Universität Osnabrück
Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften
Seminar: Bildung der Sinne
6. Semester
Über die Notwendigkeit der ästhetischen
Erfahrung im modernen Zeitalter
von: Judith Katenbrink
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Historisches und Begrifflichkeiten 3
2.1 Kurzer historischer Abriss 3
2.2 Was ist Ästhetik? 7
2.3 Was bedeutet ästhetische Bildung? 10
2.4 Was ist eine ästhetische Erfahrung? 12
3. Ästhetische Erfahrungen in der heutigen Zeit 16
4. Zusammenfassung und Fazit 22
5. Literaturverzeichnis 25
1. Einleitung
Das vorliegende Essay befasst sich mit dem Thema ‚Ästhetische Bildung’ und geht der Fragestellung nach, in wie weit ästhetischer Bildung und Erfahrung, der Bildung der Sinne im modernen Zeitalter besondere Bedeutung zukommt, und wenn ja, welche Bedingungen, Faktoren und Entwicklungen als Erklärung herangezogen werden können.
Die menschlichen Sinne - der Tast-, der Hör-, der Seh-, der Geruchs- und auch der Geschmackssinn stellen für die Menschen Fenster zur Umwelt dar. Mittels verschiedener Sinneswahrnehmungen ist es möglich, Kontakt zur Umwelt aufzunehmen, sie wahrzunehmen und zu erfassen und auch in bestimmten Grenzen auf sie einzuwirken. Die Sinne ermöglichen die verschiedenartigsten Erfahrungen und fungieren als die Nahtstelle zwischen ‚Innen und Außen’, zwischen dem Menschen und der Welt – ohne die Sinne könnte der Mensch nicht in der Welt sein.
In wie weit ästhetischer Bildung und ästhetischen Erfahrungen im heutigen Zeitalter eine große Notwendigkeit und besondere Bedeutung zukommen, wird in dieser Arbeit erörtert und diskutiert. Ziel dieser Arbeit ist es nicht, einen vollständigen Überblick über das gesamte Feld und die verschiedenen Strömungen innerhalb der ästhetischen Bildung zu geben. Ebenso wenig soll dieses Essay die Arbeit und Gedanken eines einzelnen Autors vorstellen. Ziel ist es stattdessen, eine kurze Einleitung zu geben in die Thematik der ästhetischen Bildung und Erziehung und die Notwendigkeit der ästhetischen Erfahrung im modernen Zeitalter zu diskutieren.
Um dieser Fragestellung nachzugehen, wird in Kapitel 2 zunächst ein historischer Abriss über ästhetische Bildung gegeben, um darzustellen, in wie weit ästhetische Bildung in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten eine Rolle spielte. Zudem werden in den weiteren Abschnitten dieses Kapitels einige Begrifflichkeiten erklärt, d.h. es wird erläutert, was Ästhetik und Aisthesis, ästhetische Bildung und ästhetische Erfahrungen bedeuten. Eine genaue Darstellung und Erläuterung dieser Begriffe ist erforderlich, um erläutern und untersuchen zu können, ob und warum ästhetische Bildung, Empfindungs- und Wahrnehmungsvermögen in der heutigen Zeit von Bedeutung sind. Das dritte Kapitel dieser Arbeit geht speziell auf die aktuelle gesellschaftliche und pädagogische Situation ein. Hierbei wird vor allem das Konzept der Anästhetik von Wolfgang Welsch herangezogen, um die Fragestellung dieser Arbeit zu untersuchen und zu beantworten. Das letzte Kapitel (4) wird die Argumentationen und Überlegungen dieses Essays noch einmal zusammenfassend darstellen und in einem kurzen Fazit resümieren.
2. Historisches und Begrifflichkeiten
Inhalt dieses Kapitel ist zum einen ein historischer Abriss über die ästhetische Bildung (2.1), zum anderen werden die wichtigsten Begrifflichkeiten erörtert: In Abschnitt 2.2 werden die Begriffe Ästhetik und Aisthesis erläutert. In dem darauffolgenden Abschnitt 2.3 wird dargestellt, was ‚Ästhetische Bildung’ bedeutet, und der Begriff der ‚ästhetischen Erfahrung’ wird in Abschnitt 2.4 erklärt.
2.1 Kurzer historischer Abriss
Die Bedeutung der Sinne für das Lernen, die Wahrnehmung und für Bildungsprozesse ist keine neue Erkenntnis, sondern wird schon seit Jahrhunderten thematisiert. Die ersten Hinweise finden sich bei Aristoteles, der schon zur Zeit der Antike die Bedeutung der sinnlichen Wahrnehmung hervorhob und dabei auch didaktische Hinweise gab: „Die beste Methode dürfte (...) sein, dass man die Gegenstände verfolgt, wie sie sich von Anfang an entwickeln“ (Gigon, 1971, S. 64). Andere wiesen darauf hin, dass Wissen und Erkenntnis unmittelbar mit Sinneswahrnehmungen in Verbindung stehen, ja ohne diese gar nicht möglich sind. So schrieb der Seelsorger und Pädagoge Johann Amos Comenius (1592-1670):
„Daher ist die goldene Regel für alle Lehrenden: Alles soll wo immer möglich den Sinnen vorgeführt werden, was sichtbar dem Gesicht, was hörbar dem Gehör, was riechbar dem Geruch, was schmeckbar dem Geschmack, was fühlbar dem Tastsinn...“ (Merkle, 1991, S. 56)
Und der Philosoph John Locke (1632-1704), der Begründer der Erfahrungsphilosophie argumentierte, dass alle Erkenntnis ihren Ursprung in der Wahrnehmung hat: „Nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu“ (Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war)1. Auch die beiden bedeutenden Pädagogen Jean Jacques Rousseau (1712-1778) und Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) betonten die Bedeutung der Förderung der Sinneswahrnehmung. Von Pestalozzi stammt das bekannte Schlagwort: ‚Lernen mit Kopf, Herz und Hand’, welches die Forderung enthält, dass Lernen immer aus einer Einheit von Denken, Fühlen und Handeln bestehen solle. Und Rousseau forderte ein Training der Sinneswahrnehmung, da diese der Ursprung aller Erkenntnis sei (1978). Die Bedeutung eines solchen Trainings begründete er wie folgt:
„Die Sinne sind die ersten Fähigkeiten die sich in uns ausbilden und vervollkommnen. Sie sollten also am meisten gepflegt werden (...) Die Sinne üben heißt nicht nur sie gebrauchen, sondern lernen, mit ihrer Hilfe richtig zu urteilen, ja sogar zu fühlen, denn wir können weder tasten noch sehen oder hören, wenn wir es nicht gelernt haben.“ (Rousseau, 1978, S. 119)
[...]
1 Dieser Ausdruck impliziert die Annahme, dass sinnliche und kognitive Wahrnehmung zweigeteilt sind; eine Annahme die in Abschnitt 2.2 aufgegriffen und diskutiert wird.
Arbeit zitieren:
Judith Katenbrink, 2002, Über die Notwendigkeit der ästhetischen Erfahrung im modernen Zeitalter, München, GRIN Verlag GmbH
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