommt aber äußerst selten vor. Häufiger ist es, dass eine Flüssigkeit in stärkerem Maße, als die anderen im Menschen vorhanden ist. Wenn das der Fall ist, dann nimmt dieser Mensch auch die Eigenschaften an, die den jeweiligen Körpersäften zugesprochen werden. Wenn ein Mensch einen Überfluss an schwarzer Galle hat, so neigen diese Menschen im elisabethanischen Verständnis laut De la Primaudaye eher zu Traurigkeit, Unzufriedenheit, Misstrauen, Geistreichtum und Aufsässigkeit als andere 8 . Timothy Bright fügt hinzu, dass „…ein Gefühl des Zweifels über alle Überlegungen…“ 9 und „…die Heftigkeit ihrer [der Melancholiker – Anm. d. Verf.] Neigungen, welche sie mit all ihren Fähigkeiten in die Tiefen dessen trägt, was sie mit Freude und Genugtuung fasziniert.“ 10 die Melancholiker kennzeichnen.
Diese Feststellung ist für die Betrachtungen des ‚Hamlet’ enorm wichtig, da er selbst von gewaltigen Stimmungsschwankungen betroffen ist und über ein unausgeglichenes Temperament verfügt. Dieser emotional labile Charakterzug ist ein wichtiger Teil des elisabethanischen Erklärungsmodells für eine melancholische Verfassung. Ein solches Schwanken zwischen zwei Extremen wird in der heutigen Psychologie als manisch-
7 Vgl. Primaudaye: L’Académie, 1577.
8 Vgl. ebd. 1577.
9 Bright, Timothy: „A Treatise of Melancoly.“ London 1586. In: Rudnik, Hans H. (Hg.): „William Shakespeare; Hamlet – Erläuterungen und Dokumente.“ Phillip Reclam Verlag. Stuttgart 1972. S.145, dort ohne genaue Seitenangabe.
10 Ebd., S.145f.
Arbeit zitieren:
Marco Kerlein, 2004, Hamlets Melancholie, München, GRIN Verlag GmbH
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