2
Inhaltsverzeichnis
01. Einleitung 3
02. Traum von der Flucht mit Rodolphe S. 4 - 6
03. Der „style indirect libre“ - die erlebte Rede 5
04. Reisevorbereitungen und die Bedeutung Lheureuxs S. 7 - 9
05. Die Abwesenheit des Erzählers 8
06. Der Abschiedsbrief und Emmas Reaktion S. 10 - 11
07. Emma - eine Feministin? 12
08. Schlussbetrachtung 13
09. Bibliographie S 14
3
01. Einleitung
Emma Bovary - das Opfer einer von Männern dominierten Gesellschaft oder das Opfer ihrer realitätsfernen Träume? Zwei sehr unterschiedliche Theorien, die sich meiner Ansicht nach jedoch nicht ausschließen müssen. Emmas Traum von der Flucht mit Rodolphe in eine in ihrer Vorstellung sorgenfreie und unbeschwerte Welt liefert Interpretationsmöglichkeiten für beide Theorien.
Er ist nur ein Beispiel ihrer unzähligen Illusionen und doch verdeutlicht er die Verwechslung von Realität und Traum und zeigt ebenfalls Emmas Naivität auf, mit der sie zum wiederholten Mal auf einen Mann hereinfällt, weil sie diesen nicht einschätzen kann. Weiterhin steht dieser Fluchtplan für Emmas Wunsch, aus ihrer Situation zu flüchten. Im engeren Sinn, vor Charles zu flüchten, im weiteren Sinn aus ihrer Situation als Frau mit einer in der damaligen Zeit eingeschränkten Freiheit zu entkommen. Man kann also sagen, dass Emma versucht, auf ihre eigene Weise gegen die von Männern dominierte Gesellschaft zu kämpfen. Kann man sie deshalb als Feministin betrachten? Als Emma mit der Realität konfrontiert wir und erfährt, dass sie von Rodolphe ausgenutzt wurde, bricht ihre Illusion wieder einmal zusammen und erste konkrete Anzeichen eines Selbstmordes deuten sich an.
Im Zusammenhang mit der Flucht und der daraus resultierenden Enttäuschung Emmas stehen auch andere Personen, wie zum Beispiel Lheureux oder Felicité. Welche Rolle spielen sie für das unabwendbare Schicksal der Mme Bovary? Beide profitieren ebenfalls wie Charles und auch Rodolphe auf ihre Weise von Emma, ohne dass sie sich dessen bewusst ist. Also wird Emma zwar hauptsächlich, aber nicht ausschließlich von Männern ausgenutzt.
Welche Bedeutung hat diese erneute Desillusionierung für den weiteren Verlauf des Romangeschehens und wäre Emma mit Rodolphe letztendlich glücklich geworden? Kann eine Frau wie Emma Bovary, die ihre ganze Jugend in romantischen Illusionen verbracht hat überhaupt glücklich und zufrieden werden?
Solche und andere Fragen sollen in dieser Hausarbeit beantwortet werden. Hauptsächlich habe ich für die Interpretation folgende Stellen aus Mme Bovary - Textes et Contextes ausgewählt: S. 472, Z. 8 - S. 494, Z. 15 S. 502, Z. 20 - S. 508, Z. 34
Allerdings ist es für das vollständige Verständnis notwendig, sich auch auf andere Stellen zu beziehen, um bestimmte Thesen belegen zu können.
4
02. Traum von der Flucht
Emma glaubt, in Rodolphe endlich jemanden gefunden zu haben, der sie aus ihrer Situation befreien kann und sie setzt so alle ihrer Hoffnungen in ihn. Sie fleht ihn an, sie zu retten. Sie so in Leidenschaft zu sehen, ist anziehend für Rodolphe, so dass er sie fragt, wie er ihr denn helfen kann. “Enlève-moi!...“ (p.472, l.16) antwortet sie ihm. Die Bitte, sie zu „entführen“ beruht mit Sicherheit auf ihrer Lektüre, die sie im Kloster gelesen hat, und ist Teil ihrer romantischen Ideen geworden. Rodolphe reagiert irritiert, er hat ganz und gar nicht die Absicht, sich an eine Frau und ein Kind zu binden. Doch Emma erwartet gar nicht erst seine Antwort, da sie bereits so vertieft in ihren Traum ist, dass sie nicht einmal in Erwägung zieht, Rodolphe könnte ihren Wunsch nicht teilen. Emma versteift sich dermaßen in diesen Fluchtplan, dass sie kein anderes Gesprächsthema mehr finden kann und drängt Rodolphe so in eine Ecke. Er geht den Weg des geringsten Widerstandes und sagt Emma immer genau das, was sie hören möchte.
Es ist geschickt von Flaubert, einen kühlen, skrupellosen Rodolphe jene gefühlvolle Worte heucheln zu lassen, die sich Emma von ihrem idealen Liebhaber erträumt hat und damit gleichzeitig ihre Verblendung und Einfältigkeit aufzudecken.
Es wird deutlich, wie sehr sie diese Flucht idealisiert. „Il me semble qu’au moment où je sentirai la voiture s’élancer, ce sera comme si nous montions en ballon, comme si nous partions vers les nuages.“(p. 472, l. 38-40)
Die Zeit der Vorbereitungen ist für Emma merklich eine Zeit des Glücks. Sie befindet sich in ihrer eigenen kleinen Welt ohne auf Reaktionen, Gefühle und Gedanken der tatsächlich um sie herum existierenden Personen zu achten. Aufgrund dieses Glücks, das Emma erlebt, wird sie ausgeglichener, umgänglicher und entfaltet eine natürliche Schönheit, welche von Flaubert aus der Sicht Charles beschrieben wird. „Ses paupières semblaient taillées tout exprès pour ses longs regards amoureux où la prunelle se perdait, tandisqu’un souffle fort écartait ses narines minces et relevait le coin charnu de ses lèvres[...]“ (p. 474, l.7-11) Diese Erzähltechnik, eine Person aus Sicht einer zweiten zu beschreiben ist bei Flaubert sehr beliebt, da er sich als Erzähler aus der Geschichte heraushalten kann und so den Eindruck vermittelt, eine andere Person aus dem Roman beschreiben zu lassen. Der Vorteil ist außerdem, dass durch diese Technik nicht nur eine bestimmte Person beschrieben wird, sondern der Leser auch etwas über die Einstellung und Gefühle der beschreibenden Person erfährt. Indem also Charles Emma in einer so positiven, liebenswerten Art beschreibt, weiß der Leser gleichzeitig um die Wirkung, die sie auf ihn
5
hat. Flaubert ordnet mit dieser Technik, die objektiven Werte einer Beschreibung den subjektiven unter.
Charles ist verliebter denn je in Emma, doch während sie im Bett liegen, natürlich beide völlig gegensätzlichen Gedanken nachgehend, denkt er über die Sicherung der Zukunft seiner Tochter nach und sie, Schlaf vortäuschend, um ihre Ruhe zu haben, verliert sich wieder in ihre Träume. Charles stellt sich seine Tochter Berthe schon im Alter von 15 Jahren vor, wie sie ihrer Mutter gleicht und diese Betrachtungen kann man auch als einen Traum von Charles ansehen. Er sieht sie in Gedanken als ein Abbild Emma, welche sich aber um ihn sorgt und kümmert. „Il se la figurait travaillant le soir auprès d’eux, sous la lumière de la lampe; elle lui broderait des pantoufles; elle s’occuperait du ménage; elle emplirait toute la maison de sa gentillesse et de sa gaieté.“ (p.478f, l.41ff) Diese Bild steht im völligen Gegensatz zu Emma, die ständig genervt und schlecht gelaunt, den Haushalt und ihren Mann vernachlässigend, nur ihren eigenen Interessen nachgeht.
03. Der „style indirect libre“ - die erlebte Rede
Dass in dem Roman so wenig Dialoge vorkommen, liegt auch an der Tatsache, dass Flaubert oft den „style indirect libre“, sie sogenannte erlebte Rede verwendet. Diese erlebte Rede vermittelt den Eindruck einer direkten Rede und gleichzeitig die Untergeordnetheit der indirekten Rede. Die Überlegungen Charles über seine Tochter sind im „style indirect libre“ geschrieben. „Elle allait grandir maintenant; chaque saison, vite, amènerait un progrès...“(p.474, l. 26ff) Diese Form der Wiedergabe von meist gedachter, seltener auch gesprochener Rede besteht darin, dass jede Kennzeichnung des Übergangs vom erzählenden Text zur Wiedergabe der Rede oder der Gedanken entfällt. Man verzichtet hier auf die überleitenden Wendungen wie zum Beispiel „er sagte“, weil in diesen Einschüben die waltende und ordnende Hand des Autors sichtbar und damit zugleich die beabsichtigte Illusion größtmöglicher Objektivität beeinträchtigt wird.
Auffällig bei Emmas Traum ist, dass sie in ihrem Traum nie den Namen Rodolphe erwähnt. Statt „Rodolphe l’emportait“ gebraucht Flaubert das Passiv „elle était emportée[...]“ womit er deutlich machen möchte, dass es Emma unwichtig ist, wer sie wegbringt, sondern für sie nur zählt, dass sie weggebracht wird. Dies beweist zum wiederholten Mal, dass Emma auf der Suche nach Liebe und Romantik ist, und nicht nach
Arbeit zitieren:
Vanessa Schweppe, 2001, Madame Bovary - Emmas Traum von der Flucht mit Rodolphe als ein Beispiel ihrer Realitätsferne und Naivität, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Interpretation der Textstelle S.52, Z.14 bis S.58, Z.9 in Flauberts ...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit, 14 Seiten
Die Gefahr des Lesens. Die Lektüre der Emma Bovary
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 14 Seiten
Das Pressesystem in Frankreich im Vergleich zu Deutschland
Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein
Seminararbeit, 14 Seiten
Ein Vergleich am Beispiel des ...
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
'Eine Kunst für die Kunst schaffen' Ästhetik als höchstes Gebo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 12 Seiten
Der Dandy bei d'Aurevilly und Baudelaire
Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit, 30 Seiten
Les jeux sont faits von Jean Paul Sartre
Romanistik - Französisch - Literatur
Rezension / Literaturbericht, 9 Seiten
Ein Vergleich unterschiedlicher Beziehungsmodelle in Lev Tolstojs &quo...
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Gustave Flauberts "Madame Bovary" und das Erbe der Romantik
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Zur Darstellung und Rolle von Ehe und Familie in Tolstojs Roman „Anna ...
Hausarbeit, 18 Seiten
How Flaubert's "Madame Bovary" transports us into an ima...
Seminararbeit, 24 Seiten
Der Einfluss der Popmusik auf die Gesellschaft aus Sicht der Kritische...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Seminararbeit, 17 Seiten
Theodor Fontane: Motive des 29. Kapitels im Stechlin und deren Bedeutu...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Vanessa Schweppe's Text Madame Bovary - Emmas Traum von der Flucht mit Rodolphe als ein Beispiel ihrer Realitätsferne und Naivität ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Vanessa Schweppe hat den Text Madame Bovary - Emmas Traum von der Flucht mit Rodolphe als ein Beispiel ihrer Realitätsferne und Naivität veröffentlicht
Vanessa Schweppe hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare