Inhalt
1. Einleitung 2
2. Intention und Aufbau der „Bilder einer Ausstellung“ 3
3. Kurzbiographie Mussorgskijs 9
a) Entstehung von Mussorgskijs Modernitätsbegriff 11
4. Analyse der Originalfassung der „Bilder einer Ausstellung“ in Hinsicht auf 14
Mussorgskijs Modernitätsbegriff
5. Kurzbiographie Ravels 17
a) Was war modern an Ravels Werk? 19
6. Analyse der Orchesterfassung Maurice Ravels in Hinsicht auf den 21
Modernitätsbegriff ihres Verfassers
7. Literaturverzeichnis 25
8. Eidesstattliche Erklärung 25
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1. Einleitung
Die „Bilder einer Ausstellung“ wurden 1874 von Modest Mussorgskij zum Gedenken an seinen verstorbenen Freund und Maler Viktor Hartmann komponiert. Zunächst als reines Klavierwerk geschrieben, gelangte es auch in einer nicht enden wollenden Reihe von 1 kam es auch zu Instrumentationen an die Öffentlichkeit. Neben mehreren Orchesterfassungen exotischen Instrumentierungen, hier ist beispielsweise die Fassung für Rockband von 2 zu nennen. Emerson, Lake and Palmer
Eine der ersten Transskriptionen, die auch im heutigen Konzertbetrieb zur bekanntesten Fassung der „Bilder“ geworden ist, ist wohl die Orchestration Maurice Ravels. Zwischen der Erstkomposition und der Neufassung Ravels liegen 48 Jahre, also fast ein halbes Jahrhundert. Maurice Ravel wurde 1875 geboren, ein Jahr, nachdem die Urfassung entstand. Auch stiltechnisch können die beiden Komponisten nicht in einem Atemzug genannt werden, sie werden im Allgemeinen jeweils einer kompositorischen Strömung ihrer Zeit zugeordnet, Mussorgskij den russischen Erneuerern um Balakirew, Ravel der impressionistischen Strömung in Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts. Dennoch beschäftigten sich beide auf ihre Weise mit ein und dem selben Werk und vermischten so ihre Stile. So lassen sich an Harmonik und Melodik Merkmale von Mussorgskijs Vorstellung einer modernen russischen Komposition belegen. Die Orchesterfassung Ravels dagegen zeigt in ihrer Instrumentation auch Merkmale der impressionistischen Musik seiner Zeit.
So kommt es zum Titel dieser Arbeit, zwei Komponisten mit den unterschiedlichen Modernitätsbegriffen ihrer Epoche machen die „Bilder einer Ausstellung“ im doppelten Sinne zum Zeugnis einer Modernität.
Die Arbeit beginnt mit einer kurzen Darstellung des Aufbaus der „Bilder“, der Intention des Komponisten und einer Erläuterung der einzelnen Bilder. Im Weiteren werden beide Auffassungen von Modernität erklärt und beschrieben, wie die Komponisten zu Ihnen stießen. Hiernach folgen stichprobenartige Belege für die Eigenarten der Komponisten am Werk selbst.
1 u. a. 1886 Michel Tuschmalow, Klasse Rimski-Korssakow
1922 Maurice Ravel, Frankreich
1922 Leo Fintek, Finnland
1924 Leonidas Leonardi, Italien
1942 Walter Goehr, Deutschland
2 „Pictures At An Exhibition“, Emerson Lake and Palmer, Cotillion, Atlantic Records 1972
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2. Intention und Aufbau der „Bilder einer Ausstellung“
Am 23. Juli 1873 verstarb der Maler und Architekt Viktor Alexandrowitsch Hartmann in einem von ihm selbst entworfenen Landhaus in Kirejevo bei Moskau. Modest Mussorgskij
diskutierte, beiderseits das Ziel einer neuen russischen Kunst vor Augen. Der Komponistenkreis um Balakirew, namentlich Mili Balakirew, Modest Mussorgskij, Alexander Borodin, Cesar Cui und Nikolai Rimski-Korssakow, arbeitete für eine russischnationale Kunst, eigenständig gegenüber westeuropäischen Einflüssen. Stassow und mit ihm auch Hartmann waren derselben Ansicht, Hartmann äußerte dies in seinen Werken insofern, als dass er traditionell-russische Themen verwandte, beispielsweise aus alten Volksmärchen. 4 hin eine Ausstellung zu Ehren Hartmanns Im Frühjahr 1874 wurde auf Initiative Stassows
veranstaltet. Es wurden 400 Werke Hartmanns ausgestellt. Eben diese Ausstellung nahm sich Mussorgskij zum Thema für seinen Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“. Das Stück ist rondoartig aufgebaut, im Mittelpunkt stehen zehn Werke Hartmanns. Sie werden durch sogenannte Promenaden miteinander verbunden, die sozusagen den Betrachter beim Gang durch das Museum darstellen sollen. Bei den „Exponaten“ handelt es sich um Ölgemälde, Reisezeichnungen, aber auch eine Kostümzeichnung für eine Oper, die Zeichnung einer Uhr und ein Nussknacker sind verarbeitet worden. „Mussorgskijs Stücke haben zu den Originalwerken Hartmanns meist nur eine lose Beziehung. Er nahm Anregungen aus Skizzen und Entwürfen des Freundes auf und verarbeitete sie völlig selbstständig.“ (Lini Hübsch, Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, S. 10). Die Bilder im Einzelnen:
3 Lini Hübsch, Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, S. 9
4 ebenda, S. 10
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I. Gnomus
Das Bild Gnomus basiert auf einem von Hartmann entworfenen Nussknacker, Stassow nennt 5 . ihn „einen kleinen Zwerg [dar], der linkisch auf missgestalteten Beinen einhergeht.“ Mussorgskij versucht, drei verschiedene Gangarten des Gnoms darzustellen, einen schnellen, 6 , einen eher hinkenden, sich listig versteckenden Gang 7 und einen festen, mit hüpfenden Gang 8 . Stolz erfüllten Schritt
Vor und nach dem Gnomus ist eine Promenade eingefügt. Die erste stellt das erste Mal das Thema des schreitenden Museumsbesuchers vor, führt sie fort und verändert ihren Charakter, wie auch ein Museumsbesucher mal langsam (in Gedanken bei Hartmann?), mal fast zum nächsten Bild hastend durch die Ausstellung geht. Die zweite zeigt deutlich einen nachdenklich gewordenen Besucher, vielleicht beeindruckt durch das erst Bild, aus der Ferne schon das nächste Bild erblickend:
II. Il vecchio Castello
„Das alte Schloss“ lässt sich nicht in dem Katalog der Ausstellung von 1874 finden, der italienische Titel weist jedoch darauf hin, dass Mussorgskij sich an eine nicht veröffentlichte Skizze Hartmanns erinnert, die er von seiner Italien-Reise mitgebracht hat. Hartmann hatte 9 . von 1864 an vier Jahre lang Deutschland, Italien, Frankreich und Polen bereist Stassow verstand diesen Satz als die Darstellung eines Bildes, auf dem „ein mittelalterliches 10 zu sehen ist. Schloss, vor dem ein singender Troubadour steht“
Bei dem Lied, dass der Troubadour für den Betrachter zu singen scheint, handelt es sich um
11 , begleitet von einer immer gleichbleibenden Bassfigur, die auf eine Romanze im 6/8-Takt 12 , ein Lauteninstrument mit Bordunsaiten hinweist. Der Romanze vorangestellt ist ein Thema dass meiner Meinung nach die Würde des alten Schlosses im Hintergrund darstellen soll, und sich im weiteren Verlauf als Motiv ( ) mit der Melodie des Lautenspielers
vermischt, so, wie dem Betrachter der Gesamteindruck des Bildes im Gedächtnis bleiben könnte. Am Ende dieses Teils treten nur noch die Themenanfänge auf, bis sogar nur noch die Quarte zu Beginn der Romanze allein übrig bleibt. Die Vorstellung vom Betrachter, der am
5 Lini Hübsch, Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, S. 26
6 Gnomus, T. 1-10
7 Gnomus, T. 19-28
8 Gnomus, T. 60-71
9 Lini Hübsch, Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, S. 10
10 ebenda, S. 28
11 Il vecchio Castello, T. 8-18
12 Il vecchio Castello, T. 1-7
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Bild vorbei gegangen ist und langsam seine Eindrücke aus dem Bewusstsein verliert, drängt sich meiner Ansicht nach auf.
III. Tuileries
Das Bild ist mit dem Untertitel „Dispute d´enfants après jeux“, also dem Streit der Kinder nach dem Spiel überschrieben. Wahrscheinlich basiert dieser Teil auf einem Aquarell Hartmanns „Der Garten der Tuilerien“, auf dem jedoch keine spielenden Kinder zu sehen sind. Die Melodie zu Anfang des Satzes soll die streitenden Kinder darstellen, es hört sich an, 13 . Danach folgt ein als ob eine größere Gruppe Einzelne in Form eines Reimes verspottet Thema, ruhiger, zwischendurch wieder hektisch, das die Verspotteten darstellen könnte, betroffen, wieder aufbrausend und schließlich doch wieder in Streit mit der Gruppe verfallend.
IV. Bydlo
Zwischen den Tuilerien und Bydlo ist keine Promenade eingefügt, es sollen zwei nebeneinander ausgestellte Bilder dargestellt werden. Auch zu diesem Bild ist keine Vorlage bekannt, jedoch beschreibt Mussorgskij hier einen polnischen Ochsenkarren. Dies erwähnte er 14 . Wahrscheinlich hat auch hier in einem Brief an Stassow während seiner Arbeit am Stück
eine Skizze Hartmanns als Vorlage gedient, schließlich verbrachte er 1868 einige Zeit in Polen.
Das Stück ist geteilt in zwei Melodien, die erste, unterlegt mit wuchtigen Akkorden im Bass, die den fahrenden Karren mit den trottenden Ochsen darstellen sollen, ist eine Klage des 15 . Die zweite Melodie deutet an, wie der Bauer sich wieder Bauern, der den Wagen lenkt
besinnt und seine Arbeit als sein Schicksal hinnimmt. Das Stück endet jedoch wieder mit der Klage „con tutta forza“, aber bis zum Ende hin im stetigen decrescendo bis zum ppp. Der Bauer ist am Betrachter vorbeigezogen.
Eine weitere Promenade verdeutlicht die melancholische Stimmung des Besuchers nach Bydlo, diesmal ist sie tranquillo, sehr getragen und düster. Am Ende der Promenade taucht für einen kurzen Augenblick das Motiv des nächsten Bildes auf, der Betrachter lässt seinen Blick auf das nächste Bild fallen.
13 Tuileries, T. 1-6
14 Lini Hübsch, Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, S. 32
15 Bydlo, T. 1-20
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V. Ballett der unausgeschlüpften Küken
Eiern zu befreien und unsicher ihre ersten Schritte tun. Dabei geraten sie ins Stocken (T.21/22), rappeln sich aber sofort wieder auf (Wiederholung des ersten Teils) und führen so ein Ballett auf wackeligen Füßen auf (Trio). Der ganze Satz ist - bis auf den Sturz eines Kükens (T.21/22) im f bzw. sf - in sehr leiser Dynamik notiert.
VI. „Samuel“ Goldenberg und „Schmuyle“
Die genaue Herkunft des Themas für dieses Bild ist nicht bekannt. Im Ausstellungskatalog der Hartmann-Ausstellung sind zwei Bleistiftzeichnungen „Reicher Jude mit Pelzmütze,
16
. Dieses existiert haben, auf dem sowohl der reiche, als auch der arme Jude abgebildet sind Bild gilt als die wahrscheinlichste Quelle.
Die Namensgebung geht auf Stassow zurück, Mussorgskij überschrieb diesen Teil zunächst nur mit „Zwei Juden, der eine reich, der andere arm.“ Das Bild zeigt die beiden Juden aufeinander einredend, und zwar jeweils auf ihre eigene Art und Weise. Samuel Goldenberg, 17 . Schmuyle dagegen antwortet zögernder reiche, redet ruhig, bestimmt und eher basslastig
und redet leidend auf ihn ein, später kommt ein hektisches, verzweifeltes Motiv hinzu. Seine Sprachmelodie ist im Gegensatz zu Goldenberg sehr hoch, er wiederholt sich in seiner
16 Lini Hübsch, Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, S. 11
17 Samuel Goldenberg und Schmuyle, T. 1-8
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Arbeit zitieren:
Kai-benjamin Schütt, 2001, Die Modernität der Bilder einer Ausstellung, München, GRIN Verlag GmbH
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