1. Einleitung
L. Annaeus Seneca wurde in der Zeit um Christi Geburt wahrscheinlich in Corduba geboren. Er war der Sohn eines Rhetors und entstammte einer Ritterfamilie aus der Provinz Baetica. 1 Seine standesgemäße rhetorische Ausbildung und das Studium der Philosophie absolvierte er in Rom. 2 Nach seinem Studium gelang es Seneca zum bedeutendsten und vielseitigsten Philosophen, Poet, Pädagogen und Politiker der neronischen Epoche zu werden. Er ist ein Beispiel dafür, dass sich seit der Republik die Literatur und die Politik angenähert hatten. 3 In seiner politischen Laufbahn erlebte er alle Höhen und Tiefen. Als Quästor wurde er unter Kaiser Claudius nach Korsika verbannt und wieder zurückberufen. Später erlangte er die Prätur und wurde der Erzieher des jungen Kaisers Nero. Im Jahre 56 n. Chr. erreichte er das Suffektkonsulat. In dieser und der nachfolgenden Zeit vermehrte sich das Vermögen Senecas beträchtlich, bis es 400 Millionen Sesterzen umfasste und er zu den reichsten Männern seiner Zeit gehörte. 4 Nach dem Tod von Burrus (62) verlor Seneca seine Macht und zog sich ins Privatleben zurück, 5 bevor er der Teilhabe an der „Pisonischen Verschwörung beschuldigt und von Nero zum Selbstmord gezwungen wurde. 6 Als Autor und Philosoph verfasste er dichterische und philosophische Schriften. Zu letzteren gehören die „Briefe über die Ethik an Lucilius“ (Epistulae morales ad Lucilium). 7 In diesen Episteln nimmt Seneca zu den Erscheinungen und Problemen seiner Zeit sowie seiner Umwelt Stellung und übt Kritik an allerlei Verhaltensweisen seiner Zeitgenossen. Zudem bringt er in seinen 1 Deger-Jalkotzy, S., Annaeus S., in: DNP (=Der Neue Pauly, Lexikon) 411-419, 411. 2 Sen., epist. 108.
3 Vgl. Mratschek-Halfmann, S., Divites et praepotentes. Reichtum und soziale Stellung in der Literatur der Prinzipatszeit. Historia Einzelschriften 70 (Stuttgart 1993) 15.
4 Mratschek, 307f. (= Prosopographie der Reichen unter dem Prinzipat, Nr. 128). 5 Tac., ann. 14, 52-56; 15, 45.
6 Deger-Jalkotzy, 412.
7 Zum Werk von Seneca siehe Von Albrecht, M., Geschichte der römischen Literatur. Von Andronicus bis Boethius. Mit Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die Neuzeit, 2 (München- New Providence-London-Paris 2 1994) 921-930.
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populärphilosophischen Schriften Probleme zur Sprache, die zeitlos und allgemein menschlich sind.
Einer seiner Kritikpunkte ist die Art der Behandlung der Sklaven. Im 47. Brief seiner Epistulae morales wirft er die Frage nach dem richtigen Verhältnis eines Herrn zu seinen Sklaven auf. Zu diesem Thema äußert er sich darüber hinaus in seinen philosophischen Schriften: „Über die Wohltaten“ (De beneficiis), „Über die Milde“ (De clementia) und „Über den Zorn“ (De ira). Seneca bietet somit eine ausführliche theoretische Auseinandersetzung zu diesem Thema. Dies ist insofern bemerkenswert, da die Sklaven als gesellschaftliche Erscheinung und Besitz für die meisten Römer selbstverständlich waren. Somit waren die Sklaven kaum Gegenstand des Nachdenkens und gehörten demzufolge selten zum Inhalt der Werke antiker Autoren. 8 Bereits einige Jahrhunderte vor Seneca haben sich Philosophen mit der Sklavenfrage auseinandergesetzt. Bei einigen Sophisten (5. Jh. v. Chr.), wie Antiphon und Hippias, findet sich die Feststellung einer Grundlegenden Gleichheit aller Menschen, ungeachtet der rechtlichen und sozialen Unterschiede. 9 Bei den Stoikern (3. Jh. v. Chr.-2. Jh. n. Chr.) war diese Auffassung noch ausgeprägter. Nach ihrem Grundsatz gab es keine Sklaven von Natur aus, da alle Menschen zur Freiheit geborene, vernunftbegabte Wesen waren, die gleichberechtigt an der schöpferischen Urkraft, dem Logos, teilhatten und die gleichen physischen und geistigen Anlagen sowie Triebe besaßen. 10 Ihr Dogma unterschied sich grundlegend von dem des Aristoteles (4. Jh. v. Chr.). Dieser beschreibt in seinem 5. Kapitel des ersten Buches seiner Politik die Sklaverei als eine natürliche Einrichtung. Außerdem erklärt er, dass die Unterlegenheit der Sklaven in ihrem Wesen liegt und sich nicht auf das Recht des Eroberers gründet. Die Stoiker besetzten die Begriffe ‚Sklave‘ und ‘unfrei’ mit neuen, geistigen Inhalten. Diese besagten unter anderem, dass nur derjenige Mensch als Sklave zu bezeichnen war, der sich selbst durch seine innere Einstellung zum Knecht von 8 Vgl. Richter, W., Seneca und die Sklaven, in: Gymnasium 65 (Heidelberg 1958) 196-218, 198. 9 Ricken, F., Philosophie der Antike (Stuttgart-Berlin-Köln 3 2000) 62.
10 Forschner, M., Die stoische Ethik. Über den Zusammenhang von Natur- Sprach- und Moralphilosophie im altstoischen System (Darmstadt 2 1995) 110.
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äußeren Faktoren machte. 11 Diese Lehre vertrat auch Seneca, der ebenfalls Stoiker war.
2. Interpretation
Im Folgenden sollen vornehmlich Inhalte aus Senecas 47. Brief betrachtet werden. Er ist einer von über hundert ethischen Briefen aus den Jahren 62-65 n. Chr., die als „Senecas wohl bedeutendstes Werk“ 12 gelten. Ebenso, wie die anderen Briefe, ist dieser an seinen Freund Lucilius gerichtet und für die Veröffentlichung konzipiert. 13 Da der Brief rhetorisch-stilistisch für die Publikation ausgestaltet ist, weder Orts- noch Zeitangaben besitzt und dem Leser auch ohne Wissen über den Adressaten und Absender verständlich ist, ist er den literarischen Kunstbriefen zuzuordnen.
Senecas tatsächliche Absicht war deshalb nicht die persönliche Mitteilung an seinen Freund, sondern die öffentliche Bekanntmachung seiner Kritik über den Umgang mit Sklaven. 14 Lucilius wurde von Seneca stellvertretend für eine Leserschicht angesprochen, deren Angehörige sich unter anderem besonders durch ihre Bildung und ihr Interesse an der Philosophie auszeichneten. 15 Ihnen wollte Seneca seine Lehre (praecepta) vermitteln, die er mit Hilfe kurzer, prägnanter Sätze und Antithesen eindringlich formulierte. 16 Bereits zu Beginn des Briefes macht Seneca seine Ansicht über den Status der Sklaven deutlich. Der beharrlichen Meinung seines Gegenübers: „Sklaven sind sie.“ (epist. 47, 1) widerspricht Seneca, gemäß seiner philosophischen Erkenntnis, 11 Pohlenz, M., Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung (Göttingen 7 1992) 135f. 12 Zitiert nach: Von Albrecht, 2, 926.
13 Kytzler, Lexikon, 321f.
14 Schiff, V., Die Behandlung der Sklavenfrage an Hand von lateinischen Quellen, in: Altsprachlicher Unterricht XXVI (Stuttgart 1982) 4-24, 15.
15 Fuhrer, T., Seneca. Von der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, in: Erler, M./Graeser, A. (Hrsg.), Philosophen des Altertums. Vom Hellenismus bis zur Spätantike (Darmstadt 2000) 91- 108, 101.
16 Fuhrer, 107.
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mehrmals: „Nein, Menschen. ‚Sklaven sind sie.‘ – Nein, Hausgenossen. ‚Sklaven sind sie.‘ – Nein, Freunde von geringem Rang. ‚Sklaven sind sie.‘ – Nein, Mitsklaven, wenn du bedenkst, ebensoviel steht gegenüber dem einen wie dem anderen frei dem Schicksal.“ (epist. 47,1). Im letzten Satz der Antithesenfolge verweist Seneca auf die grundlegende Gleichheit aller Menschen. Als Ursache dafür gibt er an, dass alle Erdenbewohner, demgemäß Freie und Sklaven, gleichermaßen dem Schicksal (fatum) unterliegen. Deshalb konnte das Schicksal der Sklaverei jeden treffen, sogar Freigeborene, die der Oberschicht angehörten, wie Seneca in seinem Brief mit einem Beispiel aus der Geschichte belegt. 17 Doch nicht nur die Macht des Schicksals, welches unbeeinflussbar war und in das sich der Mensch fügen musste, 18 verband Herren und Sklaven miteinander. Als weitere Argumente für ihre grundsätzliche Gleichheit nennt Seneca ihre gleichen anthropologischen Vorraussetzungen: den gleichen Ursprung, die wesentliche Vorbestimmung ihres Wesen und ihrer Existenz sowie die Endlichkeit ihres Lebens: „(…) der, den du einen Sklaven nennst, ist aus denselben Samen (seminibus) entstanden, erfreut sich desselben Himmels, atmet gleich, lebt gleich, stirbt gleich!“ (epist. 47, 10). Aus dieser Tatsache folgert Seneca: „So kannst du ihn als frei geboren ansehen, wie er dich als Sklaven.“ (epist. 47, 10).
Diesen Standpunkt vertritt Seneca auch im 3. Buch De beneficiis: „(…) alle, wenn man auf den ersten Ursprung zurückgeht, stammen von den Göttern ab. Dieselben Anfänge haben alle Menschen, denselben Ursprung; niemand ist vornehmer als ein anderer, außer, wenn er eine geradere und durch gute Charaktereigenschaften bessere Gesinnung (ingenium) hat.“ (benef. 3, 28, 1). Hier verweist Seneca darauf, dass nicht der Stammbaum eines Menschen über seine Qualitäten entscheidet, sondern sein Charakter.
Im selben Buch erläutert Seneca, dass auch ein Sklave seinem Herrn Wohltaten (beneficiis) erweisen kann, wenn er einen guten Charakter hat. 19 „Es kommt nämlich darauf an, welcher Gesinnung (hier: animus) ein Mensch ist, der eine Wohltat erweist, nicht welchen Standes.“ (benef. 3, 18, 2). Nach Senecas Erklärung war es die Seele des Sklaven, die ermöglichte, dass er nicht nur gehorcht, sondern zudem seinem Herrn aus eigenem Willen einen Dienst erweisen 17 Sen., epist. 47, 10-12, vgl. benef. 3, 22, 4.
18 Vgl. Sen., de ira 3, 16.
19 Sen., benef. 3, 18, 4.
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Ivonne Schrobenhauser, 2004, Senecas Ansichten über die Beziehung zwischen Herren und Sklaven in seinen Schriften: Epistulae morales (47), De beneficiis, De clementia, De ira, München, GRIN Verlag GmbH
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