1
Inhalt
Einführung 2
Warum gehört das Problem der Fremderfahrung zum Programm der transzendentalen Phänomenologie 2
Zwischen Solipsismusverdacht und Aufgabe der εποχη 2
Eine transzendentale Theorie der objektiven Welt 3
Warum kann das Fremde sich nur auf dem Boden des Eigenen konstituieren 4
Die Eigenheitssphäre und ihr Inhalt 4
Der Andere als Analogon des Selbst 6
Zusammenfassung und Bewertung 7
Literatur 10
2
Einführung
Schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis der “Cartesianischen Meditationen” macht deutlich, welche Bedeutung für Husserl die Theorie der Intersubjektivität hatte. Die fünfte Meditation, in der das Thema hauptsächlich behandelt wird, ist mit Abstand das längste Kapitel im ganzen Buch. Dementsprechend intensiv ist die fünfte Meditation auch in der Forschung diskutiert worden. Elisabeth Ströker konstatiert ein ”Schwanken seiner [Husserls, M.D.] Aufnahme zwischen hoher Anerkennung und scharfer Kritik” 1 In dieser Hausarbeit soll zunächst in zwei Abschnitten thesenartig gezeigt werden, warum Husserl in den CM die Fremderfahrung überhaupt behandelt. Eine genauere Erläuterung ergibt sich dann im zweiten Kapitel, in dem Husserls Theorie der Fremderfahrung und die Bedeutung des Eigenen in ihr dargestellt wird. Ein drittes Kapitel fast die Ergebnisse zusammen und bewertet Husserls Konzeption der Fremderfahrung.
Warum gehört das Problem der Fremderfahrung zum Programm der
transzendentalen Phänomenologie?
Zwischen Solipsismusverdacht und Aufgabe der εποχη
Husserl begründet seine Hinwendung zur Fremderfahrung in §42 recht deutlich mit der Abwehr des Solipsismusvorwurfs. Diesen könnte man gegen Husserl erheben, weil bisher alle Erfahrung von Welt alleine auf die Sinngebung des ego cogito zurückgeführt wurde. Zwar schließt Husserl daraus an keiner Stelle, dass die Welt in solipsistischer Weise ”nur in meinem Kopf” existiert. In Frage steht für Husserl schließlich auch nicht die Existenz der Welt, sondern ihr Sinn. Aber stellt die Fremderfahrung ein Problem für Husserl dar.
Denn einerseits muss der Andere als im eigenen Bewusstsein konstituiert gedacht werden. Würde Husserl statt dessen die reale Existenz eines anderen Ich außerhalb des Bewusstseins annehmen, wäre die für die transzendentale Phänomenologie entscheidende Grundeinstellung der εποχη nicht mehr eingehalten. Die transzendentale Phänomenologie wäre dann nicht mehr ”eine Wissenschaft, deren Gegenstand in seinem Sein von der Entscheidung über Nichtsein oder Sein der Welt unabhängig ist.” 2 Andererseits muss der Andere mit einem Sinn konstituiert werden, der das eigene Bewusstsein überschreitet und eben nicht, als ”Eigenes”, Bestandteil von ihm ist. Die phänomenologische Theorie der Fremderfahrung muss erklären, warum der Andere als ein vom eigenen Bewusstsein geleisteter Sinn trotzdem diesem nicht ursprünglich zugänglich ist.
1 Ströker, Elisabeth: Husserls Werk. Zur Ausgabe der gesammelten Schriften, Hamburg 1992, S. 102. 2 Edmund Husserl: Cartesianische Meditationen, Hamburg 3 1995, S. 31. Im Folgenden werden die Cartesianischen Meditationen mit “CM” abgekürzt.
3
Der Andere muss also bewusst sein als ein eigentlich Unbewusster, er muss immanent sein als ein eigentlich Transzendenter. Alle Auslegungen, die die Unzugänglichkeit des Anderen als bloße Vermeinung des eigenen Bewusstseins ansehen, werden diesem Erlebnis von realer Transzendenz nicht gerecht: Denn die Fremderfahrung bewährt sich in der natürlichen Einstellung immer wieder als Erfahrung von wirklich seiendem Anderen.
Die Schwierigkeit in Husserls phänomenologischer Theorie der Fremderfahrung besteht also darin, weder in einen Solipsismus zu verfallen, noch die εποχη aufzugeben. Dazu muss, wie Husserl es formuliert, der Schein beseitigt werden, ”daß alles, was ich als transzendentales Ego aus mir selbst als seiend erkenne und als in mir selbst Konstituiertes auslege, mir selbst eigenwesentlich zugehören muß.” 3 Dieser Gedanke bildet den argumentativen Hintergrund für die fünfte Meditation und wird im Folgenden immer wieder auftauchen.
Eine transzendentale Theorie der objektiven Welt
Am Ende von §43 nennt Husserl aber zunächst noch einen weiteren Grund für die Bedeutung einer Theorie der Fremderfahrung in der transzendentalen Phänomenologie. Eine Theorie der Fremderfahrung ist notwendig verbunden mit einer transzendentalen Theorie der objektiven Welt: ”Zum Seinssinn der Welt und im besonderen der Natur als objektiver gehört ja [...] das Für-jedermann-da, als von uns stets mitgemeint, wo wir von objektiver Wirklichkeit sprechen.” 4 Es geht Husserl also nicht nur darum, ausdrückliche Erfahrung von Fremden verständlich zu machen, sondern die Erfahrung von Objektivität überhaupt.
Dass die Fremderfahrung eine maßgebliche Bedeutung bei der Konstitution der objektiven Welt hat, wird in §49 noch deutlicher, wo das andere Ich als das ”an sich erste Fremde (das erste ‘Nicht-Ich’)” 5 bezeichnet wird. Weiter heißt es: ”Und das ermöglicht konstitutiv einen neuen unendlichen Bereich von Fremdem, eine objektive Natur und objektive Welt überhaupt, der die Anderen alle und ich selbst zugehören.” 6 Die Theorie der Fremderfahrung ist damit nicht eine bloße Ergänzung zu den vier vorhergehenden Meditationen, sondern lässt diese am Ende in einem vollkommen anderen Licht erscheinen. Aus der Fremderfahrung bekommt auch die Erfahrung von objektiv seienden Dingen einen ganz neuen Sinn. Warum das so ist, wird im Folgenden noch deutlicher werden.
3 CM, S. 153.
4 Ebd., S. 94.
5 Ebd., S. 109.
6 Ebd.
Arbeit zitieren:
Moritz Deutschmann, 2004, Die Rolle der Fremderfahrung in Edmund Husserls 'Cartesianischen Meditationen', München, GRIN Verlag GmbH
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