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Charles Dickens, Great Expectations und David Copperfield - Literarische Machart: Philip Pirrip und David Copperfield

Hauptseminararbeit, 2001, 18 Seiten
Autor: Sonja Schiffers
Fach: Anglistik - Literatur

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2001
Seiten: 18
Note: gut
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V3598
ISBN (E-Book): 978-3-638-12220-7

Dateigröße: 191 KB


Textauszug (computergeneriert)

Charles Dickens, "Great Expectations" und "David Copperfield"
LITERARISCHE MACHART: Philip Pirrip und David Copperfield als Ich - Erzähler zweier Entwicklungsromane

von Sonja Otto

Inhaltsverzeichnis

I. Zwei Entwicklungsromane 3

1.1 Die Ich - Erzählperspektive 3

1.2 Verschiedene Varianten der Retrospektive 4

II. Erinnerung als konstitutives Moment 8

2.1 Affektive Erinnerung in DC 8

2.2 Assoziatives Erinnern: die Erzählhaltung in GE 10

2.3 Die Ambivalenz der Erinnerung im Zusammenhang mit der Machart von GE 12

III. Wegmetapher und Ziel der Entwicklung 14

3.1 Deus ex Machina - die Zielgerade in DC 14

3.2 GE: Die Vollendung des Zirkels 15

Bibliographie 17

 

1. Zwei Entwicklungsromane

1.1 Die Ich - Erzählperspektive
"To be quite sure I had fallen into no unconscious repetitions, I read David Copperfield again the other day, and was affected by it to a degree you would hardly believe." - Bereits diese Aussage des Autors selbst angesichts des Entstehungsprozesses von Great Expectations verweist auf die in mehrfacher Hinsicht anzutreffende Verwandtschaft der beiden einzigen Werke, in denen er die Perspektive des allwissenden Erzählers verläßt. Rund zehn Jahre nach Erscheinen seines stark biographisch beeinflußten Romans David Copperfield 1850 kehrt Charles Dickens hier erstmals zur homodiegetischen Perspektive in der Berichterstattung zurück. In beiden Werken betrachtet das geläuterte Ich aus dem Blickwinkel großer zeitlicher Distanz eine entscheidende heikle Entwicklungsphase seines Lebens, deren Grundkonflikt erst durch den langsamen Prozeß des Erkennens und Lernens gelöst werden kann.
So wie die Erinnerung als Perspektive den Entwicklungsroman formal konstituiert, bildet sie auch inhaltlich das Gerüst, von dem die Substanz der jeweiligen Gesinnung, welche die beiden Charaktere David und Pip sich aufgrund ihrer Erfahrungen sukzessive aneignen, gestützt, gefestigt und nachhaltig getragen wird. Äußerliche Notwendigkeit der retrospektiven Aufzeichnungen (in Form der Haltung des rückblickenden Erzählers), ist sie gleichermaßen Bedingung für den inneren Reifeprozeß der dargestellten Helden, deren persönliche Berührtheit infolge der Reflexion ihrer Erfahrungen das Fundament des individuellen Fortschritts bildet. Dieses Moment der Erkenntnis durch Erinnerung - bereits in DC entworfen - manifestiert sich in GE in noch ausgereifterer Form als Erforschung des eigenen Herzens. Dies ist maßgeblich mit der größeren emotionalen Distanz zu begründen, die hier zwischen rückblickendem Erzähler und sich entwickelndem Helden geschaffen ist, sowie mit der im späteren Roman sehr bezeichnenden Symbolik, welche den Charakter dieses Reifeprozesses zudem anschaulich spiegelt.
Neben den Parallelen sind bei der Betrachtung ihrer literarischen Machart somit hauptsächlich die im Grunde sehr verschiedenen Formen der Retrospektive beider Romane aufzuzeigen, die zu wesentlichen Unterschieden bezüglich ihres Gehaltes führen.
Der Schwerpunkt dieser Betrachtung wird, wie bereits angedeutet und bei der Analyse des
Entwicklungsromans naheliegend, schließlich bei der Erinnerung als konstitutive Instanz sowie der Unterschiedlichkeit ihres Ausdrucks in beiden Werken liegen.

1.2 Verschiedene Varianten der Retrospektive
Durch die Reflektor - Figur des rückblickenden Ich - Erzählers strukturiert vermittelt, stellen sich beide Romane als Gewebe dar, in denen verschiedene Nebenhandlungsfäden mit dem Hauptstrang, dem Schicksal des Helden, verwoben sind. Explizit nennt David den Weg seiner Geschichte "the journey of my story" . Gleichzeitig bezeichnet er, diese Metapher erweiternd, das aus dem als faktisch dargestellten Entwicklungsweg kreierte Romanwerk als "the web I have spun" und weist darauf hin, daß ohne die noch ausstehende Erwähnung eines bestimmten Vorkommnisses einer der Gewebestränge ein "ravelled end" aufwiese. Hieraus ergibt sich die Parallele zwischen dem konkreten Weg des Helden und der sorgfältigen Kreation des abstrakten Kunstwerks, welches kontrapunktisch zu jenem entsteht, indem es seine Struktur widerspiegelt. Betrachtet man nun beide Romane im Hinblick auf die Vielschichtigkeit ihres Gewebes, welche der Verworrenheit des jeweils geschilderten Entwicklungswegs korrespondiert, so stößt man gerade hier auf bedeutende Unterschiede. Bezüglich der Komplexität der Erzählweise sowie der erzählten Handlung erweist sich GE im Vergleich mit DC als kunstvoller und weit intensiver ausgestaltet.
Sehr viel weniger verworren sind die Handlungsstränge im früheren Roman. Bereits am Anfang betont der rückblickende David: "Not to meander myself, at present, I will go back to my birth" . Bereits aus dieser Äußerung geht hervor, daß dem Erzähler nicht daran gelegen ist, verworrene Wege einzuschlagen, sondern daß er in seinem Bericht betont chronologisch vorzugehen sucht, was mit einem weitaus geradlinigeren Handlungsverlauf im Vergleich zu GE einhergeht. "My poor labyrinth" , nennt hier Pip die Verworrenheit, in die sein Weg ihn führen wird, - eine Verworrenheit, die sich auch im Ineinandergreifen komplizierter Handlungsfäden äußert. Diese unterschiedliche Erzählweise führt zwangsläufig auch zu verschiedenen Arten der Retrospektive.
Immer wieder wird in der Forschungsliteratur auf die autobiographischen Züge DCs hingewiesen, mit denen möglicherweise die diesen Roman kennzeichnende präsentische Qualität des Erzählens partiell zusammenhängt. Der fiktive Schriftsteller David stellt sich nicht nur als rückblickender Erzähler dar, sondern schafft durch seine permanente Reflexion des Vergangenen eine so große Nähe zwischen dem jungen David und sich selbst, daß er sich selbst als erlebende Person charakterisiert. Immer wieder begegnet der Leser neben der Gefühlswelt des jungen auch der des rückblickenden David:
Once again, let me pause upon a memorable period of
my life. Let me stand aside, to see the phantoms of those
days go by me, accompanying the shadow of myself,
in dim procession.

[...]


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