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Montessori-Pädagogik wird meist zuerst mit ihren Methoden in Verbindung gebracht: Freiarbeit, didaktisches Material, die vorbereitete Umgebung. Bleibt man auf dieser praktisch-methodischen Ebene stehen, ist es naheliegend zum Montessori-Fan zu werden. Entsteht doch durch diese Methode ein Bild von einer menschenfreundlichen Schule in der Kinder nach ihren Fähigkeiten gefördert werden können und nicht dem üblichen Druck ausgesetzt sind. Zahlreiche praktische Publikationen geben Zeugnis von der Anwendung. Zu leicht wird dabei jedoch das Ziel der Montessori-Pädagogik aus den Augen verloren. Worum ging es Montessori in ihrer Bildungstheorie? Wo ist der Ansatzpunkt für eine Weiterentwicklung der Montessori-Pädagogik? Was muß bei der praktischen Umsetzung in den Brennpunkt des Interesses gestellt werden? Montessori war keine Praktikerin in der pädagogischen Arbeit mit Kindern. Vielmehr war sie eine Frau, die aus mannigfaltigen Quellen gespeist ein Praxiskonzept (so Dickopp 1998, S. 18) einer personal-transzendentalen Pädagogik erstellt hat. Sie ist keine Theoretikerin mit großem philosophischen Überbau und sie ist in keinster Weise eine pädagogische Systematikerin, die sich selbst Disziplin in ihrer Argumentation auferlegt hätte. Sie ist aber auch keine "einfache" Denkerin. Sie ist eine Pädagogin des 20. Jahr-hunderts, die die Umbrüche und Brüche ihrer Zeit wahrgenommen und zu einer Vision von Erziehung verarbeitet hat. Eine Vision, die auch im beginnenden 21. Jahrhundert wegweisend sein kann.
Ihre Thesen sind Reflexionen über das, was am Kind beobachtet werden kann, schwer zu beweisen und auch über das konkret Sichtbare hinausgehend. Dennoch für die pädagogische Praxis Handlungsorientierung und Verstehenshilfe - wenn man sich auf ihr Denken einlassen will und kann, was im Letzten bedeutet sich auf das Geheimnis, das im Menschen verborgen ist, einzulassen.
Montessoris Grundannahme wird zum Zielbegriff: Es ist hier zu hinterfragen ob aus dem Beobachteten (kurz: Menschen entwickeln sich unter bestimmten Umständen auf eine bestimmte Weise, hier "normal" zu individuellen und sozialen Personen) ein Ziel
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(hier: Erziehung muß Kinder das Personwerden ermöglichen, muß Normalisation sein) abgeleitet werden darf. Ist das Konzept der Normalisation ein naturalistischer Fehlschluß weil es das IST mit dem SOLL, das Seiende mit dem Angezielten verwechselt? Aus welchen Quellen ist das Konzept gespeist? Wie begründet Montessori Normalisation? Und was ist Normalisation überhaupt?
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Montessori versteht unter Normalisation eine zweite Geburt des Menschen, in der er seine Identität findet, sich seiner Selbst bewußt wird. Maria Montessori bezeichnet diesen Zustand, der für sie Ziel ihrer pädagogischen Arbeit ist, als den der "psychischen Gesundheit" (Montessori 1947/1966, S. 48). Erreicht werden kann diese Gesundheit durch eine Ordnung des psychischen Lebens, in der das Kind seine wahre Natur offenbaren kann. Diese wahre Natur - seine Personalität und Individualität - ist dem Kind von Anbeginn des Lebens an mitgegeben und verbirgt sich im Menschen. Normalisation meint, daß das Kind sich gemäß dieser Anlage und damit seinem inneren Bauplan nach, frei entwickeln kann. Der Schlüssel zu dieser wahren Natur ist die Konzentration, in der das Kind seine ganze Lebensenergie auf eine handhabbare Sache lenkt, daran Ordnung erfährt und zugleich darin seine personale Ordnung findet. In der Eigentätigkeit, der "Großen Arbeit" in der "Polarisierung der Aufmerksamkeit" bündeln sich die im Kind lebenden Energien durch das manuelle Umgehen mit einem Gegenstand in ein Mitein-ander (Vgl. Böhm 1969, S. 175), dem Ziel des Menschen, dem Person-Sein. So findet das Kind im Prozeß der Normalisation durch das zielgerichtete Handeln zu seiner Individualität, es entwickelt Bewußtsein für sich Selbst und findet zu einem harmonischen Gleichgewicht seiner Lebenskräfte.
Das "normalisierte Kind" ist fähig zur Selbsterziehung, in der es seinem "inneren Bauplan der Seele" folgt und frei seine Arbeit und damit sein Leben bestimmen kann. So ist die Normalisation der Ausgangspunkt und Voraussetzung für jede weitere Erziehung, die von Montessori als Selbsterziehung verstanden wird. Zudem versteht Montessori die Normalisation als sittliche und soziale Reifung. So zeichnet sich ein normalisiertes Kind aus "durch ein stabiles Arbeits- und Sozialverhalten (...) das durch Selbstständigkeit, Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit und Disziplin bestimmt wird." (Stein 1997a, S. 151)
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Der Begriff Ordnung ist sowohl der Weg hin zur psychischen Gesundheit - durch die im Material liegende Ordnung - als auch deren Zustand, eben die Ordnung der psychischen Energien des Menschen. Durch die äußere Ordnung, die vorbereitete Umgebung die sich im Material spiegelt, findet das Kind zur inneren Ordnung. Können Kinder in dieser Ordnung leben und arbeiten sind sie in Ordnung - "normal". Hier erfahren sie die Welt als geordnetes Ganzes - und können lernen, d.h. die Welt verstehen und finden so Kategorien mit deren Hilfe sie ihre eigenen Persönlichkeitsstrukturen organisieren, eben ordnen und damit entwickeln können. Damit befreit sich das Kind aus der Abhängigkeit, in der es sich in einer für es chaotischen Welt befände. 'LH/HEHQVHQHUJLHQQGHVV0HQVFKHQQ
Durch die Normalisation werden die "hormischen Kräfte", die Schöpfungsenergien des Kindes freigesetzt, die alle Entwicklungsvorgänge des Menschen regeln und durchdringen. Sie sind zunächst unbewußt vorhanden und steuern die Entwicklungsprozesse des "embryonalen Geistes" (z.B. den Spracherwerb kleinster Kinder), manifestieren sich beim normalisierten Kind in Form des menschlichen Willens. (vgl. Böhm 1969, S. 175). Die Lebensenergien des Kindes sind eine Art inneres Gesetz, die dem Kind, das ver-standen wird als Baumeister seiner selbst, helfen und drängen seinen inneren Bauplan und damit sein individuelles Ziel, die Entwicklung der eigenen Person, zu verwirklichen. 'LH3HUVRQDOLWlWWGHV0HQVFKHQ
Die Kernfrage der Anthropologie, "Was ist der Mensch", beantwortet auch Montessori mit "Er ist Person", er hat Persönlichkeit, Personalität - zwei Begriffe die von Montes-sori synonym verwendet werden. Personalität ist eine unteilbare, dynamische Einheit, die sich zwar entwickelt, aber von Anbeginn an gleich ist: der Mensch ist vom Beginn seines Lebens an Person, eben "er selbst".
Nach Montessori steht im Mittelpunkt der Person der Geist, als Zeichen des Göttlichen und die "gottgegebene denkende Seele" (vgl. Holtstiege 1997a, S. 17), die Intelligenz. Das "ICH", also Geist und Intelligenz gestalten die Strukturen der Persönlichkeit, die
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den ganzen Menschen durchwirken und so sein Verhalten, Denken und Fühlen bestimmen. Es ist die Basis aus der heraus der Mensch sein Handeln bestimmt und die Welt gestaltet. Die Entfaltung dieses "ICH" wird zur Lebensaufgabe der Person, sie muß Selbst-bewußtsein erlangen, Sich-Selbst-Verwirklichen und so Verantwortung übernehmen für ihr Handeln in der Welt, auch für ihr Denken und Fühlen. Hier scheint bereits ein Grundprinzip Montessoris auf: der Mensch ist Subjekt seiner selbst und hat so die Verantwortung zur Freiheit. Entwicklung der Personalität meint die Verwirklichung dieser Grundaufgabe, deren Ziel auch heißt mit anderen Menschen in Harmonie zusammenleben zu können und dabei Individualität als Unabhängigkeit zu bewahren (Vgl. Holtstiege 1997a, S. 16). Deutlich ist dabei, daß die Person immer auf die Gemeinschaft hin bezogen ist und die Basis der Personalität die Individualität ist. Personalität und Individualität sind also voneinander unterschieden: meint die Individualität die individuelle Freiheit, das eigenständige, vereinzelte, auch im positiven Sinne isolierte Leben, so meint Personalität die Integration von Individualität und Sozialität, also die Fähigkeit das "ICH" im Zusammenleben mit anderen Menschen verwirklichen zu können. Die Entfaltung der Personalität geschieht bei normalisierten Menschen durch die Ordnung - die Organisation der durch Geist und Intelligenz gestalteten Persönlichkeitsstrukturen - in der selbsttätigen Arbeit. 'HUULQQHUH%DXSODQQGHVV0HQVFKHQQ
Der "innere Bauplan", die aus dem ICH gebildete Basis, ist ein Bildwort mit dem Mon-tessori die Zielgerichtetheit der menschlichen Personagenese beschreibt und mit der physiologischen Entwicklung vergleicht: der Mensch hat in seiner Entwicklung ein Ziel vorgegeben: die Verwirklichung der dem Menschen gegebenen Personalität. Zudem impliziert dieses Bildwort die Prozeßhaftigkeit und Phasenhaftigkeit der Entwicklung: der Mensch verwirklicht sein Selbst nicht von heute auf morgen und auch nicht ohne die einzelnen Schritte (z.B. die Entdeckung der Individualität) nacheinander zu gehen. Klar ist aber auch: der Mensch selbst muß diesem Bauplan folgen, das kann kein anderer für ihn tun. Der Mensch ist Subjekt seiner Entwicklung - nicht Objekt der Erziehung.
Die Selbsttätigkeit des Kindes ist das wichtigste Prinzip auf dem Weg der Normalisation. Die Entdeckung des "neuen Kindes" in der Casa dei bambini von San Lorenzo fußt
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genau darauf: durch das selbstständige und manuelle Handeln des Kindes kommt es zu jener Konzentration und Polarisation der Aufmerksamkeit, in der Montessori die Offenbarung der Personalität, der Wesensmitte des Menschen findet. Das Verborgene, "Göttliche" kommt zum Vorschein. Nach Böhm 1969, S. 54 enthüllen sich für Montessori in diesem Phänomen die göttlichen Kräfte im Kind. In der Theologie Montessoris inkarniert sich Gott im Menschen - auch deshalb muß dem Menschen Würde zugesprochen werden.
So deutlich wie die Bezeichnung "gottgegebene denkende Seele" (vgl. Holtstiege 1997a, S. 17) ist - unter näherer Betrachtung erschwert gerade dieses die Klärung des Begriffs. So ist zu fragen Welcher Gott - oder besser: wessen Gott? Wer oder was gibt in der Konzeption Montessoris dem Menschen Ziel und damit Sinn? Korrespondierend mit diesem Inneren Bauplan findet sich der Begriff des Kosmischen Plans in dem alle Dinge ihren HLJHQHQ Platz haben, miteinander in Beziehung stehen und in dem der Mensch die Aufgabe hat seine kulturschaffende Funktion in integrativer Koexistenz auszuüben (vgl. Holtstiege 1997c, S. 124f) und seinen eigenen Platz in der Welt zu finden. :DVLVWW1RUPDOLWlW""
Normal im Sinne Montessoris bezeichnet einen Menschen, der sich seinem inneren Bauplan gemäß entwickeln konnte. In "Deviation und Normalisation" (Montessori 1934/1996) wehrt sie ab, dass es um eine objektive Normalität im Sinne des "mittleren Menschen" gehen könne - wenn auch Böhm 1969 deutliche Bezüge Montessoris zu dieser anthropometrischen Auffassung von Normalität durch Quélét herstellt und auf den "type primitif" von Morel verweist (S. 103-106; 111). Montessori räumt ein, daß dieser Begriff als Absolutes zu Mißverständnissen führt: normal ist im Sinne Montessoris jeder Mensch für sich selbst genommen, nämlich dann, wenn er der ist, der er sein soll.
Montessori weist die geläufige Sicht vom "normalen" Kind zurück. So wird der Buchtitel "Kinder sind anders" zu einem Titel ihrer Pädagogik: Kinder sind anderes, weil sie individuelle Persönlichkeiten sind - und das Normale ist, wenn sie das leben dürfen, wenn sie sich selbst entdecken und entwickeln können. Diese Grundannahme Montes-soris - Kinder haben von Anbeginn an Personalität, die entwickelte werden will - wird
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Arbeit zitieren:
Heike Kellner-Rauch, 2001, Die Begründung des Begriffs Normalisation bei Maria Montessori, München, GRIN Verlag GmbH
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