Inhalt:
1. Einleitung S 2
2. Zum Märchen Rumpelstilzchen S 3
3. Eindimensionalität S 3
4. Flächenhaftigkeit S 4
5. Abstrakter Stil S 6
6. Isolation und Allverbundenheit S 8
7. Sublimation und Welthaltigkeit S 11
8. Resumee S 13
9. Quellenverzeichnis S 13
10.Primärtext Rumpelstilzchen
der 3 Auflage der Grimmschen KHM von 1837 folgend S 14
1. Einleitung
Max Lüthi ist wohl einer der bekanntesten Märchenforscher überhaupt Viele seiner
Veröffentlichungen sind dem Märchen gewidmet So auch sein Buch Das euro-
päische Volksmärchen 1 Hier ordnet er die Merkmale der Märchen in fünf große
Hauptkategorien ein die er Eindimensionalität Flächenhaftigkeit abstrakter Stil Iso-
lation und Allverbundenheit und Sublimation und Welthaltigkeit nennt Rumpelstilz-
chen gehört als grimmsches Kinder-und Hausmärchen zu der Literatur welcher Lü-
thi seine Aufmerksamkeit im europäischen Volksmärchen gewidmet hat
Ich habe es mir nun zur Aufgabe gemacht nachzuprüfen ob alle diese
Hauptkategorien Lüthis auf das Märchen Rumpelstilzchen zutreffen oder ob es
Abweichungen oder Atypisches gibt und werde diese benennen Da sich Lüthis
Ergebnisse auf eine sehr große Märchensammlung beziehen kann ich mir
vorstellen dass viele wenn nicht gar alle seiner Erkenntnisse zwar allgemein auf
das europäische Volksmärchen zutreffen sich aber nicht alle in jedem einzelnen
Märchen wiedererkennen lassen Vielleicht sind manche von Lüthi genannte
Aspekte in Rumpelstilzchen zu berichtigen oder sogar zu widerlegen
1 Lüthi Max: Das europäische Volksmärchen Reihe UTB für Wissenschaft 10 Auflage A Francke Verlag 1997,
Thübingen
2. Zum Märchen "Rumpelstilzchen":
Bereits im Jahr 1806 begannen Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) auf Anregung und unter Anleitung des romantischen Dichters Clemens Brentano (1778-1842) in Kassel mit dem Sammeln und Aufzeichnen von Volksmärchen. Die Brüder Grimm sammelten hier im Kontext der romantischen Bewegung mit ihrem Sinn für volkstümliche Literatur und altdeutsche Dichtung die sog. Kinder- und Hausmärchen, die sie 1812 und 1815 veröffentlichten. 2 Bereits 1812 war das Märchen "Rumpelstilzchen" Bestandteil ihrer Sammlung. Jacob Grimms früheste Niederschrift dieses Märchens stammt von 1808, wobei er die mündliche Überlieferung pauschal als hessisch bezeichnete. Im KHM-Erstdruck von 1812 finden sich bereits Einflüsse aus Beiträgen der Kasseler Apothekerstochter Dortchen Wild und der Geschwister Hassenpflug mit hugenottischer Abstammung ( diese kannten wohl das 1705 von Mlle L´Héritier veröffentlichte Märchen "Ricdin Ricdon", das inhaltlich große Ähnlichkeit aufweist). 3
Erst in der zweiten Auflage der KHM von 1819 zerreißt sich der Dämon am Ende. Diese Variante trug Lisette Wild aus o.g. Apothekerfamilie bei. 4
3. Eindimensionalität
Lüthis Aspekt der Eindimensionalität des Märchens trifft auch auf Rumpelstilzchen zu. Hier begegnet der Märchenheld – die schöne Müllerstochter – einer jenseitigen Gestalt in Form eines Männleins mit den Kräften, Stroh zu Gold zu spinnen, wundert sich aber weder über sein plötzliches Erscheinen, noch über seine numinosen Kräf- te. Für sie scheint es zur selben Dimension zu gehören. Das innere Erleben ist bei den Märchenfiguren nicht vorhanden. Das Mädchen beginnt sofort mit Rumpelstilz- chen zu sprechen, ohne es über seine Herkunft o.ä. zu befragen. Ihr fehlen sowohl numinose Angst als auch numinose Neugier. Sie verkehrt also mit diesem Jensei- tigen, als ob er ihresgleichen wäre. 5 Lüthi spricht auch davon, dass der Märchenheld folglich nicht als Staunender, sondern als Handelnder auftritt, in dem sich weder Verwunderung noch Verzweiflung regen. 6 Die Müllerstochter handelt dem Verlauf
2 Rölleke, Heinz (Hg.). Brüder Grimm Ausgewählte Märchen. Suhrkamp Basisbibliothek, 1. Auflage 1998, Deutscher 3 a. a. O. S. 120 4 a. a. O. S. 121 5 Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Reihe UTB für Wissenschaft. 10. Auflage, A. Francke Verlag, 1997, Thübingen S. 9 6 a. a. O. S. 9
des Märchens entsprechend zwingend richtig, hat aber weder Zeit noch Anlage sich über Seltsames zu wundern. 7 Ihre Tränen gehören nach Lüthi folglich nicht zu ihrer Gefühlswelt, sondern sind eine korrekte Handlung, die das Erscheinen des Männ- leins auslösen. Kann aber wirklich überhaupt nicht von Gefühlswelt der Müllerin gesprochen werden, wenn es im Text heißt „Da saß nun die arme Müllerstochter, und wußte um ihr Leben keinen Rat, [...] und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfing“? Oder „Da war die Königin ganz froh daß sie den Namen wußte“ oder auch „Die Königin erschrak“? Werden hier nicht Gefühle des Mädchens geschildert? Für mich diskutable Textpassagen.
Allerdings fehlen an anderen Textstellen Gefühlsregungen, die vom Leser eigentlich erwartet werden: Warum z.B. heiratet sie den König, der ihr vorher mit dem Tod ge- droht hatte, wenn sie seine Aufgaben nicht löst? Der sie nur aus Habgier zur Frau nimmt? Ist sie erleichtert, wenn sie erkennt, dass sie der Bedrohung durch den König entgangen ist? Ist sie dem Männlein dankbar? Hierbei handelt es sich um Fragen, die nicht für die Handlung des Märchens von Bedeutung sind. Die Müllers- tochter handelt zwar zwingend richtig, aber warum und wie sie sich dabei fühlt, ist ir- relevant.
Lüthi spricht bei der Eindimensionalität auch davon, dass nur das Mittel der räumli- chen Entfernung dazu eingesetzt wird, zwischen Diesseitiigem und Jenseitigem zu unterscheiden. Der Märchenheld begegnet dem Numinosen nur auf der Wanderschaft oder in der Ferne, nie bei sich zu Hause. Der Müller bringt seine Tochter ebenfalls von zu Hause zum König, wo ihr Rumpelstilzchen begegnet. So „werden Diesseits und Jenseits wenigstens örtlich auseinandergerückt.“ 8
4. Flächenhaftigkeit
Nach Lüthi ist das Märchen „in jedem Sinne ohne Tiefengliederung. Seine Gestalten sind Figuren ohne Körperlichkeit, ohne Innenwelt, ohne Umwelt; ihnen fehlt die Be- ziehung zur Vorwelt und zur Nachwelt, zur Zeit überhaupt.“ 9 Bereits den Gegen- ständen, die im Märchen vewendet werden, fehlt die Tiefe: Federn, Ringe, Schlüssel (der Tendenz nach lineare Figuren) findet man. Auch die Müllerstochter gibt Rumpel- stilzchen erst einen Ring, dann ein Halsband. Hieran erkennt man auch, dass die
Gegenstände im Märchen meist einen einzigen Zweck erfüllen und weder vorher noch nacher in der Handlung Erwähnung finden. Allerdings entspricht für mich das Spinnrad, an dem das Männlein Stroh zu Gold spinnt, nicht dieser „flächenhaften“ Theorie. Die verwendeten Spulen haben eher eine lineare Form.
Bereits angesprochen wurde die seelische Tiefe, die den Figuren fehlt. So vergießt die Müllerstochter zwar Tränen, aber nur, wie oben genannt, um die Handlung voranzutreiben. „Eigenschaften und Gefühle sprechen sich in Handlungen aus - [...] Die Gefühlswelt als solche fehlt der Märchenfigur, und somit geht ihr seelisch jede Tiefe ab.“ 10 Aber auch die körperliche Tiefe gibt es nicht: Die Körper der Märchenfiguren können zwar verletzt oder gar verstümmelt werden, aber weder Schmerz noch Blut o.ä. werden geschildert. So reißt sich am Ende Rumpelstilzchen selbst in der Mitte durch. An und für sich eine schauerliche Vorstellung, die aber in dieser Art nicht bewertet wird.
Lüthi bemerkt weiter, dass die Handlung (und mit ihr die Märchenfigur) nur durch die äußere Anregung vorwärts getrieben wird 11 und Märchenfiguren im Grunde immer kühl handeln 12 . Dies entspricht meinen Fragen über die fehlenden Gefühle des Mädchens.
Ein weiterer Aspekt der Flächenhaftigkeit für Lüthi ist die fehlende Umwelt der Figu- ren. Bei Rumpelstilzchen werden weder das Schloss des Königs noch die Räume, in denen das Mädchen eingesperrt ist, näher beschrieben. Selbst der Wohnort des Männchens wird nur dürftig geschildert. Nur die nötigsten Fakten werden erwähnt. Die Isolation des Mädchens ist das Ziel, um die Handlung voranzutreiben.
Ebenso fehlen verwandtschaftliche Bindungen oder gar Beziehungen. Der Müller wird hier erwähnt, weil er der Auslöser der ganzen „Geschichte“ und somit für die Handlung unentbehrlich ist. Die Ehe des Mädchens zu dem König wird nicht näher beschrieben, selbst dann nicht, als sie ihm bereits ein Kind geschenkt hat. In diesem letzten zweiten Teil des Märchens, der mit der Geburt des Kindes beginnt, wird der König als Figur komplett ausgeblendet, da er für den weiteren Verlauf nicht mehr re- levant ist. Auch „die Jenseitigen (hier: Rumpelstilzchen) tauchen in dem Augenblick
Arbeit zitieren:
Verena Decker, 2005, Analyse des Märchens "Rumpelstilzchen" nach Max Lüthi, München, GRIN Verlag GmbH
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Verena Decker
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als Autorin dieser Arbeit stehe ich gerne für weitere Fragen zu diesem Thema oder zu meiner Arbeit zur Verfügung. Schreiben Sie eine Mail an vdecker@gmx.de
Viele Grüße
Verena Decker
am Monday, October 17, 2005-