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Hauptseminararbeit, 2003, 23 Seiten
Autor: Silke Nufer
Fach: Romanistik - Vergleichende Romanistik
Details
Institution/Hochschule: Universität zu Köln (Romanisches Seminar Köln)
Tags: Charakteristika, Vulgärlatein, Kontext, Vulgärlatein, Romanischen
Jahr: 2003
Seiten: 23
Note: 2,3
Literaturverzeichnis: ~ 11 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-35748-7
Dateigröße: 279 KB
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Textauszug (computergeneriert)
Die Charakteristika von Vulgärlatein in definitorischem,
sprachtheoretischem und historischem Kontext
von: Silke Nufer
1. EINLEITUNG 5
2. ZUR BEGRIFFLICHKEIT DES „VULGÄRLATEIN“ 6
2.1. Ausgangspunkt: Abweichungen vom klassischen Latein 6
2.2. Sich ändernde Auffassungen in linguistischer Theorie und Methodologie 7
2.2.1. Vulgärlatein als „verderbte“ Form des klassischen Lateins 7
2.2.2. Klassisches vs. zeitlich und sozial unterschiedenes Vulgärlatein 8
2.2.3. Latein als System von Isoglossen 8
3. MÜNDLICHKEIT UND SCHRIFTLICHKEIT IN SPRACHTHEORETISCHER SICHT 9
3.1. Konzeption und Medium 9
3.2. Parameter konzeptioneller Schriftlichkeit/Mündlichkeit 10
3.3. Sprache der Distanz und Sprache der Nähe 10
3.4. Konzeptionelle Mündlichkeit in schriftlichen Quellen 11
3.4.1. Texte mit konzeptueller Mündlichkeit 11
3.4.2. Texte von wenig gebildeten Autoren in einer Diglossie-Situation 11
3.4.3. Bewusst informelle, umgangssprachlich gehaltene Texte 12
3.4.4. An die linguistische Kompetenz der Rezipienten angepasste Texte 12
3.4.5. Eklektizistische Mündlichkeit als Stilmittel 13
4. DIE FRAGE NACH DER EINHEITLICHKEIT DES VULGÄRLATEINS 13
4.1. Chronologische Faktoren 13
4.1.1. Die chronologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Kolonisierungen 14
4.1.2. Das zeitlose System der rekonstruierten Formen 14
4.1.3. Konservation und Innovation von Sprache 14
4.2. Diatopische Faktoren: die dialektalen und regionalen Unterschiede in Italien 15
4.3. diastratisch-soziokulturelle Faktoren: Die besondere Form des sich außerhalb Italiens durchsetzenden Lateins 16
4.4. Diaphasische Faktoren: Die Uneinheitlichkeit des literarischen Lateins 16
4.5. Die Subsysteme des Vulgärlateins 17
5. DIE HISTORISCH/POLITISCH BEDINGTE BILDUNG VON SPRACHGRENZEN 18
5.1. Die Dezentralisierung des Römischen Reiches 19
5.2. Gebietsverluste und Druck auf die Grenzen 19
5.3. Der Einfluss der Germanen 20
6. DIE ENTWICKLUNG DES VULGÄRLATEINS ZU DEN ROMANISCHEN SCHRIFTSPRACHEN 20
6.1. Die Situation der Diglossie 20
6.2. Die Aufhebung der Diglossie als Entstehungsgrund der romanischen Schriftsprachen 21
6.2.1. Äußere Faktoren 21
6.2.2. Innere Faktoren 21
6.2.3. Das Bedürfnis der schriftlichen Fixierung von Gesprochenem 22
7. ENDBEMERKUNG 22
1. Einleitung
Wenn die in heutiger Form existierenden romanischen Sprachen miteinander verglichen werden, bemerkt man viele Ähnlichkeiten. Hierbei wirft sich die Frage auf, worauf diese Ähnlichkeiten zurückzuführen sind. Bekanntlich liegen die Wurzeln der heutigen romanischen Sprachen im Lateinische n. Die uns heute noch erhaltenen lateinischen Quellen von bekannten Autoren belegen jedoch, dass das klassische Latein, in welchem die Intellektuellen der Antike ihre Schriften verfassten, stark von den oben genannten modernen romanischen Sprachen abweicht. Auch erklärt das klassische Latein in keiner Weise die heutigen bestehenden Unterschiede zwischen den romanischen Sprachen. Es wurden aber neben den klassischen Schriften weitere Quellen gefunden, welche ein anderes Latein dokumentieren – ein Latein, in welchem mündliche, d.h. der Umgangssprache entnommene Elemente festgehalten wurden. Diese Form des Lateins wird als Vulgärlatein bezeichnet, welches als die Grundlage der Entwicklung hin zu allen romanischen Sprachen angesehen wird. Viele Romanisten heben hervor, dass die Bezeichnung „Vulgärlatein“ kein glücklich gewählter Terminus sei. Trotzdem hat sich diese Bezeichnung in der romanischen Sprachwissenschaft durchgesetzt. Dass man Anstoß an diesem Terminus nimmt, liegt im Element „Vulgär-“, welcher fälschlicherweise mit einer soziokulturellen oder stilistischen Zuordnung dieser bestimmten Varietät des Lateins in Verbindung gebracht wurde. Vulgärlatein wurde als das Latein der unteren Volksschichten, als die Sprache des Pöbels verstanden. Linguisten, die solche terminologischen Schwierigkeiten vermeiden wollen, verwenden Termini wie „sogenanntes Vulgärlatein“ (Coseriu), „Verkehrslatein“, „Umgangslatein“ (Reichenkron), „Sprechlatein“ oder „Spontansprache“ (Lüdtke).l Der Einfachheit halber wird in dieser Arbeit jedoch der Begriff „Vulgärlatein“ verwendet, jedoch nicht ohne das Bewusstsein, wie vielschichtig sich dieser Terminus gestaltet.
Zunächst soll ein Überblick über die verschiedenen Definitionen und Theorien bezüglich des Charakters des Vulgärlatein gegeben werden. Hierzu werden die Konzepte bedeutender Romanisten kurz angerissen. Detaillierter wird auf den Ansatz des Strukturalisten Coseriu bezüglich regionaler, soziokultureller, stilistischer und chronologischer Differenzierungen des Vulgärlatein eingegangen. Eine weitere wichtige Komponente zur Entstehung der romanischen Schriftsprachen findet sich in der Geschichte des Römischen Reiches und dessen letztendlichem Untergang, sowie in diversen Einflüssen nichtrömischer Völker. Politische, historische und kulturelle Begebenheiten trugen bedeutend zur Bildung von Sprachgrenzen und somit zur Entstehung der romanischen Sprachen bei. Aufgrund der Prämisse, dass das Vulgärlatein zunächst volkstümlichen, umgangssprachlichen und mündlichen Charakter hat, ist es notwendig, sich mit der Frage von konzeptioneller Schriftlichkeit und Mündlichkeit zu befassen. Als letztes wird darauf eingegangen, durch welche Faktoren sich das Vulgärlatein zu den heute existierenden romanischen Schriftsprachen hin entwickelt hat. Die Sprachsituation der Diglossie und deren letztendliche Aufhebung waren in diesem Prozess entscheidend.
2. Zur Begrifflichkeit des „Vulgärlatein“
2.1. Ausgangspunkt: Abweichungen vom klassischen Latein
Im vergangenen Jahrhundert wurde davon ausgegangen, dass der Ursprung aller romanischen Sprachen im Vulgärlatein, bzw. Volkslatein läge. Sie stellten die Sprache des Volkes (Volkslatein) der Sprache der gebildeten Schichten gegenüber (literarisches Latein). Solch eine Unterscheidung wurde getroffen, weil viele Wörter, die offensichtlich lateinisch sind und in allen romanischen Sprachen vorkommen im klassischen Latein fehlen. Verschiedene Abweichungen klassischer Autoren vom literarischen Latein hin zu einem familiären (sermo cotidianus) oder volkstümlichen (sermo plebeius, sermo vulgaris) oder zu einem dialektalen, regionalem Latein (sermo rusticus) waren ein weiterer Grund zur Annahme, es hier mit unterschiedlichen Formen von Latein zu tun zu haben. 1 So konnten beispielsweise nichtklassische Wörter und Formen bei vorklassischen Schriftstellern wie Plautus aufgefunden werden. Auch auf Inschriften, in verschiedenen Schriften volkstümlichen Charakters und in weniger sorgfältig abgefassten Schriften (Privatbriefen) klassischer Autoren (z.B. Cicero) tauchten nichtklassische Formen auf. 2
2.2. Sich ändernde Auffassungen in linguistischer Theorie und Methodologie
Der Vorwurf Coserius an die Romanistik ist, dass diese dazu tendiere, das „Volkstümliche“ als das „eigentliche Latein“, das Latein im Ganzen, das Latein ohne nähere Bestimmung zu sehen. Diesem Latein würde sodann eine ‚gekünstelte’ Hochsprache entgegengestellt. Demnach würden alle romanischen Sprachen von diesem individuellen, volkstümlichen Latein abstammen, welches gegenüber dem klassischen Latein eine eigene Identität aufweise. Das Problem liegt laut Coseriu darin, dass das Vulgärlatein als eine andere, als eine mehr oder weniger homogene und einheitliche Sprache verstanden wurde, von der man glaubte, dass sie in den verschiedenen Provinzen des Imperiums fast identisch gesprochen wurde. Folglich dachte man sich, dass die romanischen Sprachen sich auf diese einheitlichen Formen zurückführen lassen würden. Coseriu sieht den Grund zu dieser Annahme in der damaligen linguistischen Epoche, in der Schleicher die Idee eines Stammbaums der indogermanischen Sprachen vorantrieb. Es wurde eine indogermanische vergleichende Grammatik erstellt, um die sogenannten „Ursprachen“ zu rekonstruieren. 3
2.2.1. Vulgärlatein als „verderbte“ Form des klassischen Lateins
[...]
1 vgl. Coseriu, S. 257
2 vgl. Coseriu, S. 259
3 vgl. Coseriu, S. 259
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