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1. Die drei „großen“ Hypothesen des Zweitspracherwerbs
Die Vorstellung, einen komplexen Gegenstand durch ein regelgeleitetes, klar strukturiertes und funktionierendes Gesetzessystem erklären zu können, ist verführerisch und daher oft vorzufinden. Ein aus der aktuellen Diskussion bekanntes Beispiel dafür ist der Vergleich des Gehirns mit dem Computer und seinen Verarbeitungsprozessen, die die eines Menschen nachahmen sollen. Wie die verschiedenen Funktionen des Gehirns in dem einen einzelnen Organ miteinander verbunden sind, wurde in einer längst überholten Theorie wie folgt erklärt: Die verschiedenen Wissensbereiche wurden den unterschiedlichen Gehirnteilen zugeordnet. Solche Thesen zeichnen sich durch Oberflächlichkeit aus und sind daher von vornherein mit Fehlern behaftet.
Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Versuche, die Arbeitsweise des Gehirns zu analysieren, aufgegeben werden sollen. Das Interesse daran, das Phänomen „Mensch“ zu erklären, treibt im weitesten Sinne die Wissenschaft voran. Es ist auch der Grund, weshalb immer neue Theorien entstehen, die aber, und dieser Gedanke ist hier das Entscheidende, nur eine ansatzweise zutreffende Erklärung für das Funktionieren eines Menschen darstellen. Bei Themen, bei denen der Mensch im Zentrum der Aufmerksamkeit, praktisch das Untersuchungsobjekt ist, darf nicht aus dem Blickwinkel verloren gehen, dass keine 100%ig zutreffende Gesetze aufgestellt werden können, dass keine Regelmäßigkeiten zeitlos gültig sind und kein Bereich des „Untersuchungsobjektes“ Mensch endgültig beleuchtet wurde. Kurzum, nicht eine Regel sondern eine Vielfalt dieser ist die Antwort auf die Frage, warum funktioniert der Mensch so und nicht anders.
Die, man möchte sagen, oberflächliche Denkweise ist nicht nur an dem oben dargestellten aktuellen Thema „Vergleichbarkeit des Gehirns mit einem Computer“, sondern auch in den Theorien des Spracherwerbs anzutreffen. Von den Vertretern der Hypothesen zum Spracherwerb w äre gerne erwünscht, dass diese Hypothesen eine Erklärung des Spracherwerbs (hier zum Spracherwerb einer Zweitsprache) liefern. Die bekanntesten drei
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„großen“ Hypothesen sind die Kontrastivhypothese, die Identitätshypothese und die Interlanguage - Hypothese. Die ersten zwei stellen Gegensätze dar, die dritte versucht, einen Mittelweg einzuschlagen.
Die Identitätshypothese in ihrer radikalsten Form besagt, dass es für den Zweitspracherwerbsprozess keine Rolle spielt, ob bereits eine Sprache gelernt wurde oder nicht (vgl. Klein, 1984). Es exi stieren gleiche Gesetzmäßigkeiten, denen der Erst(Mutter-) spracherwerb wie auch der Zweitspracherwerb unterliege. Als Vertreter dieser Hypothese lassen sich solche Namen nennen, wie Dulay und Burt (1980), Jakobovits (1970) oder Wode (1974) (vgl. Klein 1984). Die Identitätshypothese wird außerdem vom Chomsky unterstützt, wobei er als Verifizierungsnachweis der Hypothese den B egriff der „Universalgrammatik“ einführt. Die Universalgrammatik wird als eine Art angeborenes Werkzeug zum Sprachenlernen jedem Kind von Geburt an durch die Natur mitgegeben. Beim Erwerb von Sprachen verursachen „angeborene mentale Prozesse“ eine gleiche Abfolge des Erwerbs von zweitsprachlichen Regeln und Elementen, wie bei der Erstsprache. Hierbei werden die Entwicklungssequenzen durch die Struktur der Zwei tsprache und die Fehler ebenfalls durch diese und nicht durch die Erstsprache bestimmt, schlussfolgernd spielt „grundsprachlicher Transfer“ keine wesentliche Rolle (vgl. Bausch, 1979).
Im Gegensatz dazu besagt die Kontrastivhypothese, dass die Erstsprache das Erlernen einer weiteren Sprache auf folgende At und Weise beeinflusst: D ie „in Grund- und Zweitsprache identische[n] Elemente und Regeln [sind] leicht und fehlerfrei zu erlernen […], unterschiedliche Elemente und Regeln [bereiten] dagegen Lernschwierigkeiten und [führen] zu Fehlern […].“ (Bausch, 1979) Diese Beziehung der beiden Sprachen basiert auf dem Transfer, wobei es beim positiven Transfer das sprachliche Resultat des Lernprozesses mit den zweitsprachigen Regeln und Normen übereinstimmt und beim negativen Transfer (Interferenz) zweitsprachlich fehlerhafte Äußerungen entstehen. Die Interlanguage - Hypothese stellt eine differenziertere Sichtweise auf den Zweitsprachenerwerbsprozess dar als die der ersten zwei. Die Grundüberlegung hierfür ist, dass in jeder Form des Spracherwerbs der Lerner mit den Mitteln operieren muss, die er zu einem gegebenen Zeitpunkt zur Verfügung hat. Diese Mittel bilden sein jeweiliges Ausdruckssystem, seine Lernervarietät. Nach Selinger (1972) werden diese Sprachvarietäten „Interlanguage“ genannt (vgl. Klein, 1984). „Beim Erwerb einer Sprache bildet der Lerner ein spezifisches Sprachsystem (Interlanguage) heraus, das Züge von Grund- und Zweitsprache sowie eigenständige, von Grund- und Zweitsprache unabhängige sprachliche M erkmale 3 von 23
aufweist. Das Zusammenwirken verschiedener lernspezifischer Prozesse, Strategien und Regeln bestimmt die Dynamik der Interlanguage, die als variabel und systematisch zugleich charakterisiert werden kann.“ (Bausch, 1979) Somit wird unter dem Lernprozess, im Gegensatz zu der Ansicht der beiden anderen Hypothesen, ein kreativer Konstruktionsprozess verstanden, womit die lerntheoretische Grundlage der früheren Hypothesen Behaviorismus durch Konstruktivismus „abgelöst“ wird.
Schon die Tatsache, dass jede dieser verschiedenen Hypothesen neben den zutreffenden Fakten über den Erwerbsprozess einer Sprache auch Schwachpunkte und somit weiteren Erklärungsbedarf liefert, dem von anderen Hypothesen nachgegangen wird, zeigt auf, dass der Status „Hypothese“ nicht umsonst diesen Erklärungsversuchen zuteilt wird und keine Theorie auf ihrer Grundlage aufgestellt werden kann. Der Grundsatz dieser Arbeit soll heißen, dass dort, wo es sich um einen Menschen handelt, von vornherein eine differenziertere Ansicht angestrebt werden soll, die sich hauptsächlich durch ihre Komplexität und Interdependenz verschiedener Faktoren auszeic hnet. In der vorliegenden Arbeit wird angestrebt, die Fülle der verschiedenen den Zweitsprachenerwerb beeinflussenden Faktoren darzustellen, die Nachteile von einseitig ausgerichteten Hypothesen, wie die oben erwähnten, aufzeigen soll.
2. Einflussfaktoren auf den Lernprozess
Es lassen sich unzählige Arbeiten zu dem Themenkomplex „Einflussfaktoren auf den Zweitspracherwerb“ finden, viele Autoren zeigen so ihr Interesse für dieses Thema (vgl. Apeltauer, 2001; Bausch, 1979; Edmonton, 1993; Huneke, Steinig, 1997; Klein, 1984; Rösler, 1994; Westhoff, 2001). Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Entwicklung von Theorien zum Zweitsprachenlernen ist eine der wichtigsten Aufgaben der Sprachlernforschung. Diese Theorien dienen ihrerseits als Grundlage für didaktische Empfehlungen zum Sprachunterricht, die zudem noch empirisch begründet sein sollten. Nur wenn die zahlreichen Faktoren, die im Prozess des Erwerbs einer Zweitsprache eine Rolle spielen, zumindest ansatzweise bekannt sind, können begründete Vorschläge für den Zweitsprachenunterricht gemacht werden, die diesen Einflussfaktoren gerecht werden. Der gröbste Fehler, was man dabei begehen kann, ist die Einflussfaktoren auf den Lernprozess bei der Didaktik des Unterrichts zu ignorieren.
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Von einer Auffassung zu anderer lassen sich unterschiedliche Benennungen von den wichtigen Einflussgrößen auffinden. Bei einigen Arbeiten lassen sich eher personenbezogene Faktoren ausmachen, bei anderen wiederum werden Faktoren des Unterrichts und Lehr- und Lernumgebungsfaktoren an erster Stelle genannt. Im Folgenden sollen zunächst als Beispiel für eine Auflistung der Einflussfaktoren zwei Arbeiten dargestellt werden. In dem Band „Deutsch als Fremdsprache. Eine Einführung“ (1997) geben die Autoren, Huneke, Hans -Werner und Steinig, Wolfgang, einen guten Überblick über die Einflussfaktoren, die ihrer Meinung nach die wesentliche Rolle beim Zweitspracherwerb spielen. Wolfgang Klein stellt den Zweitspracherwerbsprozess an einem Beispiel, einem „globalen Bild“ wie er das nennt, dar. Wie das ausgewählte Beispiel zeigt, wird in der Darstellung der außerschulische Erwerbsprozess gewählt, wobei sich die bei Klein aufgelisteten Faktoren auch problemlos auf den schulischen Unterricht übertragen ließen.
Um im Voraus definitorische Unkl arheiten zu verhindern, soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass erstens der hier angesprochene Unterschied zwischen dem „Lern-“ und dem „Erwerbsprozess“ einer Zweitsprache außer Acht gelassen wird, denn hinsichtlich des „Ortes des Lernens“ lassen sich die Einflussfaktoren als überdimensionale Größe definieren oder, anders ausgedruckt, spielen diese eine entscheidende Rolle, unabhängig davon ob es sich um ein Lern- oder ein Erwerbsprozess handelt. Zweitens soll der Begriff „Zweitsprache“ nicht wörtlich verstanden werden. Bei einer Zweitsprache kann es sich ebenfalls um eine Drittsprache handeln, oder auch um eine Sprache, die sowohl in dem Land der Kommunikationsgemeinschaft als auch in einem anderen Land erworben bzw. erlernt wird.
Nachdem auf die zwei Auffassungen von den wichtigsten Einflussfaktoren des Zweitspracherwerbs eingegangen wird, soll ein Versuch gestartet werden, eine umfangreichere Auflistung verschiedener Faktoren aufzustellen, die sich aus mehreren Quellen zusammensetzt.
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2.1. Zwei Beispiele zu den Einflussfaktoren
nach Huneke, Steinig (1997)
In dem Einführungsbuch von Huneke und Steinig finden sich folgende Einflussfaktoren:
o Alter
o Muttersprachliche Sozialisation
o Begabung für die Fremdsprachen
o Motivation und Einstellung zu Fremdsprachen
o Persönliche Eigenschaften
o Lernstil und Lernstrategien
nach Klein (1984)
In dem Werk von Klein „Zweitspracherwerb. Eine Einführung“ werden ebenfalls 6 Faktoren, die einen Einfluss auf den Zweitspracherwerb haben, genannt und erläutert.
o Antrieb
o Sprachlernfähigkeit
o Zugang
o Struktur des Verlaufs
o Tempo
o Endzustand
Es fällt in erster Linie auf, dass bei beiden Autoren übereinstimmende Faktoren mit unterschiedlichen Bezeichnungen aufgeführt werden u. z. Motivation (Antrieb) und Sprachlernfähigkeit (Begabung für die Fremdsprachen). Des Weiteren lässt sich sagen, dass es sich beim Vorschlag von Huneke und Steinig hauptsächlich um die subjektbezogenen Faktoren handelt, also Faktoren, die von der Persönlichkeit und Lernerfahrungen des Lerners abhängig sind. Geht man von einem „schulischen Unterricht“ aus und nimmt die Faktoren, die durch diese Lernform bzw. diesen Lernort bestimmt werden, ist auch die Ausrichtung auf den Lerner und seine Persönlichkeit begründet. Bei der Auffassung nach Klein steht im Zentrum 6 von 23
Arbeit zitieren:
Natalia Schlichter, 2005, Mängel der drei Hypothesen des Zweitspracherwerbs und die so genannte Faktorenkomplexion, München, GRIN Verlag GmbH
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